Читать книгу Mag Fornton - Francyne M. Foster - Страница 12

Оглавление

Kapitel 9

Donnerstagmittag erhielt ich Post von meinem Grandpa ins Büro mit der neuesten Ausgabe des Psychologie-Magazins, in dem sein Artikel veröffentlicht wurde. Er hatte extra die Seiten markiert. Ich begann gierig darin zu lesen; Pa hatte eine wundersame Art, anderen die Psychologie so bild- und lebhaft darzulegen, dass man gefesselt bis zur letzten Minute war, auch wenn das eigentliche Thema noch so langweilig war. Sein neuester Artikel befasste sich mit der Thematik, wie starke Gefühle unsere Denk- und Verhaltensweise antreiben. Zudem ging es um Depressionen, Liebeskummer und auch um Trennungsschmerz. Er war wahnsinnig gut geschrieben, mir kamen zwei ausgezeichnete Ideen. Die eine konnte ich sofort in die Tat umsetzen. Ich steckte die Zeitschrift in einen Umschlag und schrieb Knightleys Namen drauf. Danach gab ich ihn vorn bei den Empfangsweibern ab mit der Bitte, ihn oben bei Ron abzugeben, ohne dass dabei mein Name genannt wurde. Danach rief ich meinen Pa an. Nach dem Gespräch ging ich freudig zu Yvy und erzählte ihr von meinem Plan. Sie war hellauf begeistert und da ich für den restlichen Nachmittag keine Termine hatte, gingen wir gleich einige Einzelheiten durch. Bis zum Feierabend hatten wir alles so weit vorbereitet und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Als ich wieder vor dem Fahrstuhl stand, fing Lulu plötzlich wieder an zu fiepen und zu heulen. Ich konnte sie überhaupt nicht beruhigen. Sie bellte mich sogar an. „Himmel, Lulu, es ist halb sieben! Ich will nach Hause.“ Aber sie zerrte wie verrückt und sprang an der Treppenhaustür hoch. Ich rollte mit den Augen, aber wenn sie so ein Theater machte, musste es Knightley wirklich nicht gut gehen. Ich riss mich zusammen und ging mit ihr in den 16. Stock. Bevor ich auch nur durch die Tür des Treppenhauses war, riss Lulu sich los und raste Richtung Knightleys Büro. Na toll, und nun? Ich warte jetzt hier bestimmt nicht, bis der fertig ist. Ich ging den Flur runter und wurde zunehmend nervöser. Ich hörte seine erhitzte Stimme bereits von Weitem, aber verstand nicht, worum es ging. Ich war auf der Höhe von Rons Büro, als ich seine Stimme hörte. „Ich geh jetzt los, Alex. Wir sehen uns morgen! Soll ich die Tür schließen?“ Danach hörte ich, wie eine Tür geschlossen wurde. Ich ging um die Ecke und sah in Rons überraschtes Gesicht. „Nanu, was machst du denn noch hier, Mag?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Lulu ist da drin.“ Er sah verwirrt zum CEO-Büro. „Ach du Schreck. Das Gespräch könnte noch eine Weile dauern, Liebes. Was machen wir denn jetzt?“ Ich seufzte. „Du gehst da jetzt rein und sagst ihm, dass er Lulu entweder mit nach Hause nimmt oder sie zu mir nach Hause bringt. Ich warte jetzt hier bestimmt nicht länger. Du hast doch meine Nummer, oder?“ Er nickte. „Gut, sag ihm, dass Lulu kein eigenes Körbchen braucht, allerdings muss sie heute Abend noch was fressen und morgen früh natürlich auch. Ich gehe dann jetzt, wir sind ja morgen verabredet.“ Ron ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Du bist zauberhaft, weißt du das?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, bin ich nicht, aber ich weiß, dass er Lulu gerade braucht. Das ist alles.“ Ich drehte mich um und machte mich allein auf den Weg nach Hause. Es fühlte sich komisch an, ohne sie zu sein, als wäre mein Schutzpanzer erloschen; ich war müde und fühlte mich zerbrechlich. In der U-Bahn stöpselte ich meine Kopfhörer ein und hörte Musik, nebenbei las ich in meinem Alice im Wunderland-Buch. So nah ich Knightley auch gewesen war, es fühlte sich irgendwie noch nicht richtig an, ihm zu begegnen, als wäre die Zeit dafür noch nicht reif, und ich war auch noch kein bisschen vorbereitet auf diese Begegnung. Wenn er Lulu zu sich holte, fühlte ich mich ihm irgendwie verbunden, als würde er ebenso rastlos durch ein Kellergewölbe wie dem meinen streifen. Die Nacht würde hart werden, ich spielte mit dem Gedanken, Mick anzurufen, aber er war die letzten Tage auch relativ distanziert gewesen, sodass ich mich nicht traute, ihn anzurufen. Vielleicht war das auch die Gelegenheit, ihn endgültig auf Abstand zu bekommen. Außerdem wollte ich ihm nicht sagen, wo Lulu vermutlich die Nacht verbringen würde. Gott, wie dämlich ich mir vorkam, ich teilte meinen Hund mit meinem Chef. Als ich in meine Straße bog, bemerkte ich eine neue Nachricht auf meinem Telefon. Ich kannte die Nummer nicht, also war es vermutlich Knightley. „Ist es wirklich in Ordnung, wenn Lulu die Nacht bei mir bleibt?“ Nein, eigentlich nicht, du Mistkerl. „Ja.“ Die nächste Nachricht kam, als ich gerade meine Haustür aufschloss. „Okay, und welches Hundefutter muss ich besorgen?“ Ich rollte genervt mit den Augen und ging gleich in die Küche. Ich holte eine Dose mit ihrem Futter raus und schickte ihm davon ein Bild. „Sie frisst nur das, Tesco.“ Eigentlich futterte sie alles, aber das musste er ja nicht wissen. Ich ahnte bereits, dass es eine absolut dämliche Idee gewesen war, Lulu bei ihm zu lassen. Also nahm ich ein langes Bad und trank zwei doppelte Whisky. Ich hatte auch noch eine Flasche mit Pas Selbstgebranntem, aber zwei Gläser davon und ich würde vermutlich erst am Sonntag wieder aufwachen. Leicht angeheitert verzog ich mich auf mein Sofa und schaute passenderweise den Zeichentrickfilm Alice im Wunderland. Als der Abspann lief, war ich überrascht, dass ich nicht eingeschlafen war. Aber ich hatte auch Angst, ins Bett zu gehen. Lulu fehlte mir. Ohne sie war ich rastlos und meine Gedanken schweiften immer wieder in meinen gedanklichen Keller. Ich könnte Schlaftabletten nehmen, aber nach zwei Gläsern Alkohol wäre das wohl keine gute Idee. Ich zog mir noch zwei weitere Zeichentrickfilme rein, nette und bunte Filme, ohne Dramen oder irgendwas Negatives. Vielleicht würde ich es schaffen, einfach wach zu bleiben bis morgen früh. Aber mit jeder vergangenen Stunde wurde ich nervöser, ab und an schossen mir die ersten Erinnerungen durch den Kopf, die ich mit meinem Kopf wegzuschütteln versuchte. Gegen ein Uhr morgens war ich versucht, Knightley anzurufen, dass er mir Lulu zurückbringen solle, aber ich wollte es allein schaffen, es würde gehen müssen. Ich ging in mein Bett nach oben, ich ließ das Licht an, aber ich kam nicht zur Ruhe. Ich war schrecklich müde und gleichzeitig hielten mich meine Dämonen wach. Blue. Die Panik in mir wurde unerträglich, ich war wieder in meinem Bett auf der geschlossenen Abteilung, ich starrte ins Nichts und doch wollten die Erinnerungen vor meinen Augen nicht verschwinden. Von meiner toten Granny, der grässlichen Beerdigung. Mein erstes Date mit meinem Ex, als alles noch in Ordnung schien, das erste Mal, als er mich vergewaltigt hat, die unzähligen Male, die danach folgten, die Schmerzen, die Trauer, die Aussichtslosigkeit, die Akzeptanz, es einfach so hinzunehmen, dass das mein Schicksal war. Der wehleidige Ausdruck meines Pas, der von alldem nichts wusste. Meine Eltern, die ich wütend angebrüllt hatte, dass ich sie hassen würde. Mein kleiner Bruder. Tränen liefen mir runter und wollten niemals mehr versiegen. Niemand war da, niemand. Ich war allein, gestern wie heute, heute wie morgen. Irgendwann rief ich Yvy an, aber ich war unfähig zu sprechen. Dann hüllte mich mein Kellergewölbe ein und ich versank in den dessen Tiefe.

Yvy

„Mick, irgendwas stimmt bei Mag nicht. Erstens ist sie noch nicht da und es ist bereits neun Uhr durch. Sie hat mich eben angerufen, aber nichts gesagt. Ich glaube, ich habe ‚Lulu‘ verstanden, aber sicher bin ich mir nicht. Ich mache mir wirklich Sorgen. Kannst du nicht bei ihr vorbeifahren und nachschauen? Ich habe noch ihren Ersatzschlüssel für die Haustür.“ „Was? Moment, ich komme runter.“ Ich legte leicht zitternd auf. Mir gefiel das überhaupt nicht. Plötzlich kam Lulu angelaufen und ein Stück dahinter war Knightley, nun verstand ich überhaupt nichts mehr. „Wo ist Mag?“ Er sah mich mit einem rätselhaften Blick an, der Kerl blieb mir unheimlich. „Ist sie noch nicht hier?“ „Nein, ist sie nicht. Wieso ist Lulu aber bei dir?“ „Das frage ich mich auch!“ Mick tauchte hinter ihm auf und blitzte wütend in Alex’ Richtung. Alex rieb sich die Stirn. „Lulu war die Nacht bei mir, Mag war damit einverstanden.“ Mick schoss nach vorn. „Bist du irre? Glaubst du, sie hat den Hund ohne Grund?“ Ich sah nervös zu den anderen aus dem Team, die neugierig in unsere Richtung schauten. Alex war schließlich Micks Vorgesetzter. „Ich fahre zu ihr, und zwar sofort. Lulu kommt mit, sie braucht diesen Hund. Und bete, Alex, dass ihr nichts passiert ist.“ Alex’ Augen blitzten ihn eisig an. Oje, na wenn das mal nicht gleich ausartet. „Yvy, ruf Ron an und sag ihm, dass er alle Termine für heute streichen soll. Ich fahre mit“, er ging einen Schritt auf Mick zu, „ob dir das passt oder nicht.“ Ich schob mich vorsichtig dazwischen. „Dann komme ich ebenfalls mit, sonst kommt ihr ja niemals lebend bei ihr an.“ Beide blickten überrascht zu mir herunter, denn die zwei waren im Gegensatz zu mir, mit meinen 1,58 Metern, Riesen. Alex ging Richtung Fahrstuhl. „Wir nehmen mein Auto!“ Ich ging ihm bereits hinterher, aber Mick stand noch mit verschränkten Armen da. „Mick, bitte, ihr könnt euch hinterher an die Gurgel gehen.“ Er nickte stumm und setzte sich endlich in Bewegung. Wir fuhren in die Tiefgarage. Alex lief zu einem Elektro-SUV. „Wow, Alex, wie umweltfreundlich.“ Er seufzte nur. Ich stieg hinten ein und gab Alex die Adresse fürs Navi durch. Wir kamen, Gott sei Dank, zügig voran und standen eine Dreiviertelstunde später vor Mags Haus. Ach, das war so niedlich und absolut Mag. Ich versuchte zitternd den Schlüssel ins Schloss zu bekommen, Alex legte seine Hand auf meine, wovon ich eine Gänsehaut bekam. „Yvy, konzentrier dich bitte.“ Aber mit Lulus Geheule im Hintergrund war das gar nicht so einfach. Ich hatte es endlich geschafft und Lulu schoss zwischen meinen Beinen hindurch ins Innere des Hauses. Ich ging als Erste rein und sah bereits von Weitem, dass ihr Fernseher noch an war, und die Terrassentür stand sperrangelweit offen. Ich blickte mich im Wohnzimmer um, sah aber nur eine zerwühlte Decke auf dem Sofa liegen. Ich hörte Mick als Erstes rufen und lief wie in Trance die Treppe rauf. Mick hockte anscheinend hinter Mags Bett auf dem Boden. „Yvy, irgendwo muss in der Küche die Karte von Dr. Fields rumliegen. Ruf sie an und sag ihr, dass sie sofort herkommen soll! Los!“ Ich taumelte die Stufen wieder runter und fand an einer kleinen Pinnwand ihre Visitenkarte. Ich brauchte eine Weile, bis ich die Nummer in mein Telefon tippen konnte, mir liefen nebenbei die Tränen und ich sah alles nur verschwommen. Alex nahm mir das Telefon aus der Hand. „Gib her, ich mache das schon, Yvy. Ist schon okay.“ Ich nickte nur dankbar und presste die Lippen aufeinander. Ich hörte, wie jemand an der anderen Leitung abnahm. „Alexander Knightley hier, ich rufe an wegen einer Patientin, Margret Fornton. Es ist notwendig, dass Dr. Fields unverzüglich zu ihr nach Hause kommt. Sie hat einen Art Anfall oder so was.“ Er schwieg einen Moment und fuhr sich nervös durch seine dichten, dunkelbraunen Locken. Hübsch ist er ja schon. „Keine Ahnung, ehrlich gesagt, wir haben sie eben auf ihrem Schlafzimmerboden gefunden. Sie zittert und starrt nur geradeaus. Es …“, er musste sich unterbrechen, „sie sieht furchtbar aus. Nein, sie ist nicht ansprechbar. Ja, gut, wir sind hier. Bis gleich.“ Er lehnte sich gegen die Küchenzeile. „Yvy, wenn ich gewusst hätte, dass … Fuck, verdammt.“ Er schlug mit der Faust gegen die Arbeitsfläche, die jetzt mit Sicherheit eine Delle haben würde. „Ich weiß, Alex. Lass uns sehen, ob Mick irgendwas erreicht hat oder braucht.“ Irgendwie war es ja schon niedlich, wie dieser riesige Kerl mit den breiten Schultern so eingeknickt vor mir stand und sich sichtlich Sorgen um Mag machte. Die beiden waren sich ähnlicher, als es beide ahnten. Ich ging mit klopfendem Herzen die Stufen hoch und betrat erneut das Schlafzimmer. Mick hatte Mag auf ihr Bett gelegt. Ich schlug mir entsetzt die Hände vor den Mund. Sie war blass, so endlos blass. Ihre sonst so wunderschönen dicken roten Locken sahen nun stumpf und beinahe grau aus. Ich würde ihren Gesichtsausdruck nie wieder vergessen können. Diese Leere in ihren Augen. Als wäre sie bereits … Nein, sie ist nicht tot und sie wird wieder gesund. Sie ist schließlich Mag Fornton! Ich setzte mich vorsichtig aufs Bett, als hätte ich beinahe Angst, sie zu wecken. Ich fasste ihre Hand und erschrak. Sie war eisig kalt. „Oh Gott, sie ist doch nicht …?“ „Nein, Yvy.“ Micks Blick war beinahe ebenso leer wie ihrer. Seine Augen ruhten nur auf ihr. Er ist aber auch echt verknallt. Ich drückte Mags Hand ganz fest, in der Hoffnung, dass sie einfach gleich wieder aufwachen würde und dann ein riesiges Theater veranstalten würde, wieso so viele Leute in ihrem Haus waren. „Worüber lachst du?“ Alex stand mitten im Raum mit den Händen in den Hosentaschen. „Ich dachte nur gerade, was Mag jetzt für ein Theater machen würde, wenn sie tatsächlich nur verschlafen hätte. Ihr beide würdet dann jetzt ziemlich alt aussehen.“ Es klingelte und Alex eilte die Treppe herunter und kam zurück mit Dr. Fields im Schlepptau. Die Ärztin mit ihrem strengen Dutt kam mir auf den ersten Blick nicht vertrauenswürdig vor, sie ging zu Mag und scheuchte uns zügig aus dem Zimmer. „Vielleicht solltest du ihren Grandpa anrufen, du hast doch die Nummer, oder?“, ich sah Mick erwartungsvoll an, er nickte und ging dann die Treppe runter. Alex setzte sich auf die oberste Treppenstufe und raufte sich die Haare. Ich ging zu Mick in die Küche und setzte mich auf einen Hocker. „Hi Charles, tut mir leid, dass ich dich stören muss, aber Mag geht es nicht gut“, Mick seufzte schwer, „sie hat eine Art Anfall, sie war die Nacht allein und wir haben sie eben auf dem Boden im Schlafzimmer gefunden. Was? Keine Ahnung, wir wissen nicht, seit wann sie so daliegt. Ja, Dr. Fields ist bei ihr.“ Alex stand plötzlich vor uns und giftete in Micks Richtung: „Gib mir das Telefon, Michael!“

Alex

Michael sah mich abfällig an, aber ehrlich gesagt war mir das scheißegal. „Gib mir das Scheißtelefon!“ Er überlegte noch einen Moment, aber ließ dann resigniert die Schultern sinken und reichte es mir. Ich hielt mir das Telefon ans Ohr. „Guten Morgen, Alexander Knightley hier.“ Die Stimme an der anderen Leitung unterbrach mich bereits. „Knightley? Hatten Sie mir nicht gestern eine Mail geschrieben, weil Sie Fragen zu meinem Artikel hatten?“ Was, wovon redet der Mann? „Wie heißen Sie doch gleich noch mal?“ Die Stimme am anderen Ende lachte kurz auf. „Ich bin Prof. Dr. Charles Fosterham, Maggie ist meine Enkeltochter und Sie dann wohl ihr Chef, oder?“ Fuck, das war so nicht geplant. „Sie sind Mags Grandpa? Dann weiß ich wohl auch, wer mir Ihren Artikel zugespielt hat. Aber deswegen muss ich nicht mit Ihnen sprechen“, ich ging wieder Richtung Treppe, „Dr. Fields will Mag mitnehmen, aber ich glaube nicht, dass Mag davon so begeistert wäre, oder?“ Fosterham überlegte. „Nein, davon halte ich nichts. Ist sie noch da?“ Ich ging die Treppe rauf und blieb vor der mürrischen Ziege stehen. „Ja, ist sie.“ „Dann gib sie mir mal, Junge.“ Junge? Ich reichte das Telefon an Dr. Fields weiter und erkannte kurz einen ziemlich genervten Ausdruck in ihrem Gesicht. Ich ließ die beiden diskutieren und setzte mich zu Mag aufs Bett. Ihre Augen waren endlich zu und sie sah aus, als würde sie friedlich schlafen. Ihren leeren Gesichtsausdruck würde ich vermutlich nie wieder vergessen können. Ich nahm ihre Hand in meine und strich über die frische Narbe von unserem Zusammenprall; ein kurzes Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich wusste damals schon, was für ein kleines Biest sie sein konnte und dass ich eigentlich gut daran täte, ihr aus dem Weg zu gehen. Als ich von dieser arroganten Hexe Jocelyn erfuhr, dass eben dieser rothaarige Wirbelwind meine neue Marketingleiterin war, war ich zunächst wenig begeistert, ihr erneut zu begegnen. Mag hatte mir zwei Rippen geprellt und ich hatte einige Tage Probleme, vernünftig atmen zu können, aber ich war wohl noch glimpflich davongekommen, da hatte sie wohl weniger Glück gehabt. „Mr. Knightley?“ „Was?“ „Prof. Fosterham will Sie sprechen.“ Die Frau war mit Sicherheit nicht verheiratet. Ich nahm das Telefon zurück. „Pass auf, Junge. Du wirst mir Maggie herbringen müssen. Lass dir von Mick oder Yvy die Adresse geben. Dr. Fields, die dumme Frau, hat ihr sehr starke Beruhigungsmittel gegeben und sie wird einige Stunden tief schlafen, vermutlich wird sie heute gar nicht mehr wach. Also pack sie in dein Auto und bring Lulu auch mit. Mehr können wir momentan nicht tun.“ Ich brauchte noch einen Moment, bis ich begriffen hatte, dass ich heute definitiv wohl nicht mehr nach New York fliegen würde. „Wieso soll ich das machen? Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“ Fosterham schwieg einen Moment. „Das stimmt wohl, aber wir haben nicht mehr so oft Besuch wie früher und da meine geliebte Enkeltochter wohl einige Zeit schlafen wird, brauche ich andere Gesellschaft. Und als ihr Vorgesetzter hast du ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht, nicht wahr? Du kannst aber sonst auch Michael fragen, wenn dir das lieber ist.“ Hm. Ich knurrte ins Telefon, dass ich schon fahre, und fragte, ob sie noch was brauchen würde. „Sie hat alles hier. Du schläfst dann bei uns, wir haben genug Platz.“ Da schlafen? „Ich kläre das mit meinem Assistenten und mache mich dann auf den Weg. Bis später, Professor!“ Er lachte amüsiert und verabschiedete mich dann. Bei dem Mann würde ich wohl vorsichtig sein müssen. Ich rief Yvy nach oben und telefonierte gleich mit Ron. Ich erklärte ihm kurz die Lage und sagte ihm, dass er meinen Flug stornieren sollte. „Und nein, du brauchst keinen neuen zu buchen, auch nicht für das nächste Wochenende.“ New York war nicht mehr das Zuhause, das ich einmal hatte. Danach erklärte ich Yvy und Michael die nächsten Schritte. „Yvy, du übernimmst solange Mags Platz und Robin wird mich vertreten, sollte er nicht verfügbar sein, springst du ein, Michael.“ Er sah mich verblüfft an, aber der Kerl schwänzelte mir zu viel um Mag herum und ich wollte ihn soweit es ging ablenken, dafür würde Rob sicherlich gern sorgen. „Ich werde zunächst bei Mag bleiben und halte euch auf dem Laufenden. Ich vertraue euch, dass ihr alles so weit auch ohne mich hinbekommt. Verstanden?“ Yvy zitterte leicht, Gott, war dieses Mädchen immer empfindlich. Aber mir war schon klar, warum Robin sie unbedingt für sich haben wollte; sie brauchte definitiv jemanden, der auf sie aufpasste und sie an die Hand nahm. „Sollten wir ihr vielleicht was anderes anziehen? Sie hat ja nur die kurze Hose und das dünne Trägertop an. Braucht sie sonst noch was?“ Ich sah zu Mag rüber. „Nein, ihr Großvater hat gesagt, dass sie alles da hat. Yvy, versuch irgendwas in ihrem Kleiderschrank zu finden, dass wir ihr überziehen können, auf jeden Fall wären Socken nicht verkehrt. Michael, gib mir die Adresse.“ Er verzog angepisst sein Gesicht. „Wieso bringst du sie eigentlich zu Charles?“ „Weil ihr Großvater es wollte, ganz einfach.“ Der Kerl ging mir auf die Nerven. Yvy quiekte laut, ich ging in das Zimmer nebenan und stand in einem Ankleidezimmer. „Yvy, was ist?“ Yvys Augen leuchteten. „Sieh dir diese Schuhe an?! Und die vielen Kleider. Ich glaube, ich bin im Himmel!“ Und ja, da waren eine Menge Schuhe, die eine komplette Regalseite einnahmen, und auch ein Haufen Klamotten, ganz super. „Yvy, könntest du dich bitte wieder auf das Wesentliche konzentrieren?“ Sie schrak kurz zusammen und kramte in Mags Schubladen herum. Frauen sind doch irgendwie alle gleich, wenn es um Schuhe geht. „Okay, hab was, das müsste gehen. Aber das bekomme ich nicht allein an.“ Sie flitzte zu Mag ins Zimmer und blieb vor ihrem Bett stehen. „Sie sieht so zerbrechlich aus, findest du nicht? Mach sie bitte nicht kaputt.“ Sie sah mir bei dem letzten Satz tief in die Augen und ich überlegte eine Weile, wie sie diesen Satz wohl gemeint hatte. „Zieh du ihr die Socken an, ich probiere es mit der Jacke. Wo ist Michael jetzt überhaupt hin?“ Yvy nahm die Decke von Mag herunter und versuchte sich daran, ihr die Socken über die nackten Füße zu ziehen. „Ich glaube, der wird mit Lulu noch mal rausgehen. Er ist ziemlich in Mag verknallt, das scheint ihm alles etwas zu viel, und dass du quasi seinen Part übernimmst, geht ihm wohl deutlich gegen den Strich. Außerdem bist du für Mag ein Fremder.“ Ich antwortete ihr nicht und so wie sie mich ansah, wusste sie auch, warum ich es nicht tat. Dass gerade ich sie zu ihrem Grandpa fahren sollte, gefiel mir nun auch nicht besonders. „Hilf mir mal, ich hebe sie hoch und du ziehst die Jacke drüber.“ Ich hatte bereits einen Ärmel bis zum Oberarm hochbekommen, aber ich hatte echt Angst, was bei ihr kaputt zu machen. Ich fasste Mag an ihren Rücken und hob sie an den Schultern hoch, dabei rutschte das knappe Ding, was wohl unter die Kategorie „Shorts“ fallen soll, etwas herunter. Ernsthaft? Wieso trägt die Frau nichts drunter? Yvy fummelte eilig die Jacke hinter ihren Rücken und drängelte den Ärmel über den anderen Arm. „Shit, was hat die Tussi ihr denn gegeben? Narkosemittel für Pferde?“ Von Mag war keinerlei Lebenszeichen gekommen, kein Zucken oder irgendeine Regung, nichts. Yvy schloss den Reißverschluss der Laufjacke. Ich glaube, das ist die Jacke, die sie trug, als wir zusammengeprallt sind beziehungsweise als sie in mich gerannt ist, das wollen wir schließlich einmal festhalten. „Ich gucke mal noch nach einer Decke im Wohnzimmer. Mick kommt gerade, ich packe dann eben noch ihre Handtasche.“ Sie verschwand und ich war mit Mag allein. Mick war also in sie verschossen, hm, da stand er vermutlich nicht allein da. Selbst Ron, der mehr als nur schwul war, schwärmte von ihr. Und auch Rob musste seine Meinung über sie geändert haben, da er sich mit seinen Bemerkungen über sie zurückhielt; Mag erinnerte ihn zu sehr an seine grässliche Ex-Freundin Rachel, auch wenn ich keine Ähnlichkeiten sehen konnte. Aber gut, es war für mich heute auch das erste Mal, dass ich sie in echt sah. „Alex? Können wir dann?“ Ich nickte und reichte Yvy den Autoschlüssel. Ich hob Mag auf meine Arme und erschrak über ihr leichtes Gewicht; sie wog fast nichts. „Ist alles okay?“ Yvy sah mich prüfend an. „Ja, alles gut, geh vor und mach hinten links die Autotür auf.“ Wir gingen zusammen vor die Tür und Yvy öffnete den Wagen. Ich verfrachtete Mag auf die Rückbank, Yvy war auf die andere Seite gegangen und wir blickten nun beide auf die schlafende Mag. „Sollen wir sie hinlegen? Hinsetzen? Ich fahre nicht so oft mit bewusstlosen Frauen durch die Gegend.“ Yvy grinste. „Lass sie so sitzen und dreh sie vielleicht etwas auf die Seite. Und anschnallen nicht vergessen! Lulu passt hinten schon auf sie auf. Hier, leg ihr noch die Decke über die Beine.“ Normalerweise würde sie nicht so mit mir sprechen und normalerweise würde ich auch nicht so mit mir sprechen lassen. Ich machte aber kommentarlos, was sie sagte, und zehn Minuten später saß ich hinter dem Steuer, Richtung Fosterham Manor.

Mag Fornton

Подняться наверх