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Leben als Schatzsucher (I)

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Manchmal packen sie mich wieder, die Sehnsüchte aus der Zeit in meinem Leben, in der meine Existenz ein cineastisches Tagtraum-Gebilde war. Ich träumte meist, was ich gerade las, und das waren Schatzsucher-Bücher. Ich war ganz versessen darauf, irgendwo am schönen andern Ende der Welt einen Schatz zu finden, dort, wo das Meer unendlich ist, nur unterbrochen von kleinen, palmenbewachsenen Inseln, wo ein Wesen wie Brooke Shields gestrandet und so prall mit reiner Liebessehnsucht gefüllt ist wie eine überreife Kokosnuss mit Saft.

Zusammen würden wir in die dicht bewaldeten Hügel der Insel aufbrechen, Felswände überwinden, in ein abgelegenes Tal gelangen, das sich paradiesisch hinter einem schmalen Felsspalt auftut. Am Ende des Tals wäre eine Höhle, mit Fackeln gingen wir hinein, Hand in Hand, folgten den Gängen mit seltsamen Malereien aus einer andern Welt, würden Schreie hören und dann die Tempelwächter sehen, schwarze Wesen mit Kalkmasken und scharf geschliffenen Zähnen. Brooke würde hinter meinem Rücken Zuflucht suchen, ich die Tempelwächter dramatischerfolgreich bekämpfen, und danach lägen wir uns in den Armen … Ja, ich weiss. Ich war 15 damals.

Das waren schöne Nachmittage, trotz 15 und Pickeln und der Tatsache, dass die tollen Frauen andere immer toller fanden als mich. Wahrscheinlich hat mich diese Schatzträumerei charakterlich ein bisschen verdorben. Weil ich auch dachte, dass da draussen ein Schatz auf mich warten würde und dass mir etwas zufiele, das auf einen Schlag den Traum zum Leben und im selben Atemzug das Leben zum Traum macht.

Natürlich hätte ich es besser wissen müssen. Dass nicht der Schatz der Schatz ist, sondern dass die Schätze das sind, was man am Rand des Weges zu ihm findet. Die Menschen, die einem begegnen, der Mensch, den man in sich selbst antrifft. Das Mühsame an diesem Weg ist, dass da oft auch nichts ist oder Dinge aus dem Reich der Düsternis und dass man dann wieder Träume braucht, um ein wenig Licht zu haben.

Ich bin nie ernsthaft aufgebrochen, einen Schatz zu finden. Ich fing an zu schreiben, diese Schatzsuche mit ungewissem Ausgang und wie das zweitbeste aller Leben, das mir zur Verfügung gestanden hat. Schreiben, das ist Leben und Träumen zugleich. Wenn’s gut läuft. Wenn nicht, ist es wie ein Schatz, der nicht dort ist, wo man ihn vermutet hat.

Am Samstag hatte ich einen Rückfall und träumte mich wieder als Schatzsucher. Sah mich schon in Nordgriechenland bei diesem frisch entdeckten Hügel, auf dem zwei Frauen mit gelocktem Haar als ewige Wächterinnen ein Grab bewachen. Jenes von Alexander dem Grossen, das meistgesuchte der Welt. Unter Schatzsuchern die Nummer 3, gleich hinter der Bundeslade und dem Heiligen Gral. Unermesslich viel Gold würde man finden und Schmuck, Skulpturen, ein paar Knochen und Unsterblichkeit auch, der grösste Schatz für einen Sterblichen. Für die Kürze einer Ewigkeit träumte ich mich am Ziel. Anfangs dieser Woche verdichtete sich allerdings, dass es sich wohl nicht um Alexanders Grab handelt. Und genau so ist das Leben vielleicht. Wirklich wahr wird es nur in Träumen.

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