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ERFOLGSGESCHICHTE MIT MEHREREN BLÜTEZEITEN

»Etwas Edles ist es – den Blick auf die Kräfte nicht der eigenen Person, sondern der eigenen Natur gerichtet – einen Versuch zu wagen, Erhabenes in Angriff zu nehmen, im Geist größere Pläne zu fassen, als selbst mit gewaltiger Seelenstärke ausgestattete Menschen verwirklichen können.«

(Seneca)

Die Stoa hatte stolze 500 Jahre Bestand. Was schon ziemlich erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass in diesem Zeitraum die griechische Demokratie und die römische Republik zerfielen. Trotz dieser krisenhaften Umwälzungen erwiesen sich die Stoiker als höchst widerstandsfähig. Nur so konnte die stoische Lebensschule Aufstieg und Niedergang zweier hoch entwickelter Zivilisationen überdauern.

In der Forschung spricht man von der frühen, der mittleren und schließlich der jüngeren Stoa, die sich bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. erstreckte. Den ultimativen Höhepunkt ihrer Blüte und Popularität erreichte die Stoa erst unter römischer Herrschaft. Im alten Rom galt sie als eine Art Staatsphilosophie. Doch ist die Stoa insgesamt eine einzige Erfolgsgeschichte, was ihre Wirkung und Verbreitung angeht. Im Laufe der Zeit weitete sie sich auf nahezu alle gesellschaftlichen Kreise im alten Griechenland und Rom aus. Nach Zenon folgte eine Reihe weiterer Stoiker, die die Tradition aktiv fortführten. Vom ehemaligen Sklaven über den reichen Geschäftsmann und Politiker bis zum römischen Kaiser waren unter den Stoikern alle Schichten vertreten. Ihre großen Vertreter heißen

 Zenon von Kition – Begründer der Stoa,

 Chrysippos von Soloi – einer der wichtigsten Stoiker im antiken Griechenland,

 Seneca – meistgelesener römischer Schriftsteller seiner Zeit,

 Musonius Rufus – einer der wichtigsten stoischen Lehrer im alten Rom zur Zeit von Kaiser Nero,

 Epiktet – Schüler von Rufus und ehemaliger Sklave,

 Marc Aurel – römischer Kaiser.

Eine ausführlichere Auflistung der wichtigsten Stoiker finden Sie übrigens im Anhang dieses Buches (ab >).

Der Stoiker und römische Kaiser Marc Aurel markiert zwei Endpunkte in der Geschichte Roms. Er ist der letzte der sogenannten »fünf guten Kaiser«, die dem römischen Imperium eine segensreiche Blütezeit bescheren. Sein Nachfolger und Sohn Commodus hingegen wird Sinnbild für Grausamkeit, Tyrannei und Cäsarenwahn – wie von Joaquin Phoenix in dem Film »Gladiator« dargestellt. Außerdem stirbt mit Marc Aurel einer der letzten großen und aktiven Vertreter der Stoa. Damit endet eine über 500 Jahre andauernde Tradition, und die Geschicke des Abendlandes gehen über in die Hände des Christentums. Der Einfluss des stoischen Denkens bleibt jedoch weit über Marc Aurels Tod hinaus bestehen. Nicht umsonst gilt der Stoizismus die letzten 1800 Jahre beinahe durchgängig als philosophischer Geheimtipp und findet bis heute viele Anhänger auf der ganzen Welt.

Kluge Ideen für ein gutes Leben

Besonders beliebt war die römische Stoa. Ihre wichtigsten Autoren sind Seneca, Epiktet und Marc Aurel, die nicht nur in philosophischen Seminaren und Geschichtsstunden behandelt werden, sondern deren Namen auch in Kalendern und auf Postkarten auftauchen. Anders als bei ihren griechischen Vordenkern sind viele ihrer Texte erhalten und prägen unsere Vorstellung des Stoizismus daher auf besondere Weise. Zu den bekanntesten Schriften gehören die Werke »Vom glücklichen Leben« (Seneca), die »Selbstbetrachtungen« (Marc Aurel) und das »Handbüchlein der Moral« (Epiktet). Als vielgelesene Klassiker und regelrechte Longseller zählen sie zur zeitlosen Weisheitsliteratur der europäischen Philosophie.

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VOM DENKEN ZUM HANDELN

Ursprünglich besteht die Lehre der Stoa aus drei Disziplinen: das richtige Verständnis der Welt (Naturphilosophie), wahre Urteile (Logik) und richtiges Handeln (Ethik). In der Selbsterkenntnis läuft alles zusammen: das Wissen, wer wir sind, was das Universum ist, welchen Platz wir darin haben und was der Zweck unseres Lebens ist. Dahinter steht die Vorstellung der Stoiker, dass im Kosmos alles mit allem zusammenhängt, was sie »sympatheia« nennen. In dieser harmonischen Ordnung ist die Vernunft eine physikalische Kraft, die alles durchdringt.

Die Gedanken der römischen Stoiker erscheinen uns heute besonders vertraut, weil wir mit ihnen die jüngste und damit auch modernste Version des Stoizismus vorliegen haben. Vieles wirkt tatsächlich sehr aktuell: Wut galt beispielsweise als nicht erstrebenswert. Das damit zusammenhängende stoische Ideal der Selbstbeherrschung und Emotionsregulation erinnert in manchen Punkten an unsere heutige Achtsamkeitskultur. Immer wieder kreisen sie um die Frage, wie wir negativen Emotionen und Herausforderungen mit Gelassenheit begegnen können. Ich werde mich im weiteren Verlauf häufig auf die drei genannten Stoiker aus dem alten Rom beziehen, weil sie unserer Welt von heute am nächsten kommen.

Der kleine Alltagsstoiker

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