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Leben mit Schweizer Zeit

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Ich war unlängst auf Mallorca, Puerto Portals, Hotel Punta Negra, Zimmer 311, traumhafte Terrasse, ein paar durchlässige Pinien, zwischen denen das Meer hindurchdrängte, Meeresrauschen bei offener Balkontür, Sonnenaufgänge, die das Meer vergoldeten, grosses Kino, 10 Billion Dollar View und so weiter. Ich sass da, erlöst vom Diktum der Zeit, und verlor mich ein klein wenig, leider nur, im ewigen Kontinuum, dann spuckte es mich wieder aus in die Vergänglichkeit, und ich dachte, welch unrühmlichen Umgang die Schweiz mit ihrer Zeit pflegt und wie wenig «tranquillo» sie ist. Dass wir kein Savoir-vivre haben und dass für das Menschsein so elementaren Daseinsformen wie Musse und Müssiggang der Geruch von Arbeitsscheue und Asozialität anhaftet, in diesem dummen Land, das sich abstrampelt pünktlich von morgens um sieben bis abends um fünf, ein Land voller Stempeluhrleben, ein Land, das sich zugrunde arbeitet und sich nichts dabei denkt. Das malocht ohne Ende, um das bisschen finanziellen Reichtum nicht zu verlieren, ein Land, das Angst hat, seiner Privilegien verlustig zu gehen, wenn es nicht funktioniert wie ein Fliessband. Ein Land, das die Lebenszeit verloren hat und stur wie eine ferngesteuerte Armee funktioniert.

Ein Land, das so kämpft mit der Zeit, dass es, wenn der Tag verblasst, abends so geschlagen ist, dass es sich nur noch betäuben möchte auf gepolsterten Krankenbetten und dann in einen traumlosen Schlaf fallen, damit es am nächsten und am übernächsten und am überübernächsten Tag weiter und wieder marschieren kann. Ein Land manchmal, so kommt es mir vor, das Angst hat vor dem Leben und es deshalb unterdrückt. Es reglementiert und konditioniert und portioniert auf ein bisschen Wochenende und ein paar Tage all-inclusive in einem Liegestuhl am Hotelpool.

Zuallererst wünschte ich mir für dieses Land eine gepflegte Kultur des eleganten Tagediebstahles. Menschen, die ihre Arbeit unterbrechen, die Bude verlassen und mal einen Espresso trinken, übers Sein und Nichtsein plaudern oder über Bierpreise, es ist egal. Die sich entschleunigen, wie man das heute so sagt, die sich ausklinken und fallen lassen dorthin, wo das wirkliche Leben zu Hause ist, wo das Bewusstsein auf ein Sein trifft, das die eigentliche Arbeit ist. Ich wünschte mir für dieses Land weniger Sicherheit und mehr Gelassenheit, mehr Provisorisches als Perfektes, und ich fordere die gesetzliche Verankerung einer Siesta zwischen 14 und 16 Uhr, eigentlich lieber 17 Uhr, aber ich will da mal nicht übertreiben, «tranquillo». Zwischen 14 und 16 Uhr also döst das Land dann vor sich hin oder geht ausgiebig Mittagessen oder macht Liebe, schliesst seine Geschäfte, ist herrlich unproduktiv, erholt sich, kommt zur Ruhe und zu Kräften, beginnt um 16 Uhr den Tag zum zweiten Mal, arbeitet bis um 19 Uhr und lebt dann weiter in die Nacht.

Ich weiss, das alles sind Schwärmereien eines temporären Tagediebes, der gerade morgens um sieben Mitte März eingehüllt in einen Bademantel auf einer Hotelterrasse auf Mallorca sitzt und sich vorstellt, wie es sein könnte, wenn sein Land das Leben nicht einfach so vorbeiziehen lassen würde. Natürlich könnte ich das Leben in meinem Land eintauschen gegen eines in einem andern Land, und vielleicht mache ich das eines Tages, wenn die Zeit reif ist dafür und die Enttäuschung über mein Land gross genug auch.

Und bis es so weit ist, sitze ich, so oft es geht, auf Hotelterrassen wie jener in Puerto Portals und träume mir mein Land zurecht, bis ich zurückkehre in mein Land und anfange, von Hotelterrassen zu träumen.

Männermaladien

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