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Leben mit Leben (I)

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Es gab eine Phase in meinem Leben, da spielte ich viel mehr, als ich es tatsächlich war, den existenziellen Playboy. Ich suchte mir also die Jetset-Gedanken des Existenzialismus und umgab mich mit ihnen, so wie sich ein Playboy mit schönen Frauen umgibt. Damals wusste ich nur ganz wenig vom Leben und überhaupt nichts vom Sterben. Ich war frei, die Welt ein Witz und der Tod absurd. Ich wollte besser schreiben als Hemingway, war in Prinzessin Stephanie von Monaco verliebt, und ich merkte nicht, dass ich mich als ein Versprechen auf später lebte, von dem ich überzeugt war, dass ich und mein Ich irgendwann in Erfüllung gehen würden. Ich schrieb ganze Notizhefte voll mit allem, was mir auffiel, und allem, was ich nicht begriff, und ich schrieb lange Briefe an Gisela, die in Südamerika herumreiste, mit schwarzer Tinte auf blauem Luftpostpapier, schickte sie postlagernd an die Botschaften in Bolivien, Venezuela, Uruguay. Ich schrieb über die Bücher, die ich alle schreiben wollte, über die Kurzgeschichten, an denen ich gerade sass, und dass wir uns verlieben könnten, wenn sie wieder hier sei.

Ich schreibe das jetzt hier, weil ich die Notizbücher in einer vergessenen Schublade entdeckt habe, und die kleinen, schwarzen Büchlein sind ausser ein paar Fotos und Erinnerungen das Einzige, das mir eine Idee gibt, was das für ein Gefühl war, der junge Bahnerth zu sein. Dieses Dasein der ersten Entwürfe der Selbstverwirklichung, das Suchen nach dem Ich und dieses beinahe göttliche Zutrauen, dass alles gut werden würde. Das Leben war schön, ich sah nicht schlecht aus, hatte einen hübschen Hintern, hasste Langeweile und konnte sehr schöne Liebesbriefe schreiben. Ich kostete den Nektar des Schmerzes ebenso leicht und schmerzlos wie jenen der Schönheit, ich konsumierte, mich zuallererst, es gab nichts Wichtigeres als mich selbst, meine Existenz, und tiefe Empathie konnte ich nur für mich aufbringen, dafür reichlich. Ich war so selbstverliebt und auf egozentrischer Selbstverwirklichung, dass ich keine Augen mehr hatte, die wirklich aus mir herausschauten. So war das damals, als der Augenblick alles war und die Ewigkeit nichts, und es war schön, dieses Dasein, das nur die Vergänglichkeit des Augenblickes kannte, nicht aber jene des Lebens. Und dann war es vorbei, es ging wie bei einem langsamen Platten, kaum spürbar zuerst, und als der Felgen des Selbst auf dem Boden der Realität schrammte, sah ich im Rückspiegel all die Träume und Versprechen, und ich fuhr zuerst durch einen Tunnel ohne Licht am Ende, und als ich durch den Tunnel durch war, war die Welt eine andere, voll von brüchiger Wirklichkeit. Der Verlust der Jugend fühlte sich an, als ob die Unendlichkeit zur Endlichkeit schrumpfte. Aber irgendwann, ich glaube spätestens in Marseille, wo ich eine Zeit lang das Leben suchte, in der Bar Treiz im Panier, nachmittags, als Randy Crawford aus den Lautsprechern rieselte mit dieser verzweifelt hoffnungsvollen Sehnsucht … «We’ve only got a short time to grab a little glory, I wanna have a good life, not a sad story» …, da tat sich ein Licht auf, so was in der Art, ich kann es nicht genau erklären, aber es war ein kleiner Augenblick der Ewigkeit oder die Ewigkeit als grosser Augenblick, und ich ging ein Notizheft kaufen und einen Bleistift und fing nochmals fast von vorne an.

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