Читать книгу Medizin ohne Schnickschnack - Dr. Mohsen Radjai - Страница 20
ОглавлениеVON RÜCKENSCHMERZEN UND GELENKPROBLEMEN
BANDSCHEIBENVORFALL: ES GEHT AUCH OHNE OP
Als Konstantin P. zu mir in die Praxis kommt, ist er stark verunsichert – zu Recht, wie sich herausstellt. Der 52-Jährige ist in seinem Beruf als leitender IT-Produktmanager stark gefordert und sitzt extrem viel. Seit über einem Jahr hat er bei Belastungen Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule, ohne dass eine Verletzung – wir Ärzte sagen Trauma – vorausgegangen wäre. Diese Schmerzen hat er ignoriert, bis sie vor zwei Wochen deutlich zugenommen haben: Jetzt treten sie auch im Ruhezustand anhaltend auf und strahlen bis in den vorderen Oberschenkel, begleitet von einem unangenehmen Kribbeln. Das hat ihn so beunruhigt, dass er direkt zum Orthopäden gegangen ist. Der hat Herrn P. zum MRT der Lendenwirbelsäule überwiesen. Der Befund hört sich für ihn dramatisch an: Bandscheibenvorfall in Höhe des dritten Lendenwirbels (L3) mit Kontakt zum Nervenwurzelaustritt aus der Lendenwirbelsäule.
Mit diesem Ergebnis geht er zum Neurochirurgen und dieser rät ihm zur OP. Dass Operationen an der Wirbelsäule, in der das Rückenmark mit all seinen Nervensträngen verläuft, kein Spaziergang sind, hat sich in der breiten Bevölkerung herumgesprochen. So kommt Herr P. unter Schmerzen zu mir, um eine andere ärztliche Meinung zu hören.
Da er keine Lähmungserscheinungen, keine Stuhl- oder Urininkontinenz hat und seine muskuläre Kraft voll erhalten ist, rate ich dazu, es zunächst mit einer konservativen Behandlung statt sofort mit einer OP zu versuchen.
Wir besprechen eine Schmerztherapie für die nächsten zwei Wochen mit 600 mg Ibuprofen dreimal täglich. Parallel beraumen wir Akupunktur mit zwei Sitzungen pro Woche an und eine Physiotherapie, ebenfalls zweimal pro Woche. Die Übungen, die er dort lernt, soll er täglich auch zu Hause machen. Unser Ziel ist, seine allgemeine Mobilität zu erhalten, um einen rasch einsetzenden Abbau der stabilisierenden Rückenmuskulatur zu verhindern.
Akupunktur wird bei bestimmten Beschwerden von der Krankenkasse übernommen. Dazu gehören Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule sowie aufgrund einer Arthrose im Kniegelenk. Voraussetzung dafür ist, dass das Erkrankungsbild nachweislich seit sechs Monaten besteht.
Schon nach drei Wochen kann Herr P. die Medikamentendosis deutlich verringern und nach drei Monaten ganz absetzen. Heute ist er schmerzfrei und von einer OP ist nicht mehr die Rede. Damit das so bleibt, versucht er diszipliniert, die wichtigen Übungen beizubehalten.
VIEL GELD FÜR WENIG WIRKUNG – DAS MUSS NICHT SEIN
Ingrid L. leidet seit Jahren unter chronischen und zunehmenden Rückenschmerzen am thorakolumbalen Übergang (dem Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule), die bei Belastung auftreten. Ihr Orthopäde diagnostizierte eine degenerative Wirbelsäulenerkrankung mit ausgeprägter Arthrose der Facettengelenke (der kleinen Gelenke zwischen den einzelnen Wirbelkörpern). Er empfahl ihr eine rund 1000 Euro teure Individuelle Gesundheitsleistung, abgekürzt IGeL – in diesem Fall eine PST (pulsierende Signaltherapie, Magnetfeldtherapie). Er könne eine hohe Wirksamkeit und Schmerzfreiheit in Aussicht stellen. IGeL, Individuelle GesundheitsLeistungen, werden nicht von der Krankenkasse übernommen. Sie müssen sie also immer selbst zahlen (mehr dazu ab > ).
Frau L. nimmt sich vor der schriftlichen Einwilligung zum Behandlungsvertrag eine Bedenkzeit und nutzt diese, um zur Beratung in meine Sprechstunde zu kommen. Grundsätzlich begrüße ich es ausdrücklich, wenn Patienten vor der Entscheidung für eine schwerwiegende OP oder eine teure Behandlung meinen Rat einholen. In diesem Fall habe ich mich besonders gefreut, weil ich mehrere Patienten habe, die mir erst nach der PST davon berichteten – alle ohne Therapieerfolg!
Also rate ich ihr klar und deutlich von der PST ab, weil es keine gesicherten Belege für die Wirkung dieser Behandlungsmethode gibt. Kein einziger mir bekannter Patient hat dauerhaft davon profitiert.
Stattdessen verordne ich ihr 18 Einheiten Physiotherapie und sie erhält zusätzliche Anleitung zum Training der tiefen Rückenmuskulatur, die unsere Wirbelkörper stabilisiert. Parallel bekommt sie insgesamt 15 Sitzungen Akupunktur. An die Physio schließen 50 Einheiten Rehasport an. Sie nimmt sich nun täglich 30 Minuten für ihre Übungen und ist seither die meiste Zeit von den Rückenschmerzen befreit. Die ganze Behandlung wurde von der Krankenkasse übernommen und die gesparten 1000 Euro hat sie in eine Studienreise investiert, die sie schmerzfrei genießen konnte.
ICH HABE KNIE
Als Raumausstatterin arbeitet Monika L. oft auf den Knien. Inzwischen 61 Jahre alt, fordert diese Belastung ihren Tribut: Seit etwa einem Jahr schmerzt ihr rechtes Knie immer mehr, und zwar so stark, dass sie ihr Nordic Walking aufgegeben und in den letzten drei Monaten vier Kilo zugenommen hat. Mittlerweile liegt ihr BMI bei 31 (mehr zum BMI auf > ).
Sie war mit ihren Beschwerden zunächst beim Orthopäden und der diagnostizierte eine mittelgradige Gonarthrose (Kniegelenkarthrose). Er hat ihr eine Arthroskopie mit Knorpelglättung und Gelenktoilette (Spülung der Gelenkflüssigkeit) empfohlen.
Eine Arthroskopie ist eine endoskopische Behandlung eines Gelenks im Rahmen eines operativen Eingriffes samt Anästhesie. Durch einen kleinen Schnitt wird ein Röhrchen mit Kamera und Behandlungswerkzeug ins Gelenk eingeführt.
Da Frau L. sich mit diesem Behandlungsvorschlag nicht auf Anhieb wohlfühlt, fragt sie mich um Rat. Meine Untersuchung ergibt bei ihr eine aktivierte Gonarthrose rechts, ihr Gelenk ist also durch die Arthrose aktuell entzündlich gereizt. Ich empfehle eine kurzfristige antientzündliche Therapie mit 75 mg Diclofenac zweimal täglich. Zusätzlich bekommt sie Magensäureblocker (Protonenpumpeninhibitoren, PPI), weil sie bereits eine bakterielle Entzündung der Magenschleimhaut hinter sich hat. Ausdrücklich weise ich sie auf die möglichen Nebenwirkungen dieser Schmerztabletten und die typischen Warnzeichen hin. Außerdem empfehle ich ihr für das Gelenk kühlende Wickel, ein altes, bewährtes Hausmittel, und vorübergehend eine Schonung des Knies.
Eine dauerhafte Entlastung für das Gelenk wäre ein geringeres Körpergewicht. Wir besprechen deswegen ausführlich Maßnahmen zum Abnehmen. Ziel ist ein BMI um 25, also Normalgewicht. Dabei soll Frau L. bewusst auf Lebensmittel verzichten, die den Entzündungsstoffwechsel nachteilig beeinflussen, wie Schweinefleisch. Gleichzeitig soll sie auf antientzündliche Nahrungsmittel setzen wie fette Seefische (Lachs, Makrele, Hering) und gesunde Öle wie Leinöl oder Weizenkeimöl sowie geringe Mengen Walnüsse. Sie enthalten wichtige Omega-3-Fettsäuren. Kurkuma und dunkle Beeren liefern zusätzlich antioxidativ wirkende Flavonoide. Auch sie können Entzündungsprozesse in unserem Körper lindern.
Auch eine gute Beinmuskulatur entlastet das Gelenk, weil sie stützt. Sie soll durch Krankengymnastik gezielt aufgebaut werden. Zwei Wochen später, nachdem die Entzündung abgeklungen und der Schmerz in Ruhe verschwunden ist, wird die Krankengymnastik intensiver. Außerdem rate ich Frau L. wieder zum gemäßigten Nordic Walking, denn das hilft nicht nur beim Abnehmen, sondern auch dem Gelenk. Wichtig ist, nicht zu übertreiben: Die Regelmäßigkeit ist wertvoller als die Intensität.
Gelenke leben von der Bewegung, denn nur dann werden die Knorpelschichten des Gelenks ausreichend von der Gelenkschmiere umspült und so ernährt.
Drei Monate später hat Monika L. sechs Kilo abgenommen, geht dreimal pro Woche für 45 Minuten zum Nordic Walking und macht zweimal pro Woche die gelernten Übungen zur Muskelstabilisierung. Auch ohne Arthroskopie sind die Schmerzen verschwunden!