Читать книгу Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell - Margret Bürgisser - Страница 11
SUSANNE SORG-KELLER UND FLORIAN SORG
Оглавление»Für uns war die Lösung mit der Rollenteilung super«
Wir treffen uns um siebzehn Uhr in Susanne Sorgs Büro im Verwaltungsgebäude am Neumühlequai 10. Anmeldung bei der Portiersfrau, die hinter dicken Scheiben sitzt. Sie gibt mir einen Batch, den ich oberhalb der Treppe in eine metallene Säule werfen muss. Nun erhalte ich freien Durchgang durch eine Drehtür und Zugang zum Lift. Im vierten Stock ist alles ruhig. Florian Sorg (62) trifft ein, ein sportlicher Mann mit grauen krausen Haaren. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt. Susanne Sorg (61) kommt mir vertrauter vor: dasselbe offene Gesicht wie früher.
Erwerbsarbeit Das Paar erzählt vom letzten Lebensjahrzehnt. Wie es beiden vergönnt war, sich beruflich zu entwickeln – sie als Hauptabteilungsleiterin in der kantonalen Verwaltung, er als Redaktor bei der NZZ. Ihre Jobs machten ihnen Spaß, doch stellte sich im Laufe der Jahre der Wunsch ein, nochmals Neues anzupacken. Die Idee, wieder in den früheren Berufen Fuß zu fassen – Lehrer an der Landwirtschaftsschule bzw. Gymnasiallehrerin –, erwies sich aber als unrealistisch.
Als Susanne auf die Sechzig zuging, beschloss sie, sich im Herbst 2015 pensionieren zu lassen, »weil ich die Lust verspürte, noch etwas anderes zu machen. Ich könnte nicht zu Hause rumsitzen – das wäre nicht meine Art.« Als sie ein Angebot ihrer Wohngemeinde Lindau erhielt, für den Gemeinderat zu kandidieren, sagte sie zu. Im Frühjahr 2014 wurde sie gewählt. Aktuell überlappt dieses Mandat noch mit ihrer Berufsarbeit. »Teilweise muss ich nun meine Reserven mobilisieren. Insgesamt würde ich sagen, dass ich momentan 120 Prozent arbeite.« Neben dem erwähnten politischen Amt wird Susanne künftig auch als Präsidentin des Vereins Museum Schloss Kyburg tätig sein. Sie freut sich auch auf dieses Engagement.
Florian Sorg arbeitete seit 2000 bei der NZZ. Vor einigen Jahren reduzierte er dort sein Pensum im Rahmen einer Reorganisation von 100 auf 80 Prozent. Statt als Dienstredaktor arbeitete er wieder vermehrt im Journalismus mit Schwerpunkt auf der Berichterstattung aus Winterthur. Als er eine Anfrage des Kantonsspitals Winterthur erhielt, in der man ihm die Redaktion der neuen Hauszeitung anbot, griff er zu. »Seit Anfang März 2015 arbeite ich nun in einem 90-Prozent-Pensum dort und erstelle die Hauszeitung, die einmal im Monat erscheint.« Die neue Herausforderung macht Florian Freude und vermittelt neue Impulse. »Diese Woche konnte ich bei einer Herzoperation dabei sein. Das war super. Man kommt vielerorts an den Eintrittverbotsschildern vorbei und erhält Einblick in viele Bereiche.«
Haben die beiden Karriere gemacht? Susanne bezeichnet ihre berufliche Entwicklung nicht als geplante Karriere. »In der Staatskanzlei ist es nicht möglich, eine klassische Karriere zu machen. Ich habe aber erreicht, was ich maximal erreichen konnte.« Als einen Karriereschritt sieht sie ihre Engagements an diversen Hochschulen. »Ich habe regelmäßig an der ZHAW Winterthur und an der Uni Basel unterrichtet und konnte auch an der Uni Zürich als Gastdozentin einzelne Module übernehmen.« Für Florian war Karriere nie ein zentrales Ziel. »Ich denke, dass ich mit der NZZ weit gekommen bin. Dieser Job hat mir auch zugesagt und hatte ein gewisses Prestige. Die Umstellung auf den neuen Job war kein Karriereschritt – es ging weder rauf noch runter.«
Hausarbeit Florian leistet heute weniger Hausarbeit als seine Frau, was jedoch nicht zu Konflikten führt. »Ich mache jeden Tag irgendetwas wie Entsorgung, Altglas und darüber hinaus. Am Morgen räume ich jeweils auf, und am Abend ist halbe-halbe. Die vielen großen Sachen wie Wäsche waschen usw. erledigt Susanne. Umgekehrt repariere ich manchmal etwas oder ersetze einen Wasserhahn.« Susanne betont, mit der jetzigen Doppelaufgabe bleibe wenig Zeit übrig für den Haushalt. »Wir haben weniger Gäste als früher, aber für diese koche ich nach wie vor sehr gerne.« Seit Langem haben Susanne und Florian auch eine Putzfrau, und die Nachbarin bügelt für sie.
Betreuung der Großeltern Auch die Betreuung der eigenen Eltern, die in einer halben Stunde Distanz wohnen, absorbiert Zeit. Florians Vater ist letztes Jahr gestorben. »Wir hatten bereits damals und haben auch heute noch einen sehr intensiven Kontakt zu meiner Mutter. Ich gehe gerne hin – aber man benötigt einen halben Tag pro Woche, jeweils am Wochenende.« Susannes Eltern leben noch in ihrer Wohnung, benötigen jedoch ebenfalls Unterstützung. »Ich habe begonnen, mit ihnen zusammen Ferien zu verbringen. Ich bekoche sie, nehme sie in unser Ferienhaus mit und schaue, dass sie zurechtkommen.«
Entwicklung der Kinder Die Töchter von Susanne und Florian sind längst erwachsen. Beide fühlen sich in ihren Berufen im Element und reisen viel in der Welt umher. Annina (31) hat an der ETH ein Forstingenieurstudium absolviert. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie drei Jahre im Forstamt des Kantons Bern und bereitete dort Rodungsbewilligungen vor. Anschließend verfasste sie ihre Doktorarbeit und weilte während dieser Zeit länger in Kirgistan und Kasachstan. Nun arbeitet sie in einem Ingenieurbüro, für das sie Baustellen für Lawinenverbauungen beurteilen und Bäume unterhalb von Hochspannungsleitungen kontrollieren muss. Es sei ein faszinierender Job, erzählen die Eltern, »sie ist mit Leib und Seele Forstingenieurin«.
Auch Loredana (29) hat einen naturverbundenen Beruf gewählt. Nach der Matura legte sie ein Zwischenjahr ein und verbrachte Zeit in Russland und in Kirgistan. Nach ihrem Agronomiestudium ist sie nun, wie die Mutter berichtet, als Mercator-Stipendiatin unterwegs: »Die ersten drei Monate verbrachte sie in Tansania bei einer Bio-Landwirtschaftsausbildungsstätte. Anschließend war sie für drei Monate bei der FAO in Rom, und momentan ist sie in die Ukraine verreist, wo sie im Bereich Bio-Landbau ihre drei letzten Monate absolviert.«
Eltern-Kind-Beziehung Nach dem Verhältnis zu ihren Kindern gefragt, meint Susanne: »Es ist sehr intensiv, freundschaftlich und offen.« Sie fährt mit ihren Töchtern auch in die Ferien und unternimmt mit ihnen Fahrradtouren. »Im Dezember haben Annina und ich Loredana in Tansania besucht. Wir sind zweieinhalb Wochen rumgereist, und Loredana hat uns das Land gezeigt. Das sind jeweils sehr intensive Phasen, in denen wir uns gut verstehen.« Susanne freut sich darüber, dass sie als ältere Frau von den jüngeren Frauen so gut integriert wird. Florian macht ähnliche Erfahrungen. »Ich empfinde es als angenehm, dass ich mich seitens unserer Töchter nie ausgeschlossen fühle. Das ist sehr wertvoll für mich. Wir gehen verschiedene Wege, haben aber ein sehr vertrautes Verhältnis.«
Bedeutung der elterlichen Rollenteilung Ob die Eltern-Kind-Beziehung durch die egalitäre Rollenteilung geprägt worden sei, beurteilen die Partner unterschiedlich. Susanne ist überzeugt »dass wir eine innigere Beziehung miteinander haben, als wenn wir ein anderes Modell gewählt hätten. Ich bin mir sicher, dass es eine andere Beziehung wäre, wenn ich Hausfrau gewesen wäre. Ich habe das Gefühl, dass ich für sie nicht jemand bin, der zu Hause nur eine Suppe zubereitet, sondern dass sie mit mir interessante Gespräche führen können.« Florian ist anderer Meinung. »Für uns war diese Lösung mit der Rollenteilung super. Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir auch eine innige Beziehung hätten, wenn wir dieses Modell nicht gehabt hätten. Aber ich hätte etwas verpasst.«
Rückblick auf die Wahl der Rollenteilung Susanne erinnert sich: »Bei mir war es das Egalitäre. Ich wollte nicht benachteiligt sein, weil ich eine Frau bin. Ich wollte auch den beruflichen Teil des Lebens leben.« Es ging ihr auch um eine gleichberechtigte Partnerschaft. Sie war überzeugt, »dass es befriedigender ist, wenn man auf gleicher Augenhöhe miteinander spricht. Wenn man nicht in verschiedenen Welten lebt und das Gemeinsame erst suchen muss.« Florian wählte das Modell aus der Überlegung, nicht für den Rest seines Lebens gleichförmig leben zu wollen. »Andere Gründe waren mein Interesse an den Kindern und meine Experimentierfreude. Wir haben jedoch vor dem Entscheid überprüft, ob es wirklich beide möchten und keiner den Kürzeren zieht. Ansonsten hätten wir es nicht gemacht.«
Zufriedenheit mit der Rollenteilung Susanne wie Florian sind mit der egalitären Rollenteilung rückblickend sehr zufrieden. Sie würden dieses Modell wieder wählen, weil es Frauen nicht ans Haus bindet und den Männern die Möglichkeit gibt, einen Teil des Alltags mit den Kindern zu verbringen.
Florian erinnert sich aber auch an frühere Unsicherheiten: »Damals wusste ich nicht, dass es anschließend wieder vorwärtsgeht und man wieder einen Vollzeitjob finden kann. Ich habe mir aber gedacht, dass das schon klappen wird. Ich würde es wieder so machen, wenn es irgendwie aufgeht.«
Auch Susanne würde die Rollenteilung wieder wählen. »Wir waren beide von dieser Idee fasziniert. Es war ein Anspruch an uns, ob wir diese Herausforderung zusammen meistern können. Wenn wir beide das Bedürfnis nach einem 80-Prozent-Pensum gehabt hätten, hätten wir die Kinder in die Krippe geben müssen. Dann wäre eines der Ziele – dass wir viel Zeit mit den Kindern verbringen können – tangiert gewesen.«
Die beiden sind stolz auf das Erreichte. Selbstkritisch fügen sie an, das Aufstocken der Pensen auf 100 Prozent sei für die Töchter wohl etwas früh gekommen. Die beiden Jugendlichen waren damals nach der Schule oft auf sich selbst gestellt, was die Eltern aus heutiger Sicht als nicht ideal beurteilen. »Der Übergang war hart«, erzählt der Vater, »ich habe die Kinder plötzlich fast nicht mehr gesehen. Das ist für mich nicht gut gelaufen.« Susanne fragt sich, ob sie nicht dadurch, dass sie beide ihr Pensum erhöhten, »das System etwas überfordert« hätten.
Vorteile der partnerschaftlichen Rollenteilung Als wichtigsten Vorteil der partnerschaftlichen Rollenteilung nennt Susanne die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das beinhaltet für sie, »dass ich mich im Berufsleben wohlfühle. Deshalb habe ich es sehr geschätzt, dass ich nach meiner kurzen Pause wieder im Beruf einsteigen konnte.«
Auch Florian hat die Rollenkombination geschätzt. »Ich hatte eine sehr gute Zeit mit meinen Kindern, und das ist gut. Ich musste mich nicht mit Haut und Haaren an meinen Beruf verkaufen und hatte auch kein Burn-out.« Auch die Partnerschaft erhielt viele Impulse, wie Florian betont: »Wir hatten nebst allem anderen immer auch einen fachlichen Austausch. Es fließt in meine Lebensqualität ein, (zu ihr) dass du in einer spannenden Situation bist – obwohl dich dein Job nicht immer nur glücklich macht.« Einen weiteren Punkt erwähnt Florian noch: »Ich musste nicht alles Geld selbst verdienen. Ich muss nicht ›strampeln‹ wie jemand, der alleine für das Einkommen verantwortlich ist.«
Nachteile der partnerschaftlichen Rollenteilung Die Nachteile der partnerschaftlichen Rollenteilung sieht das Ehepaar Sorg vor allem bei den Werthaltungen, der beruflichen Entwicklung und den Finanzen. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Rollenmodells sei durchzogen, meint Florian, sie verändere sich kaum. »Schlimm ist, wenn man nur als halber Mann betrachtet wird, weil man noch den Haushalt macht. In solchen Situationen bin ich extrem dünnhäutig.« Susanne findet es stoßend, »dass man mit Aussagen wie ›Ihr seid Exoten‹ oder ›Nein, das könnten wir nie machen‹ und ›Das möchten wir niemals‹ konfrontiert wird. Man hat manchmal das Gefühl, als ob man die anderen bedrohen würde.« Es komme allerdings auch vor, dass sie von gewissen Leuten als »Pionierin« bezeichnet werde. »Ich frage dann immer, warum nicht mehr Leute dieses Modell umsetzen. Ich treffe nur wenige junge Familien, die das versuchen.«
Einen weiteren Nachteil sieht Susanne darin, »dass man während der ersten Zeit viel weniger verdient. Wenn ich zurückdenke, hatten wir als Journalisten keinen hohen Lohn.« Gleichwohl sind sie dem Modell treu geblieben. »Es braucht die Zuversicht, dass es in dieser Lebensphase eigentlich keine Rolle spielt, wenn man etwas weniger Geld hat. Man kann die Arbeitspensen anschließend ja wieder aufstocken.«
Florian hat die Nachteile der Teilzeitarbeit erlebt. »Man hat über eine gewisse Zeit eine angezogene Handbremse. Man merkt, dass die Gleichaltrigen im Journalismus einen Schritt weiter sind. Es war mühsame Knochenarbeit, bis ich gleich viel erreicht hatte wie die anderen. Das war auch eine Folge des egalitären Rollenmodells.«
Blick in die Zukunft Susanne möchte ihre kulturpolitischen Engagements nach der Pensionierung noch eine Weile fortsetzen. »Anschließend möchte ich noch etwas machen, was mich geistig fit hält, eine Mischung aus Freizeit und sinnvollem Engagement.«
Florian hat im Sinn, bis 65 zu arbeiten. Nachher wünscht er sich mehr Zeit für seine Hobbys. Er spielt klassische Musik und arbeitet gerne im Garten. Das alleine wird ihn jedoch nicht ausfüllen. »Ich habe bereits mit Bauern vereinbart, dass – wenn sie jemanden zum Traktorfahren oder zum Zäunereparieren benötigen – ich das gerne für sie mache. Ich könnte mir auch vorstellen, zweimal in der Woche bei einem Fahrradmechaniker auszuhelfen.« Er habe in seinem Berufsleben genügend Papier gesehen, betont Florian. »Eines meiner Ziele wäre, dass ich mir morgens manchmal einen Arbeitskittel anziehen kann.«