Читать книгу Mag Fornton - Francyne M. Foster - Страница 6
ОглавлениеKapitel 3
Es war noch früh an diesem Montagmorgen, ich war seit acht Uhr im Büro. Yvy war gerade angekommen und blickte verwundert durch die Tür. „Nanu, Sie sind ja schon da? Wie war Ihr Wochenende?“ Ich blickte von meinem iMac auf und sah zu Yvy. Heute trug sie ein geblümtes Kleid, das an ihrem unscheinbaren Körper zwei Nummern zu groß wirkte, aber ihr dennoch gut stand. „Morgen, Yvy. Das Kleid sieht hübsch aus. Mein Wochenende? Unspektakulär eigentlich. Und ja, ich wollte mich meinem Postfach widmen und erledigen, was ich erledigen kann.“ Sie nickte. „Coole Idee, ich helfe gern, wenn ich kann.“ Sie ließ mich für die nächsten zwei Stunden in Ruhe und als sie wiederkam, war ich mit meinem Postfach so weit durch. Bei vielen Mails war ich einfach ins CC gesetzt worden und dienten für mich nur als Info? „Miss Fornton?“ Yvy stand im Türrahmen. „Himmel Yvy, jetzt sagen Sie endlich Mag zu mir. Das Gesieze geht mir langsam auf die Nerven.“ Sie lachte leise. „Gern, Mag. Du wolltest doch letzte Woche wissen, wer sich mit der Personalsache Tom Willows befasst.“ Ich nickte. „Michael Gamblin übernimmt das. Er hat eben angerufen, dass du deswegen zu ihm kommen sollst.“ Michael Gamblin? Ach so, der Typ mit der Gothic-Freundin, ach nee, Ex-Freundin. „Aha, okay. Und wann darf ich ihn mit meiner Anwesenheit beehren?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Na wunderbar, gut, dann gehe ich eben jetzt. Wo finde ich den denn?“ Sie erklärte mir den Weg und zusammen mit Lulu machte ich mich auf eine Etage nach oben, für den kurzen Weg nahm ich die Treppe. Als ich gerade durch die Tür vom Treppenhaus trat, hörte ich ein aufgeregtes Quieken. „Mag! Da bist du ja! Ich brauche dich morgen.“ Ich sah sie überrascht an. „So?“ Ihr plötzliches Grinsen verwirrte mich. „Knightley kommt morgen, du musst mit dabei sein.“ Mein Mund verzog sich zu einer dünnen Linie. „Nein.“ Lyns Gesichtszüge entgleisten. „Was? Was meinst du mit Nein?“ Ich wollte mich bereits wieder in Bewegung setzen. „Nein, ich mache das nicht. Keine Diskussion und kein Betteln, bitte. Sorry, aber ich habe mit dem Bewerbungsprozess absolut nichts zu tun und als Aushängeschild werde ich bestimmt nicht dienen.“ Lyns Schultern sackten nach unten und ich ließ sie einfach stehen. Sie wusste, dass sie keine stichhaltigen Argumente vorlegen konnte. Ich ging also weiter durch und schritt Richtung Gamblins Büro. Das Großraumbüro war ähnlich dem meinen aufgebaut und sein Büro war ebenfalls ein Glaskäfig, wobei direkt neben seinem noch ein weiteres Büro war. Er war mittlerweile zum Abteilungsleiter des HRM aufgestiegen und wir standen somit auf dem gleichen Level. Ein Blick über die vielen Schreibtische auf seiner verantwortlichen Seite sagte mir, dass er wohl ein Faible für weibliche Mitarbeiterinnen hatte. An sich war daran nichts verkehrt, Frauen behielten meistens einen guten Gesamtüberblick über alle Aufgaben und ließen sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen, aber es konnte auch bedeuten, dass er gern ein Auge auf weibliche Mitarbeiter warf. Hm, na ja, abwarten. Eigentlich auch egal. Ich konnte mich nicht mehr gut an ihn erinnern. Seine Tür war geschlossen, an dem Schreibtisch davor saß Gamblins Variante von meiner Yvy. Sie sah bei Weitem nicht so quirlig und lebendig wie meine Assistentin aus, was vermutlich an der Tonne Make-up in ihrem Gesicht lag. „Hi, ich wollte zu Michael Gamblin, er erwartet mich auch.“ Die Dame zeigte mir lächelnd ihre viel zu weißen Zähne. „Hallo, Miss Fornton. Ich bin Leslie. Michael ist gerade noch im Gespräch. Wollen Sie solange warten? Es dauert sicherlich nicht mehr so lang.“ Ich nickte und blickte neugierig zu seinem Büro. Lulu setzte sich ungeduldig neben mich. „Oh, die ist aber süß. Wie heißt der Hund denn?“ Ich sah zu Lulu herunter und sie blickte mich ungeduldig mit ihren treuen braunen Augen an. „Das ist Lulu. Oh, ich glaube, sie muss mal. Mist, ich bin eben kurz mit ihr unten. Sagen Sie Michael, dass ich da war.“ Leslie nickte freundlich und ich ging eilig mit Lulu zum Fahrstuhl. Sowohl auf dem Weg nach unten als auch auf dem Weg zurück in mein Büro wurde ich aufgehalten und in kurze Gespräche verwickelt. Gamblin hatte ich schon längst wieder vergessen. „Mag, du hast gleich deinen Termin mit Linda. Sie sitzt dahinten.“ Ach, verdammt! Das hatte ich auch schon wieder vergessen. „Ja, danke, Yvy. Ich hole nur meine Unterlagen und bin dann weg.“ Yvy drückte mir einen Müsliriegel in die Hand. „Hier, du hast ewig nichts gegessen. So viel Zeit hast du noch.“ Ich sah sie verwirrt an. So viel Fürsorge hatte ich lange nicht erlebt und ich sah sie verlegen an. „Danke, Yvy. Du bist ein Schatz. Ach, kannst du vielleicht mit Gamblins Assistentin einen verbindlichen Termin ausmachen? Ich stehe ungern wartend irgendwo herum.“ Sie nahm bereits das Telefon in die Hand. „Klar, Leslie ist manchmal, na ja …“ Ich beendete den Satz. „Nicht wie du.“ Sie wurde leicht rot im Gesicht. „Danke. Das ist nett von dir.“ Ich würgte mir schnell den Riegel herunter, schnappte mir Lindas Steckbrief und ging dann zu ihr rüber. Das Gespräch mit ihr war sehr angenehm und ich hatte bedauerlich zur Uhr gesehen, als die Zeit um war. Wir waren eine Runde spazieren gegangen und Lulu fiel nun müde in ihr Körbchen. Yvy teilte mir mit, dass ich heute Nachmittag noch zwei Meetings haben würde, zusätzlich zum weiteren Einzelgespräch mit Vince. Ich ließ mich erschöpft auf meinen Stuhl sinken. „Ich bring dir gleich was von draußen zum Essen mit, du hast nicht viel Pause zwischen den Meetings.“ Was für ein Tag! Ich ließ alle Meetings über mich ergehen, das eine interessierte mich nicht wirklich und das andere war ähnlich einem Quartalsmeeting vom Vertrieb. Auch unspektakulär eigentlich. Das Mitarbeitergespräch zog sich ewig in die Länge, Vince war ziemlich ruhig und introvertiert, sodass ich ihm alles aus der Nase ziehen musste. An sich hatte er einige gute Ideen, aber bis er diese dann auf den Punkt gebracht hatte, verging einiges an Zeit. Aber nun gut, solche Leute brauchte man auch. Ermüdet von seiner einlullenden Sprechart hing ich nun auf meinem Bürostuhl und mein Kopf rauchte von all den Zahlen und Fakten, die in den Meetings durchgekaut worden waren. Ich zog meine Pumps aus und streckte meine Beine unter dem Tisch aus. „Du siehst müde aus, Mag.“ Yvy stand im Türrahmen. „Puh, das bin ich auch. Die Meetings waren allesamt sehr anstrengend gewesen. Hoffentlich wird das kein Dauerzustand. Gab es irgendwas Spannendes in meiner Abwesenheit?“ Yvy setzte sich mir gegenüber. „Also, mit Lulu war ich vorhin kurz draußen und sie hat alles erledigt, was Hunde so zu erledigen haben. Mit Gamblin bin ich noch nicht weitergekommen, Leslie war ab Mittag nicht mehr da. Tom hat sich dennoch mit der Nature-Sache auseinandergesetzt und das Verpackungsproblem könnte wirklich gelöst sein. Die beiden Teamverantwortlichen der anderen Großprojekte würden auch gern einige Sachen mit dir zusammen durchgehen. Kann ich da morgen für euch einen Termin einstellen?“ Yvy druckste kurz vor sich hin. „Außerdem hat Lyn angerufen und wollte deinen Terminplan für morgen wissen.“ Meine Augenbrauen zogen sich wütend zusammen. „So ein Miststück. Sie will unbedingt, dass ich morgen bei dem Bewerbungsgespräch dabei bin, obwohl, eigentlich ist es mehr ein Umwerbungsgespräch.“ Yvy sah mich fragend an. „Bewerbungsgespräch?“ Ich rollte mit den Augen. „Ja, sie will unbedingt Alexander Knightley als ihren Nachfolger. Und ich soll da als Aushängeschild für Bronson den Kopf hinhalten.“ Plötzlich stand sie auf und schloss die Bürotür. „Himmel, sag den Namen nicht so laut, dann drehen die ganzen Frauen wieder durch. Du hättest sie das letzte Mal erleben sollen, als würde Brad Pitt hier erscheinen.“ Meine Füße schmerzten, ich war so dreist und legte einfach meine Beine auf den Tisch. Ist ja schließlich mein Tisch und mein Büro. „Was hast du Lyn gesagt? Was ist das nur mit diesem Kerl? Lyn ist auch so aufgeregt.“ Meine Assistentin zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, mir ist er zu protzig und stinkt förmlich nach einem Haufen Geld. Klar, er sieht schon sehr gut aus, aber er wirkt mir zu glatt. Keine Ahnung. Ich habe ein paar Termine erfunden. Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl; wie sie mich danach gefragt hatte, kam mir merkwürdig vor. Außerdem hast du wirklich bereits genug Meetings und Termine für morgen im Kalender.“ Ich grinste sie an. „Du bist ein Goldschatz, Yvy. Ich kann solche Typen auch nicht ausstehen, generell habe ich keinen Bedarf an einem Penisträger. Aber gut, wir werden den Tag schon überstehen. Lass uns Feierabend machen, Herzchen.“
Zu Hause gönnte ich mir ein langes Bad mit einem Glas Whisky. Danach verzog ich mich auf meine Gartenterrasse mit den Unterlagen zu den beiden anderen großen Projekten in meinem Team. Der Abend war angenehm warm und ich saß noch eine Weile in meinem Strandkorb, bevor mir die Augen immer öfter zufielen. Lyn hatte mir noch eine Nachricht geschrieben, ob ich morgen nicht doch etwas Zeit hätte. Nö, ich glaube nicht. Yvy hielt mir wirklich ausgezeichnet den Rücken frei und hielt mir Lyn schön vom Hals. Morgen wollte ich es irgendwie einrichten, doch endlich an Gamblin heranzukommen, zu der Sache mit Tom wollte ich außerdem gern wissen, was meine Leute eigentlich verdienten. Und bevor Lyn für Knightley das letzte Geld rauswarf, wollte ich sicher sein, dass mein Team auch entsprechend entlohnt wurde, und im Notfall noch Gehaltserhöhungen aushandeln, ehe die Tinte auf dem Arbeitsvertrag des neuen CEOs trocken war. Vielleicht würde ich noch unauffällig herausbekommen, wann der angebliche Superstar unter den CEOs seinen Termin bei Lyn hatte. Ich hatte nicht den Drang, dem Kerl über den Weg zu laufen, ich kannte mich zu gut. Ich war bereits mit einem gut aussehenden, reichen Mann zusammen gewesen und ich hatte einen verdammt hohen Preis dafür bezahlen müssen – schmerzlich! Ich war schon froh darüber, dass ich dem Wikinger nicht mehr über den Weg gelaufen war, der sah nämlich für meinen Geschmack auch bereits viel zu gut aus. Also lieber gleich allen potenten, äh potenziellen Penisträgern aus dem Weg gehen und schleunigst das Weite suche, bevor die mir zu nahe kämen. Am nächsten Morgen stand ich bereits kurz vor halb sechs in meinen Laufschuhen vor meinem Haus. Ich war zwar von allein wach geworden, aber meine Augen wollten noch nicht wirklich aufbleiben. Lulu gähnte und streckte sich ebenfalls noch müde neben mir. „Na komm, du Schlafmütze.“ Die ersten Schritte signalisierten mir, dass sich meine Füße allmählich wieder an die hohen Schuhe gewöhnt hatten, und ich entschied mich daher, meine übliche Runde durch den Hyde Park zu laufen. Morgens hatte ich im Dunkeln im Hyde Park immer ein ordentliches Tempo, es war um die Uhrzeit nie jemand unterwegs und ich rannte immer mit einem beklemmenden Gefühl im Nacken meinen Weg. Die Beleuchtung war ziemlich spärlich und ich fühlte mich immer automatisch verfolgt. So wie auch heute, ich fühlte mich beobachtet und rannte wie eine Besessene über den breiten Hauptweg. Ich versuchte im schummrigen Licht der Laternen Lulu auszumachen und sah für einen Moment nicht nach vorn. Plötzlich knallte ich gegen eine Mauer, bei dem Aufprall spürte ich bereits einen sengenden Schmerz in meiner Hand, der sich definitiv nicht nach nur einem blauen Fleck anfühlte. Ich wurde zurückgeworfen und landete unsanft auf dem Weg. Ich nahm meine Kopfhörer raus und hörte einen Mann vor mir. „Fuck, laufen Sie bei dem Tempo mit geschlossenen Augen, oder was?“ Mein Gehirn eierte wie ein kaputtes Pendel gegen meine Schädelwände und ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, was mich der Kerl vor mir gefragt hatte. Meine linke Hand brannte wie Feuer und ich spürte bereits einige Körperstellen, die durch meine unsanfte Landung in Mitleidenschaft geraten waren. Ich versuchte langsam aufzustehen, was ohne Nutzung meiner linken Hand nicht besonders einfach war. Telefonierte der Typ nebenbei noch oder was labert der da die ganze Zeit? Ich hatte mich auf die Beine gekämpft und stand halbwegs gerade. Das Licht der Laterne im Hintergrund zeigte mir nur einen riesigen breiten Kerl, weiter erkannte ich allerdings nichts. Was auch gut so war, wenn ich dem Kerl nämlich noch mal begegnen würde, hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Er schien wirklich zu telefonieren, da er sich gegenüber seinem Gesprächspartner nun darüber ausließ, wie man nur so bescheuert sein konnte, im Dunkeln wie eine Irre durch die Gegend zu rennen. Arschloch! „Hey, geht’s Ihnen nun gut, Miss?“ Fick dich doch. Ich antwortete ihm nur mit einem „Ja, danke, Arschloch!“, und ließ den Typen einfach stehen und er blieb auch, wo er war. Ich taumelte meinen Weg weiter, Lulu tauchte endlich aus dem Dunkeln auf. „Wo warst du denn, hm? Dem Kerl hättest du ruhig mal schön in die Eier beißen können. Shit, tut mir die Hand weh.“ Den Heimweg musste ich zurückgehen, mir tat mittlerweile alles weh und meine Hand war zu Hause bereits bläulich angelaufen. Und ich glaube, dass ist nicht wirklich gut, oder? Ich begutachtete mich, Laufhose und Shirt hatten vom Fall Löcher bekommen, Ellenbogen waren aufgeschürft und mein Hintern tat empfindlich weh. Das würde also ein glänzender Tag werden, obwohl, bei dem Tempo konnte ich wohl froh sein, noch so glimpflich davongekommen zu sein. Mein Gott, der Kerl hatte aber auch einen knallharten Oberkörper. Hoffentlich hatte sich der Dreckskerl mindestens eine Rippe gebrochen. Als ich unter der Dusche stand, schrie ich auf, als das Wasser auf die offenen Wunden kam. Ich betrachtete mich danach im Spiegel und stellte fest, dass kurzärmelig heute nicht infrage kam, natürlich würde ich ins Büro fahren, das stand ja wohl außer Frage. Mein Plan, zwischen sieben und acht Uhr bereits im Büro zu sein, war für die Katz und ich betrat erst kurz vor neun Uhr mein Büro. Ich hatte Ewigkeiten gebraucht, um erstens etwas zum Anziehen zu finden, bei dem die Ärmel lang genug waren, dass man die blaue Hand nicht so schnell sah, und zweitens, um mir das dann auch allein anzuziehen. Ich musste zwischendurch oft Pausen machen, weil die Schmerzen unerträglich waren, sobald ich mit irgendetwas gegen die Hand kam. Aber ich war nie krank, also nicht körperlich, und daher weigerte ich mich, zum Arzt zu gehen, dafür hatte ich mir unterwegs sofort Schmerztabletten besorgt und mir gleich drei auf einmal eingeworfen. „Wow, Mag. Was ist denn mit dir passiert? Sorry, aber du siehst furchtbar aus.“ Ich nahm eilig meine Hand vom Tisch, damit Yvy sie nicht sah. „Morgen, Yvy. Ich habe nur schlecht geschlafen, das ist alles. Was liegt heute an? Hast du rausgefunden, wann unser Star heute kommt?“ Yvy schloss meine Bürotür und setzte sich. Ich sah währenddessen auf meine Hand und riss entsetzt die Augen auf. Scheiße, jetzt schwillt das auch noch an wie verrückt! Yvy sah mich kurz forschend an, an meinem „Untersteh dich, mich zu fragen“-Gesichtsausdruck erkannte sie aber, dass sie besser nicht weiter darauf eingehen sollte. „Du hast mit Laureen, der Projektleiterin für die Sanierung der Moisture-Produkte, um zehn einen Termin für das Einzelgespräch, gleich danach im Anschluss kommt David dazu, der andere Projektleiter. Die Dauer wird zwischen 30 Minuten und einer Stunde liegen. Danach hast du Pause bis 13.00 Uhr. Michael ist heute Nachmittag, laut seiner Assistentin, nirgends gebunden, sodass du ihn eigentlich in seinem Büro finden solltest. Um 15.00 Uhr ist Bereichsmeeting. Wann Knightley herkommt, weiß ich allerdings nicht. Die letzten Male kam er jedoch immer nachmittags, zwischen drei und vier. Das würde dann perfekt passen mit dem Meeting.“ Hm, hoffentlich lebe ich bis dahin noch. „Okay, gut, wir werden den Tag schon überstehen. Ach verdammt, ich habe vollkommen vergessen zu frühstücken. Ich gehe schnell runter zu Prets und besorge mir was. Brauchst du auch irgendwas?“ Sie schüttelte dankend den Kopf. Ich war froh, sie für einen Moment los zu sein, Yvy wusste, dass irgendwas nicht stimmte, und sie beobachtete mich mit Argusaugen. Schlaues Mädchen, aber gerade echt lästig! Die Schmerzen waren auch nicht zum Aushalten, ich eilte auf die Toilette und ließ kaltes Wasser auf das blaue, angeschwollene Ding laufen, das gestern Abend noch meine Hand gewesen war. Ich fluchte und zwang mich dazu, mein Mantra zu wiederholen. In mir und um mich herum herrschen Harmonie und Seelenfrieden. Ach, fick dich doch. Die Abkühlung hatte rein gar nichts gebracht und ich ging genervt zum Fahrstuhl. Wenn ich nicht in der 15. Etage stehen würde, hätte ich sogar freiwillig die Treppe genommen, nur um allen aus dem Weg zu gehen. Im Aufzug versuchte ich mit meinem Smartphone nach einem Arzt in der Nähe zu suchen, aber ich fluchte laut, weil ich das verdammte Telefon nicht ohne meinen Fingerabdruck entsperren konnte. Gut, dass ich allein im Fahrstuhl war, denn es sah vermutlich unfassbar dämlich aus, wie ich mit der rechten Hand versuchte, mein Smartphone an meinen linken Zeigefinger zu bekommen, ohne dabei die Hand zu sehr zu bewegen. Im Erdgeschoss musste ich mir schmerzerfüllte und wütende Tränen wegdrücken, ich blickte zum Empfang. Barbie Nr. 1, verdammt. Aber es hilft alles nichts. Ich lief zu ihr rüber. „Brittany, hi, Sie müssen mir einen Gefallen tun.“ Sie blickte auf und sah mich süffisant lächelnd an. „Na, aber immer doch, Miss Fornton. Was kann ich denn für Sie tun?“ Blöde Kuh. „Finden Sie raus, wo hier der nächste Arzt in der Nähe ist, und machen Sie für mich einen Termin, es ist dringend. Ich bin kurz weg und wenn ich wiederkomme, sagen Sie mir, wann ich wo sein muss. Bekommen Sie das hin?“ Brittany nickte langsam. Himmel, mein heutiges Schicksal lag nun in den Händen von Barbie, der Tag würde wohl nicht besser werden. „Und kein Wort zu niemandem, verstanden?“ Ich wartete die Antwort nicht ab und machte mich eilig auf den Weg zu Prets. Ich war mittlerweile so hippelig und ungeduldig, dass ich gar nicht richtig darauf achtete, was für ein Sandwich ich mir überhaupt ausgesucht hatte. Mit Kaffee und verpacktem Brot setzte ich mich kurz an einen der Tische. Ich versuchte erneut mein Telefon irgendwie zu entsperren. Aber ich musste mir vor lauter Schmerzen so sehr auf die Zunge gebissen haben, dass ich bereits Blut im Mund schmeckte. „Wow, Maggie. Das ist definitiv gebrochen.“ Ich sah nach rechts und der Wikinger stand mit einem Pappbecher in der Hand neben mir. Ich hatte immer noch keinen Schimmer, wer das eigentlich war. „Du hast immer noch keine Ahnung, wer ich bin, oder?“ Er grinste mich an. „Verdammt nein, habe ich nicht. Und ich habe tatsächlich gerade dringendere Sachen im Kopf.“ Anstatt sich nach meiner giftigen Ansage zu verziehen, nahm er sich einen Stuhl und setzte sich zu mir. Ich versuchte seinen beinahe unwiderstehlichen Duft und den intensiven Blick seiner blauen Augen auszublenden, was mir gerade angesichts meines Schmerzlevels auch sehr gut gelang. „So sehr wie du dich verändert hast, so sehr habe ich das anscheinend wohl auch. Nur dass ich im Grunde noch derselbe Michael bin und du der alten Maggie kein bisschen mehr ähnelst.“ Michael? Michael Gamblin? Der schlaksige Kerl, mit dem ich früher öfters zusammen Mittag essen war??? Oh Gott, wann bin ich im Fegefeuer gelandet? „Sorry, Michael, aber ich habe gerade nicht den Nerv, mit dir über die alte und neue Mag Fornton zu sprechen und welche dir von beiden gefällt, okay? Ich habe Termine.“ Ich stand auf und war noch so gekränkt über seine Aussage, dass ich für einen Moment vergaß, dass meine Hand Matsch war. Ich hatte mich beim Aufstehen auf dem Tisch abgestützt und riss mir rasant die gesunde Hand vor den Mund, sodass der Schmerzensaufschrei etwas abgedämpft wurde. Mir traten Tränen in die Augen. „Okay, das reicht. Ich bringe dich ins nächste Krankenhaus, keine Diskussion, Mag. Komm, deine angeblichen Termine kannst du streichen.“ Ich gab weder Widerworte noch versuchte ich Anstalten zu machen. Er nahm mich an die Hand und ich dackelte ihm reumütig hinterher, wie ein Hündchen, das „aus Versehen“ den Sonntagsbraten vom Esstisch geklaut hatte. Vor der Tür hielt er das erste Cab an, als er mir beim Einsteigen half, achtete er penibel darauf, dass ich auch ja nicht irgendwo mit meiner Hand dagegenkam. Als Ziel nannte er dem Fahrer das St. Bartholomew’s. Wunderbar, jedes andere Krankenhaus wäre mir lieber gewesen. Aber tatsächlich lag es nur einen Katzensprung entfernt; das musste ich wohl aus meinem Unterbewusstsein gestrichen haben. Zehn Minuten später waren wir bereits dort und Michael lotste den Taxifahrer direkt zur Notaufnahme, was meines Erachtens schon etwas übertrieben war, ich war ja nun nicht gerade dem Tode nahe, auch wenn mein Schmerzlevel ein neues Niveau erlangt hatte. In der Notaufnahme schnappte er sich den ersten Menschen, der wie ein Arzt aussah, und als dieser dann auf meine Hand schaute, ging plötzlich alles ganz schnell. Erstes Mal Bestandsaufnahme, Röntgen, zweite Bestandsaufnahme, MRT, dritte Bestandsaufnahme, das typische „Bitte nehmen Sie im Wartezimmer Platz, Sie werden gleich aufgerufen“ dauerte am Ende ziemlich lang. Michael war die meiste Zeit an meiner Seite geblieben, ob mir das passte oder nicht, und mir war das mehr als unangenehm. Wir warteten nun auf einem Flur direkt gegenüber dem Büro meines behandelnden Arztes, den ich bereits hasste. Nachdem ich ihm die Geschichte von dem Zusammenprall im Park heute Morgen erzählt hatte, lachte er auf und fragte mich, ob ich mit The Rock gekämpft hätte, darauf hatte ich ihm mit einem nachgemachten gehässigen Lachen geantwortet: „Hahaha, wohl eher mit The Wall, bekommen Sie die schlechten Witze extra bezahlt?“ Er fand meinen Scherz nicht witzig, ich seinen auch nicht. Als sich seine Bürotür öffnete, sah ich im Inneren noch zwei andere Ärzte, die ich bisher noch nicht kennengelernt hatte. Und mit einem Schlag wurde mir etwas mulmig zumute. „Hey, es wird schon alles wieder werden, Mag.“ Michael sah mich aufmunternd an, ich musste mir meine zynische Antwort mit aller Kraft wieder runterwürgen. Wir waren bereits seit Stunden hier und er hatte absolut keine Anstalten gemacht, wieder gehen zu wollen. Nebenbei hatte er mit Yvy und ebenfalls mit Lyn gesprochen. Schließlich wollte ich mir heute Morgen ja nur eben was zum Frühstücken besorgen und meine arme Lulu wusste auch nicht, wo ich abgeblieben war. „Miss Fornton, wir wären dann so weit.“ Der Blick des grässlichen Arztes hatte sich irgendwie verändert, das war nicht gut. Im Büro klärte er mich über die anderen beiden Ärzte auf, der eine war ein Unfallchirurg und der andere war Arzt in der plastischen Chirurgie. Spätestens jetzt wusste ich, dass ich mir wohl keine Sorgen machen musste, Lyn oder Knightley heute sehen zu müssen. Das würde ich wohl einige Wochen nicht mehr und natürlich kam es auch so. Alle Mittelhandknochen waren gebrochen, einige Nervenstränge machten den Ärzten Sorgen, aber sie versicherten mir, alles Mögliche zu tun, damit ich meine Hand nach sechs bis acht Wochen wieder voll und ganz nutzen konnte. Sechs bis acht Wochen??? Wenn ich den Dreckskerl alias The Wall finde, wird er hinterher um die Ecke pinkeln können, wenn ich mit ihm fertig bin! Die notwendige OP war für sofort angesetzt und eine Stunde später sah ich die typische OP-Laterne an der Decke hängen. Ich lag bereits aufschneidebereit auf dem Metalltisch inklusive Häubchen, Hemdchen und Zugang für das Narkosemittel. Man hatte mir überhaupt keine Zeit gelassen, großartig über irgendwas des ganzen Gesagten nachdenken zu können. Die vollendete Tatsache war ich jetzt, halb nackt auf dem OP-Tisch. „Miss Fornton? Wir wären dann so weit für Ihr Schlafmittelchen.“ Puuuh. Ich nickte und spürte, wie mir jemand eine Hand auf die Schultern legte. „Keine Sorgen, wir bekommen das schon wieder hin.“ Und dann fielen mir die Augen auch schon zu und alles wurde dunkel.