Читать книгу Mag Fornton - Francyne M. Foster - Страница 7

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Kapitel 4

Das Leben klopfte langsam gegen meinen Kopf und ich wurde durch entsetzliche Schmerzen langsam wach. Der Versuch, die Augen zu öffnen, war noch keine gute Idee, also schloss ich sie schnell wieder. Keine Ahnung, ob ich wieder eingeschlafen war, aber als ich das nächste Mal meine Augen aufmachte, ging es deutlich besser und mir war nicht mehr so schlecht und Schmerzen verspürte ich zunächst keine. Ich sah mich langsam im Zimmer um, links das Bett war unbenutzt, rechts auf der Fensterbank und auf dem Tisch standen haufenweise Blumensträuße. Ich sah zu den Fenstern. Kein Gitter. Eine Tür ging auf, eine ältere Schwester kam herein und brüllte mich förmlich an, zumindest klang es für mich so. „Oh, Sie sind ja schon wach, Liebes.“ Ich versuchte ihr zu antworten, aber mein Hals war so derartig trocken, dass ich bis auf ein kurzes Krächzen nichts herausbekam. „Warten Sie, ich gebe Ihnen etwas Wasser.“ Sie füllte einen Becher mit dem danebenstehenden Wasser und hielt ihn mir an die Lippen. „Danke, das tat gut.“ Ich fragte, ob ich alles gut überstanden hatte. „Ja, aber Sie hätten keine Minute später operiert werden dürfen. Sie hätten bereits gleich nach dem Unfall in ein Krankenhaus gemusst.“ Sie setzte einen ernsten und mehr als vorwurfsvollen Blick auf. „Sie können froh sein, dass Dr. Cooper eingefallen ist, dass Sie Prof. Dr. Fosterhams Enkeltochter sind. Sonst hätten Sie nicht so schnell auf dem OP-Tisch gelegen.“ Ich rollte mit den Augen. „Sorry, dass ich das nicht an die große Glocke hänge, dass mein Grandpa vermutlich der weltbekannteste Herzchirurg ist. Ich dachte, dass es nicht so schlimm wäre.“ Nun rollte sie mit den Augen. „Kindchen, Sie sind mir eine. Gut, dass wenigstens Ihr Freund den Ernst der Lage erkannt hat und Sie sofort hierhergebracht hat.“ Mein was? „Ich habe keinen Freund.“ Die Schwester zwinkerte mir zu. „Dann haben Sie jetzt vermutlich einen. Er hat die ganze OP über gewartet. Ein richtiges Schnuckelchen haben Sie da an Ihrer Seite. Aber nun gut, ich werde Dr. Cooper Bescheid sagen, dass Sie wieder unter den Lebenden sind. Er kommt dann sicherlich bald.“ Ich hoffte, dass sie mit Schnuckelchen Michael meinte; nicht dass Fortuna heute noch ein paar Überraschungen für mich bereithielt. Die ältere Schwester mit ihrem strengen Dutt ging aus dem Zimmer und ließ mich wieder allein. Ich versuchte mich aufzusetzen, scheiterte aber kläglich. Ich sah auf meine linke Hand. Toll, komplett eingegipst. Na, das werden ja spannende Wochen. Shit. Ich wünschte dem verdammten Kerl, dem ich das hier zu verdanken hatte, die Pest und andere widerliche Krankheiten an den Hals. Ich spürte, wie mir vor Wut Tränen in den Augen standen. In den nächsten Wochen würde ich vermutlich nicht mal allein aufs Klo gehen können, so ein verdammter Mist! An der gegenüberliegenden Wand hing eine Uhr, 19.00 Uhr durch. 19.20 Uhr ging die Tür auf und mein Grandpa kam herein. Seine weißen und noch vollen Haare lagen kreuz und quer auf seinem Kopf, die sonst so freudigen Augen waren leicht gerötet und er sah mich ernst, aber auch erleichtert an. „Rotlöckchen, was machst du denn nur für Sachen?“ Er setzte sich zu mir aufs Bett und nahm meine gesunde Hand in seine. Bei seinem Anblick ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich schniefte und weinte, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr vor ihm getan hatte. Nachdem ich mich halbwegs wieder unter Kontrolle hatte, lag wieder der spitzbübische Ausdruck in seinen Augen, den ich an ihm bestens kannte. „Es ist alles gut verlaufen, Maggie. In zehn Tagen müssen die Fäden gezogen werden und dann kommst du in den Genuss weiterer sechs Wochen Gips. Übermorgen kann ich dich mit nach Hause nehmen. Du bleibst nicht allein in London.“ Ich nickte stumm. „Lulu ist bei Yvy, deiner Assistentin. Lyn weiß ebenfalls Bescheid, sie kommt dich morgen besuchen. Wieso weiß ich von deinem Freund eigentlich nichts? Er erinnert mich an jemanden.“ Er grinste mich an, ich seufzte. „Er ist nicht mein Freund, sondern nur mein Kollege, der mich hierhergeschleppt hat.“ „Und du solltest ihm dankbar sein, Rotlöckchen. Sonst hättest du dich vermutlich von deiner Hand verabschieden können.“ Jaja, ich weiß. „Was machst du eigentlich hier, Pa?“ Gekonnt das Thema gewechselt. „Ich war sowieso hier, eine Patientin braucht ein neues Herz und da hat man bei mir angefragt, ob ich die teils doch sehr schwierige OP übernehmen würde. Ich habe mir heute so weit alles angeschaut und morgen wird operiert. Ich habe zehn Stunden angesetzt.“ Ich sah ihn ernst an. „Du wolltest so lange Operationen eigentlich nicht mehr machen, Pa. Du bist schließlich keine 25 mehr.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß, Liebes. Aber die Patientin ist erst 19 Jahre alt, da nehme ich gern einen anschließenden Schwächeanfall in Kauf. Sie hat ein anständiges und vor allem gesundes Leben verdient. Da stimmst du mir doch zu, oder etwa nicht?“ Ich nickte verlegen. „Ja, natürlich, aber …“, ich musste erneut einen Tränenanfall unterdrücken, „aber ich habe nur noch dich, Pa.“ Er strich mir mit einem sanften Lächeln über die Wangen. „Und du wirst mich auch noch lange behalten, keine Sorge. Dafür sorgt Francis schon.“ Francis war die Haushälterin von Fosterham Manor, dem alten, ehrwürdigen Landsitz der Familie meines Dads. Und sie war dort bereits angestellt, solange ich nur denken konnte; sie hatte meinen Grandpa gut im Griff und sorgte dafür, dass er regelmäßig und vernünftig aß, nicht zu viel Alkohol trank oder ständig Pfeife rauchte. Mein Grandpa Charles war zwar an sich ein sehr selbstständiger und vernünftiger Mann, aber wenn er über einer seiner Studien brütete, vergaß er zu gern Zeit und Raum. Als meine Granny noch lebte, war es immer entzückend, den beiden zuzusehen, wenn sie sich mal wieder in den Haaren hatten, weil Pa wieder tagelang im Krankenhaus war und nur zwischen den einzelnen Operationen einige Stunden im Ruhezimmer geschlafen hatte. Meine Granny hatte stets volles Verständnis, dass er bei seinen Patienten immer das Möglichste rausholen wollte, und ab und an hatte er auch das Unmögliche möglich gemacht; aber sie hatte auch Angst und sorgte sich um ihn, was absolut nachvollziehbar war. Auch ich schmollte meistens einige Tage mit ihm, wenn er nach einer Woche einen neuen Rekord an erfolgten Herzoperationen in der Tasche hatte. Meine geliebte Granny, ich vermisse sie noch genauso, als wäre sie gestern erst gestorben. „Wie fühlst du dich, Maggie?“ „Ziemlich matschig. Ich hatte schon versucht aufzustehen, aber kam nicht besonders weit.“ Ich lächelte gequält. „Lass dir damit Zeit, die Frühschicht wird dich schon aus dem Bett schmeißen, keine Sorge. Soll ich deinen Nichtfreund noch zu dir schicken oder willst du lieber schlafen?“ Nichtfreund? Typisch Pa. „Na gut, schick ihn schon rein. Bevor er die Nacht noch auf dem Flur schläft.“ Pa grinste mich an und gab mir einen Abschiedskuss auf die Stirn, er wollte vor der OP morgen noch einmal nach mir sehen. Er verließ den Raum und keine fünf Minuten später stand Michael an meinem Bett. Er sah mich prüfend an. Fuck, wie kann jemand nach so einem beschissenen Tag im Krankenhaus noch so dermaßen gut aussehen. Unnormal! „Wir hatten keinen besonders guten Start, oder?“, seine Mundwinkel zuckten amüsiert. „Könnte man so sagen, allerdings bist du mir im Büro aus dem Weg gegangen.“ Er zog einen der Stühle heran und setzte sich. „Ich bin dir kein bisschen aus dem Weg gegangen, Mag. Du hast mich nur nicht erkannt.“ Ich seufzte. „Hättest du mich denn erkannt, wenn meine Rückkehr und optische Veränderung sich nicht schon rumgesprochen hätten? Und du hast dich wohl genauso krass verändert wie ich und vermutlich nicht nur optisch, Mick. Da kannst du mir erzählen, was du willst.“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die muskelbepackten Arme vor der Brust. Nicht hingucken, Penisträger bleibt Penisträger! Sein Blick war durchdringend, aber ich hielt ihm stand. „Vermutlich hast du recht.“ „Was machst du dann hier, Mick? Die alte Maggie wird nicht mehr wiederkommen, falls du das von mir erwartest.“ Etwas blitzte kurz in seinen Augen auf. „Der Nerd von früher bin ich ebenfalls nicht mehr, Mag. Und du wirst es nicht glauben, aber ich bin hier, weil ich mir Sorgen um dich mache. Und mit dieser Information kannst du nun anfangen, was du willst. Dein Hund ist untergebracht, Lyn weiß Bescheid und Yvy kümmert sich um den Rest. Da du nun wieder aufgewacht und halbwegs okay bist, werde ich dann jetzt gehen.“ Er stand auf, schob den Stuhl zurück und bestrafte mich beinahe mit einem eisigen Blick. Seine Hand lag bereits auf der Türklinke, er drehte sich allerdings noch einmal zu mir um. „Ich habe dein Smartphone so eingestellt, dass du es wieder ohne Fingerabdruck entsperren kannst. Es liegt dort auf dem Nachttisch.“ Ich schluckte. Genau aus dem Grund ging ich bei Männern generell auf Abstand; sie brachten mich durcheinander, egal auf welche Art und Weise. Je länger ich versuchte, die emotionslose Mag zu sein, desto schwieriger wurde es, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Ich zwang mich zu einem „Danke, Mick“, was er nur nickend quittierte, anschließend war ich wieder allein. Ich war so kaputt in meinem Kopf und mit mir absolut selbst überfordert. Ja, ich war einsam und auch allein, aber ich war nicht beziehungsfähig, und das auf allen Ebenen. Beziehungen beruhten für mich auf Vertrauen, und das würde ich keinem Mann mehr schenken können, weder bei einer Freundschaft noch bei etwas Ernsterem. Bei Frauen war es fast genauso, Lyn kannte ich bereits über 20 Jahre und ich traute ihr kein Stück. Sie hatte mich nicht zurückgeholt, weil sie mich gernhatte, sondern einzig, weil sie wusste, dass ich gut in meinem Job war und ihr somit einen Vorteil verschaffen konnte. Yvy wiederum vertraute ich bereits ein gutes Stück, das musste ich zwangsläufig nun auch, schließlich war meine Lulu bei ihr. Lulu war vermutlich das einzige Lebewesen, dem ich blind vertraute, ohne Hintergedanken. Ich liebte sie abgöttisch und sie mich. Und ich hatte seit Ewigkeiten keine Nacht mehr ohne sie verbracht und mich beschlich eine Angst vor meinen kommenden Träumen. Ich brauchte sehr lange, bis ich wieder eingeschlafen war, obwohl ich bereits wieder so erschöpft war.

Am nächsten Morgen wurde ich von einer jungen Schwester geweckt, die mindestens noch fünf Jahre jünger war als ich, wenn nicht noch mehr. „Nanu, Miss Fornton. Sie sehen aber noch ziemlich müde aus. Hatten Sie die Nacht Schmerzen? Ich bin Rachel.“ Ich sah sie mit halb geschlossenen Augen an. Die Nacht war furchtbar gewesen. Ich war immer wieder aus den altbekannten Albträumen aufgeschreckt, die Schmerzen in der Hand waren im Gegensatz dazu harmlos gewesen. Lulu fehlte mir eindeutig, Albträume hatte ich sonst auch ab und an mal wieder, aber allein ihre Anwesenheit konnte mich dann beruhigen. Ich hatte nicht nach einer Schwester klingeln wollen, was hätte ich ihr auch sagen sollen? Könnten Sie bitte meinen Hund holen, ich kann ohne ihn nicht einschlafen? „Hi Rachel. Nein, ich habe überhaupt nicht geschlafen. Haben Sie was gegen die Schmerzen, irgendwas, was mich ausknockt bis morgen oder so?“ Sie fing an zu lachen, mit einem noch viel zu kindlichen Lachen. Vermutlich war sie doch erst 18 oder 20, mit dem vielen Make-up war das schwer zu erkennen. „Ich checke erst mal Ihren Blutdruck, dann gibt es Frühstück und danach muss ich Sie schon aus dem Bett schmeißen.“ Wunderbar, der Spaß geht also weiter. Ich ließ sie an mir herumwerkeln, wenigstens konnte ich mich bereits wieder aufsetzen. Als sie später mit dem Frühstück wiederkam, verspürte ich keinen Appetit. Ich biss nur einmal in die Toastscheibe und würgte den Kaffee herunter. Obwohl ich mich mehr tot als lebendig fühlte, zwang ich mich zum Aufstehen, was mit vollem Urinbeutel zwischen den Beinen nicht besonders einfach war. Ob ich mir den Katheter selbst ziehen kann? Hm. Ich setzte mich vorsichtshalber auf mein Bett zurück und zog langsam an dem Schlauch. Fuck, tut das weh! Immerhin war das blöde Ding nach einer kurzen, aber brennenden Schmerzwelle draußen. Meine Neugier trieb mich an, ich wollte unbedingt wissen, von wem die ganzen Blumen hier waren. Ich torkelte zum Tisch, aber bevor ich die erste kleine Karte an mich nehmen konnte, stand Rachel hinter mir. „Miss Fornton! Haben Sie sich den Katheter etwa selbst gezogen? Sind Sie denn wahnsinnig?“ Ich drehte mich zu ihr um. „Nicht mehr als sonst auch. Tat gar nicht so weh.“ Sie sah mich entsetzt an. „Na gut, wenn Sie die Heldin spielen wollen, können Sie sich ja gleich Ihre Klamotten anziehen. Und danach begleite ich Sie ins Badezimmer.“ Klamotten? Wer hatte die eigentlich geholt? Hoffentlich Yvy, vermutlich aber Lyn oder Michael. Schlösser austauschen sollte ich auf meine spätere To-do-Liste schreiben. „Rachel, wissen Sie, wer die Sachen hergebracht hat?“ Sie schüttelte den Kopf und stellte meine eigene kleine Reisetasche auf das Nachbarbett. Sie nahm eine Jogginghose sowie meinen schwarzen Kapuzensweater samt Unterwäsche und Socken aus der Tasche. Natürlich war ich so überheblich anzunehmen, dass ich mich allein im Stehen anziehen konnte. Weit gefehlt, Mag! Da war ja noch der Gips. Rachel sagte nichts, sie ließ mich elendig am kleinen Finger verhungern. Sie hatte die Arme verschränkt und sah mich ernst an. Ich setzte mich resigniert auf das Bett und hielt ihr meine Socken hin. „Rachel, vielleicht brauche ich doch Ihre Hilfe.“ „So? Sie sind Ihrem Großvater ähnlicher, als Sie vermutlich glauben. Er kann auch so ein sturer Esel sein.“ Blöde Kuh. Sie half mir beim Anziehen, den Pullover mussten wir gegen ein T-Shirt austauschen, meine neue, eiserne Hand wollte nicht durch die Ärmel passen. Sie schleppte mich danach ins Bad und half mir mit der Toilette und dem Zähneputzen. Ist schon scheiße, wenn man sich als Linkshänder die linke Hand bricht und man absolut keine Übung mit rechts hat. Aber ich musste mir wohl eingestehen, dass ich die nächsten Wochen nun eben auf die Hilfe angewiesen sein würde, auch wenn mir dieses Gefühl der Abhängigkeit absolut nicht behagte. Rachel ließ mich wieder allein und ich bugsierte mich zurück aufs Bett. Ich war sofort wieder eingeschlafen, laut Wanduhr hatte ich drei Stunden geschlafen und nur durch das Klingeln meines Telefons war ich wach geworden. Es war Yvy. „Guten Morgen, Mag. Wie geht’s dir?“ Es war schön, ihre blumige Stimme zu hören. „Ich lebe, aber in den nächsten Wochen werde ich mir wohl das Gegenteil wünschen. Wie geht es Lulu?“ Ich hörte sie leise lachen. „Sie vermisst dich, die ersten Stunden bei mir stand sie nur an meiner Wohnungstür und hat geheult. Ich glaube, sie hat auch vor der Tür geschlafen. So gern ich sie auch habe, aber ich bin froh, wenn sie hoffentlich morgen wieder bei dir ist. Es ist herzzerreißend, ich habe selbst mitgeweint.“ Der Kloß in meinem Hals wurde dicker und wollte sich nicht mehr runterschlucken lassen. Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Wie läuft es im Büro? Kommst du klar?“ „Jaja, das wird schon. Du wirst von vielen Leuten vermisst, und das, obwohl du erst einige Tage wieder bei uns bist. Gestern war ziemlich stressig, aber Michael hat das meiste organisiert. Ich war eigentlich nur schnell bei dir zu Hause, um einige Sachen für dich zu holen, und habe abends Lulu mitgenommen. Hoffe, dass das auch für dich so okay war. Oh, und wir haben dann tatsächlich einen neuen CEO.“ Ich seufzte schwer. „Nein, sag es nicht.“ „Doch, Knightley unterschreibt morgen seinen Arbeitsvertrag.“ Na ganz toll. „Weißt du, was er noch nachverhandelt hat?“ Ich hörte, wie sie überlegte. „Mehr Geld war es tatsächlich nicht. Im Gegenteil, wie es der Buschfunk übertragen hat, will er sogar weniger. Seine Bedingung war nur, dass er seinen Chief Financial Officer aus New York und seinen persönlichen Assistenten mit zu Bronson nehmen darf. Dafür hat er auf einen Teil seines Gehalts verzichtet.“ Ich war tatsächlich überrascht. „Er hat was? Wann fängt er mit seinem Gefolge an?“ Yvy kicherte. „Am 1. Mai. Ja, ich finde das auch merkwürdig, aber gut. Vielleicht täuscht der erste Eindruck bei ihm wirklich. Lyn war tatsächlich gestern mit ihm hier. Aber da warst du schon im Krankenhaus, perfektes Timing also. Keine Ahnung, was sie mit ihm hier wollte. Lulu hat Lyn angeknurrt.“ Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach. „Ich weiß, dass wirst du jetzt nicht gern hören, aber Lulu war ganz vernarrt in Knightley. Ich musste sie sogar an die Leine legen, sonst wäre sie ihm hinterhergerannt. So kenne ich sie ja gar nicht.“ Mein Hund hat was? Ich würde wohl ein ernstes Wort mit ihr reden müssen. „So eine kleine Verräterin. Kaum bin ich nicht da, schmeißt sie sich diesem Kerl an den Hals, unfassbar. Wie kommt Lulu eigentlich zu mir? Mein Grandpa nimmt mich mit, ich weiß nur nicht, ob ich heute Nachmittag oder erst morgen rausdarf. Am liebsten hätte ich sie sofort gern wieder hier.“ „Ähm, also ich kann dir Lulu leider nicht vorbeibringen, heute ist hier die Hölle los. Wenn du Bescheid weißt, wann du entlassen wirst, bringt dir Michael Lulu vorbei und noch dein neues MacBook. Du kannst sicherlich nicht sechs Wochen aufs Arbeiten verzichten, oder? Darum hat Michael der IT Beine gemacht, dass sie das zügig einrichten. Brauchst du noch was aus deinem süßen Häuschen?“ Ich war noch verwirrt, dass Michael so viel im Hintergrund erledigt hatte, das stand in einem starken Kontrast zu seiner zickigen Art von gestern. „Äh, ja okay. Ja klar, gib mir ein paar Tage, dann hänge ich mich wieder mit rein. Ich habe noch keinen Arzt gesehen heute, ich gebe dir Bescheid, wenn ich was weiß. Sag mal, hast du eine Ahnung, woher die ganzen Sträuße in meinem Zimmer kommen?“ Yvy schmunzelte ins Telefon. „Also, du hast einen oder zwei von unserem Team, Lyn hat bestimmt auch einen geschickt, und sonst, keine Ahnung. Und die eine Topfpflanze ist von mir, die kannst du wenigstens mitnehmen und hast länger was davon.“ Sie ist so süß, oder? „Das ist süß von dir, danke! Ich habe hier sechs Sträuße stehen. Oje, mitnehmen kann ich sie schlecht. Auch wenn der eine wirklich sehr schön ist. Es sieht nicht so typisch gebunden aus, sondern als hätte jemand selbst gerade die Blumen gepflückt. Hm, warte mal, ich schaue mal, von wem der ist.“ Ich stand auf und war überrascht, wie leicht das wieder ging. Der Strauß war wirklich wunderschön und vor allem ohne Rosen, die konnte ich nicht ausstehen. Ich schnappte mir die kleine Karte und mir stockte der Atem, als ich die Zeile las. Sorry, beim nächsten Mal besser mit offenen Augen laufen. „So ein Arschloch!“ Yvy fragte mich aufgeregt, was los sei. „Der Kerl, der mich über den Haufen gerannt hat, hat mir den Strauß geschickt. Aber woher zum Teufel weiß der das überhaupt?“ Ich hielt kurz inne und mir kam ein Gedanke. „Sag mal, wie sieht dieser Knightley eigentlich aus?“ „Du glaubst doch nicht, dass er das war, oder? Obwohl, jetzt, wo du es sagst. Er war auf jeden Fall schon im Haus, als Michael Lyn angerufen hat, um ihr zu sagen, dass du im Krankenhaus bist. Er kam nämlich schon morgens. Shit!“ Ich stellte mein Telefon auf Lautsprecher, es die ganze Zeit ans Ohr zu halten, war irgendwie anstrengend. „Wunderbar, und Lyn hat ihm sicherlich alles groß und breit erzählt. Ich glaube, ich hatte Michael erzählt, was passiert war. Ich hoffe, der Kerl hat sich ebenfalls irgendwas gebrochen. Super, und der wird jetzt mein Chef.“ Yvy schwieg einen Moment. „Hast du den Kerl denn nicht gesehen?“ „Nein, es war noch zu dunkel und als er vor mir stand, war direkt eine Laterne dahinter, sodass ich nur gesehen habe, dass er ziemlich groß und breit war. Und er hat nebenbei telefoniert, keine Ahnung, wen man morgens um sechs anrufen muss, aber sonst weiß ich nicht viel. Er wollte mir noch aufhelfen, aber ich war so sauer! Ich glaube, er hat einen amerikanischen Akzent.“ Yvy fing laut an zu lachen. „Mag, verdammt. Dann hast du wirklich unseren neuen CEO kennengelernt. Knightley ist groß und sehr, sehr muskelbepackt, Amerikaner ist er ebenfalls. Und um sechs Uhr morgens müsste es in New York ein Uhr nachts sein, ein bisschen spät, aber da könnte man noch telefonieren. Verrückt, oder? Aber ist doch süß mit dem Strauß, das würde ich ihm auf den ersten Blick gar nicht zutrauen, so grimmig, wie der immer guckt.“ Ich verdrehte seufzend die Augen. „Ja, voll süß, wenn er mich nicht noch gefragt hätte, ob ich immer mit geschlossenen Augen durch die Gegend laufe, und zu seinem Gesprächspartner hat er gesagt, wie bescheuert es ist, im Dunkeln mit so einem Tempo durch den Hyde Park zu rennen. Voll süß! Wegen des Dreckskerls hänge ich jetzt sechs Wochen zu Hause, ich kann mich nicht mal allein anziehen! Wenn ich den Kerl in die Finger kriege! CEO hin oder her! Da scheiß ich drauf.“ Ich hörte jemanden hinter mir sich räuspern, ich drehte mich um und Lyn grinste mich verlegen an. „Hi Mag, komme ich ungelegen?“ Sie hatte die Tür offen gelassen. „Wieso kannst du nicht einmal deine Klappe halten, Lyn?“ Yvy meldete sich aus dem Lautsprecher. „Ähm, wir telefonieren vielleicht später noch mal, ja?“ Ich verabschiedete mich schnell von ihr und drehte mich wieder zu Lyn. „Was meinst du eigentlich? Michael hatte mich nur angerufen, dass du im Krankenhaus bist und operiert werden müsstest, weil du morgens beim Joggen einen Unfall hattest.“ „So? Und du hast nicht zufällig Lautsprecher angehabt? Und zufällig saß dir auch nicht der neue CEO gegenüber, von dem du ja wolltest, dass er mich unbedingt kennenlernt, hm? Der jetzt auch noch weiß, dass ich mit ihm zusammengekracht bin.“ Lyns Augen wurden schmaler. „Was regst du dich eigentlich so auf? Das wird sich doch sowieso wie ein Lauffeuer herumsprechen, was rennst du auch im Dunkeln durch den Hyde Park? Aber du musst ja immer so tun, als wärst du der einzige Mensch auf der Welt. Und solltest du mir jetzt wieder mit deiner Kündigung drohen, mach das ruhig. Ich habe nur noch drei Wochen im Unternehmen, ist also nicht mehr mein Problem. Ich habe den besten Mann für den Posten gefunden, der Rest ist mir eigentlich egal.“ So ein verlogenes Miststück! „An deiner Stelle würde ich jetzt gehen, Lyn!“ Ihre Augen funkelten mich böse an, aber sie drehte sich um und ging. Mein Herz donnerte in der Brust und Blut wurde durch meine Halsschlagadern gepumpt, dass mein Kopf fast platzte. Ich atmete einige Male tief durch und ging zu den Sträußen. Ich hatte mit meiner Vermutung recht, dass der große und pompöse Strauß von Lyn war. Ich nahm ihn samt Vase mit auf den Flur und stellte ihn dort auf eine der Fensterbänke. Das Gleiche machte ich auch mit Knightleys Strauß, da konnte er noch so schön sein. Ich ging nicht davon aus, dass er ihn selbst ausgesucht hatte, das wäre wohl zu viel des Guten. „Miss Fornton, die Blumen sind ja ein Traum!“ Rachel kam freudestrahlend in meine Richtung, wobei ihr Blick einzig auf Knightleys Strauß lag. „Sie können Ihnen gerne haben, ich will ihn nicht.“ Sie fasste sich entsetzt an die Brust. „Waaas? Warum das denn nicht? Da müssen Sie aber bei jemandem einen Stein im Brett haben, die Blumen sehen aus, als wären sie von Florishduetts, jeder Strauß ist absolut einzigartig und wird extra für den Kunden gebunden. Die Sträuße sind sogar mehrfach ausgezeichnet worden, aber sie kosten auch ein kleines Vermögen.“ Pff, soll mir das jetzt imponieren? „Das ist mir gleich, machen Sie damit, was Sie wollen.“ Ich ließ sie stehen und ging in mein Zimmer. Ruhe hatte ich allerdings nur eine halbe Stunde, dann standen schon Dr. Cooper und mein Grandpa an meinem Bett, in das ich mich wieder gelegt hatte. „Na, Miss Fornton, wie geht’s Ihnen heute?“ Pa sah mich nebenbei prüfend an. „Mir würde es besser gehen, wenn der Gips schon weg wäre. Wann kann ich nach Hause? Ich hab’s nicht so mit Krankenhäusern.“ Dr. Cooper hob abwehrend seine Hände. „Immer schön langsam, Miss.“ „Ich muss gleich erst in den OP, Maggie. Wenn alles gut verläuft, können wir morgen früh nach Little Gorsham fahren. Also heute musst du noch aushalten, Rotlöckchen.“ Ich schluckte schwer, mir graute es bereits vor der nächsten Nacht allein. „Kann ich dann wenigstens Lulu hierbehalten?“ Dr. Cooper zog fragend eine Augenbraue hoch. „Lulu?“ Mein Pa antwortete für mich. „Lulu ist ein Dalmatiner und ein eingetragener Therapiehund. Tatsächlich wäre das keine schlechte Idee, die Schwester hat mir gesagt, dass du hier noch nichts gegessen hast. Vielleicht sollte ich Dr. Fields fragen, ob sie Zeit hat, nach dir zu sehen.“ Ich nickte. „Wenn es hilft bei Ihrer Genesung und Sie anfangen, was zu essen, dann bin ich mit einverstanden“, gab Dr. Cooper zurück. Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer. „Gut, dann lass ich Lulu herbringen. Muss sie noch eine Weste tragen?“ Hunde waren natürlich sonst nicht erlaubt in einem Krankenhaus, darum mussten Therapiehunde extra eine Weste tragen, auf der an den Seiten stand, dass sie im Einsatz sind. Dr. Cooper nickte. „Ich werde Rachel fragen, ob sie eine organisieren kann.“ Ich lächelte ihn dankbar an. „Danke, Dr. Cooper.“ Er nickte freundlich und ging dann aus dem Zimmer. „Hattest du Albträume?“ Ich nickte, konnte ihn aber nicht ansehen. „Ich rufe Dr. Fields an. Sie kommt bestimmt gern her.“ Er setzte sich zu mir aufs Bett und zog mich an sich. „Es wird alles gut, mein Liebling. Du wirst sehen. Die Wochen werden im Flug vergehen, ich werde so oft es geht zu Hause sein. Und du kannst schauen, wie sich Luzifer macht. Francis wird sich schon um uns beide kümmern.“ Ich drückte mich fest an ihn und sog seinen Duft nach alten Büchern, Desinfektionsmitteln und seinem herbsüßen Rasierwasser ein. Einige stumme Tränen kullerten an meinen Wangen herunter. Er löste sich von mir und wischte meine Tränen weg. „Du bleibst immer mein kleines Mädchen, Maggie. Ich muss jetzt leider los, der OP wartet. Wenn du willst, kannst du ja oben von der Tribüne zuschauen.“ Ich musste lachen. „Oje, mal schauen, ob ich das noch in meinem straffen Terminplan einbauen kann.“ Er drückte mir lachend einen Kuss auf die Stirn. „Du bist unmöglich! Und iss bitte was, Maggie.“ „Jaja, ich werde es versuchen. Viel Glück, Pa! Aber deine Patientin hat bereits den besten Arzt an ihrer Seite.“ Er lächelte mich an und verließ dann mein Zimmer. Ich lehnte mich zurück und war plötzlich wieder unsagbar müde, bevor ich allerdings wieder einschlief, schrieb ich schnell Yvy eine Nachricht, dass Michael mir Lulu vorbeibringen solle. Ich wollte noch auf ihre Antwort warten, aber der Schlaf übermannte mich. Ich wurde gefühlt nach fünf Minuten geweckt, aber laut Uhr war es schon zwei Uhr nachmittags durch. Die Schwester mit dem strengen Dutt stand vor mir, ihre Hand lag leicht auf meinem Unterarm. „Miss Fornton, guten Morgen. Na, Sie sind mir ja eine Schlafmütze. Rachel hat Ihnen extra was vom Mittag aufgehoben, Sie haben auch Besuch.“ Ich blinzelte den Schlaf weg, wurde aber hellwach, als sie den Besuch erwähnte. „Mein Hund?“ Sie nickte freudig. Na endlich! Ich hüpfte übermütig aus dem Bett und flitzte auf den Flur. Mir war kurz schwindelig, aber als meine geliebte Hündin auf mich zugelaufen kam, war das alles nebensächlich. Sie trug bereits ihre orangefarbene Weste, mir war es aber gerade auch egal, ob Michael nun wusste, dass Lulu nicht umsonst bei mir war. Er stand einige Meter von mir entfernt und lächelte in meine Richtung, während Lulu und ich uns begrüßten. Sie tänzelte aufgeregt auf der Stelle und ihre Rute wedelte beinahe wie eine Peitsche durch die Luft. „Lulu, jetzt krieg dich mal wieder ein, du haust ja noch ein Loch in die Wand mit deinem Schwanz. Komm her, du kleines Monster! Wir müssen uns auch noch ernsthaft unterhalten, wieso du einfach fremdgehst, wenn ich nicht da bin!“ Ich hatte mich hingehockt, aber sie kletterte auf mich drauf und riss mich mit um. Sie leckte mir über das Gesicht und ich musste lachen, weil ihre Zunge so kitzelte. „Ja, Lulu, ich habe dich auch schrecklich vermisst. Die letzte Nacht war furchtbar.“ Ich schmiegte mich an ihren Hals und genoss ihre wärmende Nähe. „Wow, wer hätte gedacht, dass da doch noch menschliche Züge in dir stecken, Mag.“ Michael hatte ich vollkommen vergessen. Ich lächelte verlegen. Er stand vor uns und reichte mir seine Hand, um mir aufzuhelfen. Ich überlegte kurz, aber gab schlussendlich nach. „Ich habe dein MacBook dabei, ich hatte allerdings keine Zeit mehr zu prüfen, ob die IT das so schnell alles richtig hinbekommen hat. Du hast meinen Terminplan etwas durcheinandergeworfen.“ Er grinste mich mit einem umwerfenden Lächeln an. Mir wurden tatsächlich kurz die Knie weich; kein gutes Zeichen. Dennoch ließ ich ihn in mein Zimmer. „Wow, du hast aber viele Blumen hier rumstehen.“ Ich setzte mich auf mein Bett, Lulu hüpfte neben mich und legte sich an meine Seite. „Draußen stehen noch zwei.“ Er setzte sich an den Tisch und klappte das MacBook auf. „Wieso stehen zwei draußen?“ Die Schwester kam währenddessen herein und stellte mir ein Tablett auf meinen Nachttisch. „Und schön aufessen, Maggie. Ich muss Ihrem Großvater heute Abend Bericht erstatten.“ Ich seufzte angestrengt. „Ich weiß.“ Sie klopfte mir kurz und sanft auf die Schulter. „Braves Mädchen. Ihr Großvater operiert in OP 3, falls Sie später noch zuschauen wollen.“ Sie ließ uns wieder allein. Ich nahm die Haube vom Teller, Gemüse, Fisch, Reis. Gut, damit kann ich leben. „Mag?“ Mick sah mich fragend an. „Hm? Ach so, die zwei Sträuße sind von Lyn und Knightley.“ Er sah mich verblüfft an. „Wieso schickt dir Knightley Blumen?“ Ich probierte den Fisch, der gar nicht mal so übel schmeckte. Lulu hatte meinen Appetit wieder angeregt. „Weil er der Idiot war, mit dem ich im Park zusammengekracht bin.“ Er lachte auf. „Nicht dein Ernst? Deswegen war er heute also noch mal im Büro, soso. War Lyn nicht heute Morgen hier?“ Ich sah ihn mit einem dünnen Lächeln an. „Ja, war sie. Miststück.“ „Dann hat sie Knightley bestimmt mitgeschleppt. Sie sind zusammen aufgebrochen und kamen danach wieder zusammen zurück. Lyn war sehr schlecht gelaunt, als sie wieder da war. Was hast du mit ihr angestellt?“ Ich pikte in dem Reis herum, der definitiv noch fünf Minuten gebraucht hätte. „Als du mit ihr telefoniert und ihr gesagt hast, dass ich im Krankenhaus liege und operiert werden muss, hatte sie den Lautsprecher an, während Knightley im Büro saß. So, erst mal das, und zweitens wollte sie die ganze Zeit, dass ich ihn kennenlerne, keine Ahnung. Sie pochte darauf, dass ich ihn wohl optisch davon überzeugen könnte, bei uns anzufangen. Quasi: ‚Sieh her, was für tolle Schnitten hier rumlaufen.‘“ Mick lehnte sich zurück und verschränkte angespannt die Arme. „Das ist typisch für sie. In erster Linie sieht sie nur das Geld, dass sie dich aber als eine Art Köder benutzen wollte, ist absolut inakzeptabel. Nimm mir das nicht übel, aber Knightley kommt für mich nicht so rüber, als wäre er für so was anfällig. Da kannst du noch so attraktiv sein, selbst bei dir würde er nicht schwach werden.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Wieso betonst du das bei mir so?“ Er lächelte amüsiert. „Mag, du guckst nicht oft in den Spiegel, oder?“ Er zwinkerte mir zu und kurz zuckte etwas in mir. Puuh, der Kerl ist wie Dynamit. „Wieso isst du den Reis nicht? Du bist doch wohl nicht noch auf Diät und verzichtest auf Kohlenhydrate?“ Ich sah ihn genervt an und hielt ihm meine Gabel hin. „Probier!“ Er stand auf, probierte und verzog das Gesicht. „Okay, alles klar. Schon verstanden. Wie ist der Fisch?“ Er pikte mein letztes Stück vom Fisch auf und schon war der Happen in seinem Mund verschwunden. „Hey, der Fisch war lecker. Und nein, ich mache keine Diät. Ich esse eben nicht so viel, und das ohne Grund. Diäten sind voll ätzend.“ Und ich hatte früher, als ich noch viel dicker war, jede Art von Diät durchprobiert. „Das stimmt, du kannst dafür den Kuchen allein essen, Schoko ist nicht so mein Ding.“ „Oh, na vielen Dank auch, Macho. Sag mal, was machst du eigentlich noch hier? Hast du nicht Personal zu führen oder so was? Wie bist du eigentlich Abteilungsleiter geworden?“ Er setzte sich wieder an den Tisch und schob den Laptop in meine Richtung. „Melde dich mal an.“ Ich stand auf und tippte mit einer Hand meine Benutzerdaten ein. „Um deine Frage zu beantworten: Ich habe einfach mit Lyn geschlafen und dann hatte ich den Posten.“ Ich sah ihn entsetzt an, sein Blick war absolut ernst und er hielt meinem stand. Nach einem Augenblick wurden seine Züge weicher und er fing herzlich an zu lachen. „Das würdest du mir nicht wirklich zutrauen, oder?“ Ich verlagerte mein Gewicht auf meine rechte Hüfte und legte meine Hand an die Taille. „Zutrauen würde ich es dir, aber erstens hätte ich dann gedacht, dass du einen besseren Geschmack hast, und zweitens wäre ich mehr als enttäuscht, dass du so wenig Rückgrat besitzt.“ Er sah mich verblüfft an, dann fing ich an zu lachen. „Du bist mir ein absolutes Rätsel, Mag. Und meine Vorgängerin hat gekündigt, sie hatte mich als Nachfolger vorgeschlagen, mehr nicht.“ „Also hast du mir ihr geschlafen?“ Er seufzte. „Maaag, hör auf mit dem Blödsinn. Die Frau war der absolute Horror, ich hatte wirklich Luftballons besorgt, als sie ging. Ohne Scheiß.“ „Sorry, Mrs. Needle war damals auch anstrengend. Ich wäre auch niemals wiedergekommen, wenn ich noch mal unter ihr hätte arbeiten müssen. Ihr hätte ich noch zugetraut, dass sie irgendwann den Rohrstock rausholt und jedem, der nicht richtig in der Spur lief, einen auf die Finger gibt. Und dabei ist mein Team so super, unglaublich kreative und leidenschaftliche Menschen. Genau das, was man in dem Job braucht. Umso mehr nervt mich der Mist jetzt hier.“ Ich deutete auf meinen Gips. „Ich weiß, was du meinst. Danke, Mag.“ „Wofür?“ „Dafür, dass du so offen warst, du scheinst dich nicht oft dazu hinreißen zu lassen.“ Wohl wahr, und das bereue ich gerade auch. „Was ist aus deiner Freundin geworden? Also die mit dem Gothic-Tick.“ Er tippte nebenbei auf den Tasten herum und ließ sich verdammt viel Zeit mit der Antwort. „Okay, so weit ist alles drauf. Skype sollte wohl das wichtigste Programm für die nächsten Wochen sein.“ Anscheinend wollte er nicht darüber reden, gut, verständlich. Ich würde ihn auch nicht dazu drängen, das stand mir überhaupt nicht zu. „Ich hatte mich in jemand anderes verknallt, also habe ich das Ganze beendet.“ Na, wenigstens vögelte er nicht einfach fremd. „Was ist aus der Sache geworden? Sorry, ich bin neugierig und in der Hinsicht auch nur eine Frau. Aber du musst es mir nicht sagen.“ Er klappte das MacBook zu und sah aus dem Fenster. Ich ließ ihm Zeit, obwohl ich vor Neugier fast platzte. Gleichzeitig ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich überhaupt so viel von ihm wissen wollte. Dass er überhaupt noch hier war, war mir selbst ein Rätsel. „Nichts ist daraus geworden, ich habe sie nie wiedergesehen. Aber die Trennung war eh überfällig. Ich habe danach den Fokus auf mich selbst gelegt und mein bisheriges Leben infrage gestellt. Und, tja, das ist bei rausgekommen.“ Ich setzte mich auf mein Bett zurück und streichelte Lulu. „Komisch, dass man erst gewisse Schicksalsschläge erleben muss, bevor man anfängt, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Auf den Menschen, der einem persönlich doch am wichtigsten sein sollte, oder?“ Er nickte. „Ja, da hast du wohl leider recht.“ „Komm mit, ich zeige dir was. Oder musst du ins Büro?“ Mick schüttelte noch immer nachdenklich den Kopf. „Nein, ich glaube, für eine Weile kommen die noch ohne mich aus.“ Lulu sprang vom Bett und folgte uns auf den Flur. Ich führte ihn durch einige Gänge und Etagen, dann blieb ich vor einer Tür stehen. Als ich die Tür öffnete, sahen mich einige Gesichter an, die neugierig zur Tür geblickt hatten. Wir waren auf der Galerie des OP-Saals 3. Drei hintereinanderliegende Reihen mit insgesamt 15 Plätzen blickten durch eine Glasfassade runter in den OP-Saal, in dem Pa gerade arbeitete. Fünf oder sechs Zuschauer sahen hier gespannt runter auf das Geschehen. Ich zog Mick mit runter in die erste Reihe. Lulu legte sich sofort zwischen meine Beine. „Wow, krass, Mag. Du hast einen makabren Geschmack, was die Ortswahl für erste Dates betrifft.“ Einige der Anwesenden kicherten leise hinter uns. Ich sah ihn ermattet an, dafür schenkte er mir ein Zwinkern. „Oh, wie ich sehe, beehrt uns meine zauberhafte Enkeltochter mit ihrem Besuch.“ Ich winkte kurz nach unten. Alle Anwesenden im OP blickten kurz zu mir hoch. Einer der vermummten Ärzte blickte noch einen Moment länger als die anderen zu uns rauf. „Charles, ich wusste ja gar nicht, dass du so eine hübsche Enkeltochter hast.“ „Ja, man sieht doch, dass sie nach mir kommt.“ Lautes Lachen im OP. „Aber an ihr würdest du dir mehr als nur deine Finger verbrennen, mein Lieber.“ Typisch! Alle konzentrierten sich wieder auf die offene Patientin und es herrschte langes Schweigen, das nur durch die regelmäßigen Geräusche der Geräte unterbrochen wurde. „Entschuldigung, hatten Sie sich nicht die Hand gebrochen bei einem Joggingunfall?“ Eine Ärztin hatte sich zu mir heruntergebeugt. Ich nickte verwirrt. „Sie sind doch mit jemandem zusammengeprallt, oder?“ Wieder nickte ich. „Ist ja witzig, gestern Nachmittag hatte ich einen Mann in der Notaufnahme, der morgens mit einer Frau zusammengelaufen war. Er hat sich zwei Rippen geprellt.“ Jetzt musste ich mich zu ihr umdrehen. „Wie hieß der Mann?“ Die junge Ärztin überlegte. „Sie wissen, dass ich Ihnen nicht sagen darf, aber er war Amerikaner, zumindest klang er danach.“ Ha, da hatte ich zumindest eine halbe Bestätigung! „Hat er noch irgendwas gesagt?“ Sie schüttelte mit dem Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Er hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ich die Rippen abgetastet habe, und das müssen höllische Schmerzen gewesen sein. Ah, er hat noch gesagt, dass er sich ja wenigstens nicht die Hand gebrochen hatte. Oh, dann hat er gefragt, ob ich von dir gehört hätte und ob ich wüsste, wie deine OP verlaufen sei. Klingt ja witzig, das muss Schicksal sein.“ Sie grinste mich an. Ja, voll witzig. „Der Kerl ist mein Boss.“ „Dann würde ich wohl nie wieder auf Arbeit fehlen wollen, bei dem Anblick.“ Herrgott, noch nochmal. „Na ja, wir müssen los, viel Spaß noch und gute Besserung!“ Ich dankte ihr und sah den anderen nachdenklich hinterher. „Komische Geschichte.“ Mick betrachtete mich von der Seite. Irgendwie ergab das keinen Sinn und dass ich mir darüber Gedanken machte, war noch sinnloser. Mick und ich sahen eine Weile dem Geschehen weiter zu. Je länger ich zuschaute, desto müder wurde ich. „Mag, willst du dich nicht eine Weile hinlegen? Du landest dauernd mit deinem Kopf gegen meine Schulter und schreckst dann immer hoch.“ Was mache ich? „Sorry, habe ich überhaupt nicht mitbekommen. Vielleicht sollte ich doch ins Bett. Ich habe die Nacht wenig geschlafen.“ Ich sah noch einmal in den OP und blickte auf die Uhr, welche die bisherige Operationsdauer angab. Noch nicht mal fünf Stunden rum. Ich lotste uns durch die Flure zurück. „Du kannst mit Lulu leichter schlafen, oder?“ Ich nickte stumm. Mehr wollte er nicht wissen und mehr hätte ich ihm auch nicht erzählt.

Mag Fornton

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