Читать книгу Brennende Flut - Natascha Freund - Страница 12
ОглавлениеKapitel 8
»Guten Morgen, Libell.« Mit verschränkten Armen hinter dem Rücken steht Sanctus vor meinem Bett und blickt auf mich nieder.
»Guten Morgen. Äh … Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Sie immer noch hier sind. Der Ort schien so verlassen.« Verunsichert wende ich den Blick von ihm ab und schaue mich weiter um.
»Und ich habe nicht mit Besuch gerechnet.« Sanctus geht um das Bett herum und lässt sich vorsichtig auf die Matratze sinken. Nervös rutsche ich hin und her.
»Hattest du etwa nach nur vier Jahren eine so große Sehnsucht?« Belustigung blitzt in seinen Augen auf und seine Mundwinkel zucken nach oben.
»Ich …«, stammele ich.
»Ich weiß es nicht. Ich schien auf der Flucht zu sein und habe mich einzig und allein auf meine Instinkte verlassen. Vielleicht hat mich mein Unterbewusstsein hierhergeführt. Den einzigen Zufluchtsort, an den ich mich in meinem Leben erinnere. Naja, vielleicht der Einzige neben der ehemaligen Wohnung von Vinc.« Meine Nervosität ebbt ab und ich lasse die Schultern hängen.
»Ich hörte davon.« Nachdenklich reibt Sanctus sich mit Daumen und Zeigefinger über sein Kinn. Der säuberlich gestutzte Vollbart ist, wie sein Haar, fast vollständig ergraut.
»Du hast mein vollstes Mitgefühl. Ich kann mir bei weitem nicht vorstellen, wie es ist, einen geliebten Menschen auf diese Art zu verlieren.«
Meine Hand wandert zu seiner hinüber und drückt sie kurz.
»Vielen Dank. So viel kann ich Ihnen sagen: Es ist unerträglich.« Traurig lächelt er mich an. Dieser Mann ist wahrhaftig voller Wärme. Vielleicht habe ich tatsächlich eine Art Zuflucht gefunden.
»Wenn ich mich recht erinnere, ist das jetzt ungefähr zwei Wochen her. Was hast du in der Zwischenzeit getrieben?« Was ich getrieben habe?
Das will er bestimmt nicht wissen.
»Ich habe versucht, mein Leben weiterzuleben. Bis ich einen alten Bekannten wiedergetroffen habe.« Ich schlucke schwer. Der Name des Mannes, der wusste, was Vinc tat und der mich auf die gleiche Weise verlassen hatte, will einfach nicht über meine Lippen gelangen. Trotzdem zwinge ich mich dazu.
»Sie können sich sicherlich an Reff Darkon erinnern?« Sanctus legt seinen Kopf schräg und mustert mich sehr genau.
»Libell, niemals würde ich auch nur eines meiner Kinder vergessen. Wann hast du ihn denn getroffen?« Ein weiteres schweres Schlucken.
»Vorgestern Abend stand er plötzlich vor meiner Tür. Und wir haben … geredet. Über Vinc und über die Vergangenheit hier im Heim.« Wieder sieht Sanctus nachdenklich aus und reibt sich über sein Kinn.
»Hm … Vielleicht war das … Gespräch über die Vergangenheit der Auslöser, dass du zurückgekehrt bist.« Wie er das Wort Gespräch ausspricht, gefällt mir irgendwie nicht.
»Wohl kaum. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen mit der Kommunikation läuft, wie Sie sich auf dem Laufenden halten. Vielleicht waren die News auch einfach zu neu und sie sind noch nicht bis dort vorgedrungen.« Nun sieht Sanctus mir direkt in die Augen.
»Was ist passiert?« Seine Stimme wird beunruhigend leise. Tränen bahnen sich den Weg zu meinen Augen und füllen sie erneut mit Wasser.
»Er … also, Reff ist tot.« Ich halte mir die Hände vor das Gesicht und versuche vergeblich, meine Tränen zu stoppen. Sanctus Sin springt auf, das merke ich nur an der Matratze, die sich unter mir plötzlich leichter anfühlt. Leise fluchend geht er vor dem Bett auf und ab und fährt sich wirr durch die Haare.
Ruckartig bleibt er stehen; sieht wieder zu mir und fragt mich erneut:
»Was ist passiert?« Ich reibe mir über die verschnupfte Nase und zwinge mich ruhig zu atmen, um meine Stimme wiederzufinden.
»Ich kann nicht …« Sofort ist er bei mir, setzt sich hin und nimmt mich in den Arm.
»Schh! Schh! Meine Kleine. Es tut mir leid, ich wollte dich nicht bedrängen.« Sanft streicht er mir über das Haar. Ich kralle mich in seinen Kaschmirpullover, lasse meinen Tränen freien Lauf, während Sanctus mich leicht hin und her wiegt. Ich will meinen Körper zwingen, mit dem Zittern zu enden, doch es gelingt mir nicht. Lange sitzen wir einfach so da, bis ich mich etwas beruhige und mich langsam in den Griff bekomme. Weinen ist zu einem unangenehmen Hobby von mir geworden.
»Sie wissen, wie sich Vinc umgebracht hat?« Meine Stimme ist leise und brüchig. Eindringlich sieht er mich an und nickt langsam.
»Und auf fast die gleiche Art hat Reff sich getötet. Gestern Nachmittag. Er … er hatte die Jalousien unten, sodass kein Tageslicht in die Wohnung drang und er einfach verbrannte …«
Heftig schüttele ich mit dem Kopf, um das Gesagte aus ihm zu verdrängen. Derweil zieht Sanctus mich wieder in eine Umarmung und streichelt mir über den Kopf.
»Mein armes, armes Kind. So viel Trauer und Kummer innerhalb von nur zwei Wochen.« Bestürzt fährt er fort.
»In deinem jungen Leben hast du schon so viel durchmachen müssen. Viele hätten schon aufgegeben, aber vor mir sehe ich eine junge und starke Frau, die …«
»Ich kann nicht mehr!«, unterbreche ich ihn schrill.
»Ich will nicht mehr!« Nun schreie ich fast und meine Unterlippe beginnt krampfhaft zu zittern. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sieht Sanctus mich an und wischt mir mit den Daumen die Tränen von meinen Wangen.
»Egal wo ich hinsehe, ich sehe nur Zerstörung! Erst meine Eltern, dann Vinc, dann Reff …«, ich reiße mich aus der Umarmung und zeige auf den demolierten Raum, »… und jetzt auch noch das Heim.«
Jetzt kann mich Sanctus nur verständnislos anstarren.
»Was willst du damit unterstellen? Dass du dafür verantwortlich bist? Mein Kind, falls du dies denken solltest, so rate ich dir, das ganz schnell zu vergessen! Nicht eine Sekunde solltest du auf solche Gedanken verschwenden! Jeder, aber wirklich jeder ist für sein eigenes Schicksal verantwortlich!«
Doch wieso?
Wieso nur fühlt es sich so an, als ob ich ein Todesengel sei, ohne es selbst zu wissen?
Hass zieht sich wie flüssiges Eis durch meinen Körper, bis es mein Herz erstarren lässt. Mittlerweile hasse ich alles, was ich einst liebte: Vinc, Reff, den Wassertanz und mich selbst.
»Aber jedem, dem ich mich öffne, oder bei dem ich mich wohlfühle, ob Person oder Ort, ist einfach verschwunden.«
Alles Erinnerungen, die immer weiter und weiter verblassen. Und am Ende stehe ich plötzlich alleine da. Weder Weg noch Ziel vor mir. Nur ich. Einsam und in tausend Teile zerbrochen.
Eine Hand greift nach meiner.
»Du bist nicht allein. Ja, vielleicht fühlst du dich einsam, aber allein bist du jetzt gerade nicht.« In meiner Hand wird ein leichter Druck spürbar und ich starre verloren auf sie hinab.
»Du bist hier. Und ich bin hier. Das Schicksal hatte wohl seine eigenen Gründe, wieso es dich hierher geführt hat.«
Schicksal? Ich habe eher an Flucht gedacht.
Entschlossenheit flackert in Sanctus’ Augen.
»Du wirst deinen Weg finden, mein Kind.
Gemeinsam mit mir.«
Gemeinsam … das Wort gefällt mir.
Wir machen uns auf den Weg zu seinem Büro.
Daneben grenzen noch weitere Räumlichkeiten: Bad, Küche sowie zwei Schlafzimmer. Mir ist gar nicht bewusst gewesen, dass Sanctus direkt neben seinem Büro zuhause ist. Dies sind auch die einzigen Räumlichkeiten, die unbeschadet geblieben sind.
»Was ist hier eigentlich passiert?« Gerade befinden wir uns in der Küche, in der Sanctus anfängt, uns Frühstück zu machen.
»Das, was inzwischen mit jedem Ort rings um Malum passiert ist: schlechte Menschen, gefährliche Menschen, verzweifelte Menschen. Vor drei Jahren war ich gezwungen das Heim zu schließen und die Kinder in anderen Staaten unterzubringen. Glücklicherweise pflege ich einige Kontakte zu anderen Heimdirektoren.«
Er wendet leichthändig Pancakes in einer Pfanne.
»Und warum sind Sie dann noch geblieben?« Ich fange an, unruhig auf meiner Unterlippe zu kauen.
»Ich liebe diesen Ort. Er ist mein Zuhause. Ich kann ihn nicht einfach verlassen.« Ich höre die Liebe in seiner Stimme.
»Aber fühlen Sie sich nicht manchmal einsam?« Mit der Pfanne kommt Sanctus zum Tisch und serviert die duftenden Pancakes.
»Einsam? Nein, das Gefühl kenne ich wirklich nicht. Ja, der Ort ist nicht mehr das, was er einst war. Aber in jeder Faser stecken so viele Erinnerungen und so viel Leben, die ich gerettet habe. Am liebsten hätte ich euch alle für immer behalten.« Seine Augen leuchten auf.
»Ich wollte, dass sich jeder wohlfühlt, dass jeder das Gefühl hat angekommen zu sein.«
Ja, ich fühlte mich damals wohl und ja, ich war ausdrücklich angekommen. Sanctus zeigt rüber zum Fenster, zufällig in die Richtung des Sees. Ist das wirklich Zufall?
»Dort drüben hat sich so gut wie gar nichts verändert. Außer, dass die Natur wilder und schöner geworden ist. Ein Fleckchen Unberührtheit. Ich kann das hier nicht einfach aufgeben. Und wenn ich mich recht erinnere, waren Vinc und du ziemlich häufig am See.«
Jetzt zwinkert er mir aufmerksam zu.
»Ach, das wussten Sie?« – er grinst schief.
»Ich wusste alles. Vielleicht solltest du dem alten See einen Besuch abstatten.
Ich müsste sowieso nochmal los, um etwas einzukaufen. Und wenn ich schon dabei bin, würde ich dir ein paar Sachen zum Anziehen mitbringen, wenn das okay für dich ist?« Dankbar bestätige ich und mache mich über die Pancakes her. Ich weiß nicht, wie lange ich bleiben werde und er fragt auch nicht nach. Mein Blick schweift immer wieder zum Fenster, hinaus zu den dichten Bäumen, hinter denen mein alter Freund ruht. Der See.
Nach dem Frühstück gehe ich rüber ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen und Zähne zu putzen. Glücklicherweise hat Sanctus eine Zahnbürste für mich parat. Mit jedem Schritt spüre ich die wachsende Aufregung. Ist er wirklich noch so schön wie früher?
Meine Schritte werden nun schneller und mein Herz pocht im Rhythmus der Beine. Ich schlängele mich durch die alten Bäume, die wie ein dicker Schutz um den See stehen. Sanctus hat recht, die ganze Natur ist größer geworden, hat sich weiter verbreitet. Bunte Blätter rascheln unter den Füßen. Ich durchdringe den Wald und finde mich vor dem See wieder. Durch die Wolken scheinen Sonnenstrahlen direkt auf das Wasser. Der See glitzert in all seinen Farben, lädt mich ein, zu ihm zu gehen. Lockt mich, mit seiner unfassbaren Schönheit. Wie von Sinnen beginne ich meine Schuhe zu lösen und tauche den linken Fuß ins Wasser. Kurz schaudere ich, als die Erinnerung aufflackert, wie ich das erste Mal mit Vinc hier gewesen bin. Ich schließe die Augen, nachdem ich auch den rechten Fuß eintauchen lasse. Die kühle Flüssigkeit schmiegt sich um meine Knöchel; die Wellen massieren leicht meine Haut. Laut atme ich aus.
In diesem Moment verlässt jede Anspannung meinen Körper. Die körperliche sowie die seelische.
So stehe ich einige Minuten reglos am Ufer und genieße die Stille. Dann fange ich an, mir Pullover und Hose auszuziehen, sodass ich nur noch in Unterwäsche im Wasser stehe. Die Sommerzeit ist schon einige Wochen vorbei und wird langsam vom Herbst abgelöst. Doch das kümmert mich nicht. All meine Sinne sind auf den See konzentriert. Mein alter Freund. Ich gehe tiefer ins Wasser, bis nur noch mein Kopf zu sehen ist. Es ist gerade mal zwei Tage her, doch es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, die ich nicht mehr im Wasser war. Ich erkenne, was der wahre Grund war: Schon seit einer Ewigkeit hatte ich nicht mehr unbeobachtet getanzt. Ich lächle, als mir dies klar wird, und tauche ab. Ich lasse meinen Bewegungen den freien Lauf. Tanze so unbeschwert wie nie zuvor. Der See hat seine eigene Melodie und ich folge ihr sinnlich. Das erste Mal seit Langem liebe ich wieder das, was ich tue, und kann minutenlang einfach vergessen.
Nach meinem Wassertanz liege ich sehr lange im Gras und lausche den Bäumen im Wind. Es ist bereits 18:00 Uhr, als ich mich widerwillig auf dem Weg mache, um im Heim heiß zu duschen. Kurz bevor ich unter die Dusche trete, erreicht mich eine Nachricht auf meinem Smartnizer:
Kleines, anscheinend willst du wirklich unbedingt nackt auftreten. Die erste Schicht hast du verpasst. Sieh zu, dass du zur zweiten antanzt, sonst brauchst du dich hier gar nicht mehr blicken lassen. Über Bezahlung brauchen wir für diesen Abend nicht mehr zu diskutieren.
Collum. Ich rolle so stark mit den Augen, dass es sich anfühlt, als ob sie mir gleich aus den Höhlen kullern. Aber es reicht! Der See hat mir neue Kraft gegeben. Und so schreibe ich zurück:
Ja, das wollte ich unbedingt. Aber leider ist mir was dazwischengekommen. Oder sollte ich sagen, jemand ist dazwischen und ich bin gekommen?
Denk, was du willst. Such dir jemand anderes für deine schäbige Bruchbude!
Mit einem entschlossenen Lächeln drücke ich auf ›Senden‹ und klatsche den Smartnizer so heftig an die Fliesen, dass er in winzige Teile zerspringt. Dann springe ich unter die Dusche und lasse das heiße Wasser eine Zeit lang über mich gleiten. Oh, tut das gut, sowohl die Dusche als auch die Nachricht an Collum. Kein Smartnizer mehr, der mich ablenkt, und keine Sklavin, die für ihn arbeiten muss.
Nach gefühlten Stunden steige ich aus der Dusche, schlinge mir Handtücher um Körper und Haare und spaziere aus dem Bad, das zum Schlafzimmer führt. Auf dem Bett liegt einiges an Bekleidung für mich. Doch eines sticht mir besonders ins Auge: Es ist ein dunkelblauer, enganliegender Overall aus gummiartigem Material. Ein spezieller Schwimmanzug, und zwar genau der gleiche, den ich damals besaß.
Natürlich ein paar Nummern größer. Ja, Sanctus wusste tatsächlich über alles Bescheid, auch wenn er nicht immer da war.