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4 Dritter Akt: Die Schlange und der Drehwurm
ОглавлениеZum Abschluss sei – in aller Kürze, der Aufsatz ist bis hierher ja nun schon lang genug eigentlich – noch auf eine nicht nur wissenschaftsgeschichtliche Kuriosität eingegangen, die noch einmal, diesmal aber von ganz anderer Seite kommend deutlich macht, dass SAT-Einbezüge unbemerkte Wiedereinbezüge sein können, und auch, dass SAT-Orientierungen weder unnütz noch methodisch verstaubt oder gegenstandsunangemessen sein müssen.
Vor 44 Jahren haben Gerd Fritz und Franz Hundsnurscher einen Aufsatz veröffentlicht, in dem sie sich mit den verschiedenen Fortsetzungsmöglichkeiten nach einem VORWURF im ersten Zug in einer Interaktionssequenz befasst haben (was man in der GA wohl konditionale Relevanz genannt hat und nennen würde). Es war dies einer der ersten Schritte1 von einer einzelsprechaktbezogenen SAT hin zu einer Dialoganalyse, die sich mit Sequenzen von aufeinander bezogenen Sprechakten beschäftigt (vgl. Fritz/Hundsnurscher 1975). Dort sind sowohl mögliche Sprechaktfortsetzungen im zweiten und dritten Zug skizziert als auch Beispiele für die Vollzüge aller Sprechakte der ersten, zweiten oder dritten Position angegeben. Diese ausgedachten Beispielformulierungen sind es, die eine GA/IL-Angriffszielscheibe abgeben. Es sind eben konstruierte, interaktional vereinzelte Beispiele, die genau danach klingen, ausgedacht zu sein. Befund: Empiriedefizit. Es sei – zur augenfälligen Verdeutlichung – nur eines der vielen Beispiele zum Vollzug von Vorwürfen herausgegriffen, nämlich das erste:
(3) Du hast mich angelogen!
Nun ist es so, dass vor einigen Jahren (in erster Auflage 2015)
eine erste Konkretisierung der Vorschläge des Europarats zur Beschreibung der sechs Niveaustufen der Sprachbeherrschung, wie sie im „Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen“ vorgestellt werden“ (Glaboniat et al. 2017, S. 5),
vorgelegt wurde. Hier sind verdienstvollerweise auch diverse Sprachhandlungen (Niveau A1 bis B2) enthalten, auf die man durch Nutzung der mitgelieferten Datenbank-CD zugreifen kann. In der Gruppe Beurteilen von Zuständen, Ereignissen, Handlungen findet man auch Vorwürfe machen, beschuldigen. Und hier sind – ganz dem sprechakttheoretischen Kernanliegen entsprechend, ohne dass man sich auf SAT hier bezöge – auch Vorschläge für musterhafte Formulierungen und schließlich ganz konkrete einzelne Formulierungen vorzufinden. Aus der Mustergruppe Sie haben „x“ kaputtgemacht sei als Beispiel – zur augenfälligen Verdeutlichung – herausgegriffen:
(4) Sie haben nicht aufgepasst und den Kopierer kaputtgemacht.
Meiner Einschätzung nach müsste auch dieser Beleg genügend Angriffsfläche bieten. Die Beispielformulierung ist deutlich als kontextlos ausgedachte zu brandmarken (nach meinem Dafürhalten ‚noch schlimmer‘ als das erwähnte Hundsnurscher-Beispiel, das noch halbwegs sprachrealistisch sein dürfte). Und wieder heißt der klare Befund: Empiriedefizit.
Nur: Auf diesen letzteren Ansatz kommt Joachim Scharloth auf der IDS-Jahrestagung 2015 folgendermaßen zu sprechen. Im Rahmen der von ihm vorgestellten Entwicklung einer computergenerierten Mensch-Maschine-Trost-Kommunikation (also Computerprogramme als tröstende Interaktanten)
wird auf eine Taxonomie von Sprachhandlungen zurückgegriffen, die für handlungstheoretisch fundierte Ansätze im Bereich Deutsch als Fremdsprache entwickelt wurde (Glaboniat et al. 2015). (Scharloth 2016, S. 325)
Es gibt hier also das Bedürfnis, sprachlernende Programme mit Daten zu füttern, damit sie auf sprachliche Ressourcen zurückgreifen können. Als solche Daten eignen sich aus funktionaler Perspektive ganz hervorragend Beispiele für den Vollzug von Sprechakten. Damit sind zumindest Bedürfnisse aus der Computerlinguistik und aus dem Sprachlehrbereich genannt, die in den SAT-Kernbereich hineinreichen. Was den computerlinguistischen Rückgriff auf Vollzugsformulierungen angeht, lässt sich abschließend sagen: Wenn es nicht im ersten Anlauf klappt, dann vielleicht 44 Jahre später im zweiten. Oder noch später. Einstweilen kann man sich als SAT’ler beruhigend zurufen: SATT bin ich noch lange nicht.