Читать книгу Nur dämlich, lustlos und extrem? - Kurt Möller - Страница 18
KONTROLLBILANZEN
ОглавлениеMenschen haben ein ganz grundlegendes Bedürfnis nach Realitätskontrolle (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1975, 1976), d. h., sie sind motiviert, ihre eigenen Geschicke möglichst weitgehend im Griff zu haben, jedenfalls nicht fremden Mächten hilflos ausgeliefert zu sein. Das Gefühl, wie weit das »Heft des Handelns« in der eigenen Hand sein muss, ist allerdings nicht bei allen gleich stark ausgeprägt: Die einen setzen alles daran, z. B. ihren beruflichen Lebensweg bis in die kleinste Verästelung hinein völlig eigenständig zu lenken, die anderen ergeben sich eher dem Schicksal, das sich für sie auf dem Arbeitsmarkt ergibt. Den einen ist es wichtig, den Wohnort und die Wohnverhältnisse gänzlich selbstbestimmt wählen zu können, die anderen schließen weitreichende Kompromisse zugunsten beruflichen Fortkommens oder aus Gründen der Partnerschaft und des Familienlebens. Die einen bilden generell quer über alle Lebensbereiche ein hohes Level an persönlichen Kontrollerwartungen aus, die anderen geben sich mit vergleichsweise geringer Eigenkontrolle zufrieden – dies unter Umständen schon allein deshalb, weil sie wenig Kontrollbewusstsein haben, also annehmen, allenfalls zu einem kleinen Teil den Lauf der Dinge selbst bestimmen zu können.
So unterschiedlich jedoch auch das Niveau an Kontrollerwartungen beschaffen sein mag: Je stärker ich über das, was mich betrifft, verfügen können will, umso mehr leide ich darunter, wenn mir dies nicht im gewünschten Maße möglich erscheint. Wenn ich also eine Bilanz meiner Kontrollmöglichkeit anstelle, dann ist nicht das absolute Maß der mir »objektiv« gegebenen Kontrolle entscheidend dafür, wie sie von mir gewertet wird, sondern die Relation zwischen Erwartungshöhe und tatsächlich erfahrenem Realisierungsgrad von Kontrolle. Sofern nun die erlebten Kontrolldefizite als besonders groß und schmerzlich empfunden werden, liegt es zum einen nahe, äußere Umstände oder andere Personen(gruppierungen) für wahrgenommene Kontrollmängel verantwortlich zu machen, Verschwörungen als ursächlich zu wähnen und diese zu skandalisieren bzw. die dafür scheinbar Verantwortlichen anzugreifen, oder zum anderen Kontrollerfahrungen auch in Formen zu suchen, die außerhalb sozialer Akzeptanz liegen: in Gewaltanwendung, Proklamierung nationalistisch begründeter Privilegien, Diskriminierung Durchsetzungsschwächerer u. Ä. m.
Dass dafür gerade junge Menschen anfällig zu sein scheinen, könnte damit zusammenhängen, dass sie sich in einer Lebensphase befinden, der gesellschaftlich in herausgehobener Weise die Aufgabe zugewiesen wird, als Individuum eine eigenständige Identität zu entwickeln. An Jugendliche wird die Erwartung herangetragen, sich aus den Abhängigkeiten der Kindheit nach und nach zu lösen, sich in der Gesellschaft zu positionieren und damit den Nachweis zu erbringen, mehr und mehr »auf eigenen Beinen stehen« zu können. Dies nicht hinreichend auf gesellschaftlich akzeptierte Weise zu können, wird daher von ihnen nicht selten als Versagen und Schmach erlebt, die nicht hingenommen werden kann. Zur Identitätssicherung wird in der Folge Kontrolle durch den Ausweis von Selbstgewissheit und Durchsetzungsfähigkeit auf anderen Feldern zu belegen versucht. Deshalb ist es alles andere als verwunderlich, wenn die lebensgeschichtlich relevanten Wurzeln des »Nationalpopulismus« (wohl nicht nur) junger Leute auch durch quantitative Forschung in ihrem »Wunsch nach Rückgewinnung von Kontrolle« (Shell 2019, 85) lokalisiert werden.
Wer hingegen Kontrolle über das eigene Leben in Respekt vor der Gleichwürdigkeit aller und unter Einsatz demokratischer Mittel in den Arealen der Politik und des Politischen zu verspüren vermag und/oder auch wahrnehmen kann, dass Mitglieder derjenigen Gruppierung, die als Eigengruppe verstanden wird, vergleichbare Erfahrungen machen (können), muss gar keine Notwendigkeit darin sehen, Kontrolle außerhalb der Sphären solcher Dialog- und Auseinandersetzungsformen zu suchen, da sich hier Selbstwirksamkeit und Identitätsanker finden lassen.