Читать книгу Nur dämlich, lustlos und extrem? - Kurt Möller - Страница 9
JUGEND, MACHT, POLITIK – DEFINITORISCHE KLÄRUNGEN JUGEND
ОглавлениеWerden in jüngerer Zeit die Relationen von Jugend und Politik öffentlich erörtert, dann stehen sich zumeist zwei Positionen diametral gegenüber: Die einen lamentieren über die angeblich so unpolitische Jugend von heute – zumeist mit einem nicht ganz uneitlen Verweis darauf, dass dies ja in der eigenen Jugend alles ganz anders gewesen sei. Die anderen singen das hohe Lied breiten jugendlichen Engagements oder betonen zumindest das große politische Interesse in der nachwachsenden Generation.
Das Problem an beiden Positionen scheinen die Pauschalisierungen zu sein, die oftmals mitschwingen, wenn undifferenziert von der Jugend oder der jungen Generation die Rede ist. Die Jugend aber gibt es eben nicht – dies weiß die Jugendforschung mindestens seit Ende der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie unterstreicht dieses Wissen aber in jüngerer Zeit mit Verweisen auf zunehmende Individualisierung und Pluralisierung zu Recht immer häufiger. Jugend ist mannigfaltig und divers, sodass sich knapp formulieren lässt: Jugendliche gibt es, aber nicht die Jugend.
Selbst wer zur Gruppierung der Jugendlichen zu zählen ist, wird seit Längerem jedoch in wachsendem Maße unklar: Dass es nicht nur die 14- bis 18-Jährigen sind, die diese Altersgruppierung bilden, lässt sich allein schon daran erkennen, dass die Adressat*innen der Jugendhilfe laut ihren gesetzlichen Grundlagen bis zu 27 Jahre alt sein können und sogar noch viele Menschen im vierten Lebensjahrzehnt sich in vergleichbaren Lebenslagen befinden oder einen jugendlichen Lebensstil pflegen: z. B. eine (Zweit-)Ausbildung durchlaufen, keinem sozialversicherungspflichtigen »Normalarbeitsverhältnis« nachgehen, (noch) keine Kinder haben, kulturelle Vorlieben pflegen, die denen der Jüngeren gleichen usw. Für jede*n sichtbar dehnt sich auf der anderen Seite die Jugendphase auch »nach unten« hin aus: Wer rechtlich gesehen noch ein Kind ist, zeigt vielfach schon jugendtypische Verhaltensweisen: kleidet sich wie die Älteren, hört »ihre« Musik, nutzt dieselben Medien und geriert sich auch sonst oftmals wie sie. Insofern gibt es ebenso wenig die Jugendlichen wie die Jugend.
Folglich ist die Frage, ob die Jugend oder die Jugendlichen heute politischer, weniger politisch oder genauso politisch sind wie vorherige Jugendgenerationen, falsch gestellt. Sie ist in dieser Pauschalität gar nicht seriös zu beantworten.
Chancen auf verlässlichere Antworten ergeben sich wohl erst dann, wenn unter dem Schlagwort »Jugend« auf diejenigen geblendet wird, die sich zum einen in einer Lebensphase und -lage befinden, die als jugendlich gelten kann, also noch nicht die Insignien des Erwachsenseins aufweist, und die sich vor allem auch selbst als Jugendliche verstehen, und die zum anderen diese Lebensphase in durchaus unterschiedlichen Milieus und dementsprechend auch mit unterschiedlichen Chancen, Wertorientierungen und Haltungsbeständen durchlaufen.