Читать книгу Viel mehr als nur Körpersprache – Executive Presence - Kay-Sölve Richter - Страница 29
Hat die Bedeutung der Authentizität real oder nur gefühlt zugenommen?
ОглавлениеSie alle kennen solche oder ähnliche Situationen: Sobald man mit dem Gedanken spielt, im gemieteten Bulli durch Europa zu reisen, sieht man die Kisten plötzlich an jeder Kreuzung. Wer durch Vietnam gereist ist, trifft später in der Kaffeepause garantiert Kollegen, die auch gerade dort waren und lediglich gelangweilt fragen: »Waren Sie denn auch in Laos und Kambodscha?«
Man sieht, hört und nimmt wahr, was einen selbst beschäftigt. Wie ist das mit der Authentizität? Hat der Begriff wirklich an Bedeutung gewonnen, oder haben wir möglicherweise nur einen gefühlten Zuwachs? Kann es am Ende sein, dass Authentizität überhaupt keine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung spielt und wir sie nur vom hohen Trainerross als so wichtig empfinden, weil uns der Begriff jeden Tag umschwirrt?
Auf diese Frage haben wir, ehrlich gesagt, wenige erhellende Antworten gefunden. Immerhin, eine Langzeitstudie der Harvard Business Review zeigt auf, wie sich die Anzahl der Nennungen des Wortes »Authentizität« erhöht; das bezieht sich auf Headlines und Teaser in Artikeln renommierter amerikanischer Zeitungen und Wirtschaftsmagazine. Seit 2008, so das Ergebnis, hat das Bedürfnis, über Authentizität zu schreiben (und folglich: darüber zu lesen) deutlich zugenommen. Unter der Überschrift »The Authenticity Paradox« findet sich hier der folgende schöne Satz: »The word authentic traditionally referred to any work of art that is an original, not a copy«.8
Ein hohes Maß an Authentizität dagegen kann zu starken öffentlichen Auftritten und hoher Glaubwürdigkeit führen.
Diese Ergebnisse decken sich mit unseren nicht repräsentativen Erfahrungen im Trainingsraum und in vielen Vorgesprächen am Telefon. Authentisch zu sein, ist zur Bewertungskategorie geworden, wenn wir über Wirkung in der öffentlichen Kommunikation sprechen. Insbesondere, wenn man sich bewusst macht, mit welchen Merkmalen Authentizität assoziiert wird – bezeichnet das lateinische authenticus doch das Echte und Eigentliche. »Authentizität wird mit Zuverlässigkeit, Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Unverfälschtheit und Eigenhändigkeit assoziiert.«9 Anders gesagt: »Wer sich authentisch verhält, hat nichts zu verbergen.«10
Dabei spielt das Thema Vertrauen als zentrales Kapital von Unternehmen und ihren Managern in der ersten Reihe eine Rolle. Während »authentisch rüberzukommen« positiv besetzt ist, führt fehlende Authentizität leicht zu einem nicht stimmigen Gesamtbild von Körpersprache, Stimme und Inhalten: Was Sie sagen und wie Sie es sagen, passt in der Wahrnehmung Ihres Publikums irgendwie nicht zusammen. Gerade in der Krisenkommunikation von Top-Führungskräften hat solch ein Störmoment fatale Auswirkungen: Es sorgt schnell für Misstrauen beim Gegenüber. Ein hohes Maß an Authentizität dagegen kann zu starken öffentlichen Auftritten und hoher Glaubwürdigkeit führen.
Authentizität ist etwas, das man Ihnen verleiht, es wird Ihnen zugeschrieben und niemals sich selbst attestiert. Wenn Sie als authentisch wahrgenommen werden wollen, sollten Sie eines auf keinen Fall tun: sagen, dass Sie »eher der authentische Typ« sind. Wer für sich selbst Authentizität reklamiert, weckt ebenfalls Misstrauen – nach dem Motto: Der scheint es ja nötig zu haben.11