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-Sebastian- 29.04.2016, Freitag
ОглавлениеEr steht vor seinem offenen Kleiderschrank und starrt ausdruckslos seine Klamotten an. Sein Gehirn ist noch etwas träge und es fällt ihm nicht leicht, sich darüber Gedanken zu machen, was er anziehen soll, oder besser gesagt: was nicht. An schwarzer Kleidung mangelt es bei ihm nicht, aber er kann doch unmöglich mit einem Kapuzenpullover zur Beisetzung seiner Eltern gehen, da kann das Teil noch so schwarz sein. Sebastian geht nun der Reihe nach die Kleiderbügel durch und wird fündig: eine schwarze Hose und dazu ein halbwegs faltenfreies schwarzes Hemd.
Während er sich umzieht, denkt er daran, wieviel Aufwand ihm durch die Bestattungsverfügung seiner Eltern erspart geblieben ist. Er wäre sonst noch überforderter gewesen, als er es ohnehin schon ist. Denn seine Eltern haben alle notwendigen schriftlichen Unterlagen zu ihren Lebzeiten hinterlegt, in denen auch vermerkt ist, dass im Fall der Fälle ihre Versicherung für die anstehenden Kosten aufkommen würde. Dabei ist Sebastian wieder eingefallen, dass seine Eltern ja vor langer Zeit mal zwei liebenswürdige Menschen waren, bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihn vor fünf Jahren buchstäblich auf die Straße gesetzt und von da an ein Leben geführt haben, als würde er gar nicht existieren. Zumindest nicht als ihr Sohn.
Als er vor etwa drei Jahren noch mit Sabine Steiner zusammen war, kam zufällig heraus, dass ihr Bruder für kurze Zeit mit seinem Vater bei den Österreichischen Bundesbahnen zusammengearbeitet hatte. Ohne darüber nachzudenken, warum Sebastian kaum ein Wort über seine Familie verlor, fragte ihr Bruder seinen Vater bei der Arbeit, ob er vielleicht zufällig einen Sebastian Rietz kennen würde. Sein Vater antwortete damals emotionslos mit Nein, wurde dann aber trotzdem neugierig und fragte nach dem Warum. Sabines Bruder meinte: „Ach, nur so. Ist der neue Freund meiner Schwester. Scheint nett zu sein. Redet aber nicht viel, im Gegensatz zu ihr. Aber egal. Ich dachte mir nur, ich frag Sie mal, aber da Sie ihn eh nicht kennen, hat es sich erledigt. Sonst hätte ich Sie gleich in der Familie willkommen geheißen.“
Seinen Erzählungen nach blieb Manfred Rietz‘ Miene ziemlich gelangweilt, ganz anders als die von Sabines Bruder - wie hieß er noch gleich… vielleicht Mario? Dieser wiederholte den Dialog am darauffolgenden Abend, als er mit seiner Familie und Sebastian am Küchentisch saß und musste lachen, weil es ihm irgendwie peinlich war. „Aber ich hätte schwören können, dass das dein Vater war, bei der Ähnlichkeit! Womöglich verheimlich dir deine Mutter etwas!“
Vielleicht-Mario war stets zum Scherzen aufgelegt, Sebastian nahm ihm das auch nicht übel, da er ja nicht wissen konnte, wie es um seine Familie stand.
Sebastian wurde an diesem Abend etwas Schreckliches bewusst: Er hatte keine Zukunft mit Sabine. Auf keinen Fall würde er sie anlügen, was seine Eltern betraf, dafür mochte er sie zu sehr. Sie war zwar keine Valerie, aber er liebte sie trotzdem. Mit dem Kapitel Valerie hatte er abgeschlossen, aber er konnte doch keine neue Beziehung mit einer Lüge beginnen! Sein Vater hatte alles zerstört. Zuerst als er ihn aus dem Haus geworfen hatte, in dem er aufgewachsen war - andererseits würde er heute vielleicht nicht hier sitzen… sondern irgendwo mit Valerie… womöglich in Loipersdorf… Und nun hatte er auch noch geleugnet, sein Vater zu sein, geschweige denn, ihn überhaupt zu kennen! Es war ganz bestimmt sein Vater gewesen, denn es würden ja wohl kaum zwei Männer mit dem Namen Manfred Rietz als Projektkoordinator bei den Österreichischen Bundesbahnen arbeiten.
Als Sabine ihn nach seiner Familie fragte, war er so überfordert damit, eine Antwort zu finden, dass sie ihn einfach umarmte und sagte: „Okay, ich sehe schon, du brauchst noch eine Weile.“
Für diese Reaktion war er mehr als dankbar. Womit hatte er eine so tolle Frau verdient?
Früher oder später hätte er ihr schon gesagt, dass er ein angespanntes Verhältnis zu seinen Eltern hatte, aber nun kam er nicht mehr um die Wahrheit herum: Dass sein Vater sehr wohl ein Arbeitskollege ihres Bruders sei, es aber leugnete, Sebastian auch nur zu kennen, weil er ein herzloses Arschloch sei. Das hätte mit Sicherheit ein gutes Bild von ihm gemacht, er wäre auf Anhieb der Lieblingsschwiegersohn der Familie Steiner gewesen!
Ein paar Tage später rief ihn doch tatsächlich seine Mutter an und wollte wissen, ob das wirklich stimmte, das mit seiner neuen Freundin und so weiter und so fort. Über dieses geheuchelte Interesse wurde er so wütend, dass ihm kotzübel wurde und er nach dem Telefonat, das nicht einmal eine Minute dauerte, in ein Handtuch schrie und dieses anschließend auf den Boden schleuderte. Die Beziehung zwischen Sabine und Sebastian hielt nicht lange, ihm fielen schon bald keine Gründe mehr ein, warum er nichts über seine Familie erzählte. Er wusste, wenn er ihr die Wahrheit sagen würde, müsste er sich mit seinen Eltern wieder zusammenraufen, um nicht als totaler Versager dazustehen. Und warum hätte ausgerechnet er den ersten Schritt in Richtung Versöhnung machen sollen? Was musste Sabines blöder Bruder auch mit seinem noch blöderen Vater zusammenarbeiten?
Die darauffolgende Trennung war furchtbar, einfach nur schrecklich, grauenvoll, katastrophal… So viele Wörter konnte Sebastian gar nicht dafür finden.
Die Trennung von Valerie war damals ganz anders verlaufen: Sie meldete sich nach der missglückten Grillfeier im August einfach nicht mehr. Nie mehr. Sebastian hatte lange Zeit versucht, sie zurückzugewinnen und hatte mehr als nur einmal mit einem überdimensionalen Rosenstrauß vor ihrer Haustür gestanden und gefleht und gebettelt wie ein räudiger Straßenköter. Einmal hatte sie ihm die Tür sogar ganz geöffnet, nicht nur einen Spalt wie die Male davor. Als sie beinahe reglos vor ihm stand, erklärte sie ihm, dass sie nicht mehr mit ihm zusammen sein konnte. Auf seine Frage, ob sie ihn denn nicht mehr lieben würde, gab sie keine Antwort. Aber das tat sie, denn an ihren Augen erkannte Sebastian, dass sie geweint hatte… oft und lange. Das brach ihm das Herz. Dann begann sie, belanglose Gründe aufzuzählen, die eigentlich gar keine richtigen Gründe waren, die ihm klarmachen sollten, dass er sie verloren hatte. Im Endeffekt hatte er nie erfahren, warum sie ihn denn nun wirklich verlassen hatte, aber er liebte sie zu sehr, um ihr böse zu sein. Er hatte einfach nur Mitleid mit ihr… Mitleid, da sie anscheinend nicht wusste, was sie wollte. Denn sie wollte auf keinen Fall Schluss machen, das sah er ihr an, sie kämpfte ja schon wieder mit den Tränen, nachdem sie ihm diese blöden Gründe aufgezählt hatte. In diesem Moment hätte er sie am liebsten angeschrien, dass sie jetzt bloß nicht losheulen solle. Aber er hatte eingesehen, dass Worte ihnen nun auch nicht mehr helfen würden. Er wollte ihr nicht einmal mehr den Rosenstrauß geben, erstens hatte sie den nicht mehr verdient und zweitens hätten sich dann womöglich ihre Hände berührt und dann hätte er vielleicht zu flennen begonnen.
Also legte er die Blumen vor die Haustür. Valerie beobachtete jede seiner Bewegungen genau, und als er wieder aufrecht stand, meinte er so etwas wie Hoffnung in ihren Augen zu sehen, aber dafür war es jetzt zu spät. Verarschen würde er sich sicher nicht mehr lassen und so drehte er sich ohne ein Wort um und ging. Ob sie den Rosenstrauß mit hineingenommen hatte, hat er nie erfahren.
Die Trennung von Sabine war das krasse Gegenteil: Es wurden Sachen geworfen, es wurde gebrüllt, es wurde geweint - und das von beiden Seiten. Alles, was an Emotionen existierte, wurde verpulvert. Aber auch Sabine konnte er nicht böse sein, denn sie hatte ja tatsächlich gute Gründe, um misstrauisch zu sein. Sie hatte ihn mit aller Liebe in ihrer Familie empfangen und er? Tja… er wusste nicht einmal selbst, wie er sein Verhalten hätte beschreiben sollen. Auf jeden Fall schien dieser eine große Streit zwischen ihnen Jahre zu dauern.
Alles fing mit seiner Familie an, daraus entstanden dann unzählige, unnötige Diskussionen… Zum Beispiel, was einen am anderen störte… Wie er kaute, wie sie sich die Zähne putzte, warum er so viel Sport trieb, warum sie so warm duschte, sie hasste sein Schnarchen, er hasste ihren Hund…
Über diesen Grund war Sabine so perplex, dass sie beinahe angefangen hatte zu lachen. Was denn plötzlich an Tony, ihrem Hund, so schlimm wäre. Aber Sebastian war nicht zum Lachen zumute und so zählte er alle Angewohnheiten auf, die eigentlich auf jeden Hund, der vier Beine hatte, zutrafen. Tatsächlich störten diese ihn kein bisschen. Er mochte Tony. In Wirklichkeit fielen ihm einfach keine Gründe mehr ein, weil Sabine einfach perfekt war. Und die Dinge, die er ihr eben noch vorgeworfen hatte, waren genau die Dinge, die sie ausmachten und die er so an ihr liebte. Ihr ging es sicher genauso. Sie waren perfekt füreinander, das wussten sie beide. Er war einfach zu feige, um ihr die Wahrheit zu sagen, was er bis heute bereut.
Als dieser erste große und gleichzeitig letzte Streit zu Ende war, waren auch Sabine und Sebastian am Ende. Völlig verheult saßen sie auf dem Boden in Sabines Wohnung und wurden abwechselnd von Tony abgeleckt. So als würde er um eine Versöhnung der beiden bitten. Sabine war die Erste, die das Schweigen, das vor lauter Erschöpfung entstand, brach, indem sie leise fragte: „Es funktioniert nicht, oder?“
Sebastian schüttelte nur den Kopf. Nun war es aus und vorbei. Es tat ihm alles so leid.
Er verließ Sabines Wohnung mit einer weinenden Frau und einem winselnden Hund im Rücken. Einmal hatte er sie mit Tony danach zufällig im Grazer Stadtpark angetroffen. Sie sagten sich gegenseitig, wie leid es ihnen täte, seitdem fühlte sich Sebastian wenigstens nicht mehr so ganz wie ein Scheiß-Typ. Als sie sich für diesen kurzen Augenblick gegenüberstanden, war er am Überlegen, ob er sie um ein Date bitten sollte, aber bevor es dazu kam, ging Sabine mit Tony auch schon wieder weiter. Wie gerne hätte er es noch einmal versucht.
Was er seinen Eltern nicht alles zu verdanken hatte…
Als sie ihn vor fünf Jahren Hals über Kopf auf die Straße gesetzt hatten, wohnte er für eine Weile bei Ralf. Sein bester Freund hatte ihn sofort und ohne zu zögern aufgenommen. Er fragte ihn auch nicht, warum er nicht bei Valerie einziehen würde. Er kannte Sebastian gut genug, um zu wissen, dass er in dem Moment, als er bei ihm um Asyl gebeten hatte, alles verloren hatte, was es zu verlieren gab. Den ganzen Nachmittag wartete er vor Ralfs Wohnungstür, bis er vom Dienst nach Hause gekommen war. Er blieb länger bei ihm als beabsichtigt, aus den Tagen wurden Wochen und aus den Wochen wurden Monate. Er wollte einfach nicht alleine sein und Ralf verstand das. Sie hatten eine lustige Zeit zusammen und waren schon am Überlegen, ob sie diese Kumpel-WG nicht weiterführen sollten, aber das fanden sie dann doch zu kindisch und so zog Sebastian im neuen Jahr in seine eigene Wohnung. Seinen Abschied feierten sie natürlich ordentlich zu Silvester mit gemeinsamen Freunden in Ralfs Wohnung.
Und heute würde er sich ein für alle Mal von seinen Eltern verabschieden. So viele Abschiede schon in seinem Leben… Irgendwie verabscheut er sich für diesen Gedanken, aber dieser Abschied wird ihm wahrscheinlich nicht so schwerfallen wie so manch anderer. Ob Kim ihn für diese Meinung hassen würde? Sie würde es ihm vermutlich nicht sagen.
Genauso wenig würde er ihr sagen, wo er heute hingeht. Das Risiko, dass sie mitkommen will, ist einfach zu hoch. Natürlich hat er deshalb ein schlechtes Gewissen, aber was hat er denn für eine Wahl? Der Tag wird für ihn sowieso schon anstrengend genug…
Als er ein paar Stunden später vom Zentralfriedhof in der Triester Straße zurückkommt, kommt er sich vor wie ein Narr. Das geheuchelte Mitleid der Anwesenden bereitet ihm üble Kopfschmerzen.
Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, so als wäre er eine Hauptattraktion am Jahrmarkt. Er hasste es. Er hasste es so sehr, dass er sich sogar einbildete, einen metallischen Geschmack im Mund zu haben.
Es waren nicht viele Leute zur Beerdigung gekommen. Anscheinend hielten seine Tante und sein Onkel aus Salzburg es nicht für nötig, für die Beisetzung ihres Bruders und dessen Frau in die Steiermark zu kommen. Einige Gesichter erkannte er wieder: Da waren eine Hand voll Arbeitskollegen seines Vaters. Vielleicht-Mario war nicht dabei, aber so viel er wusste, war er auch nur für kurze Zeit sein Arbeitskollege gewesen. Und dann natürlich gemeinsame Freunde seiner Eltern und auch einige Nachbarn. Da kam ihm der Gedanke, dass einer der Nachbarn ihn am Tatabend gesehen haben könnte. Das trug nicht gerade viel Gutes zu seiner Stimmung bei. Während der Pfarrer seine Rede hielt, klopfte ihm Ralf auf die Schulter, das war das Zeichen, dass er gleich an die Reihe kam. Sebastian hatte sich keine Trauerrede aufgeschrieben. Es wäre ihm nicht richtig vorgekommen, als Sohn der Verstorbenen mit einem Zettel dazustehen und alles abzulesen. Er hatte sich vorgenommen, die letzten Jahre auszublenden, also schluckte er seine Wut für ein paar Minuten hinunter. Als er dann an der Reihe war, seine Trauerrede vorzutragen, kam er sich ohne Zettel doch etwas hilflos vor. Nicht, weil er nicht wusste, was er sagen sollte, sondern weil er nichts in den Händen hielt, mit dem er sich hätte beschäftigen können. Er hätte ja ein Foto seiner Eltern mitnehmen können. Warum war ihm das nicht früher eingefallen?
Nun stand er da und gestikulierte etwas unbeholfen herum, als er sich bei den Trauernden für ihr Kommen bedankte. Dass außer ihm niemand sonst aus der Familie erschienen war, erwähnte er nicht. Er erzählte von seinen Eltern aus einer Zeit vor dem großen Streit, das waren überwiegend positive Erinnerungen, dabei musste er sogar selbst mit den Tränen kämpfen. Als er zu der Stelle kam, wo er ansprach, dass seine Eltern keines natürlichen Todes von ihnen gegangen waren, bat er die Anwesenden, die Augen offen zu halten. Und falls irgendjemandem etwas auffallen würde, das eine Bereicherung für die laufenden Ermittlungen sein könnte, sollten sie sofort die Polizei verständigen. Dass seine Schwester verschwunden war, erwähnte er mit keinem Wort.
Er wollte nicht darüber reden müssen, außerdem wussten es wahrscheinlich eh alle aus den Nachrichten. Dann fiel ihm wieder das Flugblatt ein, das ihm gestern vor die Füße geweht wurde…
Seine Rede schloss er mit einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Thornton Wilder ab, das er im Kopf hatte: „Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe - das einzig Bleibende, der einzige Sinn.“
Nachdem ihm jeder sein herzliches Beileid ausgesprochen und die engeren Freunde seiner Eltern auch ihre Rede abgehalten hatten, war er der Erste gewesen, der vom Friedhof verschwand. Ralf rief ihm noch hinterher, dass er sich melden solle, falls er jemanden zum Reden brauche. Das würde er auch machen, wenn es etwas zum Bereden gäbe. Er wollte im Moment einfach nur nach Hause zu seiner kleinen Schwester Kim. Das Einzige auf der Welt, das ihm geblieben war. So lange waren sie getrennt gewesen, weil ihre Eltern sie auseinandergerissen hatten.
Irgendetwas war in den letzten Jahren mit ihr passiert, das hatte er sich von Anfang an gedacht, als er sie zum ersten Mal nach dieser Ewigkeit wiedergesehen hatte… Dieser leere Blick… Vielleicht war es ja gar nicht der Mord an ihren Eltern gewesen, der sie zum Schweigen gebracht hatte, möglicherweise lag der Grund dafür viel tiefer. Sebastian wollte gar nicht zu viel darüber nachdenken, was ihre Eltern seiner Schwester angetan haben könnten.
Während er so in seine Gedanken vertieft war und den Friedhof verließ, bemerkte er gar nicht die dunkelhaarige Frau mit dem Kinderwagen, die ihn aus der Ferne beobachtete.
Er kommt sich etwas erleichtert vor, als er wieder seine Wohnung betritt und abschließt. Mit pochenden Kopfschmerzen geht er ins Gästezimmer und setzt sich zu Kim aufs Bett. Es sieht nicht so aus, als hätte sie sich in den letzten paar Stunden vom Fleck gerührt. Sebastian bringt nur einen einzigen Satz hervor, bevor er vor lauter Erschöpfung zu weinen beginnt und sich neben sie legt, um sie zu umarmen: „Jetzt wird alles gut.“
Der Schweiß rinnt ihm von der Stirn, er hört wieder das Pochen in seinem Kopf.
Sebastian öffnet die Augen und findet sich in einer bekannten Umgebung wieder, er ist aber nicht in seiner Wohnung. Langsam wird das Bild schärfer. Er steht im Flur seines Elternhauses. Hat er nicht eben noch neben Kim gelegen? Der Schweiß rinnt nun seine Wange hinab, obwohl ihm gar nicht heiß ist, aber er verspürt so etwas wie Aufregung. Was hat Sebastian hier verloren? Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Plötzlich sieht seine Hand verändert aus. In seinem Kopf tobt ein brennender Schmerz…
Alles wird wieder verschwommen, bevor sich das Bild ganz in der Dunkelheit verliert. Als Sebastian sich traut, die Augen zu öffnen, verschwindet die Dunkelheit nur langsam. Nun erkennt er die Konturen seines Gästezimmers… in seiner Wohnung. Was hat dieser Traum zu bedeuten? Soll er sich jemandem anvertrauen? Ihm kommen die Geschehnisse der vergangenen Tage in den Sinn. Er weiß, was er zu tun hat. Seine Wut darf nur nicht die Oberhand gewinnen.
Langsam steht Sebastian auf und streckt sich. Auf Zehenspitzen und im Zeitlupentempo verlässt er das Zimmer, um seine Schwester nicht zu wecken. Ein Blick aus dem Küchenfenster deutet darauf hin, dass die Regenwahrscheinlichkeit für diesen Nachmittag relativ hoch ist, aber beim Laufen könnte sich vielleicht etwas Stress abbauen lassen. Außerdem will er in Form bleiben. Was können ihm da schon ein paar lächerliche Tröpfchen anhaben?
Sein Auto bleibt unbeachtet am Straßenrand stehen, als er sich auf den Weg aufs Revier macht. Dort angekommen, betritt er verschwitzt und außer Atem das Gebäude. Mit einem Mal sind alle Blicke auf Sebastian gerichtet. Unter den tuschelnden Kollegen fallen Sätze wie „Wie kommt der denn daher?“ oder „Ist der nicht beurlaubt worden?“. Ihm platzt beinahe der Kragen, als er an ihnen vorbeigeht. Am liebsten hätte er zu ihnen gesagt: Meine Eltern sind vor Kurzem abgestochen worden. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie ihr aussehen würdet, wenn ihr in meiner Lage wärt!
Aber er verkneift es sich. Auf deren Beileid kann er ganz gut verzichten. Es ist irgendwie eigenartig zu sehen, dass auf der Arbeit alles seinen gewohnten Ablauf zu haben scheint, während er zu Hause fast verrückt wird. Seine Kollegen stehen in denselben Grüppchen an denselben Orten wie sonst auch. Einige von ihnen lehnen beim Wasserspender, aber die eigentliche Volksversammlung findet wie immer beim Kaffeeautomaten statt. Was würde Sebastian nur dafür geben, um sich ebenfalls eine Tasse Kaffee zu holen und dem üblichen Tratsch mit den anderen beizuwohnen. Aber er hat das Gefühl, nicht mehr einer von ihnen zu sein.
Ohne anzuklopfen, betritt er Carmens Büro und erntet Blicke voller Mitleid. Sie steht mit einigen Kollegen um einen Tisch, auf dem Fotos vom Tatort verstreut sind. „Hey, Basti“, sagt Carmen. Er geht auf sie zu und wirft ihr den Zettel auf den Tisch, den er am Tag zuvor gefunden hat. „Was ist das?!“, schießt es aus ihm heraus, während er auf das Fahndungsfoto zeigt. Als sie keine Antwort von sich gibt, sagt er in flehendem Tonfall: „Bitte, Carmen. Sie ist meine kleine Schwester! Ich kenn sie doch!“
Mit Carmens folgender Reaktion hätte er jetzt nicht gerechnet. Sie schleudert ihm die Wahrheit regelrecht ins Gesicht: „Du kanntest sie früher, Basti. Du weißt aber nicht, wie sie jetzt ist.“
Sebastian weiß nicht, was er darauf sagen soll, denn im Grunde genommen hat sie damit ja gar nicht mal so unrecht. Ihr Blick wird finster, als sie ihn fragt: „Wie lange hast du sie jetzt nicht mehr gesehen? Wie viele Jahre ist das her?“
„Das tut nichts zur Sache.“
„Fünf Jahre, Basti! Es wird Zeit, dass du der Tatsache ins Auge blickst. Sie ist eben momentan die einzige Verdächtige. Oder fällt dir sonst noch jemand ein? Dann kannst du dich gern bei uns melden. Ich wäre dir dankbar, wenn du die Ermittlungen nicht weiter behindern würdest.“
Sebastian nimmt das Fahndungsfoto wieder an sich und verlässt, ohne etwas zu sagen, den Raum. Carmen folgt ihm. Vor der Tür steckt sie ihm einen kleinen Zettel zu und flüstert: „Das soll ich dir übrigens geben.“
Sebastian nimmt ihn an, ohne zu fragen, worum es sich dabei handelt, daraufhin starren sich die beiden ausdruckslos an.
„Was ist denn das für ein Aufstand?“ Die Stille im Flur wird von Hauptkommissar Wedels Stimme unterbrochen. Sebastian kann sich nicht erklären, was er mit Aufstand meint, er ist doch nur mal kurz laut geworden in Carmens Büro. Wedel kommt auf die beiden zu. „Herr Rietz, warum sind Sie nicht zu Hause?“
„Ich kann doch nicht untätig herumsitzen und abwarten, was passiert.“
„Sollten Sie aber. Wie ich hörte, gab es in Frau Birkners Büro ein ziemliches Gebrüll. Passt Ihnen etwas an unserer Arbeit nicht?“
Was sollte das denn jetzt? Ist er jetzt plötzlich auch kein Polizist mehr oder was? Er hätte nicht damit gerechnet, gleich so runtergemacht zu werden.
„Ich will mich einfach einbringen, damit man den wahren Täter findet.“
„Aha, und wer ist das?“
„Nicht meine Schwester.“
„Hören Sie, Ihr Verlust tut uns allen wirklich schrecklich leid, aber wenn Sie die Arbeit Ihrer Kollegen in Frage stellen, brauchen Sie sich nirgendwo einzubringen. Und jetzt verlassen Sie augenblicklich das Revier.“
Na toll, jetzt wird er da auch noch rausgeschmissen.
„Ich würde noch gerne zu Ralf…“
„Augenblicklich, sagte ich.“
„Aber…“
„Zwingen Sie mich nicht, unhöflich zu werden.“
Das wurdest du bereits, du hässlicher, alter Kauz, denkt sich Sebastian.
In welchem Universum ist er denn hier gelandet? Seine Eltern wurden umgebracht und nun springt man so mit ihm um? Die Chancen auf eine normale Rückkehr ins Amt stehen schlecht. Dabei hat er doch nichts verbrochen! Dann fällt ihm ein, dass sich Ralf ja heute freigenommen hat, wegen der Beisetzung. Also wäre ein kurzes Pläuschchen wie in alten Zeiten sowieso nicht drin gewesen. Er beißt die Zähne zusammen und verschwindet. Während er nach Hause läuft, kommt ihm ein Gedanke: Er hat sehr wohl etwas verbrochen! Abgesehen davon, dass er am Tatabend am Tatort war, hält er auch noch eine Tatverdächtige bei sich daheim fest. Aus dieser Misere kommt er nicht mehr heil raus…
Der Himmel verdunkelt sich und der erste Tropfen fällt ihm auf die Wimpern. Was soll er bloß tun? Sein Verhalten ist einfach zu auffällig. Wenn das so weitergeht, werden seine Kollegen vielleicht noch einmal seine Wohnung durchsuchen wollen… nur dieses Mal genauer und ohne Anmeldung. Soll er Kim rauswerfen? Sie ist mittlerweile schon einundzwanzig Jahre alt, das wird doch wohl nicht zu viel verlangt sein, dass sie alleine mit ihrem Schicksal zurechtkommt. Er muss es ja schließlich auch! Aber dann würde er sie ein zweites Mal verlieren. Der einzige Mensch, der bereit dazu wäre, mit ihm intim darüber zu reden, wäre Carmens verrückte Cousine. Aber soll er sich einer Fremden anvertrauen? Ausgerechnet der Wahnsinnigen? Wahrscheinlich ist es wirklich das Beste, keinem von Kims Verbleib zu erzählen, denn jetzt ist sie offiziell vom Opfer zur Verdächtigen geworden.
Der Regen wird immer stärker, aber das macht Sebastian nichts aus. Er ist der einzige Mensch, der ohne Regenschirm auf der Straße unterwegs ist. Als er in der Stadt an den Bars und Cafés vorbeiläuft, fällt ihm plötzlich eine Frau mit Kinderwagen ins Auge. Sie sitzt in einem Café alleine an einem Tisch und streichelt mit der einen Hand über das Köpfchen des Babys, das im Wagen dahinschlummert, während sie in der anderen Hand ein Buch hält, das ihre ganze Aufmerksamkeit hat. Das Fenster des Cafés ist vom Regen schon so nass, dass Sebastian nicht erkennen kann, welches Buch es sein könnte. Vor der jungen Frau steht eine dampfende Tasse. Das Gesamtbild kommt ihm sehr bekannt vor, nur das Baby passt nicht dazu. Könnte es sein, dass…? Nein, das wäre ein zu großer Zufall.
Sebastian versucht, den Gedanken zu verdrängen. Es wäre wirklich besser, wenn er sich zu Hause ausruhen würde, bevor er noch zu halluzinieren beginnt. Er wischt sich mit der Hand über sein nasses Gesicht und läuft weiter, ohne noch einmal zurückzublicken. Deshalb bemerkt er auch nicht, dass die Frau den Kopf hebt, um ihm nachzusehen.