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Kapitel 5

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Heute war einer der besseren Tage in seinem Leben, das nun schon neun Jahre andauerte.

Es war ein Sonntag und er hatte ausschlafen können, ohne dass seine Mutter ihn aus dem Schlaf gerissen und zum Einkaufen geschickt hätte. An diesem Morgen wurde er wach, als die Sonne durch das Fenster seines kärglichen Zimmers schien und mit warmen Strahlen seine Augen blendete.

Er schloss die Augen wieder und schmiegte sich an seinen Teddy, der in seinem Bett fast den gleichen Raum einnahm wie er selbst. Er war allein, aber er fühlte sich nicht einsam. Einsam fühlte er sich, wenn er sich außerhalb seines Kinderzimmers befand. Hier dagegen fühlte er sich geborgen, hier, allein und mit seinem riesengroßen Teddy, dem er Dinge anvertraute, die er keinem Menschen mitteilte, mit dem er kuschelte, mit dem er einschlief und am nächsten Morgen wach wurde.

Er erinnerte sich noch genau an den Tag, als sein Großvater vor etwa einem Jahr, kurz vor seinem Tod, von einer Reise zurückkam und ihm dieses für ihn bisher unerreichbare Geschenk machte. Sein Opa, wenn er doch nur noch da wäre. Dann hätte er jemanden, zu dem er in seiner Not laufen könnte, der ihn beschützen würde vor …

Er zwang sich, nicht weiterzudenken, denn trotz allem wollte er sich nicht gegen den Menschen stellen, der seine Mutter war. Aber wenn Großvater noch leben würde, dann …

So war es nur sein Teddy, hinter dem er sich verstecken konnte, der jedoch nicht die Macht hatte, sein Beschützer im realen Leben zu sein. Er hörte Geräusche an der Tür und sah auf. Seine Mutter blickte durch einen Spalt und ihm fiel auf, dass sie ihre Haare geordnet und offensichtlich noch nichts getrunken hatte.

„Steh auf und komm nach unten“, sagte sie und tatsächlich konnte er ein Lächeln in ihrem Gesicht erkennen. „Wir haben Besuch.“

Dann schloss sich die Tür wieder und er stand auf, nahm seine Kleidungsstücke, die er am Abend zuvor über einem Stuhl abgelegt hatte und kleidete sich an. Dann legte er seinen Teddy an seine Stelle im Bett und deckte ihn so zu, dass nur noch der Kopf zu sehen war. Mit einem letzten Blick auf ihn verließ er den Raum und ging nach unten.

„Komm her“, hörte er seine Mutter sagen, während er zu Boden sah. „Das ist mein Sohn“, sagte sie und zeigte auf den Jungen. Der hob seine Augen und blickte in die Gesichter zweier Männer, die sich aus ihren Sesseln erhoben und ihn von oben herab mit einem, wie ihm schien, gekünstelten Lächeln ansahen. Einer der Männer, hochgewachsen und hager, mit dunklem, kurzen Haar, in einen dunklen Straßenanzug gekleidet, beugte sich zu ihm herunter.

„Ich glaube, du wirst ungefähr so alt sein wie mein Sohn“, sagte er und legte dem Jungen die Hand auf den Kopf. „Ich hätte dir ein Geschenk mitbringen sollen, aber wir kamen nur schnell vorbei, um deiner Mutter Guten Tag zu sagen. Beim nächsten Mal, versprochen.“

Der Mann richtete sich wieder auf und setzte sich nochmals in seinen Sessel. Der andere Mann, ein etwas jüngerer mit einem blonden Schnauzer und Haaren bis zur Schulter, tat es ihm gleich.

„Mein Kleiner hat heute Geburtstag“, sagte der Mann, der ihm von seinem Sohn erzählt hatte. Er wandte sich wieder an den Jungen. „Stell dir vor, ich habe kein Geschenk für ihn. Wir beide“, er zeigte auf den anderen Mann, „waren den ganzen Tag unterwegs und inzwischen sind die Geschäfte zu. Aber kein Sohn wird das verstehen. Du bist acht, sagt deine Mutter. Fast genauso alt wie mein kleiner Felix.“

Der Junge überlegte, was die beiden Männer überhaupt hier wollten. Er hatte sie vorher nie gesehen. Freilich war es für ihn schon in Ordnung, wenn sie ja Bekannte von seiner Mutter waren.

Der Mann sprach weiter. „Ich werde versuchen, es meinem Sohn zu erklären. Er wird enttäuscht sein, aber es ist nun mal nicht zu ändern.“

„Einen Moment noch“, hörte der Junge seine Mutter sagen, als sich die beiden Männer erheben wollten. „Wir können doch helfen, oder? Was meinst du?“ Seine Mutter sah ihn kurz an, dann sah sie an ihm vorbei und verließ den Raum. Der Junge hörte, wie sie die Holztreppe nach oben stieg. Für einen Moment war es ruhig, ehe sich ihre Schritte wieder nach unten näherten. Als sich die Tür öffnete und seine Mutter eintrat, traf es ihn wie ein Schlag. Mit einem Lächeln im Gesicht stand sie dort in der Tür, sah an ihm vorbei und sagte zu dem Vater von Felix: „Darüber wird er sich ganz bestimmt freuen.“

Die Augen des Jungen wurden immer größer, der Mund öffnete sich, doch er brachte keinen Ton heraus. Tränen schossen ihm in die Augen, wie er es lange nicht mehr erlebt hatte, gleich, was er hatte durchmachen müssen. Seine Mutter hielt seinen Teddy in beiden Händen vor dem Körper, den Teddy, der ihn täglich an seinen Großvater erinnerte, der sein einziger Freund war, der ihm in guten und schlechten Zeiten beigestanden hatte. Dieser Freund sollte nun einem anderen gehören.

„Nein!“ Er erschrak über seinen eigenen Schrei und sah, wie sich der Ausdruck im Gesicht seiner Mutter verfinsterte.

„Ich kaufe dir ein neues Spielzeug“, sagte sie mit zugekniffenen Augen. Wir wollen doch Felix den Geburtstag nicht vermiesen.“

Sie ging an ihm vorbei und drückte dem Mann den Teddy in die Hände. Dann wandte sie sich dem Jungen zu. „Geh nun bitte auf dein Zimmer. Heute ist Sonntag, da hast du ja viel Zeit zum Spielen.“

Wie in Trance drehte sich der Junge um und verließ den Raum. Langsam stieg er die Stufen in die obere Etage des Hauses und schlich zu seinem Zimmer. Als er sein Bett erreichte, ließ er sich darauf fallen und brach in Schluchzen aus. So, wie er sich immer an seinen Teddy gekuschelt hatte, presste er seinen Kopf in das zerknüllte Kopfkissen und ließ seinen Tränen freien Lauf.

Dann wurde er plötzlich still. Er setzte sich auf die Bettkante und wischte sich mit beiden Händen über seine Augen. Während er durch das Fenster in den Abendhimmel sah, verengten sich seine Augen zu einem Spalt und von Hass und Enttäuschung geprägt formten seine Lippen die Worte: „Wenn ich mal groß bin ...“

Lautlos

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