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DAS GLÜCK DES GUTEN MENSCHEN

»So lange du lebst und so lange du kannst, werde jetzt ein guter Mensch.«

(Marc Aurel)

Müsste man die vielfältigen Gedanken und Lehren aller Stoiker auf einen Nenner bringen, dann wäre es der vielzitierte Satz von Seneca, der mich schon als Schüler beschäftigte: »Glücklich ist also ein Leben in Übereinstimmung mit der eigenen Natur.« Ähnlich wie den griechischen Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles geht es den Stoikern letztlich um ein erfülltes und gutes Leben. Dafür gibt es zwar keine Garantie. Eine aktive Lebensweise, klare Prinzipien und Regeln begünstigen es aber.

Drei wichtige Grundsätze der Stoiker

Die drei wesentlichen Einsichten oder Grundsätze der Stoiker, ohne die ein gutes und glückliches Leben nicht möglich ist, lauten folgendermaßen:

1. Der Mensch ist im Grunde gut! – Die Stoiker waren überzeugt davon, dass niemand absichtlich Schlechtes tut und im Grunde alle Menschen gut sind. Außerdem besitzen sie die Fähigkeit, ihren Charakter zu formen und Tugenden zu entwickeln. Die Stoiker meinen mit Tugenden Eigenschaften wie zum Beispiel Mut, Gelassenheit, Gerechtigkeit und Weisheit, sowie das praktische Wissen, wie wir diese Eigenschaften in uns ausbilden. Ein guter Charakter und das Erlernen der Tugenden sind die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Leben. Deswegen ist die Tugendhaftigkeit das höchste Gut. So wie die Welt von einem harmonischen und vernünftigen Prinzip durchdrungen ist, so ist der Mensch im Kern vernünftig und gut.

2. Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern die Vorstellungen, die wir von ihnen haben! – Dieser berühmte Gedanke stammt von Epiktet, und vielleicht sind Sie ihm schon einmal begegnet. Tatsächlich kreisten viele Gedanken der Stoiker um folgende Fragen: Wie können wir verhindern, dass innere Unruhe, Ängste und Sorgen unser Leben beeinträchtigen? Wie soll man sich gegenüber Tod und Schmerz verhalten, zumal beide unvermeidbar sind? Dabei vertraten die Stoiker eine ganz klare Position. Sie hielten es für ganz und gar unvernünftig, sich seinen Sorgen und Ängsten im Leben hinzugeben. Daher ging es immer wieder darum, die eigenen Wahrnehmungen und Gedanken zu überprüfen und zu erkennen, wie diese die Ängste und Sorgen vergrößern oder verkleinern. Letztlich ist der Stoizismus also der Versuch, mit der Macht des Geistes das eigene Erleben zu beeinflussen.

3. Es ist nicht entscheidend, was passiert, sondern wie ich damit umgehe! – Kaum eine Maxime ist moderner und somit näher an unserer heutigen Denkweise als diese. Nicht umsonst gelten einige Grundsätze der Stoa als Vorläufer der modernen Psychologie. Die stoische Philosophie gründet auf einer tiefen Einsicht in die Freiheit des Menschen. Wir können uns unser Schicksal nicht aussuchen, und vieles in unserem Leben liegt außerhalb unserer Kontrolle. Es liegt allerdings in unseren Händen, wie wir auf bestimmte Dinge, Ereignisse und Veränderungen in unserem Alltag reagieren. Genau diese Freiheit hat Seneca im Sinn, wenn er darüber schreibt, wie Menschen mit schwierigen Herausforderungen umgehen sollen: »Was auch kommt, sie sollen es für gut ansehen oder zum Guten wenden. Nicht darauf kommt es an, was man trägt, sondern wie man es trägt.« Vor allem die kognitive Verhaltenstherapie hat diesen Ansatz übernommen und daraus ihre Methoden entwickelt.

Die vier Tugenden der Stoiker

Tugenden sind für die Stoiker keine schwer erreichbaren Ideale, sondern Fähigkeiten, die wir erlernen können. Genauso betrachten sie Tugendhaftigkeit als eine Charaktereigenschaft, die man trainieren kann. Wie schon erwähnt sind die Stoiker in dieser Hinsicht ziemliche Hardliner. Ohne Tugend kein Glück. Kein gutes Leben ohne regelmäßiges Training. Heute sprechen wir daher auch von einer radikalen Tugendethik.

Tugend kommt von »Taugen« und »Tüchtigkeit«. In dem Begriff stecken zwei Ideen, die für die stoische Philosophie wesentlich sind: Tugend als menschliche Fähigkeit und die Idee des ständigen Bemühens. Ethik wiederum leitet sich aus dem altgriechischen Wort »etike« ab, was Gewohnheit bedeutet. Wir führen ein gutes und glückliches Leben, indem wir uns gute Gewohnheiten aneignen.

Zusammengefasst steht für die Stoiker jeder Mensch vor der gleichen Aufgabe: Es geht um die Fähigkeit, Tugenden und charakterliche Stärken zu entwickeln, sich immer wieder um gute Gewohnheiten zu bemühen und das Leben täglich nach diesen Maximen auszurichten. Das bedeutet für Marc Aurel, kurz gesagt, ein guter Mensch zu sein! Die vier wichtigsten Tugenden der Stoiker sind:

1. Mut (oder Tapferkeit) – die Fähigkeit, uns für das, was wir als gut und richtig erkannt haben, mit voller Kraft einzusetzen. Mut im Sinne der Stoiker bedeutet, sich unter allen Umständen an seine Prinzipien und an seine Ziele im Leben zu erinnern und in diesem Sinne das Richtige zu tun. Dazu gehört auch, sich der wesentlichen Prioritäten und eigenen Werte bewusst zu sein, auf deren Grundlage wir unsere Entscheidungen treffen.

2. Gerechtigkeit (oder Fairness) – die Fähigkeit, jeden Menschen, unabhängig von Status, Herkunft und Geschlecht, fair und freundlich zu behandeln. Es bedeutet, alle Menschen zu respektieren und ihnen das zukommen zu lassen, was sie zu einem menschenwürdigen Leben brauchen. Zum stoischen Tugendtraining gehörte daher auch das Entwickeln von Emotionen wie Freude, Güte und Freundlichkeit. Das Christentum deutete übrigens später genau diese Tugend der Gerechtigkeit als Nächstenliebe!

3. Gelassenheit (oder Mäßigung) – die Fähigkeit, in allen Bereichen des Lebens das eigene gesunde Maß zu finden. Die Stoiker zählten Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung in allen Lebenslagen zu einem ihrer wichtigsten Ziele. Die stoischen Ideale hierbei lauten Pflichterfüllung, Bescheidenheit und eine maßvolle Haltung in Bezug auf materiellen Konsum.

4. Praktische Weisheit (oder Klugheit ) – die Fähigkeit, Dinge richtig einzuschätzen, Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden zu können und auch in komplexen Situationen kluge Entscheidungen zu treffen. Praktische Weisheit hilft, bei schwierigen Herausforderungen die innere Ruhe zu bewahren und besonnen zu handeln. Dazu gehören auch der richtige Umgang mit dem Tod und die Fähigkeit, das Leben nicht zu schwer zu nehmen.

Mit Tugenden durch den Alltag und durch Krisen

»Es sind die Schwierigkeiten, die das wahre Selbst zum Vorschein bringen« lautet ein Zitat, das dem Stoiker Epiktet zugeschrieben wird. Auch dieser Gedanke klingt für unsere modernen Ohren überhaupt nicht fremd. Ganz im Gegenteil: »In der Krise beweist sich der Charakter«, soll der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt haben. War er möglicherweise ein heimlicher Stoiker? In einem Zeitungsartikel von 2015 jedenfalls bezeichnete er Marc Aurel als sein Vorbild und beschrieb seine Verehrung für den römischen Kaiser mit folgenden Worten: »Mit fünfzehn Jahren bekam ich die ›Selbstbetrachtungen‹ des Marc Aurel geschenkt. Das Buch hat mich in schweren Stunden geleitet, vom RAF-Terror bis zur Nachrüstung.« Dabei faszinierten ihn laut eigener Angabe vor allem zwei Tugenden: innere Gelassenheit und bedingungslose Pflichterfüllung.

Bei der Erforschung und Stärkung des menschlichen Geistes legen die Stoiker großen Wert auf praktische Übungen. Sie grenzen sich von den akademischen Schulen der Philosophen Platon und Aristoteles ab und stellen das individuelle Handeln in den Mittelpunkt. Ihre Ideen und Gedanken sollen einen Nutzen für das alltägliche Leben haben. In der Stoa geht es um alltagstaugliche Handreichungen zur Lebensbewältigung und um eine Gebrauchsanweisung zum Glücklichsein. Oder wie Seneca in einem Brief an seinen Freund Lucilius schreibt: »Nicht auf Worten beruht die Philosophie, sondern auf Handlungen.« Die stoische Philosophie, sagt er weiter, »zeigt, was man tun und lassen muss«.

Aus heutiger Sicht würde man wahrscheinlich eher von einem Training für innere Ruhe, Widerstandskraft, Willensstärke und Gelassenheit sprechen. Allerdings waren diese praktischen und spirituellen Übungen für die Stoiker in ihr ganzheitliches Weltbild eingebunden. Mit ihrem konkreten Alltagsbezug stellt die stoische Philosophie das Menschsein in den Mittelpunkt. Eine ihrer wesentlichen Welterfahrungen ist die universelle Verbundenheit mit allen Menschen und mit dem gesamten Kosmos. Kein Wunder also, dass die Stoa im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Menschen inspiriert hat und ihr Einfluss bis in unsere Gegenwart hinein wirkt.

Der kleine Alltagsstoiker

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