Читать книгу Der Lotuskrieg 2 - Kinslayer - Jay Kristoff - Страница 18
3 DER ERSTE UND EINZIGE GRUND
ОглавлениеYukiko träumte von brennenden Kriegsschiffen.
Einem goldenen Thron und einem Jungen mit meergrünen Augen.
Er lächelte sie an.
Am Tag war sie ständig in Bewegung. Besuchte Kin in der Krankenstube. Sprach vor dem Rat der Kage über die Schlacht mit den Himmelsschiffen. Diskutierte Hiros bevorstehende Heirat. Und die Vögel, die sich an den Wänden ihrer Hütte die Schädel eingeschlagen hatten? Immer wieder versicherte sie halbherzig, dass alles in Ordnung sei. Wich den ungläubigen Blicken aus.
Ihre Kopfschmerzen wurden zusehends schlimmer. Die Gedanken der Waldtiere schienen immer näher an das Dorf heran zu kriechen, unzählige Splitter, die sich in ihre Schläfen bohrten. Doch nachts konnte sie etwas dagegen tun. Nachts trank sie Sake und betäubte den Lärm: Es war, als zöge ihr jemand einen Knüppel über den Kopf und raubte ihr dankenswerterweise die Sinne. Jeder brennende Schluck tauchte sie tiefer in ein Meer gnädiger, samtener Stille.
Dann saß sie mit der Flasche in den Händen da und kämpfte gegen den Impuls, sie gegen die Wand zu schleudern. Sie wollte sehen, wie sie in tausend Scherben zersprang. Etwas zerstören, das nicht gekittet werden konnte.
Etwas zunichtemachen.
Buruus Sorge war ein ständiges weißes Rauschen in ihrem Kopf. Jeden Morgen sah er ihr dabei zu, wie sie sich übergab, schien sie jedoch nicht zu verachten.
Am dritten Tag nach ihrer Rückkehr ins Dorf kroch sie im unerträglich grellen Morgenlicht aus dem Bett. Der Schmerz erwartete sie wie ein alter Freund, der sich noch im Hintergrund hielt, aber bereits die Arme ausgebreitet hatte. Alkoholreste schwappten in ihrem leeren Magen herum, die Krallen ihres gewaltigen Katers bohrten sich tief in ihren Schädel. Beim Frühstück mit den anderen Dörflern wich sie Daichis aufmerksamem Blick aus und schluckte Galle wie Medizin. Erst gegen Mittag schaffte sie es in die Krankenstube. Dort fragte sie die alte Mari, ob es Kin gut genug gehe, um einen Spaziergang mit ihr zu machen.
Viel zu lange schon hatte sie diesen Besuch vor sich hergeschoben.
Der Friedhof war auf einer stillen Lichtung angelegt worden. Uralte Sicheltannen standen Wache. Überall glühten die Lebensfunken winziger Geschöpfe. Buruus Hitze und sein Herzschlag neben ihr waren so überwältigend, dass ihr beinahe wieder schlecht wurde. Den Wald sah sie nur verschwommen. Ihre Augenlider schienen aus Sand zu bestehen. Spitzhacken bohrten sich in ihren pochenden Schädel. Sie erinnerte sich daran, wie Daichi ihre Tätowierung weggebrannt und der Sake den Schmerz verwaschen hatte – Empfindungen, die ins Vergessen abglitten. Sie erinnerte sich an ihren Vater, der seine eigene Gabe in Rauch erstickt und in Alkohol ertränkt hatte.
Ich will das Zeug gar nicht. Ein Seufzen. Aber ich brauche es.
Sie blickte auf den Grabstein zu ihren Füßen hinab. Sein Name war hineingemeißelt.
Ich glaube, ich verstehe dich von Tag zu Tag besser, Vater.
Ihr Mund war trocken, und ihre Zunge fühlte sich wie ein Klumpen Asche an. Unermüdlich flackerte das Gespür in ihrem Geist. Ein Bild hatte sich ihr eingebrannt: Dutzende kleine Tiere lagen verstümmelt und tot um den Baum herum, dessen Zweige ihre Schlafhütte trugen. Der Wind seufzte im verblassenden Laub. Raijin, der Donnergott, schlug auf seine Trommeln und übertönte den sanften Regen. Weihrauch brannte im Schrein; dünne Rauchfäden stiegen zum Himmel auf.
»Möchtest du darüber sprechen?«
Kin stand ein paar Schritte entfernt. Seine intelligenten Augen blickten in ihre. An seinen Wimpern hingen Regentropfen. Er trug Grau, und seine Füße und der verletzte Arm waren in frische Verbände gewickelt. Auf Kinn und Hals waren noch die verblassenden Brandnarben zu sehen. Die Flucht aus Kigen hatte ihren Tribut gefordert: Er war schmaler und kantiger als früher. Auf seinem einstmals kahlen Schädel wuchsen dunkle Haarstoppeln. Seine Tunika hatte kurze Ärmel, und sie sah, dass seine Muskeln sich deutlich unter der gebräunten Haut abzeichneten. An der Innenseite seiner Arme saßen jene merkwürdigen Bajonettverschlüsse aus Metall. Sie musste daran denken, wie sie ihn aus seinem Atmos-Panzer geholt hatte, an die schwarzen, sich windenden Schläuche, die sie hatte abstöpseln müssen. Wie klaffende, hungrige Mäuler hatten die Bajonettverschlüsse ausgesehen. Von seinem Panzer war nur der Werkzeuggürtel aus Messing übrig. Er hatte ihn mit einem Sammelsurium von Arbeitsgeräten und Instrumenten vollgestopft und um die Taille geschnallt – die einzige Erinnerung an die Metallhaut, die er den größten Teil seines Lebens über getragen hatte.
»Nein«, sagte sie. »Aber danke.«
»Dein Vater hat dich geliebt, Yukiko. Und er wusste auch, dass du ihn liebst.«
»Das bringt ihn nicht zurück.«
»Das stimmt. Aber sein Tod muss nicht bedeutungslos gewesen sein.«
»Ich hab doch gesagt, dass ich nicht darüber reden will, Kin. Bitte.«
Er kaute auf seiner Unterlippe herum und blickte zu Boden. »Du wirkst … irgendwie verändert. Was du gestern mit diesen Schiffen gemacht hast …«
»Darüber möchte ich eigentlich auch nicht reden.«
Sie kniete sich neben das Grab und grub die Finger in die Erde. Dunkle Erde, blasse Haut. Anstelle der Tränen, die sie hätte vergießen sollen, lief ihr der Regen über die Wangen. Sie sah Yoritomos Gesicht, die Augen über dem Eisenwerfer verengt. Hörte seine Stimme in ihrem Kopf.
Du besitzt nur, was ich dir zu besitzen gestatte. Du bist nur, was ich dir zu sein gestatte!
Sie ballte die Hände zu Fäusten und kniff die Augen fest zusammen. So stand sie auf, das Gesicht dem Himmel zugewandt, doch der kühle Regen brachte keine Linderung. Buruu streckte die Flügel aus und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Seine Gedanken waren so laut, dass sie zusammenfuhr.
DU MUSST IHN GEHEN LASSEN, YUKIKO.
Ich kann nicht einfach vergessen, was geschehen ist, Buruu.
ICH SPÜRE DEN ZORN IN DIR. ER WÄCHST JEDEN TAG. WENN DU ES ZULÄSST, WIRD ER ALLES UM DICH HERUM ZU ASCHE VERBRENNEN. ALLES.
Soll ich stattdessen weinen? Schluchzend nach meinem Vater rufen wie ein verängstigtes kleines Mädchen?
ES BRAUCHT MUT, SICH ZU VERABSCHIEDEN. ANZUBLICKEN, WAS MAN VERLOREN HAT, UND ZU WISSEN, DASS MAN ES NIE ZURÜCKBEKOMMT. MANCHE TRÄNEN SIND WIE GESCHMIEDETES EISEN.
Sie starrte das Grab an und seufzte wie der Wind in den Zweigen. »Hiro lebt noch.«
Kins Augen weiteten sich. »Wie bitte?«, flüsterte er.
»Die Gilde unterstützt ihn, sie will, dass er Daimyō des Tora-Clans wird. Er soll die Herrin Aisha heiraten. Den Thron des Shōgun beanspruchen. Wir müssen ihn aufhalten.«
»Hiro.« Kin schluckte. »Als Shōgun …«
Sie sah ihn vor sich, den Jungen mit den meergrünen Augen. Wie ihr Herz geflattert hatte, wenn er sie angelächelt hatte! Süße Worte hatte er ihr ins Ohr geflüstert, wenn sie dicht beieinander gelegen hatten. Er war der Erste gewesen, mit dem sie je zusammen gewesen war; er hatte sie berührt wie niemand zuvor. Hatte sie an sich gedrückt, einen Arm um ihre nackten Schultern geschlungen – jenen Arm, den sie ihm abgerissen hatten. Ungläubig hatten seine schönen Augen zu ihr aufgeblickt, als sie ihn auf den Steinboden gebettet hatte, ihr Tantō zwischen seinen Rippen.
Hätte sie es nur herumgedreht.
Hätte sie es nur herausgezogen und ihm damit die Kehle aufgeschnitten …
»Liebst du ihn noch?«
Yukiko blinzelte überrascht. Kin betrachtete sie, die Augen im Schatten, und fummelte unbewusst an dem metallenen Anschluss an seinem Handgelenk herum. Sie fühlte sich auf die Donnerkind zurückversetzt, wo sie sich zum ersten Mal begegnet waren. In einer Nacht hatten sie nebeneinander am Bug gestanden, der Sturm hatte das Schiff geschüttelt, und der Regen hatte ihre Furcht fortgewaschen.
»Hiro?«
»Hiro.«
»Natürlich nicht, Kin. Ich dachte, ich hätte den Dreckskerl umgebracht. Ich wollte, ich hätte ihn umgebracht.«
»Ich …« Seine Finger zuckten, und er schob seine Hände in seinen Werkzeuggürtel. Er scharrte in den gefallenen Blättern zu seinen Füßen. »Vergiss es. Ist nicht wichtig.«
Yukiko seufzte ungeduldig. Die Kopfschmerzen wurden schlimmer, der Pulsschlag der vielen Lebewesen um sie herum krachte wie Donner in ihren Ohren. Sie war durchnässt. Fühlte sich elend. Und er wollte Spielchen spielen?
»Kin, verdammt noch mal, sag, was du meinst!«
»Ich hab Angst, mich wie ein Volltrottel anzuhören. Ich bin so schlecht in solchen Sachen.« Er machte eine Geste, die den ganzen Friedhof einschloss. »Und ich glaube, dies ist auch nicht der richtige Ort für ein solches Gespräch …«
»Bei Izanagis Klöten, was für ein Gespräch?«
Er biss sich auf die Unterlippe und schaute ihr in die Augen. Sie konnte beinahe sehen, wie die Worte in seiner Kehle aufstiegen, eine Flut, die immer stärker anschwoll und schließlich über die Kaimauer hinwegschwappte.
»Auf dem Weg hierher … Wenn man so weit zu gehen hat, bleibt einem viel Zeit, um darüber nachzudenken, was einem wirklich wichtig ist. Und mir ist klar, dass jetzt alle viel von dir erwarten. Dieser Krieg ist noch nicht vorbei, das weiß ich. Aber ich weiß nicht, wie das alles eigentlich funktioniert, ich meine … Ich hab mein ganzes Leben in der Gilde verbracht. Ich weiß nicht, was … was zwischen Männern und Frauen passiert …«
Yukiko hob eine Augenbraue.
»Ich meine, ich weiß natürlich, was passiert«, fügte Kin hastig hinzu. »Ich meine, ich weiß, was wo hingehört … Und dass Blumen eine Rolle spielen, und Poesie gehört auch irgendwie dazu, aber …«
Yukiko presste die Lippen aufeinander. Sie bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken – es wäre ihr wie Verrat vorgekommen. Ihr wurde leichter ums Herz, und sie konnte ein wenig besser atmen. Die Naivität der Sache. Das bezaubernde, ungeschickte Stolpern. Die Schönheit.
Sie erinnerte sich daran.
Der Junge strich sich über die Haarstoppeln und blickte hilfesuchend zum Himmel auf. »Ich hab dir ja gesagt, dass ich mich wie ein Trottel anhören würde …«
»Tust du nicht.«
DOCH, DAS TUT ER.
Sei still, Buruu.
DAS IST EIN VORGESCHMACK MEINER HÖLLE, DAS SCHWÖRE ICH. WENN ICH STERBE UND FÜR MEINE SÜNDEN SÜHNEN MUSS, IST DIES MEINE FOLTER: UMGEBEN ZU SEIN VON EINEM MEER SCHWÄRMERISCHER HALBWÜCHSIGER AFFENJUNGEN, DIE SICH IN PFÜTZEN IHRES EIGENEN SPEICHELS SUHLEN.
Sie verlor den Kampf gegen das Lächeln.
Kins Blick war sanft und hoffnungsvoll. Für diese Hoffnung hatte er alles aufgegeben: seine Familie, seine Gilde, seine Lebensweise. Diese Hoffnung hatte ihn veranlasst, Buruu ein Paar mechanische Schwingen zum Geschenk zu machen. Er hatte sie beide befreit. Ohne ihn wäre Buruu noch immer Yoritomos Sklave. Und sie wäre wahrscheinlich tot. Was hatte es ihn gekostet, sich von allem abzuwenden, was er je gekannt hatte? Den Panzer abzulegen, den er sein ganzes Leben lang getragen hatte, und den ganzen langen Weg hierher zu wandern, um sie zu finden? Hoffnung allein hatte ihn nicht hergebracht.
Mut.
»Ich will nur, dass du weißt …«
Stärke.
»… ich habe dich vermisst.«
Liebe?
Yukiko krauste die Stirn und setzte an, etwas zu sagen. Sie fühlte sich, als sei sie auf der Stelle erstarrt. Ihr Magen flatterte nervös, das Herz hämmerte ihr in der Brust. Das Rauschen in ihren Ohren war wie ein Echo des Sturms.
Buruu schnaubte leise und machte sich in den Wald davon.
»Kin, ich …«
»Das ist schon in Ordnung. Es ist ja nicht Vorschrift, dass du genauso fühlen musst.«
Sie zögerte. Schluckte. »Ich hab gar keine Ahnung, was ich fühle. Ich hatte bisher nicht mal Zeit, darüber nachzudenken.«
»Würdest du etwas für mich empfinden, wüsstest du es. Dann müsstest du nicht darüber nachdenken.«
»Kin, der letzte Mensch, von dem ich dachte, ich würde ihn lieben, wollte mich umbringen!« Die Worte schmeckten nach Kupfer – das Blut einer alten Wunde, die wieder aufbrach. Der erste Junge, den sie je geliebt hatte. Der erste, mit dem sie jemals …
»Ich würde dich nie verletzen«, sagte er. »Dich nie verraten. Nie.«
»Das weiß ich.«
»Verzeih mir. Ich wollte dich nicht unter Druck setzen. Ich wollte nur … Ich wollte es dir nur sagen.«
»Du bedeutest mir viel.« Sie ergriff seine Hände und sah ihn hartnäckig an, bis er endlich ihren Blick erwiderte. »Wirklich, Kin. Ich hab mir große Sorgen um dich gemacht. Wir haben nach dir gesucht, wann wir nur konnten. Und dass du jetzt hier bist … Ich kann wieder besser atmen. Du weißt ja gar nicht, wie sehr mir das hilft.«
»Doch, ich weiß es.« Er drückte ihre Hände so fest, dass es wehtat. »Du bedeutest mir alles. Was ich auch getan habe … Alles. Du bist der Grund dafür. Der erste und einzige Grund.«
Um sie herum wogte und rauschte der Wald. Sie standen dicht beisammen, die Finger ineinander verschränkt. Sie spürte seine Wärme durch die regennassen Kleider und die Stärke seiner Hände. Er strich mit den Daumen über ihre Fingerknöchel, und eine leise Stimme in ihr flüsterte, dass er weitermachen solle. Dass sie wieder spüren wollte, wie ein warmer Leib sich gegen ihren drängte. Etwas anderes fühlen als den Schmerz und den Hass, die in ihr wucherten wie Krebsgeschwüre. Schmetterlinge stoben in ihrem Bauch durcheinander, ihr Mund war trocken, ihre Handflächen feucht. Seine Lippen waren leicht geöffnet, er atmete flach, Wasser perlte auf seiner Haut. Kaum merklich lehnte er sich ihr entgegen, und da vergaß sie ihre Unsicherheit. Überließ sie dem sanften Regen. Der Lärm der Welt schien weit, weit fort zu sein.
Sie schloss die Augen und hob das Gesicht.
Seine Lippen waren weich, sein Kuss eine federzarte Berührung, sanft wie fallende Blütenblätter. Ein Feuer loderte hell in ihr auf. Er war auf bezaubernde Weise ungeschickt, seine Hände flatterten wie verletzte Vögel. Beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren, als sie sich an ihn schmiegte. Sein Herz schlug gegen ihre Brust. Sein Mund öffnete sich, und er atmete ihre Seufzer ein. Ihr Körper erwachte aus traumlosem Schlaf; ihr war, als tanzten Sonnenstrahlen über ihre nackte Haut. Das erste Mal seit Wochen fühlte sie etwas.
Fühlte sich lebendig.
Sie fing seine Hände, legte sie auf ihre Hüften, spürte Sehnen unter ihren Fingerspitzen. Etwas regte sich in ihr, ein hungriges Raubtier, geboren aus Blitzen und blendendem Regen. Es wollte die Fingernägel in Kins Haut graben, ihm in die Unterlippe beißen. Ihr Herzschlag war Donnerhall, ihr Blut eine Flutwelle, die Befangenheit, die Wut, die Stimmen des Waldes, alles wurde endlich still …
»Sturmtänzerin!«
Der Schrei klang schrill, drängend, und zerbrach den Augenblick in eintausend glitzernde Scherben. Yukiko löste sich von Kin, blinzelte heftig und rang darum, ihren Atem zu beruhigen. Jemand kam über den Teppich aus gefallenen Blättern auf sie zugerannt.
»Sturmtänzerin!«
Ein junger Mann kam auf den Friedhof gestürzt und rutschte in seiner Eile beinahe aus. Er war rot angelaufen. Vor ihr blieb er stehen, beugte sich keuchend vor und wischte sich den Schweiß aus den Augen. Er war ein paar Jahre älter als sie, stämmig, hatte einen schiefen Unterkiefer und ein wulstiges Gesicht – als hätte jemand versucht, es ihm einzuschlagen, als er noch ein Kind gewesen war.
»Takeshi?« Yukiko legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter. »Was ist los?«
Er schüttelte den Kopf, die Hände auf die Knie gestützt, und schnappte wie ein gestrandeter Fisch nach Luft. Es dauerte seine Zeit, bis er sprechen konnte. Er sah aus, als sei er vor der dunklen Mutter selbst davongelaufen.
»Späher auf dem westlichen Berghang … Eine der Fallgruben …«
Yukikos Magen verkrampfte sich. Als hätte sie ihn gerufen, brach Buruu in einem Regen aus Herbstblättern aus dem Unterholz, das Gefieder gesträubt. Elektrizität knisterte in der Luft. Die Pupillen des Arashitora waren geweitet, seine Iriden schmale Ringe schimmernden Bernsteins. Vom westlichen Hang war es nicht mehr weit zum schwarzen Tempel – dort hatten Buruu und sie im Sommer gegen eine Horde Oni gekämpft. Wenn die Höllendämonen in der Nähe der Fallgruben herumschnüffelten, bedeutete das, dass sie sich näher an das Dorf heranschlichen. Und wenn bloß eins der Kinder der dunklen Mutter in die unteren Wälder gelangte …
»Ihr Götter, ist euch ein Oni in die Falle gegangen?«, fragte Yukiko.
»Nein, viel schlimmer.« Takeshi spuckte auf die welken Blätter zu seinen Füßen. »Noch ein Gildenmann!«
Den ganzen Flug über war sie sich der Tatsache bewusst, dass Kin die Arme um ihre Taille geschlungen hatte. Warm kitzelte sein Atem sie im Nacken. Ihr Kopfschmerz kehrte zurück wie ein treuer Hund. Glassplitter schienen in ihrem Hinterkopf gegeneinander zu reiben.
Sie klammerte sich an Buruus Hals und versuchte, nicht weiter darauf zu achten, wie Kins Hände ihre Hüften streiften, wie seine Brustmuskeln arbeiteten, wenn er sich auch nur das kleinste bisschen bewegte. Sie schob die Finger zwischen die Federn des Arashitora und tastete nach der Wärme seines Geistes, obwohl der immer scharfkantiger und heller zu werden schien.
Du bist ungewöhnlich still.
IM HINBLICK AUF WAS?
Na, komm schon, zier dich nicht.
ICH, MICH ZIEREN? DAS WIRFST DU MIR VOR, NACHDEM DU DEM JUNGEN GESAGT HAST, DU WÜSSTEST NICHT, WIE DU ZU IHM STEHST, NUR UM DICH IHM EINE SEKUNDE SPÄTER AN DEN HALS ZU WERFEN?
Ich … Mit ihm fühle ich etwas, Buruu. Ich glaube, das brauche ich jetzt.
HMMMM.
Na, dann leg mal los. Red es dir von der Seele.
Der Donnertiger schnaubte und schlug einen Bogen um eine Gruppe ineinander verschlungener Sicheltannen. Kleine Blitze zuckten über seine Flügelspitzen. Sie hörte ihn grummeln – er war so laut wie der Sturm, der sich am Himmel zusammenbraute, und so stur wie die Berge. Beinahe konnte sie Pfeifenrauch riechen, so sehr erinnerte er sie an ihren Vater. Sie dachte an die arrogante, stolze und zornige Bestie zurück, mit der sie durch die Iishis gewandert war. Damals war Buruu ein wildes Tier gewesen. Klug, das ja, aber eher von Instinkten geleitet als von bewussten Gedanken. Jetzt besaß er einen listigen Verstand und die menschliche Fähigkeit, die Dinge zu bewerten. Und wie es ihn drängte zu sagen, was er zu sagen hatte! Schließlich konnte er sich nicht länger zurückhalten.
ICH VERSTEHE EURE ART NICHT! DAS ARASHITORA-WEIBCHEN SUCHT SICH DAS MÄNNCHEN MIT DEN STÄRKSTEN FLÜGELN UND DEN SCHÄRFSTEN KLAUEN AUS. DAS MÄNNCHEN HAT KEIN MITSPRACHERECHT. ES WITTERT DAS WEIBCHEN UND FOLGT SKLAVISCH SEINEN INSTINKTEN.
Das hört sich nicht so an, als sei es besonders schön.
SCHÖN! ES IST EINFACH. IHR MENSCHEN MIT EUREM GESEUFZE. STÄNDIG MÜSST IHR EUCH DIE ZUNGEN IN DIE HÄLSE STECKEN. EURE PAARUNG IST UNNÖTIG KOMPLIZIERT, UND NIEMAND KANN VERSTEHEN, WIESO EIGENTLICH.
Götter, bitte, verwende nicht dieses Wort!
DIE ALTERNATIVEN SIND WENIGER HÖFLICH.
Ach, ich vergaß: Etikette ist dir ja immer so wichtig.
Der Donnertiger brummte missbilligend und sank etwas ab, sodass sein Bauch das Blätterdach streifte. Es fing wieder an zu regnen.
ERKLÄR MIR EINS. IHR KNAUTSCHT EURE GESICHTER GEGENEINANDER …
Wir küssen einander.
ES DRÜCKT ZUNEIGUNG AUS.
Ja.
UND DIE SACHE MIT DEN ZUNGEN?
Wie bitte?
WELCHEM ZWECK SOLL DAS DIENEN?
Woher im Namen aller Götter weißt du denn …
SCHWESTER, DU HAST DEN GANZEN WALD MIT DEINEN GEDANKEN ÜBERFLUTET. ES WAR, ALS SEI DER FRÜHLING AUSGEBROCHEN. EINE UNGEBREMSTE WOGE PUBERTÄRER WOLLUST HAT ALLES ÜBERSCHWEMMT …
Götter! Wirklich?
BESONDERS DIE AFFEN WIRKTEN … AUFGEREGT.
Yukiko drückte die Fäuste gegen die Schläfen und warf Kin über die Schulter hinweg einen raschen Blick zu.
HM, VIELLEICHT IST AUFGEREGT NICHT DAS RICHTIGE WORT …
Danke, Buruu, ich verstehe schon.
STIMULIERT?
Buruu …
VIELLEICHT: VOR INSPIRATION EIN WENIG … ANGESCHWOLLEN?
Oh, GÖTTER, hör auf!
Die Kronen der Bäume teilten sich wie Wellen, als sie durch das Laub tauchten. Hinter ihnen regneten grüne Blätter zur Erde hinab. Abgeschirmt vom grellen Licht des Tages, streifte Yukiko ihre Schutzbrille ab und fuhr sich mit den Händen über die Augen.
Und du hast mich wirklich gehört?
KLAR UND DEUTLICH WIE DEN DONNER. UND DEINE GEFÜHLE … ES WAR, ALS SEIEN ES MEINE EIGENEN.
Sie kaute auf ihrer Unterlippe, während sie der schwachen Kakofonie am Rande ihres Bewusstseins lauschte. Das Gespür hat sich verändert, Buruu. Deine Gedanken sind so laut geworden … Und wenn ich mich darauf konzentriere, höre ich Tiere, die kilometerweit weg sind. Alle Tiere. Gleichzeitig. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm.
DEIN VATER HAT NIE SO ETWAS ERWÄHNT?
Er hat mir ja nicht mal erzählt, dass er die Gabe hatte. Aber er hat sie immerzu betäubt … Mit Alkohol oder Lotusrauch. Vielleicht aus eben diesem Grund? Vielleicht wird das Gespür stärker, je älter man wird? Oder vielleicht habe ich in meinem Geist etwas kaputt gemacht, als ich Yoritomos Geist erstickt habe?
Sie seufzte und strich mit den Fingern durch sein Gefieder.
Ich hab keine Ahnung, Bruder.
Sie umrundeten ein paar Mädchenhaarbäume, die eng beisammenstanden, die Äste miteinander verknotet, die Fächerblätter schwer von Regen. Es roch nach Grünfäule, nach Herbst und Ozon. Irgendwo in der Ferne grollte Donner, als seien die Wolken gepanzerte Kriegsschiffe, die brennend zerbrachen und vom Himmel stürzten. Yukiko hörte die Echos erstorbener Schreie, schwach und metallen, in ihrem Kopf widerhallen. Die Schwüle war unerträglich. Ihr ganzer Körper schmerzte. Ihr Schweiß vermischte sich mit dem Regen und brannte ihr in den Augenwinkeln.
»Da sind sie«, sagte Kin.
Zwei Jungen in ihrem Alter standen am Rand einer Fallgrube. Buruu breitete seine Flügel weit aus und kreuzte über sie hinweg. So geschickt er konnte, landete er auf dem unebenen Grund. Yukiko und Kin ließen sich von seinem Rücken gleiten und bahnten sich ihren Weg durch ein Gewirr aus Wurzeln und kniehohem Gestrüpp, das sie mit grünen Klauenfingern festzuhalten suchte. Buruu stolzierte hinter ihnen her, den Schwanz lang ausgestreckt.
Als Yukiko die beiden Jungen erkannte, stöhnte sie innerlich: Es waren Isao und Atsushi. Isao trug das lange dunkle Haar zu einem Knoten gebunden, hatte kantige Gesichtszüge und ein wenig Flaum am Kinn, zu weich, um als Bartstoppeln durchzugehen. Atsushi war klein und drahtig, hatte lange, schlanke Finger und viele kleine Zöpfe. Er stützte sich auf den Schaft eines langen Speers mit einschneidiger, gekrümmter Klinge am oberen Ende.
Beide Jungen bedeckten eine Faust mit der flachen Hand und verneigten sich.
»Hallo, die Herren«, sagte sie. »Wie ungewöhnlich, euch so weit draußen über den Weg zu laufen.«
»Wir waren auf Kundschaft, Sturmtänzerin«, sagte Isao.
»Hm. Kundschaftet ihr nicht normalerweise durch ein Loch in der Wand des Badehauses?«
Die beiden Jungen sahen einander an. Dann warfen sie einen verstohlenen Blick auf Buruus Klauenfüße. Der Donnertiger knurrte tief und fixierte sie, aber sein Gelächter in Yukikos Geist war warm.
DU BIST UNBARMHERZIG.
Das muss ich sein! Sie haben mich nackt gesehen.
HAST DU VOR, SIE AUF EWIG ZU QUÄLEN?
Ein paar Jahre noch, dann lasse ich es gut sein.
»Wir ha-haben nach Oni Ausschau gehalten«, stammelte Atsushi. »Wie Daichi-sama gesagt hat. Weiter unten am Hang sind Dämonen gesehen worden. Ihre Zahl wächst wieder.«
»Sie hassen uns«, sagte Isao. »Die Dämonenbrut der Sängerin des letzten Liedes schläft nicht, Sturmtänzerin.«
»Warum nennt ihr sie so?« Kin runzelte die Stirn. »Sie hat einen Namen.«
Isao trommelte mit den Fingern auf seinen Streitkolben. Die Waffe war aus solidem Eichenholz, der Griff mit abgewetzten Lederstreifen umwickelt. Am Ende saßen stumpfe eiserne Erhebungen. Zwar streifte Isaos Blick Kin, er würdigte ihn jedoch keiner Antwort. Atsushi schaute weiter Yukiko an, als hätte Kin gar nichts gesagt.
Yukiko sah zur Fallgrube hinüber. Das Loch war etwa sechs Kubikmeter groß: Ein Oni hätte durchaus hineingepasst. Sie war mit Ästen und Blättern abgedeckt gewesen – unsichtbar für jeden, der die unauffälligen Warnzeichen um die Grube herum nicht deuten konnte. Wenn man von dem Loch in dem Geflecht aus Zweigen ausging, war nichts Größeres hindurchgebrochen als ein Mann.
»Wir haben ihn vor einer Stunde gefunden.« Isao deutete mit seinem Streitkolben auf die Fallgrube. »Er muss letzte Nacht reingefallen sein. Die Spur kommt aus dem Süden.«
»Habt ihr mit ihm gesprochen?«
Isao schüttelte den Kopf. »Nein. Wir haben gesehen, dass er wie ein Gildenmann aussieht, und gleich Takeshi losgeschickt, damit er Daichi-sama und dich holt. Ich rede nicht mit irgendwelchen dreckigen Lotusmännern. Die sind Abschaum.«
Yukiko sah, wie der Junge Kin einen kurzen, giftigen Blick zuwarf.
Wie hat er uns gefunden?
VIELLEICHT KÖNNTEST DU DEINE ZUNGE ZUR ABWECHSLUNG MAL SO BENUTZEN, WIE ES GEDACHT IST, UND IHN FRAGEN?
Yukiko streckte ihm besagte Zunge heraus und verdrehte die Augen. Du bist so witzig.
Buruu schlich zum Rand der Grube und spähte in das Loch, die Flügel ausgebreitet. Er schnaubte, und seine Bernsteinaugen waren zu messerklingendünnen Schlitzen verengt. Sein Schwanz peitschte unruhig von einer Seite auf die andere.
INTERESSANT.
Yukiko trat an seine Seite, legte einen Arm um seinen Hals und schaute in die Grube. Zwei rote Facettenaugen starrten zu ihr hoch. Eine menschenähnliche Gestalt mit Wespentaille, das Gesicht glatt und leer. Sie war von Kopf bis Fuß in eine hautenge Membran gewickelt, erdbraun, glitschig und glänzend. Acht verchromte Arme hingen von einer Kugel auf ihrem Rücken herab, die ungefähr die Größe einer Melone hatte. Es sah aus, als sei eine augenlose Metallspinne mit ihrem Körper verschmolzen.
Reflexartig griff Yukiko nach dem Tantō in ihrem Obi. Ihre Stimme bebte vor Abscheu. »Was bei allen Höllen ist das?«