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Nichtiges Zeug

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An den Rändern des Schriftsteller-Archivs lagert Material, das nicht unmittelbar zum literarischen Nachlass gehört und dennoch mehr über den Autor aussagt als andere, vermeintlich wichtigere Objekte.8 Einiges davon lässt sich zwar bequem katalogisieren, gibt aber dennoch Rätsel auf: zum Beispiel die selbstgezeichneten Kalender der Schmidts, Resultat eines liebevoll gestalteten Privatkosmos voller »Kalenderherren«, deren Zuordnung zu den einzelnen Monaten ausgewürfelt wurde. Jeder Monat wurde von Schmidts mit einer sorgfältig gezeichneten Vignette der jeweiligen Kalenderherren geschmückt. Mit Hilfe eines Punktesystems zur Bewertung von Lebensereignissen, das bisher nicht rekonstruiert werden konnte, wurde in jedem Jahr der ›Sieger‹ unter den Monaten ermittelt. Diese Bögen – ein ganzes Jahr passt in der Regel auf ein größeres Blatt – haben es bis in eine Kunstausstellung geschafft,9 weil es reizvolle Objekte sind, ohne dass ihr Geheimnis entschlüsselt worden wäre. Zum Verständnis des Werks trugen sie bisher nichts bei, zur Erkenntnis über das Leben des Ehepaars Schmidt höchstens etwas wie ›äußerst merkwürdig‹. Dennoch käme niemand auf die Idee, sie zu entsorgen, denn allein ihre Existenz genügt, um sie für relevant zu halten. Ein anderes Konvolut umfasst Zeichnungen und Entwürfe für Gebrauchsgegenstände – auch nichts, was man bei einem Schriftsteller unbedingt erwarten würde; wohl aber passen die Entwürfe zu einem gelernten Autodidakten wie Schmidt, der sich mit vielem beschäftigte und sich vieles zutraute.10

Schmidts eigenes Nachlassbewusstsein trieb in seiner Sammlung kuriose Blüten. Es gibt Mitteilungen an seine Nachlassverwalter11 und sogar eine absichtliche Fehldatierung eines Manuskripts, die dazu dienen sollte, ihm schon als sehr jungem Mann die Autorschaft an einem ausgefeilten literarischen Text zuzuschreiben – für die Nachwelt wohlgemerkt.12 In den in Bargfeld aufbewahrten biografischen Unterlagen finden sich außerdem von Schmidt veränderte Urkunden mit dem falschen Geburtsjahr 1910; auf einem Heiratsschein ist die Jahreszahl absichtlich durch einen Brandfleck unkenntlich gemacht. Diese Fälschung zielte zwar eher auf Behörden und Schmidts Zeitgenossen als auf die Nachwelt, dennoch wurde sie überliefert – und ist zwar einerseits kaum zu erklären,13 andererseits aber im Hinblick auf das Fälschungsmotiv im Roman »Das steinerne Herz« nicht uninteressant.

Da Schmidt selbst über literarische Texte aus früheren Epochen arbeitete und sich meist für die Werke als Resultat der Schriftstellerbiografie interessierte (was hatten die Autoren gelesen, erlebt, gesehen und wie haben sie es, bewusst oder unbewusst, literarisch verarbeitet?), wollte er späteren Forschern ihre Arbeit erleichtern, indem er sechs Jahrgänge seiner Fernsehzeitschrift aufbewahrte mit Anstreichungen der Sendungen, die gesehen wurden. Tatsächlich steuerte er so weniger die Rezeption seiner Texte als den Bestand des postumen Archivs – denn weil er selbst diesem speziellen Altpapier einen so hohen Wert beimaß, musste es aufbewahrt werden. Dieses Material wurde übrigens später tatsächlich von einem Forscher für seine Untersuchung mit herangezogen.14 Im Einzelnen katalogisiert wurde es allerdings nicht.

Wie erschließt und verzeichnet man Teilsammlungen wie »Inhaltsangaben von Werkausgaben«, »Genealogien und Geburtstage von Bekannten«, »Versandlisten von Zeitungsartikeln«? Gar nicht. Die Mappen liegen in einem Extra-Stapel im Archiv. Für Schmidts literarische Arbeit sind sie, wie auf den ersten Blick zu sehen, unterschiedlich relevant. Die Versandlisten mit ihren Übersichten – an wen wurden wann Artikel geschickt, wann wurden sie gedruckt, wann wurden sie honoriert – dienten den Schmidts für die eigene Buchhaltung und dazu, nicht versehentlich eines der Feuilletons zweimal an dieselbe Redaktion zu schicken. Heute geben sie Aufschluss über die Arbeitsbedingungen eines Schriftstellers in den 1950er und 1960er Jahren, also über die Mühsal der Brotarbeiten.

Inhaltsangaben sagen aus, dass Schmidt ganze Werkausgaben anschaffte (wie aus seinem Bibliotheksverzeichnis ebenfalls leicht zu ersehen) und als systematischer Mensch auf einen Blick sehen wollte, welche Texte darin zu finden waren. Nicht sonderlich aufregend, ein Puzzlestück der Persönlichkeit – vielleicht würde es genügen, wenn man weiß, dass es das gab, vielleicht ließe sich eine einzelne Inhaltsangabe als Beispiel behalten. Allerdings erzeugte man damit auch ein Problem – die Frage, ob das ein Einzelstück, mehrere oder gar viele waren, ob sie sich unterscheiden, könnte interessant werden, wenn sich eines Tages jemand mit dem Thema »Arno Schmidt als Leser« beschäftigen möchte.

Die notierten Geburtstage von Freunden und Versuche, die Verwandtschaftsbeziehungen der befreundeten Familie Schlotter in einem Stammbaum zu erfassen, sagen dagegen eher wenig aus. Erstaunlich, dass Schmidt selbst die Genealogien in einem Konvolut »Brauchbares Material« aufbewahrte, in dem sich auch Skizzen zu Funkdialogen und ein Durchschlag des Briefs an den Lexikonverlag Knaur,15 englische Merksprüche und verschiedene Antiquariatsangebote finden. Hier entlastet Arno Schmidt einmal den weniger ordentlichen Rest der Menschheit: Wenn ein Konvolut in einem Schriftstellerhaushalt »Brauchbares Material« heißt, könnte man zum Beispiel auch daran denken, an den Vorratsschrank in der Küche einen Zettel zu kleben, auf dem »Mögliches Essen« steht. Mit anderen Worten – hier gibt es eine Sammlung von disparaten Notizen, die sich einer sinnvollen Ordnung und detaillierten Aufschlüsselung entzieht. Wer wissen will, was man hier findet, muss einfach nachsehen (obwohl der Autor selbst, mit einem phänomenalen Gedächtnis begabt, das vielleicht nicht musste).

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