Читать книгу Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell - Margret Bürgisser - Страница 9

ROCHELLE ALLEBES UND RONNIE GUNDELFINGER

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»Ich konnte es mir nur mit dieser Rollenteilung vorstellen, Kinder zu haben«

Mein Besuch führt mich nach Bäch am Zürichsee, wo Rochelle Allebes (64) und Ronnie Gundelfinger (61) ihre Sommerferien verbringen. Rochelle holt mich am Bahnhof ab und fährt mich zu dem kleinen Haus am See, das sie – zusammen mit ihrem Schwager – ganzjährig gemietet haben. Jetzt, zur heißesten Jahreszeit, ist es mit seinem lauschig-schattigen Garten und dem direkten Seeanstoß eine wahre Idylle. Im Gespräch mit den beiden erfahre ich, was sich in den letzten Jahren in ihrem Leben alles ereignet und verändert hat.

Entwicklung der beruflichen Situationen Rochelle hat noch eine Weile beim Elternnotruf gearbeitet, dann aber – nach 22 Jahren – gekündigt. »Seit 2006 habe ich eine Stelle im Team des Ausbildungsinstituts für systemische Therapie und Beratung in Meilen. Seither gebe ich dort Kurse und mache Supervisionen. Und in meiner Praxis arbeite ich mit Paaren und Familien.« Auf freiberuflicher Basis ist Rochelle in verschiedenen Projekten engagiert und arbeitet insgesamt etwa 70 Prozent. Sie wird die Tätigkeit in Meilen 2019 allerdings aufgeben. »Das Vorbereiten der Kurse ist eine stressige Arbeit. Ich finde auch, dass man irgendwann zu alt und zu weit weg ist von allen neuen Entwicklungen. Die Praxis würde ich langsam abbauen.« Nachher möchte sie vermehrt in Amsterdam weilen, wo sie ursprünglich herkommt und wo sie jetzt eine Wohnung gekauft hat.

Ronnie ist nach wie vor, seit annähernd dreißig Jahren, beim kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich tätig. Als leitender Arzt ist er in diesem Umfeld quasi der »Silberrücken«, d. h. eine Person mit Erfahrung und Autorität. Sein Arbeitspensum hatte zwischenzeitlich ein fast unzumutbares Maß erreicht (bis 130 Prozent auf der Basis von 50 Wochenstunden). Jetzt hat es sich wieder bei etwa 100 Prozent eingependelt. Rund 60 Prozent seiner Arbeitszeit wendet Ronnie für das Thema Autismus auf, das zu seinen Spezialgebieten zählt. Daneben nimmt er diverse Leitungsfunktionen wahr.


Karriere trotz früherer Teilzeitarbeit Für Ronnie war die Beförderung zum leitenden Arzt ein Karriereschritt. »Es hatte auch damit zu tun, dass der Dienst gewachsen ist und dass zusätzliche Hierarchiestufen geschaffen wurden. Es gab neue leitende Stellen, und eine davon habe ich dann bekommen.« Er ist nun der Dienstälteste und hat zwei wesentlich jüngere Chefinnen. Die direkte Vorgesetzte, zehn Jahre jünger, bringt Ronnie sehr viel Wertschätzung entgegen. »Sie ist schon froh, dass sie mich hat. Ich kenne den Laden einfach gut und kann sie bei Bedarf in Sachen unterstützen, für die sie keine Zeit mehr hat.« Rochelle ist von der Frau begeistert, da sie sich für vernünftige Arbeitszeiten einsetzt und Teilzeitarbeit fördert. »Sie ist für mich ein Vorbild. Ich erwähne sie in Coachings immer als Beispiel dafür, wie man das offenbar auch machen kann.«

Beide Partner betrachten die jüngere Entwicklung als erfreuliche Karriereschritte. Rochelle betont: »Meilen ist für mich ein schöner abschließender Karriereschritt gewesen. Ich habe Erfahrung und Wissen an eine nächste Generation weitergegeben, und das ist ein sehr schöner Abschluss.«

Zukunftsperspektiven Was nach der Pensionierung kommt, ist noch ungewiss. Rochelle denkt daran, sich in einem innovativen Projekt zu engagieren. »Es gibt ein neues Modell in der Schweiz, Paare während der Scheidung zu begleiten. ›Collaborative Law and Practice‹ heißt das. Man denkt darüber nach, gemeinsam mit Anwälten und Coaches eine kleine Institution auf die Beine zu stellen. Ich könnte mir vorstellen, da für ein paar Jahre mitzumachen.«

Ronnie hat beruflich mehrere Optionen: vorzeitig aufhören, bis 65 weitermachen oder über den Pensionierungszeitpunkt hinaus weiterarbeiten. Kinderpsychiatrisches Know-how sei Mangelware, betont er, seine Arbeit deshalb nach wie vor geschätzt. Allerdings findet auch Ronnie die Option interessant, Zeit in Amsterdam zu verbringen. Dafür will er sich einen Freiraum schaffen. »Ich werde darauf achten, dass ich mich nicht zu sehr verpflichte. Ich werde vielleicht einige Tage arbeiten und dann wieder vier Wochen gar nicht. Diese Freiheit möchte ich dann schon haben.«

Zum Stellenwert der Teilzeitarbeit Im Bildungs- und Beratungsbereich, in dem Rochelle arbeitet, ist Teilzeitarbeit schon länger an der Tagesordnung. Auch Ronnie stellt einen wachsenden Anteil an Teilzeit Arbeitenden fest. Reduzierte Pensen sind heute in der Psychiatrie – selbst bei Oberärzten – akzeptiert, was mit der zunehmenden Zahl an Ärztinnen zusammenhängt. »Auf der Stufe, auf der ich damals als Oberarzt war, gibt es keinen mehr, der 100 Prozent arbeitet. Bei den Assistenzärzten ist das anders, weil sich die Ausbildungszeit verlängert, wenn man Teilzeit arbeitet. Da gibt es Leute, die noch keine Familie haben und das durchziehen möchten. Wir haben aber auch viele Assistenten und Assistentinnen, die schon Kinder haben und Teilzeit arbeiten. Es hat sich sehr geändert; wir haben ganz viele Teilzeitstellen.«

Hausarbeitsteilung Die Rollenteilung im Haushalt richtet sich nach den beiderseitigen Fähigkeiten und Vorlieben. Es steckt da nicht mehr viel Zündstoff für Konflikte drin. »Es ist heute sicherlich viel einfacher«, stellt Ronnie fest. »Es gibt weniger zu tun, es wird weniger gekocht und eingekauft. Wenn es nur Brot und Käse gibt, ist es auch gut. Die Wäsche mache immer noch ich.« Rochelle bestätigt: »Ich glaube auch, die Rollenteilung ist noch etwa gleich. Ich arbeite und koche, und Ronnie tut es auch. Auch wenn er 100 Prozent und mehr gearbeitet hat, hat sich Ronnie immer sehr aktiv am Haushalt beteiligt. Er ist extrem effizient.«

Rückblick auf die partnerschaftliche Rollenteilung Beide Partner finden das egalitäre Rollenmodell auch aus großer zeitlicher Distanz eine gute Lösung. »Wir konnten es sehr gut organisieren«, betont Rochelle. »Anfangs hatten wir an einem Tag die Woche eine Kinderfrau, dann Krippe, Tagesschule. Ich würde es nicht anders machen.« Ausschließlich Mutter und Hausfrau zu sein, wäre für Rochelle nie infrage gekommen. »Ich komme aus einer sehr traditionellen Familie. Meine Mutter war eine typische Fünfzigerjahre-Mutter, die sehr unzufrieden war. Für mich war sie ein Antivorbild. Ich konnte es mir nur mit dieser Rollenteilung vorstellen, Kinder zu haben. Sonst hätte ich auf Kinder verzichtet.«

Auch Ronnie ist in einer traditionellen Familie aufgewachsen. »Der Impuls zur Rollenteilung kam klar von Rochelle. Rückblickend ist das gut gewesen. Ich bin extrem froh, dass ich für meine Kinder Zeit hatte.« Rochelle bestätigt: »Ich verdanke Ronnie, dass wir überhaupt Kinder haben, und er verdankt mir, dass er zu ihnen auch eine Beziehung hat.«

Was ist aus den Söhnen geworden? Die Söhne Micha (27) und Jonah (24) wohnen schon länger nicht mehr zu Hause. Micha, der Arzt geworden ist und sich auf Innere Medizin spezialisiert, wird demnächst seine aus Südafrika stammende Freundin Amy heiraten. Auch sie ist Ärztin.

Micha hatte es nicht eilig, auszuziehen. »Ich habe eine Wohnung gefunden, da Freunde dort ausgezogen sind«, erzählt der Vater. »Dann habe ich Micha gesagt, er habe eine Woche Zeit, um zwei Leute für eine Wohngemeinschaft zu finden. Das hat er dann gemacht und fand es auch gut. Aber von sich aus hat es ihn nicht aus dem Haus getrieben.«

Jonah will Sekundarlehrer werden und legt an der Pädagogischen Hochschule demnächst die Bachelor-Prüfungen ab. Er ist gleich nach der Matura zu Hause ausgezogen und lebt nun in einer Wohngemeinschaft. Während der Ausbildung hat Jonah auch gearbeitet und Geld verdient. »Es war ein recht anspruchsvolles Studium«, berichtet der Vater, »und er hat jede Prüfung beim ersten Mal bestanden. Jetzt geht er für ein Jahr nach Amsterdam, um den Master anzufangen.« Jonah wird dabei in der Wohnung seiner Eltern wohnen.

Beziehungen zwischen Eltern und Kindern Rochelle und Ronnie bezeichnen die Beziehungen zu ihren Söhnen als anregend, offen und vertrauensvoll. »Grundsätzlich haben wir ein gutes Verhältnis«, berichtet der Vater. »Wir sind vor einem Jahr wieder einmal zu viert für eine Woche in die Ferien gefahren. Das fanden sie gut und sagten, dass wir das auch wiederholen könnten.« Rochelle betont, ihre Söhne seien recht unterschiedlich, entsprechend unterscheide sich auch der Kontakt zu ihnen. »Mit Micha machen wir viel zusammen, und man kann mit ihm über alles reden. Da werden wir sehr einbezogen; das war schon immer so. Jonah sehen wir weniger. Aber wenn man ihn sieht, ist er sehr präsent. Es ist klar, dass er uns sehr gern hat und wir ihn auch.«

Bedeutung der Rollenteilung für die Söhne Ob die Rollenteilung bei ihren Jungen Spuren hinterlassen hat, können Rochelle und Ronnie nicht mit Sicherheit sagen. Rochelle stellt jedoch fest, »dass ihre Freundinnen auf Augenhöhe sind. Es gehört zu ihren Kriterien, dass jemand interessant und spannend sein muss.« Sie ist überzeugt, dass ihre Söhne Frauen als gleichwertig respektieren. »Wie sie Frauen auswählen, wie sie mit ihnen umgehen, wie sie auf Sprüche über Frauen reagieren. Es passt ihnen nicht, wenn diese abschätzig sind.«

Die Rollenteilung der Eltern haben die Söhne bisher nicht groß kommentiert. »Einerseits hat es für sie etwas Selbstverständliches«, meint Ronnie,»weil es einfach so war. Gleichzeitig haben sie viele Familien um sich herum gesehen, die traditionell waren. Jonah äußert sich ziemlich kritisch über diese Paare und Familien.«

Kinderkosten Als die Kinder klein waren, beliefen sich die Kosten für familienergänzende Kinderbetreuung auf monatlich bis zu 2500 Franken. Auch später kosteten die Kinder viel Geld, wie der Vater berichtet. »Es war richtig teuer, als beide in der Privatschule waren; es gab damals noch kaum Tagesschulen. Da haben uns unsere Eltern unterstützt. Das fiel dann weg, als sie in die öffentliche Schule kamen. Das Studium ging eigentlich gut. Die Jungen haben ein wenig gearbeitet und etwas beigetragen. Größere Kosten wie Krankenkasse und Studiengebühren haben wir aber übernommen.«

Neue Betreuungspflichten Seit die Söhne erwachsen sind, fühlt sich das Paar sehr entlastet. Allerdings benötigt Ronnies Mutter nun vermehrt Betreuung. Sie lebt seit Kurzem in einem Altersheim, wo sie nur wenig Kontakt zu anderen Mitbewohnenden hat. Alle Familienmitglieder achten darauf, regelmäßig bei der alten Dame vorbeizugehen und sie, wenn nötig, zu unterstützen. Ronnie umschreibt das Engagement so: »Wir müssen sie nicht betreuen, weil sie gut versorgt wird, aber sie zu besuchen, ist sehr wichtig. Ich habe noch einen Bruder, der auch in Zürich wohnt. Er und ich gehen jeweils zweimal die Woche hin, Rochelle und die Jungs kommen auch vorbei. Im Prinzip bekommen wir es so hin, dass fast jeden Tag jemand vorbeischaut.«

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Das Paar findet, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die partnerschaftliche Rollenteilung hätten sich insgesamt verbessert. Insbesondere seien die Väter mehr interessiert, sich an der Betreuung ihrer Kinder zu beteiligen. Ronnie findet auch, das Betreuungsangebot sei stark ausgebaut worden. »Es gibt mehr Krippenplätze, es gibt gute und weniger gute Krippen. Es gibt zweisprachige Krippen, Förderprogramme, private Krippen. Es wurde auch zum Business.« Als Facharzt für Kinderpsychiatrie beurteilt Ronnie diesen Trend eher skeptisch. »Ich glaube, dass das Kind davon profitiert, wenn es mit anderen Kindern zusammen ist, aber nicht im ersten Lebensjahr. Es muss auch eine Vertrautheit aus der Alltagsversorgung geben. Die hat man nicht, wenn das Kind fünf Tage die Woche von Krippenfrauen übernommen wird.« Rochelle teilt Ronnies Vorbehalte. »Ich habe von Frauen, die in Krippen arbeiten, schon gehört, dass Mütter die Kinder so früh wie möglich bringen und auf den Mutterschaftsurlaub verzichten möchten. Sie bringen sie so lang wie möglich in die Krippe. Solche Geschichten erschrecken mich.«

Karriere um jeden Preis? Auch den Trend, dass Frauen um jeden Preis Kinder und Karriere verbinden wollen, beurteilt Rochelle skeptisch. Sie bezweifelt, dass Beruf und Familie ohne Verzicht vereinbart werden können, sofern man das Wohl der Kinder ins Zentrum stellt. »Es gibt heute einen gesellschaftlichen Druck, dass man Karriere machen und zeigen muss, dass man das auch mit Kind unter einen Hut bekommt.« Sie findet das unrealistisch. »Karriere und Kind ist too much. Es geht einfach nicht, wenn man es für die Kinder gut genug machen will.« Partnerschaftliche Rollenteilung beinhaltet nach Rochelles Meinung, »dass beide wirklich Teilzeit arbeiten und auf eine steile Karriere verzichten. Ich denke, man kann dabei trotzdem eine interessante Arbeit machen.«

Ronnie weist auf jene Familien hin, die sich ein egalitäres Rollenmodell aus finanziellen Gründen nicht leisten können. »Es gibt am anderen Ende des Spektrums diejenigen, bei denen beide arbeiten müssen, weil es für sie eine finanzielle Notwendigkeit ist.« Rochelle pflichtet ihm bei. »Sie können sich die Krippenplätze kaum leisten. Es gibt zwar welche, aber sie sind für viele Leute noch zu teuer. Das ist überhaupt nicht gelöst.«

Großeltern als »Sandwichgeneration« Rochelle stellt neuerdings fest, dass »die ältere Generation unter Druck gesetzt wird, kostenlose Betreuungsarbeit zu leisten. Das ist auch ein volkswirtschaftlicher Faktor, wenn das der neue Trend wird. Wenn man mal nein sagt, ist man heutzutage sofort eine Rabengroßmutter!« Rochelle anerkennt, dass »der Faktor Sorge nicht vernachlässigt werden sollte. Das ist ein Wert. Aber das bedeutet nicht, dass man Leute unter Druck setzen darf, Gratisarbeit zu leisten.« Ronnie doppelt nach: »Du kannst das Gleiche auch über die Altenbetreuung sagen; das ist ein vergleichbares Thema. Rein demografisch verschiebt es sich massiv, weg von der Kinder- hin zur Altenbetreuung.« – »Wir sind die neue Sandwichgeneration«, vermutet Rochelle. »Frauen in unserem Alter müssen auf die Enkel aufpassen und gleichzeitig die Eltern unterstützen. Und das in einer Phase, wo sie gerade mit der Arbeit fertig sind!« Das findet sie für viele eine Überforderung.


Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell

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