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Geleitwort
ОглавлениеDie derzeitig praktizierte Schulmedizin hat ihre Basis weitgehend immer noch in der naturwissenschaftlich-biologischen Forschung und in den molekularen Ursachen der Krankheiten sowie den darauf basierenden Erkenntnissen für Diagnose, Therapie und soweit wie möglich der Prävention. In den letzten 50 Jahren waren auf diesem Gebiet unzweifelhaft große Erfolge zu verzeichnen. Moderne Technologien lassen hoffen, dass diese Fortschritte weitere neue Erkenntnisse und neue Erfolge ermöglichen.
Trotzdem nehmen viele Bürger und Patienten die Verfahren der Naturheilkunde, der Integrativen Medizin und anderer alternativer Methoden in Anspruch, obwohl deren Wirksamkeit und Therapiesicherheit nicht immer gesichert ist. Im weltweiten Maßstab stehen diese Methoden besonders in einigen Ländern sogar im Vordergrund. Kulturelle Besonderheiten spielen eine wichtige Rolle, aber auch die Tatsache, dass die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin zumeist teuer ist und ihre Verheißungen häufig größer sind als die tatsächlichen Erfolge. Enttäuschte Patienten suchen ihr Heil in Alternativen.
Ziel des vorliegenden verdienstvollen Buches der Kollegen Benno Brinkhaus und Tobias Esch ist nichts weniger als unter Berücksichtigung schulmedizinischer Erkenntnisse und einer differenzierten Darstellung der Integrativen Medizin die Entwicklung einer modernen, patientenzentrierten und individualisierten Medizin im Zeitalter tiefgreifender gesellschaftlicher, digitaler, sozialer und demokratischer Veränderungen mit enormen Entwicklungs- aber auch Gefährdungspotenzialen zu beschreiben.
Die Autoren beschreiben, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine Medizinrichtung zunehmend etabliert habe, die sich eine Synthese beider Therapierichtungen, der Naturheilkunde und der Integrativen Medizin, unter stärkerer Einbeziehung präventiver Maßnahmen wünscht, wobei beide Verfahren evidenzinformiert bzw. evidenzbasiert sein sollen. Mehr noch, die ursprüngliche Auffassung einer Integrativen Medizin als bloßer Synthese von konventioneller und traditioneller Medizin (früher: „Schulmedizin plus Alternativmedizin“) habe sich grundlegend verändert in Richtung einer eigenen Disziplin, die auf Basis von Patientenzentrierung, Multiprofessionalität/Teambasierung und vor allem einer Selbsthilfefähigkeit und Selbstregulation der Patienten das bestehende medizinische Paradigma erweitern möchte. Dabei spielt neben der Wissenschaft auch die „Heilkunst“ (Gespräch, Interaktion, Motivation, Empathie etc.) eine wichtige Rolle.
In diesem Kontext stellen Brinkhaus und Esch auch eine erweiterte, neue Definition der Integrativen Medizin vor:
Integrative Medizin bekräftigt die Bedeutung der Beziehung zwischen Arzt und Patient, zielt auf die ganze Person ab, wird durch Evidenz informiert und bedient sich aller geeigneten therapeutischen, präventiven, gesundheitsfördernden oder Lifestyle-Ansätze sowie aller Disziplinen des Gesundheitswesens, um eine optimale Gesundheit und Heilung zu erreichen – Kunst und Wissenschaft des Heilens gleichermaßen hervorhebend. Sie basiert, so die Autoren, auf einer sozialen, demokratischen sowie natürlichen und gesunden Umwelt.
Aus dieser Definition geht hervor, dass es sich bei der Integrativen Medizin nicht nur um eine Aufnahme evidenzbasierter naturheilkundlicher Therapiemaßnahmen in die konventionelle Medizin geht, sondern dass Integrative Medizin patientenzentriert, präventiv und therapeutisch, den Patienten aktivierend, den gesunden Lebensstil berücksichtigend, interaktiv und empathisch ist. Gesunderhaltung und Gesundwerdung ist ein interaktiver Prozess von Patienten mit verschiedenen Anbietern im Gesundheitswesen, die Kunst der Gesunderhaltung und Gesundwerdung wird neben der wissenschaftlichen Erkenntnis in den Vordergrund gestellt, ebenso, dass diese Prozesse nur möglich sind, wenn dazu die entsprechenden sozialen und natürlichen Bedingungen vorliegen.
Im Mai 2017 wurde im Rahmen des „World Congress Integrative Medicine & Health“ in Berlin das Berlin Agreement entwickelt, auf das in dem vorliegenden Buch mehrfach Bezug genommen wird. Darin wird auf die wichtigen Voraussetzungen für das Gelingen der Integrativen Medizin hingewiesen. Besonders wichtig sind unter anderem folgende Faktoren:
Neben optimaler Gesundheitsversorgung ist die Gesundheitserhaltung bzw. Krankheitsvorbeugung unter anderem durch eine Stärkung der Selbst-Fürsorge und der Resilienz mit einzubeziehen („Model Health“).
Voraussetzung ist eine Erziehung von Bürgern zu einem nachhaltig gesunden Leben in einer sozialen und gesunden Umwelt („Engage Patients“).
Voraussetzung auf medizinischer Seite ist eine interprofessionelle Versorgung und eine optimale Zusammenarbeit von Gesundheitsberufen („Promote Interprofessionalism and Team Care“).
Aufnahme evidenzbasierter traditioneller Therapieverfahren und Berücksichtigung von globalen medizinischen Prozessen („Recognize the Importance of Traditional Medicine in Global Healthcare“).
Stärkung der Forschung im Bereich naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Therapieverfahren unter der Berücksichtigung eines ganzheitlichen Design- und Methodenansatzes („Commit to Evidence-Informed Dialogue and Practice“ and „Foster Whole Systems Research“).
Berücksichtigung der Interaktion von Prävention, Gesundheitsförderung und lokaler bzw. allgemeiner Gesundheitsversorgung bei Gesunderhaltung und Gesundwerdung („Bridge Clinical Care with Prevention, Community and Public Health“).
Berücksichtigung, dass soziale, politische, natürliche und ökonomische Faktoren für die Gesundheit eine entscheidende Rolle spielen. Diese Faktoren gilt es zu stärken, Ungleichheiten sind zu vermeiden und personelle und soziale Verantwortung zu übernehmen („Engage as Change Agents“).
Nutzung moderner auch digitaler Wege der Therapeut/Arzt-Patienten-Interaktion und Kommunikation in der Integrativen Medizin – sowohl in der Praxis wie in der Forschung.
Dieses Berlin Agreement ist eine wesentliche Basis für das vorliegende Buch. Die Autoren merken aber an, dass diese Grundlage sich ändern wird und anzupassen ist in den Inhalten und Konzepten an die Ergebnisse weiterer Forschung und unter Berücksichtigung der raschen Veränderungen im Gesundheitssystem. In der Systematik des Aufbaus des vorliegenden Buches steht daher eine allgemeine Einführung und das Berlin Agreement am Ende des Buches. Es folgt dann eine umfassende Darstellung der Grundzüge und wissenschaftlichen Basis der Integrativen Medizin, einschließlich der historischen Tatsachen, der allgemeinen Entwicklung und eine Darstellung von einzelnen Bestandteilen der diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweisen. Dies wird ergänzt im Praxisteil durch eine Darstellung von ausgewählten Bereichen der Integrativen Medizin.
Das Buch zeichnet sich aus durch eine solide, wissenschaftlich fundierte Beschreibung der Integrativen Medizin, die sich wohltuend abhebt von unkritischen Propheten alternativer Heilmethoden. Die Autoren des Buches sind klassisch ausgebildete Ärzte in der wissenschaftlichen Schulmedizin und Experten auf verschiedensten Gebieten der konventionellen, komplementären Medizin sowie ausgewiesene Kenner von modernen Therapiestrategien, digitaler Medizin, Public Health und Gesundheitsökonomie.
Das Buch bietet so einen tiefen und interessanten Einblick in verschiedene Auffassungen der Heilkunst mit einem Schwerpunkt der Integration unterschiedlicher Möglichkeiten, die auf den Patienten und seine Besonderheiten in ganz persönlicher Weise Rücksicht nehmen. Personalisierte Medizin ist eben nicht auf die spezifischen Erbanlagen und Genomsequenzierung beschränkt, sondern integriert den ganzen Menschen und seine Umwelt.
Dieser Medizin und dem Buch sind Erfolg und weite Verbreitung zu wünschen!
Detlev Ganten
Präsident des World Health Summit
Berlin im März 2021