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Leben mit Selbstliebe
ОглавлениеWahrscheinlich besitze ich kein Haus und auch keine Eigentumswohnung, weil ich immer noch auf der Suche bin nach meinem Platz in der Welt. Daran ist nichts Dramatisches oder gar Pathologisches, obwohl jeder Therapeut vermutlich gleich diagnostizieren würde, dass sich als tieferer Grund dahinter eine Unfähigkeit verbirgt, sich dauerhaft auf etwas einzulassen und Verantwortung zu übernehmen. Dass ich deswegen auch nicht wirklich und dauerhaft lieben, sondern immer nur verliebt sein könnte. Weil ich kein Haus in mir habe, kein Fundament auch, und weil ich einige Krankheitssymptome des «puer aeternus», des ewigen Jünglings, aufweise und ein Leben lang stets im Übergang zum Erwachsenen verharre, das Glückselig-Kindliche aber nie werde zurücklassen können. «Doktor», würde ich dann sagen, ich kann lieben, ein bisschen wenigstens, mich zum Beispiel, das ist gar nicht einfach, fragen sie meine Exfrauen, worauf der Therapeut antworten würde, das sei eine kindliche Antwort, und ich würde den Therapeuten fragen, wie sie denn so sei seiner Meinung nach, die erwachsene Liebe, und er würde sagen, erwachsene Liebe besitzt die Fähigkeit zur Selbstlosigkeit, ist grösser als die Eigenliebe. Und ich würde dann in das Haus meiner Gedanken kriechen und mich fragen, ob ich das könnte, jemanden mehr lieben als mich selbst, weil, Jesus bin ich ja nicht. Ich glaube dennoch: ja, schon, oder unter Umständen. Weil im Grunde bin ich ja bloss gelegentlich verliebt in mich. Um ehrlich zu sein, so die ganz grosse Liebe zwischen mir und mir als Grundgroove meines Seins ist das nicht, es ist eher ein evolutionäres Zweckbündnis, wie eine altmodische Ehe vielleicht. Ich und ich, wir stehen uns bei, um geschmeidiger über die Runden zu kommen, und manchmal verlieben wir uns ineinander und starten durch für ein paar Momente.
Klar ist ja, dass wer sich nicht selbst liebt, auch nicht andere lieben kann, und jetzt kommt mir in den Sinn, dass wer schreibt, er sei bloss gelegentlich in sich verliebt, nicht nichts anderes kann vermutlich, als nur verliebt zu sein. Kommt hinzu, dass wenn ich verliebt bin, ich das Gefühl habe, auch zu lieben, und dass ich eine Liebe ohne ein sich immer wieder erneuerndes Verliebtsein gar nicht möchte. Dann doch lieber das Zweckbündnis zwischen mir und mir, dieser gemeinsame Haushalt. Das Haus, ja. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich kein Typ bin, der ein Haus besitzen muss oder eine Eigentumswohnung. Ich bin lieber zu Gast. Die Welt ist meine Wohnung. Ich liebe die Welt, irgendwie und trotz allem, ich liebe alles an ihr, ihre Schönheit, ihre Brutalität, ihre Unzulänglichkeit, ihre Ungerechtigkeit, dass sie mich hält und dann doch einen Moment später fallen lässt. Die Welt ist okay.
Wo jetzt dieser triefende Pathos plötzlich herkommt; keine Ahnung. Ebenso wenig, was mich dazu gebracht hat, einen sabbernden Sermon über Selbstliebe et cetera zu tippen. Ich nehme alles zurück, wenn das geht, denke nochmals darüber nach und schreib es dann erneut. Ich hätte jetzt doch gerne ein Haus, fernab irgendwo, in lieblicher Landschaft mit zärtlichem Wind und sanftem Meer vor der Tür, und ich würde gerne lieben dort und geliebt werden. Ohne nachzudenken, und die Welt irgendwo weit weg.