Читать книгу Ich bleib am Ball - Jenny Ertl - Страница 16

Kleine Riesenschritte

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Eines Nachts, es war der 11. Oktober 2018, bemerkte ich, dass ich wohl fieberte. Mir war kalt und ich fühlte mich unwohl. Bei den Tests, die aus Sorge vor ernsthaften, bei Polytraumen nicht unüblichen Komplikationen gleich am nächsten Tag durchgeführt wurden, stellte sich heraus, dass ich eine Blasenentzündung entwickelt hatte. Das war nicht weiter schlimm, führte aber dazu, dass ich erneut antibiotisch behandelt werden musste. Außerdem wurde bei meiner vom Unfall angeschlagenen Lunge eine Minderbelüftung festgestellt, was die Ärzte weit mehr zu beunruhigen schien, und ich bekam ein kleines Plastikteil auf meinen Nachttisch gestellt, das aussah wie ein Kinderspielzeug und mit dem ich meine Lunge trainieren sollte.


Mit dem Zug auf dem Weg zum Turnier nach Tschechien, September 2018.


Mama verbringt auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Brünn so viel Zeit wie möglich bei mir.


Nach der ersten OP in Klagenfurt – lächeln trotz unerträglicher Schmerzen.


Mama und Oma versuchen mich im Spital in Klagenfurt aufzuheitern.


Endlich wieder aufrecht sitzen – lange hält der Kreislauf aber noch nicht durch.


Besuch meiner Nichten auf der IMC-Station im Klinikum Klagenfurt.


Die Physiotherapeutin und eine Schwester geben mir Halt.


Viel Abwechslung im Krankenhaus Klagenfurt: Meine Teamkollegen besuchen mich.

Nachdem sich meine Körpertemperatur schnell wieder normalisiert hatte und ich auch brav mehrmals täglich die Kugeln im »Spielzeug« nach oben saugte, ging es endlich aufwärts.

Bald wurde der Gips an meiner rechten Hand entfernt. Zwar hatte ich große Schwierigkeiten, meinen Unterarm zu drehen oder meine Hand zu bewegen, und jede Bewegung schmerzte, doch ich konnte und sollte nun wieder eigenständig essen, das hieß, zumindest selbst die Gabel zum Mund führen. Ich war anfangs nicht gerade erfreut über die neue Anforderung, die Schmerzen waren einfach zu stark bei Bewegung, doch mit etwas Übung gelang es bald immer besser.

Es klappte auch, wieder länger zu sitzen, ohne dass mir schwindelig wurde. Gewaschen wurde ich in dieser Zeit immer von den Schwestern mit Waschlappen und einer Schüssel im Bett. Um die Stellen am Rücken zu erreichen, wurde ich auf beide Seiten gedreht, was unheimliche Schmerzen verursachte. Rechts war es vor allem der Oberschenkel und links das Schlüsselbein, die mich quälten. Dies sollte noch lange so bleiben. Auf der Seite liegen konnte ich erst Monate später wieder. Monatelang war nur die Rückenlage möglich, was meinen Schlafkomfort sehr belastete. Schon eine Nacht ohne Drehen war qualvoll, mittlerweile waren es mehr als ein Dutzend.

Insgesamt hatte sich die Schmerzsituation aber spürbar verbessert und ich wurde etwas aktiver. Physiotherapeutin Petra besuchte mich nun regelmäßig im Zimmer. Sie zeigte mir Übungen für meine Arme und das Bein und bewegte meine Gelenke durch. Es fühlte sich an, als ob sie nicht für Bewegungen geschaffen waren, als ob es meine Hand oder mein Bein aufsprengen würde, als ob sich nach all der Zeit der Unbeweglichkeit Strukturen aufgebaut hatten, die Bewegung um jeden Preis verhindern wollten.

Ich merkte schnell, dass nichts mehr so war wie vor dem Unfall. Mein Bein schmerzte nach wie vor enorm, und erst mit der Zeit tolerierte ich, dass es nicht ständig im gleichen Winkel gehalten werden musste. Mein Knie und meine Hüfte ließen sich kaum bewegen und auch meine Finger konnte ich nicht mehr zu einer Faust ballen. Meine rechte Hand konnte ich nicht mehr drehen, ich durfte mich auch nicht stützen und den linken Arm nicht höher als 90 Grad heben. Das wollte ich ohnehin nicht, denn in der immer gleichen Lage, abgebogen im Ellbogen, ruhte er sicher an meinem Körper, in einer unbewussten und ganz automatischen Schonhaltung, die sich mittlerweile eingestellt hatte.

Über all das machte ich mir kaum Gedanken. Es war eben so und ich hatte noch nicht das Bedürfnis, dies zu ändern – meine Schmerzen waren zu groß. Wenn Petra mit neuen Herausforderungen ins Zimmer kam, machte ich große Augen und dachte mir insgeheim: »O nein! Bitte lass mich in Ruhe!«, und ich hätte mich am liebsten keinen Millimeter bewegt. Die Motivation für eine schnelle Rückkehr ins normale Leben hatte sich noch nicht entwickelt, sie keimte erst später auf.

Petra war fordernd und ließ meine Ausreden und mein Gejammer nicht gelten. Um mich voranzubringen, zwang sie mich in die Schmerzen, die wohl schlichtweg nötig waren, um wieder aus dem Bett zu kommen. Sie mobilisierte mich am 13. Oktober zunächst in den Rollstuhl und lehrte mich, wie ich es selbst dorthin schaffen kann, ohne mein rechtes Bein zu belasten. Ich legte mit ihr schon bald, unterstützt von zwei Schwestern, die ersten Meter auf Achselstützkrücken zurück.

Ich kann duschen!

Damit endete auch die Zeit des Waschens im Bett, endlich. Mit dem Rollstuhl wurde ich ins Bad geschoben und die Schwestern halfen mir beim Ausziehen und allen anderen Vorkehrungen, die getroffen werden mussten, dass ich schließlich erstmals wieder sitzend in der Dusche, aber allein duschen durfte. Ich genoss es, das warme Wasser auf der Haut zu spüren, und hatte das erste Mal Gelegenheit, meinen Körper zu betrachten. Bis jetzt war ich immer nur zugedeckt und im Nachthemd im Bett gelegen. Nie war ich auf die Idee gekommen, dass ich mich sehen wollte, nie auch darauf, dass sich etwas verändert haben könnte, dass etwas abweichen könnte von dem Bild, das ich von mir noch vor Augen hatte.

Als ich nun erstmals nach dem Unfall an mir hinabblickte und mich dann auch im Spiegel musterte, bemerkte ich auch äußerlich die Veränderung und sah die Spuren, die der Unfall hinterlassen hatte. Ich war dünn, meine Muskeln waren verschwunden, mein Körper sah krank und kraftlos aus. Auf meinem ganzen Körper verstreut pickten große Pflaster und deckten die noch frischen Narben der OPs, aber auch Abschürfungen vom Unfall ab. Alles war noch bläulich verfärbt, von all den Hämatomen und Prellungen, die operierten Körperareale zum Teil noch geschwollen.

Seit dem Unfall hatte ich natürlich auch keinen Friseur besuchen können, dementsprechend lang waren meine Haare. Nur mittig am Haaransatz auf der Stirn, wo man mich rasiert hatte, um die Platzwunde nähen zu können, fehlte ein ganzes Büschel. Das sah seltsam aus, fiel aber gar nicht so sehr auf, wenn ich die anderen Haare so legte, dass sie das verdeckten, lang genug waren sie ja. Eitelkeit des Aussehens wegen lag mir ohnehin fern und kümmerte mich in dieser Situation schon gar nicht. Auch mein Gesicht war schlank und bleich, die Veränderung durchaus groß, die Anzahl meiner Gedanken darüber allerdings verschwindend klein.

Alles in allem aber hatte ich in diesen Tagen, etwa zwei Wochen nach dem Unfall, einen großen und entscheidenden Teil meiner Selbstständigkeit wiedererlangt. Ich konnte mich wieder selbst waschen (beim Anziehen brauchte ich aufgrund meiner eingeschränkten Arm-Beweglichkeit allerdings noch Hilfe), selbst die Zähne putzen, auf die Toilette »fahren« und sogar kurze Strecken zu Fuß zurücklegen.

Frischluft geschnuppert

Das waren auch die Tage, an denen ich das erste Mal wieder an der frischen Luft war. Mama fuhr mich im Rollstuhl nach draußen. »Warte! Nein, nicht in die Wiese, hey«, rief ich skeptisch. »Ach komm, wir gehen ein bisschen spazieren, das wird dir guttun.«

Mama war immer optimistisch und liebte die Natur. Am liebsten verbrachte sie ihre Freizeit in den Bergen und genoss es in vollen Zügen, die frische Luft am Gipfel und die fantastische Aussicht zu genießen. Fotos von ihren Ausflügen nahmen große Teile meiner Handy-Speicherkapazität ein, denn sie wollte mich an der Schönheit der Natur teilhaben lassen.

Weil Berge jetzt aber unerklimmbar schienen, musste fürs Erste die Wiese der Krankenhausanlage herhalten. Sie schob mich über die Schwelle auf die unebene Grünfläche. »Ah, Mama!«, schrie ich, es ruckelte anständig. Besonders angenehm war das nicht. Kurz steckte der Rollstuhl fest. Wir mussten beide über ihre begrenzten Rollstuhlfahrkünste lachen. Es war schon irgendwie eine Wissenschaft für sich und brauchte definitiv Übung. Neben der Straße tauchte dann auch noch das Hindernis Gehsteigkante auf. »Mama, so funktioniert das, glaub ich, nicht.« Der Rollstuhl war gegen die Kante gestoßen. Mama versuchte es rückwärts und warf mich dabei fast aus meinem neuen vorläufigen Hilfsmittel. »Oh, tut mir leid!«, sagte sie, und wieder mussten wir lachen. Das Wetter war angenehm mild, die Sonne strahlte vom Himmel. Gedanken daran, wie dankbar ich sein muss, überhaupt noch hier zu sein, kamen erst Wochen später. Ich lebte einfach in den Tag hinein, machte, was man von mir verlangte, und gewöhnte mich an den durchorganisierten Krankenhausalltag.

Ich bleib am Ball

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