Читать книгу Der kleine Alltagsstoiker - Dr. Jörg Bernardy - Страница 16
ОглавлениеINNERE RUHE UND HEITERKEIT SIND NEBENWIRKUNGEN DES GUTEN LEBENS
»Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen.«
(Epiktet)
Der Philosoph Platon hat unseren Kopf einmal als Vogelhaus bezeichnet. In jedem Moment fliegen darin unzählige Vögel unterschiedlichster Art umher, große und kleine Vögel, mit unauffälligem oder buntem Gefieder. Sie trällern, mal leise, mal laut, ihre Lieder, und wir wissen vor lauter Zwitschern oft nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Damit hat Platon ein Bild für etwas gefunden, das wir wahrscheinlich alle kennen: Gedankenkreisen und innere Unruhe. Dem Vogelhaus setzten die antiken Philosophen die »Meeresstille der Seele« entgegen. Gemeint ist ein Zustand innerer Ruhe und seelischer Unerschütterlichkeit. Nicht zuletzt erklärt Epikur die »Seelenruhe« sogar zum Ziel allen Philosophierens, ein Ideal, das bis heute auf viele Menschen eine hohe Anziehungskraft ausübt.
Das Paradox der inneren Ruhe
Die schlechten Nachrichten gleich vorab: Innere Ruhe ist kein Zustand, den wir einmal erreichen und dann einfach beibehalten. Innere Ruhe gibt es weder auf Knopfdruck, noch haben wir einen Ruheschalter im Kopf, den wir einfach nur umlegen müssten. Es gibt auch nicht den einen Weg zur inneren Ruhe oder ein Allzweckmittel, das für alle gleich funktioniert. Und: Ein gewisses Pensum an innerer Unruhe gehört zu unserem Leben, ob wir das akzeptieren oder nicht. »Immer glücklich zu sein und ohne jede Gemütstrübung das Leben zu durchwandern heißt, nur die eine Seite der Natur kennen«, schreibt Seneca. Nicht zuletzt befreien uns diese »schlechten Nachrichten« aber von dem Druck, ständig glücklich und innerlich ruhig sein zu müssen.
Eine der wichtigsten stoischen Regeln lautet: Innere Ruhe und Glück sind kein Selbstzweck. Es geht also nicht darum, Ruhe um der Ruhe willen zu erreichen. Innere Ruhe – wie auch Glück – sind lediglich Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen eines guten Lebens (siehe > bis >). Für die Stoiker bedeutet das ein Leben nach den stoischen Prinzipien und dass wir in allen Lebensbereichen und in jedem Augenblick die vier Kardinaltugenden berücksichtigen: Mut, Gerechtigkeit, Weisheit und Gelassenheit (> bis >).
Wir können uns also nicht einfach hinsetzen und meditieren, bis irgendwann der Seelenfrieden anklopft. Vielmehr ergeben sich innere Ruhe und Glück von selbst, wenn wir die richtigen Bedingungen dafür herstellen. Man könnte auch vom Paradox der inneren Ruhe sprechen: Einerseits ist sie für die Stoiker das höchste Gut, das eigentlich immer in uns ist und ohne das wir nicht klar denken und handeln können. Andererseits müssen wir etwas dafür tun. Übrigens zählen Lebensfreude und Heiterkeit zu den wichtigsten Früchten, die wir ernten, wenn wir uns innere Ruhe und Gelassenheit zur Gewohnheit machen.
Ein neuronales Netzwerk für mehr Seelenruhe
Eine der wichtigsten Vorbedingungen für innere Ruhe und eine gelassene Haltung ist zunächst einmal das, was Neurowissenschaftler unser Ruhezustandsnetzwerk nennen. Dieses Netzwerk aus Nervenzellen (Neuronen) nutzt unser Gehirn ganz automatisch. Es wird aktiv, wenn wir der äußeren Welt keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Sobald wir uns auf das Erledigen von Aufgaben in der äußeren Welt konzentrieren, schaltet sich das Ruhezustandsnetzwerk ab. Besonders fokussiertes Sehen und eine gesteigerte visuelle Wahrnehmung setzen das Ruhezustandsnetzwerk außer Kraft. Hören wir auf, uns auf äußere Dinge zu konzentrieren, springt es umgehend wieder an. Meist passiert das innerhalb des Bruchteils einer Sekunde.
Das Abziehen unserer Aufmerksamkeit von konkreten Aufgaben bedeutet hier nicht, dass wir der Welt den Rücken kehren oder der Realität entfliehen. Im Gegenteil, dieser Zustand ist eher so etwas wie ein entspannter Präsenzmodus, in dem wir ganz bei uns sind und gleichzeitig unsere Verbindung zu anderen Menschen spüren. Wenn wir morgens aufwachen und abends ins Bett gehen, greift unser Gehirn auf diesen besonderen Präsenzmodus zurück. Er begleitet uns durch unseren Tag und selbst beim Träumen scheint dieses neuronale Netzwerk aktiv zu sein. Typische Merkmale und Funktionen, die uns dabei automatisch zur Verfügung stehen, sind unter anderem:
Wir ruhen in uns und fühlen uns mit uns und mit unserem sozialen Umfeld verbunden.
Wir haben intuitiven Zugriff auf gemeinsame Erlebnisse und spüren unsere Zuneigung für Menschen in unserem Umfeld.
Wir reflektieren, was wir und andere gesagt und getan haben.
Wir überdenken, was wir und andere nicht gesagt und nicht getan haben.
Wir sind offen für neue Erfahrungen.
Wir haben Zugang zu unserer Kreativität.
Heiter und fröhlich im Einklang mit sich und anderen
Um es auf den Punkt zu bringen: Das Ruhezustandsnetzwerk ist die ideale biologische Voraussetzung, um mit sich und seinem Umfeld im Einklang zu sein und um in unserem Alltag innere Ruhe und eine gelassene Haltung zu entwickeln. Gelassenheit und Seelenruhe bedeuten nicht, dass wir uns verschließen und stur ertragen, was auf uns zukommt. Sie können sich nur dann in uns entfalten, wenn wir offen sind für neue Erfahrungen, kreativ denken und spontan handeln können.
Folgende Dinge sind mit einer gelassenen Haltung und innerer Ruhe verbunden: eine positive Einstellung gegenüber dem Leben, intuitive Empathie, Lebensfreude, die vier Kardinaltugenden (siehe > bis >), eine gute Mischung aus Vertrauen und Kontrolle, ebenso Selbsterkenntnis und die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren. Für die Stoiker sind Ruhe und Gelassenheit das Ergebnis einer kontinuierlichen Arbeit an sich selbst, die eine tief empfundene Freude und Heiterkeit mit sich bringt. Laut Seneca macht sich der Zustand der Gelassenheit sogar vor allem durch »eine große Fröhlichkeit« bemerkbar, »die unerschütterlich ist und gleichmäßig«. »Friede und Harmonie der Seele und Größe verbunden mit Milde«, sind weitere Pluspunkte, die mit innerer Ruhe und einer gelassenen Haltung einhergehen. »Du kannst erkennen, dass beständige Seelenruhe und innere Freiheit folgen, wenn einmal die Dinge vertrieben sind, die uns reizen oder schrecken.«
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SEELENRUHE STATT LEIDENSCHAFTEN
Ataraxia ist das griechische Wort für »Seelenruhe«, das auch gerne mit Unerschütterlichkeit übersetzt wird. Kaum etwas hat das Bild vom stoischen Weisen mehr geprägt. Ein Ideal, das übrigens nicht nur von den Stoikern propagiert wurde, sondern ebenso von Epikur. Seelenruhe meint hier vor allem die Abwesenheit von Schmerz und einen klugen Umgang mit den eigenen Trieben und Gemütserregungen.
Apatheia heißt übersetzt »Leidenschaftslosigkeit« und bezeichnet das stoische Ideal von der Beherrschung der Affekte (momentane, intensive Gefühlsregungen). Im Zustand der Apatheia reguliert der stoische Weise seine Emotionen und entscheidet sich im Zweifelsfall gegen sie. Wie ein Fels in der Brandung trotzt er auch den widrigsten Bedingungen. Diese Affektbeherrschung wird manchmal mit Gleichgültigkeit, emotionaler Kälte oder Abgestumpftheit gleichgesetzt. Gemeint ist aber vielmehr eine innere Unabhängigkeit von den eigenen Affekten und Emotionen, bei der Milde, Freude und Freundlichkeit eine genauso große Rolle spielen wie Disziplin, Konsequenz und Stärke.