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Leben als Schatzsucher (II)
ОглавлениеEin Grossteil der Existenz eines jungen Mannes spielt sich in Tagträumen ab. Hauptsächlich sind es zwei. Er träumt von den Frauen, die er nicht bekommt, und er träumt sich selbst so, wie er nie wird werden können. Wenn der junge Mann kein Glück hat, träumt er auch noch, wenn er ein älterer Mann ist, und er wird nie einen Baum pflanzen, ein Haus bauen oder Kinder haben, mit denen er aufwächst. Von allen Träumen, die nichts wurden, auch nicht tot, ist mir einer geblieben: Schatzsucher. Zuerst ging es mir nur um den Schatz, den Reichtum und das Abenteuer. Natürlich wäre mein Schatz in den Gewässern der Karibik gewesen, angenehmes Klima, sympathische Landschaft und so weiter. Mit dem letzten Geld ein Boot chartern, am letzten Tag der Suche, erschöpft schon vom drohenden Scheitern, den Schatz finden, Sonnenuntergang und Bierchen, und dann reich für immer, Ferraris, Bräute und nie mehr verzweifelt, der übliche Schatzsucher-Filmkitsch eben. Ich ahnte damals noch nicht, dass in einem drin ein ganzer Kontinent schlummert, für den ein ganzes Leben gar nicht ausreicht, um ihn zu bereisen. Ein Kontinent, in dessen Tiefen, vielleicht, ich bin mir nicht ganz sicher, ein paar Schätze verborgen liegen, die darauf warten, von mir entdeckt zu werden, und die mich reich machen, menschlich. Und so sind wir alle Schatzsucher und werden es immer sein, und alle leben wir mit dieser Ungewissheit, ob dort, wo wir tauchen oder graben, auch tatsächlich etwas zu finden ist. Natürlich sind wir enttäuscht, wenn wir nichts finden, aber darum geht es nicht. Es geht um das Suchen und dass wir nur so lange lebendig sind, wie wir weiter suchen und nicht müde werden, auch wenn wir wühlen müssen in den Kubikmetern von Ballast, der über den Schätzen unseres Daseins drückt, und ein Happy End noch weiter weg scheint als der blasseste Stern am Himmel.
Und manchmal sitze ich zu Hause auf einem Sessel und denke, was für eine verdammte Scheisse das ist, dass die inneren Schätze noch schwerer zu heben sind als die weltlichen, und ich hadere ein wenig mit dem Leben und seinem Sinn und frage mich, was geworden wäre, wenn ich als junger Mann einen Schatz gefunden hätte. Wahrscheinlich würde ich auf einem Sessel sitzen und mir dieselben Gedanken machen.