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Kapitel 5 – Ein Unfall beim Essen
ОглавлениеVor dem Abendessen hatte Klars Zeit, sich mit Nami zu treffen. Sie hatte vor dem Schulgebäude schon auf ihn gewartet. Als er ihr entgegenkam, begrüßte sie ihn mit einem breiten Lächeln. »Hey, hab mich schon gefragt, was aus dir geworden ist,« sagte sie.
Klars informierte sie über seinen Küchendienst und die Zimmeraufteilung. Dann kam er zu seiner ersten Unterrichtsstunde: »Sie war anders, als ich es mir vorgestellt hatte, aber eigentlich auch nicht schlecht. Wir sollten die Magie des Zauberstabes spüren.«
Nami schaute ihn verständnislos an: »Hm, bei uns lief es etwas anders. Wir sollten unsere Kraft auf eine Glühbirne fokussieren und diese dann mithilfe unseres Stabes leuchten lassen. Wusstest du, dass es gar keine festen Sprüche gibt? Unsere Lehrerin meinte, dass viele Varianten möglich sind. Aber wir lernen trotzdem die Standardsprüche, die jeder Zauberstab umsetzen kann.« Erst später verstand Klars genau, was Namis Lehrerin damit eigentlich meinte: tatsächlich deckte es sich mit der Annahme von Mister Clüdo, dass ein Zauberstab nur verstanden werden muss, um ein guter Zauberer zu werden.
Nami erzählte Klars noch von ihren Zimmergenossen: »Wir sind nur zu viert. Aber die anderen drei sind richtig nett. Besonders Elizabeth Buretti. Sie ist ein richtiger Tiernarr und spricht andauernd von ihnen. Sobald wir die Bewährungszeit überstanden haben, dürfen wir auch eines an der Schule halten. Das ist total cool, oder? Marie Sinclair und Karin Amber sind auch ganz okay, sie haben sich die Zimmer mit Fenster ergattert, aber das ist eigentlich nicht so schlimm. Ich werde eh nicht so oft da drin sein.«
Nachdem sie sich noch eine Weile unterhalten hatten, gingen die beiden gemeinsam zur großen Halle. Diese fanden sie gleich wieder, schließlich hatte hier die Begrüßung stattgefunden. Jetzt aber standen dort viele kleine Tische. An jedem Tisch hatten etwa sechs Personen Platz.
Nun trennten sich die Wege der beiden wieder. Klars lief sofort zu Mako, welcher ihm von der anderen Seite aus winkte. Nami ging zu Elizabeth, die gleich neben dem Eingang hockte.
»Das ist also dein Bruder,« sagte sie, »er sieht nett aus. Wir können in den nächsten Tagen ja mal bei ihm hocken, wenn du willst? Muss eine Umstellung sein, plötzlich so wenig Kontakt zu ihm zu haben?«
Bei dem Thema Verlust wurde Nami traurig, sie musste an ihren Vater denken. Von einem Tag auf den anderen war er weg gewesen. Spurlos verschwunden. Sie konnte sich noch genau daran erinnern.
Es war ein Montag – ein Schultag gewesen. Sie hatten gemeinsam am Frühstückstisch gesessen und Toast gegessen. Es war ein fröhlicher und ausgelassener Morgen. Sie konnte sich noch an den letzten Moment erinnern, den sie mit ihm hatte. Bevor er zur Arbeit gefahren war – er arbeitete als Zauberer bei der Verbrechensaufklärung – hatte er sie an der Haustür umarmt und dann geflüstert: »Hab einen schönen Tag, mein Wirbelwind.«
Die Verabschiedung war eine kleine Tradition geworden. Sie hatte ihm einen Kuss auf die Wange gegeben und war dann wieder zurück in die Küche gegangen. Das war´s. Nach der Arbeit war er in sein Auto gestiegen und dann für immer verschwunden. Das Auto konnte im Nachhinein geortet werden. Es war zwei Straßen von der Arbeit entfernt geparkt. Doch keine Spur von ihrem Vater. Er war ein angesehener Zauberer gewesen, hatte viele Verbrechen aufgeklärt und war auch bei den Nichtmagiern beliebt. Deswegen war es in den ersten Wochen auch in allen Schlagzeilen. Doch heute – Monate später – interessierte sich kaum noch jemand für die Story.
Nami wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen. Elizabeth schnippte vor ihren Augen. »Nami, alles gut bei dir? Du weinst ja.« Sie hatte die Tränen gar nicht bemerkt. Schnell wischte sie diese weg. Mittlerweile hatten sich Marie und Karin zu ihnen gesetzt und beobachteten sie mit neugierigen Blicken. Nami war die Situation vollkommen peinlich, deshalb versuchte sie die anderen abzulenken: »Und seid ihr auch schon auf das Essen gespannt? Am Ende gibt es nur Erbseneintopf.«
Karin und Elizabeth waren taktvoll genug darauf einzugehen. Karin stöhnte als Antwort und meinte grinsend: »Erbseneintopf, nein danke.«
Marie hingegen beäugte Nami weiterhin misstrauisch. Doch Nami störte sich nicht mehr daran. Zu interessant war die neue Umgebung. Sie schaute sich um und betrachtete die älteren Schüler, die bereits die Schuluniform trugen. Sie bestand zum einen aus einer dunklen Hose, welche es in mehreren Farben gab, auch wenn sich diese nur um Nuancen von Schwarz unterschieden. Als Oberteil fungierte zum anderen ein dunkles Hemd, über das ein Jackett getragen wurde. Auf diesem war auf Brusthöhe das Schulemblem zu sehen. Die Jungen mussten an wichtigen Tagen zusätzlich eine Krawatte tragen. Die Jackettfarbe untermauerte den Zauberrang. Die Jahrgangsstufen setzten sich zwar aus dem Alter der Schüler zusammen, so gehörten alle Gleichaltrigen in die selbe Schulstufe. Aber trotzdem wurden je nach Könnenslevel verschiedene Farben verteilt, da der Zauberunterricht nicht nach Jahrgangsstufen, sondern nach dem Rang unterrichtet wurde.
Es gab sieben Stufen. Die Anfänger bekamen schwarz und dann kamen in aufsteigender Reihenfolge: grün, gelb, grau, blau, lila, weinrot. Dabei konnte es auch passieren, dass jemand in der vierten Jahrgangsstufe war, aber immer noch in der ersten Zauberstufe oder jemand in der zweiten Jahrgangsstufe schon ein blaues Jackett trug, was jedoch sehr unwahrscheinlich war. Nami war erstaunt, wie wenige ein rotes Jackett trugen. Sie sah nur zwei Jugendliche mit einem. Und diese benahmen sich, als wären sie die Größten. Sie hatte beobachtet, wie diese Erstklässler von einem Tisch in der Mitte verscheucht hatten und nun bekamen sie auch noch das Essen zuerst.
Sie bekam mit, wie Karin sich darüber beschwerte, doch Marie erklärte sofort: »Das ist so Tradition, die Besten bekommen immer als erste das Essen. Gleich gibt es auch was für uns.«
Und so war es dann auch. Mehrere Männer in Anzügen, mit einem schwarzen Umhang bekleidet, traten herein und brachten das Essen herbei. Und es sah köstlich aus: ein großes Stück Schweinebraten mit brauner Soße und zwei Serviettenknödeln mit Blaukraut und Eisbergsalat. Jeder bekam eine große Portion und zum Trinken hatte man die Auswahl zwischen vielen Getränken, die auf der Tischmitte standen. Nami entschied sich für einen Zauberpunsch. Ein purpurfarbenes Getränk, das cremig war und nach einer Mischung aus Erdbeeren und Himbeeren schmeckte.
Elizabeth zeigte plötzlich hoch und sagte mit vollem Mund: »Seht mal nach oben, habt ihr das schon gesehen? Da ist ja eine Galerie, wo kommt die denn her? Bei der Begrüßung, war die noch nicht da.«
Sie hatte recht, auf der anderen Seite war eine Galerie, auf der Nami die Lehrer erkannte, die sie an diesem Tag kennengelernt hatte. Doch sie brauchte nicht lange warten, Marie war wieder zur Stelle: »Ihr wisst wirklich wenig über diese Schule. Die Galerie ist ausfahrbar, sie wird durch einen magischen Mechanismus gehalten. Bietet mehr Platz, wenn sie nicht durch Säulen gestützt werden muss. Dafür hält der Zauber aber nicht so lang. Nur etwa fünf Stunden, weshalb sie immer eingefahren wird.«
Nami betrachtete noch eine Weile die Galerie. Sie hatte ein goldenes Geländer, welches sehr edel aussah. Auf ihr entdeckte sie Miss Lemonstein, ihre Zauberlehrerin. Auch von einer so weiten Entfernung konnte sie ihr spitzes Kinn und ihre markanten Wangenknochen erkennen. Die Lehrkräfte saßen je zu dritt an runden Tischen und schauten hin und wieder streng nach unten.
Namis Aufmerksamkeit wurde jäh auf Karin gezogen. Diese hatte gerade ihren Teller leer gegessen und im selben Augenblick stand ein Ober neben ihr und fragte, ob sie noch etwas haben wolle. Er kam so aus dem Nichts, dass Karin vor Schreck einen leisen Schrei von sich gab. Nami musste lachen, während Karin stotterte: »Nein, danke. Das war genug.«
Marie war offensichtlich genervt, denn sie flüsterte ernst: »Ihr erregt die komplette Aufmerksamkeit. Seid bitte etwas ruhiger.«
Und tatsächlich: Alle Augen waren auf sie gerichtet, sogar die der roten Jackett-Träger. Dies war ein einschneidendes Erlebnis für Nami, denn zum ersten Mal spürte sie dieses Kribbeln in ihrer linken Hand. Es war ein warmes, loderndes Gefühl. Ein Gefühl, das nach ihren Zauberkräften rief. Sie hörte nichts anderes mehr als ihren Herzschlag, alles wurde ausgeblendet, nur diese Wut war da. Die Wut auf Marie, die sie nervte, aber auch Wut auf sich selbst. In diesem Moment wollte sie einfach alles um sich herum verschwinden lassen. Vielleicht hätte sie es auch versucht, wäre da nicht Elizabeth gewesen. Sie legte ihre Hand auf Namis linke und flüsterte so leise, dass es niemand anderes hören konnte: »Nicht hier.«
Dieser Satz riss sie aus dem tranceähnlichen Zustand. Sie hörte wieder die lauten Gespräche der anderen Schüler, welche ihre Blicke dem Essen zugewandt hatten. Nur Marie und Karin betrachteten sie mit großen Augen.
War sie so lange weggetreten gewesen? Aber etwas sagte ihr, dass es was anderes war, das die beiden erschreckt hatte. Doch zu ihrem Glück gab es jetzt die Nachspeise: Vanillecreme mit frischen Erdbeeren. Karin jubelte: »Das Essen ist wirklich toll und wisst ihr, was ich gehört habe? Wenn man es vorher anmeldet, dann gibt es auch vegetarische Alternativen. Ich selbst liebe ja Fleisch, aber du, Elizabeth, meintest doch vorher, dass du nicht immer so ein Fan davon bist.«
Elizabeth nickte nur. Sie war in Gedanken versunken.