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Kommunikation im Breitformat
ОглавлениеGespräche sind oft nicht für alle. Nur die Wichtigsten, die einem am nächsten stehen, die man am dringlichsten braucht, bekommen eines. Unter vier Augen, da funktioniert auch keine „Message Control“ mehr, da kann einem die Botschaft auch mal entgleiten. Manchmal schade, dass man Gesagtes nicht mehr löschen kann, genauso wenig nachträglich in den Spamordner verschieben oder noch schnell mal redigieren, bevor es unwiderruflich in das Ohr des Hörers schlüpft. Wer unter vier Augen nichts redet, hat auch schon viel gesagt, schon ein paar Sekunden zu langes Schweigen spricht Bände. In einem Gespräch steckt man drin, von Anfang bis Ende, in einem zeitlichen Rahmen, aber auch in einem räumlichen, der zwischen Sender und Empfänger stets ein ganz besonderer ist, ein Verhandlungsraum. Ohne Türen. Man betritt ihn mit dem ersten Wort, das man sagt. Und verhandelt wird das wichtigste Thema überhaupt: wie man zueinander steht. Da werden Nähe und Distanz ausbalanciert, neu eingerichtet, mit der Wasserwaage der Worte und dem Lot aller verfügbaren nonverbalen Signale.
Das Zwiegespräch ist nun mal das kommunikative Großformat. Informationsübertragung in Cinemascope. Das kommunikative Weitwinkelobjektiv, das sich auf den anderen richtet, um ja auch keinen Zwischenton zu verpassen. Es ist der Modus für Inhalte, die eben die ganze Bandbreite brauchen. Wie Überraschungen und Offenbarungen. „Ich bin krank.“ „Ich liebe dich.“ „Lass uns abhauen.“ Das Gespräch ist die Manufaktur der Kommunikation zwischen all der seriell erzeugten digitalen Masseninformationsware. Es ist das Livekommunikationsereignis, das die beteiligten Augen, Gesichter und Gehirne noch enger miteinander verknotet. Es wirkt als Schmierstoff, wenn es reibt, als Kitt, wenn es mal brüchig wird. Die Face-to-Face-Kommunikation ist wie Priority-Boarding und VIP-Lounge, die erste Reihe im Theater, von der man noch tiefer ins Geschehen eintaucht. Und wäre sie ein Joghurt, sie hätte eine goldene Krone auf dem Etikett, als Premiummarke. Viele halten sie für unersetzbar. Doch trotzdem fürchten einige, dass sie uns allmählich abhandenkommt. Weil schon das Gegenüber des Gesichts, das wir dafür brauchen, sich allmählich aus so manchen alltäglichen Interaktionen zurückzieht. Und mit dem „Face“ geht schon einmal der sozialste aller möglichen Übertragungskanäle in der Kommunikation verloren.