Читать книгу Mombasa - Jürgen Jesinghaus - Страница 13
8.
ОглавлениеAn diesem Montag kam Radebusch zu spät in die Hartkopfsche Firma. Er bewegte sich wie unter einem äußeren mechanischen Zwang, als er das Polizeiauto sah, das vor Hartkopfs Büro parkte. Was machen die schon hier? Er dachte überstürzt, wollte alles auf einmal wissen und alles richtig machen und konnte daher keinen klaren Gedanken fassen. Welchen Fehler hast du begangen, dass sogar die örtlichen Bullen schon dahinter gekommen sind? Ist deine Frau durchgedreht? Haben sie deine Frau mit der Pistole erwischt? So blöd ist die nicht. So blöd nicht. Die nicht. Andere ja, die nicht. Ihm wurde wohler, als er merkte, dass der Fahrer, der im Wagen sitzen geblieben war, keine Notiz von ihm nahm. Fritz ging an ihm vorüber und grüßte. Der Fahrer nickte und schloss die Augen, als wäre ihm alles zu viel, dieses ganze Theater. Fritz bedauerte, nicht danach gefragt zu haben, was die Polizei hier wolle, ob sie vielleicht in dem Mordfall ermittle, den ja jeder schon aus der Zeitung kennt. ‚War wohl ein Bolschewistenschwein‘, etwas in der Preisklasse hätte er sagen müssen. Aber gesagt ist gesagt, besser man hält die Schnauze. Gerade du solltest die Schnauze halten! Du wirfst sonst Dinge durcheinander, solche, die in der Zeitung stehen, mit denen, die du selbst erlebt hast. Nur nicht umschauen. Er grüßte einen Kies-Fahrer. Der schrie von Weitem: „Spät dran heute?“ Irgendetwas wie „tscha-ha“ brachte Fritz hervor und beschloss, diesem Idioten eins auszuwischen, wenn die Affäre bereinigt wäre und wenn er, Fritz Radebusch, dann noch leben sollte. Immerhin fing er an, darüber nachzudenken, was er sagen würde, wenn man ihn früge, warum er später als gewöhnlich kommt. Ausreden müssen nahe an der Wahrheit liegen. Aber zu nah darf es auch wieder nicht sein! Er würde sagen, dass ihn die „schreckliche Meldung“ heute Morgen aus der Bahn geworfen habe, Herr Masrat sei doch ein angesehener Bürger des Ortes, den kenne jeder (so tun, als lebte er noch, als wäre sein Tod nicht sicher). Hoffentlich erzählt meine Frau keine Märchen: ‚Mein Mann ist später von zu Hause weg, weil er fiebert, er hat sich vorgestern einen Schnupfen geholt.‘ Aber das macht die nicht. Die nicht. Radebusch beschloss, sich eine Zeitung geben zu lassen, möglichst eine andere als seine Hauspostille, und sich alle Einzelheiten einzuprägen, damit er wirklich nur das sagen würde, was er gelesen hatte, und nicht das, was er wusste. Du musst dich konzentrieren, reiß dich zusammen! Sie dürfen Daniel heute nicht sehen. Der darf ihnen nicht über den Weg laufen. Für den Fall, dass er in seiner Löwengrube hockt, muss ich ihn warnen. Radebusch wollte ins Büro hineingehen, als ihn zwei Beamte gegen die Türfüllung quetschten. Sie machten drei Sprünge auf den Hof, stiegen in das Auto, schreckten den Fahrer aus seiner Schläfrigkeit und spornten zur Eile.
Hartkopf stand in seinem Büro, kreidebleich. Er wartete keinen Gruß ab und sagte fast tonlos:
„Der Urbanski.“
„Was ist mit ihm?“
„Sie suchen ihn wegen vorgestern. Die haben doch den Masrat umgelegt.“
„Was heißt ‚die´?“
„Irgend jemand. Sie glauben, der Urbanski war´s, weil Masrat vor drei Monaten öffentlich die Frage gestellt hatte, ob wir sicher sein dürften, dass unter den Pollacken kein Untergrundkämpfer sei, zum Beispiel der Urbanski, der so abgefeimt glotze – nur weil er die Augendeckel nicht zugeklappt hatte, als der Herr Obergeschissrat an ihm vorbeizugehen geruhte.“
„Sie haben Urbanski aber nicht mitgenommen.“
„Er war nicht hier. Er ist auf der Baustelle.“
„Haben Sie das gesagt?“
„Ich habe gesagt, dass ich nicht weiß, wo er ist.“
„Ich muss ihn warnen.“
„Aber machen Sie das sehr vorsichtig. Sie nehmen den T2 und ich gebe Ihnen einen Auftrag für die Baustelle. Reparieren Sie den Mischer.“
„Ist er kaputt?“
„Herr Radebusch, dann machen Sie ihn eben kaputt! Beeilung. Ich habe in der Nase, dass sie wiederkommen.“
„Was sag ich denn dem armen Kerl? Ich kann ihn doch nicht hierher bringen?“
„Zu Ihnen?“
Der guckt mich an, als wüsste er alles. Wenn sie bei mir den Urbanski finden, dann auch die Parabellum. Radebusch kratzte sich die Hand und sah ratlos aus.
„Bringen Sie ihn vorsichtig hierher, wir stecken ihn in die Löwengrube.“
Radebusch nickte erleichtert, obwohl er keinen Grund hatte, erleichtert zu sein. Nicht nur Spielstein und Urbanski waren in Gefahr – er auch und seine Frau und Philipp, sein Söhnchen, und wer sonst noch.
Sie kamen wieder, in einem grünen Mannschaftswagen. Acht Mann sprangen hintereinander heraus, Gewehre in der Rechten. Sie stellten sich in Reih und Glied, hier geruckt und da gezuckt. Sie redeten leise und hielten ihre Karabiner wie andere Leute eine Brechstange. Ein Offizier verschwand im Bürogebäude. Er war kaum eine Minute drin gewesen, als er zusammen mit Hartkopf vor seine Polizisten trat und die Hausdurchsuchung des Kieswerks anordnete. Hartkopf verzichtete darauf, falsche Spuren zu legen. Er sagte gar nichts und trug ein ausdrucksloses Gesicht vor sich her. Der Polizeioffizier versuchte nicht, Hartkopf in ein Gespräch zu ziehen, und befahl ihn zurück ins Büro. Der befolgte freiwillig den Befehl, denn einen anderen Ort als sein Büro aufzusuchen, erschien ihm zu gefährlich, weil er glaubte, beobachtet zu werden. Wie leicht hätte er eine Spur legen können, indem er zu nah an das Versteck heranging oder zu weit in die entgegengesetzte Richtung!
Vor seinem Büro versammelten sich einige Arbeiter. Sie hofften, neue Informationen zu erhalten, und fragten ihn, was die Leute von der Polizei hier zu suchen hätten.
„Wegen vorgestern“, sagte Hartkopf.
Er blieb bei den Arbeitern stehen, versenkte seine Hände in den Hosentaschen, zog die Schultern hoch und streckte seine Arme steif.
„Was haben wir denn damit zu tun?“
„Nichts. Die suchen halt, glauben vermutlich, die Fremdarbeiter …“
„Die Pollacken, könnte doch sein!“
„Die Pollacken haben sich ja nicht selbst eingeladen und verbringen auch nicht ihren Urlaub hier!“ schnappte Hartkopf zurück.
„Drum.“
Ein Gewehrschuss ließ alle wie auf Kommando zusammenfahren. Ein scharfer Ruck fuhr durch die Gruppe vor dem Büro. Nichts war zu sehen, was auf einen Zusammenhang mit dem Knall deutete. Es war einen Augenblick lang ganz still. Dann erschien der Offizier auf der Bildfläche, katzenhaft gewandt, jederzeit bereit, sich zu ducken.
„Jemand hat auf uns geschossen!“
„Hier war alles ruhig, bis wir den Knall hörten. Er kam vom Baggerloch.“
„Gehen Sie weg vom Gelände, ins Büro! Wenn es derselbe Kerl von vorgestern ist: der scheint vor nichts Respekt zu haben.“
Der Offizier war sichtlich aufgeregt, immer zum Ducken bereit. Er drängte die Arbeiter und einige Polizeibeamte, die inzwischen eingetroffen waren, ins Haus. Bald erfuhren alle Polizisten, dass ihr Vorgesetzter nach dem Knall seinen Befehlsstand in Hartkopfs Büro verlegt hatte.
Pohlhaus war ein Mittvierziger, ein kleiner Mann mit immer rotem Kopf und wässrigen Augen zwischen leicht entzündlichen Lidern. Da stand er bierruhig am Rand des Baggerlochs und stierte in die Tiefe wie man ins Feuer starrt, mit derselben Gebanntheit. Die Suche nach dem Verbrecher regte ihn nicht auf. Irgend jemand fände ihn schon. Ich habe noch nie einen gefunden. Es ist zwecklos, dass ich mich an der Suche beteilige. Trotzdem wird er gefunden, alle werden gefunden. Ein feines trockenes Raschel-Rauschen störte ihn auf. Instinktiv drückte er seinen Karabiner fester und suchte die steile Flanke der Kiesgrube ab, gegenüber der Rampe für die Lastautos. Es rieselte, dann war alles still. Plötzlich schoss ein Etwas aus einem schwarzen Sandloch, das ein Bagger ausgebissen hatte, und sprang mehr als dass es lief die sandige Steilwand hinauf, bis zu der Stelle, wo der Ackerboden anfing. Dort überschlug es sich, der Abbruch war zu steil, und das Etwas, diese Blitzschlange, dieses Wiesel, rollte wieder hinab, eine Lawine aus Sand und Kieselsteinen hinterdrein. Das Kaninchen versuchte es immer wieder an derselben Stelle, mit einer verzweifelten Sturheit. Die Intelligenz des Menschen, der sich an diesen Kapriolen ergötzte, reichte aus, um den Augenblick abzupassen, wo sich das Tier wieder aufrappeln würde, um die Sandmauer abermals zu erstürmen. An diesem Punkt der Ruhe, am Tiefpunkt des Falls, drückte Pohlhaus ab. Das Kaninchen war wie verzaubert, hinweggehoben über sich hinaus. Zurückgelassen hatte es nur ein Stückchen Fell und ein paar Tropfen Blut.
Pohlhaus behauptete, wie alle anderen, niemand habe auf ihn geschossen. Er behauptete aber auch, dass er keinen Schuss gehört habe, aus dem er hätte folgern können, dass jemand auf ihn schieße.
„Sie haben nichts gehört, Mann? Wo waren Sie denn?“
Während Pohlhaus mit dem Arm in die Richtung des Baggerlochs wies, dämmerte ihm, dass er in der Scheiße saß. Seinen eigenen Schuss hatte er ja nicht mitgezählt! Aber selbst seinem trägen Verstand erschloss sich nun die bittere Erkenntnis, dass der Schuss auf das Kaninchen, dieser Meisterschuss, für die ganze Aufregung sorgte.
„Ich habe nämlich auch geschossen“, begann der Schütze kleinlaut.
„Er hat auch geschossen! Sie Rindvieh, Sie alleine haben geschossen, auf wen, wenn ich bitten darf!“
Der Offizier sah sich außer Lebensgefahr und spielte die Rolle des Mannes, der die Lage beherrscht.
„Es hat sich dort etwas bewegt.“
„Es hat sich was bewegt! Und da schießen Sie mir nichts dir nichts? Mann, sind Sie sicher, dass es nicht Ihre Mutter war, der Sie ein Loch in den Arsch gebrannt haben? Den Bericht über Ihre Munitionsverschwendung schreiben Sie selbst, haben Sie verstanden? Und zwar so, dass ich meine Unterschrift ruhigen Gewissens darunter setzen kann. Alle Mann raus hier und aufsitzen!“
Die Suchaktion wurde vorzeitig beendet. Der beschämende Zwischenfall hatte dem Offizier die Fortsetzung verleidet. So rettete ein Kaninchen durch das Opfer seines Lebens Urbanski und Spielstein. Denn bis in die Schlosserei war die Suchmannschaft schon gedrungen, als der Schuss sie hinaustrieb.
Es fanden keine weiteren Aktionen statt. Während der Beisetzung von Masrat hatte es zwar großes Getöse gegeben: Im Dienste der Sache, Opfer der Bewegung - alles ausführlich behandelt in einer Beilage der Regionalpresse. Aber bald geriet die Sache in Vergessenheit. Sie verschwand jedenfalls aus dem öffentlichen Bewusstsein. Hartkopf erfuhr allerdings, was zur raschen Einstellung der Suchaktion geführt hatte, als er zwecks Aufbesserung der „Courtage“ mit von Grein verhandeln musste.
„Sie haben Glück gehabt. Normalerweise hätten wir Ihre Fabrik auf den Kopf gestellt. Unsere Jungs sind nicht so blöd wie die Polizei. Aber ich wollte unsere Geschäftsbeziehungen nicht stören. Wir haben auch keine Staatsaktion daraus gemacht, weil dieser saubere PG, den sich ein gehörnter Ehemann aufs Korn genommen hat, das ist jetzt die inoffizielle Version, anfing, uns lästig zu werden. Sein Verhalten war parteischädigend. Die Weiber vom Puff, die er an Wochenenden besuchte, rannten uns die Türen ein. Der feine Herr hatte vergessen zu zahlen. Ohne Uniform ist der Respekt dahin, und die Weiber haben dann keinen Sinn für die Ehre, unter solchen Herren zu dienen, wie Masrat einer war. Und noch eins: Uns lag auch nichts an der Verbreitung, Bolschewisten oder Juden, horribile dictu, hätten Masrat umgelegt. Das hätte so ausgesehen, als gäbe es Widerstandsnester, vielleicht sogar aufständische Juden, ein Massada in Oplyr, nicht auszudenken. Wir wollen das auf sich beruhen lassen. Aber ich rate Ihnen, auf Ihre polnischen Gäste ein Auge zu werfen. Sorgen Sie dafür, dass sie nicht auffallen. Und der eine, der zur fraglichen Zeit nicht da war, bleibt am besten verschwunden. Es wimmelt von Polizisten, die sich was anstecken wollen. Eine Mordakte wird nie geschlossen. Sie ruht, aber geschlossen? Darauf dürfen Sie nicht bauen!“
Diese Gesprächigkeit überraschte Hartkopf. Er nahm sich vor, das Gehörte nach Hinweisen abzusuchen, die nützlich sein könnten. Am Ende ist Masrat von den eigenen Leuten umgelegt worden? Hartkopf lebte in der gefährlichen Nähe von Personen, denen der Tod oder das Verschwinden eines Menschen nicht viel ausmachte.