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Kapitel 14

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Der Anruf von Dr. Theodor Habermann kam fünf Autos vor der Ampel.

„Können Sie in der Pathologie vorbeikommen?“, fragte er, kaum dass ich mich mit Namen gemeldet hatte. „Ich muss Ihnen etwas zeigen, etwas, dass ich erst feststellte, nachdem Sie die Pathologie verlassen hatten.“

„An der Frauenleiche?“, fragte ich überflüssigerweise und sagte im Hinblick auf die Autos vor mir: „Kann aber noch etwas dauern, ich stecke gerade im Feierabend-Verkehr.“

„Ich warte auf Sie“, sagte Habermann kurz und beendete das Gespräch. Was hatte er mir Wichtiges mitzuteilen? Die Todesursache stand doch bereits fest. Die Frau war nachweislich erstickt worden, vermutlich mit einer Plastiktüte. Vielleicht hatte es etwas mit ihrem Mund zu tun. Vielleicht hatte er Besonderheiten über die Art des Vernähens ihrer Lippen festgestellt. Es war zwecklos, darüber nachzudenken. In wenigen Minuten würde ich es erfahren.

Es dauerte fast eine weitere halbe Stunde, bis ich meinen Wagen vor dem Trakt der Pathologie der Stadtklinik abstellen konnte. Ich eilte durch den Gang der Kelleretage und kam zu einem offenen Raum, dessen Helligkeit ausschließlich durch Kerzenlicht zustande kam. Der Grund waren mehrere Bahren, auf denen sich mit Leintuch abgedeckte Leichen befanden: Die Toten des heutigen Tages oder auch eines der vergangenen, die hier auf eine Freigabe der Staatsanwaltschaft oder einfach nur auf ihren Bestatter warteten, sollten hier in Frieden liegen.

Ich eilte weiter und klopfte schließlich an der Tür zum Sektionsraum. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, trat ich ein. Dr. Habermann diktierte gerade etwas in sein Aufnahmegerät und schaute kurz zu mir herüber. Sein Gehilfe, Wilbert Kronauer, stand am Kopfende des Seziertisches und schien abzuwarten, was weiter geschehen würde. Habermann legte das Gerät auf dem kleinen Beistelltisch ab und gab mir wortlos ein Zeichen, näherzutreten.

„Ich frage mich, warum der Täter dieser Frau den Mund zugenäht hat“, begann Habermann und ich schwieg erwartungsvoll. „Sie hätte ohnehin keinen Laut von sich geben können.“

„Dann war sie also schon tot, als er ihr den Mund zunähte“, folgerte ich und war erstaunt, als Habermann den Kopf schüttelte.

„Nein, sie hat noch gelebt, aber er hat ihr etwas angetan, was ich in meiner ganzen Zeit als praktizierender Pathologe noch nie erlebt habe. Dieser Mensch muss ein Scheusal sein. So viele Leiden, die diese Frau durchgemacht hat.“

„Nun reden Sie schon!“, drängte ich.

Habermann ging zum Seziertisch und ich folgte ihm automatisch. Vor uns lag die Leiche der Frau, die Habermann nach meinem Weggehen fertig obduziert hatte. Die Schnitte waren inzwischen grob vernäht, eine Arbeit, die offensichtlich Kronauer erledigt hatte. Doch als ich näher hinsah, stellte ich fest, dass der Halsbereich noch keine Naht erhalten hatte. Der Kopf der Toten war nach hinten überdehnt, um einen besseren Einblick zu haben. Speise- und Luftröhre lagen frei, genau wie alle Organe, die sich im Hals- und Mundbereich befanden. Den Mund hatte Habermann weit geöffnet und mit einer Klammer arretiert, die gleichzeitig die Zunge nach unten presste. So war ein besserer Einblick in die Mundhöhle gewährleistet.

„Ich habe es auf den ersten Blick nicht sehen können und fast wäre mir ein fataler Fehler unterlaufen“, sagte Habermann und es erstaunte mich, dass es auch Menschen in einer solchen Position gab, die einen Fehler unumwunden zugaben.

„Sehen Sie her! Obwohl, ich weiß nicht, ob Sie als Laie etwas erkennen können. Um es kurz zu machen: Man hat dieser Frau die Stimmbänder gekappt.“

„Die Stimmbänder gekappt?“ Ich verstand nicht, was er meinte.

„Durchschnitten. Man hat die Stimmbänder durchtrennt und so alle Kommunikation zu ihrer Umwelt unmöglich gemacht.“

„Aber … warum? Ich meine, was ist der Sinn dabei? Die Frau ist tot. Mit wem hätte sie denn noch kommunizieren können?“ Es war so ungeheuerlich, was Habermann mir offenbarte, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich sah in das Gesicht der Toten, das fahl und bleich mit geschlossenen Augen und trotz der grotesken Kopflage einen eher friedlichen Eindruck machte.

„Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe, Herr Thalbach. Aber ich glaube, hier ist einiges an Psychologie gefragt. Dieser Mörder ist anders gestrickt als die meisten, scheint mir. Den Grund für sein Handeln werden sie nur in seiner Psyche finden, davon bin ich überzeugt. Ich kann nur hoffen, dass dieser Mord ein Einzelfall bleibt.“

Ich erinnerte mich an den Anruf von Laufenberg. „Mutmaßlich ist die Identität dieser Frau geklärt. Mein Kollege hat es mir vorhin mitgeteilt. Aber da ist noch was. Wir haben eine weitere vermisste Frau. Die Ehefrau eines Arztes, der hier in diesem Krankenhaus beschäftigt ist. Da sei Gott vor, dass sich das hier wiederholt.“

Lautlos

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