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10. März
ОглавлениеDie sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, eine Sozialdemokratin, tat heute kund und zu wissen, dass der Schriftsteller Uwe Tellkamp in einem Streitgespräch mit Durs Grünbein am Donnerstag in Dresden eine »Privatmeinung« vorgetragen habe, »die ich nicht teile«.
Das wirft zunächst die Frage auf, was es außer Privatmeinungen noch für Meinungssorten gibt und in welchem Verhältnis sie zu jener stehen. Fraktionsmeinung? Parteimeinung? Regierungsmeinung? Offizielle Meinung? Landesmeinung? EU-Meinung? Weltmeinung? Gattungsmeinung? Wie der Suhrkamp-Verlag gestern verkündet hat, gibt es auch eine Verlagsmeinung, die sich von jener Tellkamps unterscheidet, wobei man gern erführe, wie man innerhalb des Geltungsbereiches der Suhrkamp-Kultur mit Angestellten umgeht, die besagte Verlagsmeinung nicht teilen.
Daraus folgt die Frage, welche Art von Meinung außer seiner privaten nach Ansicht der Kunstministerin ein Schriftsteller bei einem Podiumsgespräch vortragen sollte. Und warum eine vom Steuerzahler finanzierte politische Amtsträgerin, die angeblich als Schirmherrin von Wissenschaft und Kunst fungiert, die Bonzenmentalität an den Tag legt, die Meinung eines Schriftstellers als sekundär (= privat = nicht staatlich zertifiziert) und von ihrer abweichend zu klassifizieren. Die Dame war übrigens von 1981 bis 1988 Mitglied der SED. Diese Prägung scheint heute noch zu wirken.