Читать книгу Gott - Offenbarung - Heilswege - Hans-Joachim Höhn - Страница 12
1. Theologisches Leitmotiv:
Zum Glauben kommen – Vernunft annehmen
ОглавлениеDass Anliegen, Inhalt und Ziel des christlichen Glaubens mit den Mitteln der Vernunft immer wieder neu verständlich zu machen sind, leuchtet vielen Gläubigen nicht sogleich ein. Für sie ist das, was der Glaube vertritt, eine Selbstverständlichkeit: Es versteht sich für sie von selbst, dass Gott existiert, dass er allmächtig ist und darum die Naturgesetze außer Kraft setzen und in die Abläufe der Welt eingreifen kann (wovon er bei Offenbarungsakten oder Wundern angeblich auch Gebrauch macht). Religiöse Menschen sind bisweilen unfähig zu verstehen, warum sie mit ihren Überzeugungen auf Unverständnis stoßen. Sie können für das Unverständnis ihrer säkularen Zeitgenossen kein Verständnis aufbringen, da sie ja überzeugt sind, für etwas Selbstverständliches einzustehen.
Auftrag der Fundamentaltheologie ist es darum auch, gegenüber den Glaubenden verständlich zu machen, warum sie von ihren säkularen Zeitgenossen nicht verstanden werden. Im Gegenzug hat sie einsichtig zu machen, dass und warum sich Glaubende von ihren Kritikern missverstanden fühlen. Bisweilen begegnet den Christen bei ihren Kritikern spiegelbildlich ein Verhalten, das man sonst ihnen vorwirft. Auch Kritik kann borniert sein, auch Verfechter der Aufklärung pflegen bisweilen die Selbstprofilierung über die Beschwörung von Klischees und Vorurteilen, auch bei ihnen trifft man auf Rechthaberei, Polemik und Bluff. Es ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen ist kontraproduktiv. Wo theologische Streitlust aufkommt, wo die Theologie ihre Streitkräfte einberuft, darf sie diese mit nichts anderem ausstatten als mit den Waffen diskursiver Argumentation.24
Eine Fundamentaltheologie, die nicht mehr die Kraft aufbringt zur systematisch-kritischen Reflexion einer Glaubenspraxis, die gegenüber Zweifeln und Kritik Rede und Antwort stehen kann, bleibt den Glaubenden etwas Entscheidendes schuldig. Kritische Nachdenklichkeit ist eine Maßnahme der Prophylaxe. Sie dient der Verhinderung von negativen Konsequenzen gedankenloser Praxis. Gerade angesichts der Herausforderungen der Gegenwart können sich Christen keine Glaubenspraxis leisten, die unbedacht oder kopflos vorgeht. Dabei ist es unumgänglich, dass der Glaube bei Zeiten zur Vernunft kommt. Vernunft ist dadurch definiert, dass es ihr um alles geht, „was recht ist“. Damit es auch in Glaubensangelegenheiten mit rechten Dingen zugeht, braucht es ein Optimum des Glaubens und ein Maximum an Vernunft. An beidem muss die Theologie gleichermaßen interessiert sein.
Allerdings erheben sich gegen ein solches Vorgehen bereits zu Anfang gravierende Einwände: Sind die Glaubwürdigkeit und die Verantwortbarkeit des Glaubens und seiner Vermittlung deckungsgleich? Kann man hier wirklich der Vernunft trauen? Welches Format von Rationalität verdient das in die Vernunft gesetzte Vertrauen? Ist nicht auch die Vernunft fehlbar? Kritische Beobachter, die weder Parteigänger der Vernunft noch Verteidiger des Glaubens sein müssen, stellen daher die Frage, ob die Emphase und das Pathos wirklich angebracht sind, mit der in der Fundamentaltheologie für eine vernunftkompatible Glaubenspraxis und -reflexion geworben wird. Sollte man vorab nicht auch alle Gründe in Betracht ziehen, die das Leistungsvermögen der Vernunft skeptisch beurteilen lassen?