Читать книгу Unsagbare Dinge. Sex Lügen und Revolution - Laurie Penny - Страница 20
Perfekte Mädchen
ОглавлениеDie Gesellschaft weiß schon, dass junge Mädchen abgefuckt sind. Das gehört ja zu ihrem Charme. Sie sind nicht nur Objekte, sie sind erbärmlich, hoffnungslos überfordert mit den Schwierigkeiten des Erwachsenenlebens, mit der verwirrenden Vielfalt von Möglichkeiten, die die moderne Gesellschaft für sie parat hält, von chirurgischer Unterleibspolitur bis hin zum Dienstleistungsjob. Eine Frau ist in der kollektiven Wahrnehmung des Westens so etwas wie ein Kleinkind im Bonbonladen: dermaßen überfordert von der großen Auswahl, dass das undankbare Ding einen Tobsuchtsanfall bekommt und auf den Boden kotzt. Aus abgefuckten Mädchen werden unglückliche Frauen. Eine Studie nach der anderen weist nach, dass Frauen und Mädchen unglücklich sind wie eh und je, überarbeitet, erschöpft, tablettenabhängig; ihnen werden dreimal so viele Rezepte ausgestellt wie Männern.31 Von den Titelseiten der Promimagazine kreischt uns ein Chor erfolgreicher Frauen entgegen, die am Rande des psychischen und physischen Zusammenbruchs stehen. Dieser Star hungert, jene Schauspielerin hat Depressionen, eine dritte trinkt nachts bis zur Bewusstlosigkeit, bis ihr die Kinder weggenommen werden. Den Mächtigen gefällt dieser Mythos: Frauen haben jetzt Gleichheit und Chancen und so weiter, aber sie kriegen es nicht auf die Reihe. Vielleicht hätte man es ihnen von Anfang an nicht geben dürfen.
Erwachsenwerden ist schwer, leichter ist es, sich dem Aufwachsen zu entziehen und einfach nur ein Mädchen zu bleiben. Das will schließlich auch die Familie so. Sie will, dass wir hübsch und nett sind und nie Ärger machen. Das liegt nicht etwa daran, dass sie uns nicht mögen und uns kleinhalten wollen. Nein, sie wollen nur unser Bestes, und wer die Welt objektiv beobachtet, sieht doch, dass hässliche und lästige Mädchen eher Probleme bekommen, eher zu einem Problem werden, und niemand will doch, dass wir ein Problem sind. Unser Freund auch nicht. Er ist so aufgewachsen, dass er in einer Beziehung kein echtes menschliches Wesen erwartet, sondern eine Hilfskraft, eine Wasserträgerin, eine Fleisch gewordene Wichsfantasie. Unser Chef genauso. Er oder sie will, dass wir das Spiel mitspielen. Sei ein gutes Mädchen. Lächle, schau, dass die anderen sich wohlfühlen; finde dich mit schlechter Bezahlung, Überstunden, gelegentlichen Grapschereien auf dem Flur ab, buhle mit den anderen jungen Frauen darum, wer die hübscheste, die gefügigste, die fleißigste ist, das Mädchen, das alle lieben. Nimm dir aber nie vor, mehr zu sein als das.
Ein Mädchen zu sein, das Mädchen zu sein, ist einfach, wenn wir weiß und durchschnittlich hübsch sind. Da ist nichts weiter dabei. In diesem Fall müssen wir die unerwünschten Bestandteile unserer Persönlichkeit nicht einmal völlig ablegen, das Schlaue und Schwierige, das Lärmende und Wütende, das Maskuline, Selbstständige und Ehrgeizige. Wir brauchen sie nur ein wenig zu dämpfen, bis sie nicht mehr sind als ein Hintergrundrauschen und das männliche Ohr sie nicht mehr wahrnimmt, und schon bald hören wir sie selber nicht mehr. Wir fahren sie herunter, schlingen sie hinunter wie die Mahlzeiten, die wir nicht essen dürfen, denn das Mädchen muss schlank und zerbrechlich bleiben, wenn es schön und geliebt sein will. Und wir wollen doch schön und geliebt sein.
Das ist vor allem ermüdend. Es ist ermüdend, ständig der Perfektion hinterherzuhecheln, sich Erholung zu versagen, sich um den Schlaf zu bringen, überall besser sein zu wollen. Perfekte Mädchen wissen, dass sie sich ständig weiter optimieren müssen. Perfekte Mädchen sitzen nicht auf dem Sofa und essen Kekse, nicht einmal, wenn ihre Lieblingssendung läuft. Perfekte Mädchen arbeiten unablässig: Wenn sie nicht in der Schule oder auf der Arbeit sind, treiben sie Sport, und wenn sie keinen Sport treiben, machen sie ehrenamtliche Arbeit, gehen einkaufen, organisieren ihr Privatleben wie ein Start-up-Unternehmen. Der größte Bär, der ihnen als Kind schon aufgebunden wurde, lautete: »Auf die inneren Werte kommt es an.« Es sind aber nicht die inneren Werte, auf die es ankommt. Perfekte Mädchen haben nie frei. Figuren, die überwiegend fiktiv sind, können sich nicht einfach so freinehmen.
Und perfekte Mädchen können noch so manches andere nicht:
Sie können keinen Geburtstagskuchen essen, ohne den Fettgehalt zu berechnen. Sie können nie an erster oder auch nur an zweiter Stelle an sich denken. Sie können keine Fehler machen, und das bedeutet, dass sie nie richtig erwachsen werden können, also können sie nur alt werden, und das ist für Kindmädchen etwas Furchtbares. Sie können nie ungepflegt das Haus verlassen oder im Park Purzelbäume schlagen, nur weil es Spaß macht.
Und wenn sie versagen, wenn sie es vermasseln, wird ihnen nicht verziehen.
Deshalb finden Mädchen leichter als junge Männer in der beschissenen Dienstleistungsbranche einen der mies bezahlten Jobs, die jungen Leuten überall in Europa und Amerika angedreht werden. Andere bedienen und ein hübsches Lächeln aufsetzen können Mädchen besser, auch wenn sie innerlich kreischen. So ist das eben, wenn man ein Mädchen ist.
Dass Mädchen in dieser Arbeit, die oft als »Emotionsarbeit« bezeichnet wird, besser sind, liegt nicht daran, dass ihnen das von Natur aus im Blut läge, sondern dass sie von Geburt an dazu erzogen werden. Wir werden dazu erzogen, uns um das Wohl anderer zu kümmern. Wir werden dazu erzogen, den Kaffee zu servieren, Formulare auszufüllen, Partys zu organisieren und hinterher den Tisch abzuwischen. Wir werden dazu erzogen, wenn nötig beherzt zu sein, aber nicht stark. Quirlig, aber nicht witzig. Nie darf es den Anschein haben, dass wir normale menschliche Körperfunktionen hätten, einen Körper, der pisst, pupst, scheißt, schwitzt und schwächelt. Schmücke das Gefängnis deines Körpers. Mach dich nützlich. Halt den Mund und lächle.