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Teil 1 – Ein fast gewöhnliches Kind I

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Dionysos wurde nicht, wie es einige obskure Legenden oder Wichtigtuer erzählen, mitten in einem düsteren, riesigen Wald geboren. Er wuchs auch nicht dort auf oder lebte (sogar das ist mir zu Ohren gekommen) seine ganze Kindheit lang von rohem Fleisch.

Nein, Dionysos wuchs mit seinem Vater Petros und seiner Mutter Xenia in Delphi auf. Einem Ort der zwar offiziell als Stadt galt aber doch mehr ein großes Dorf war. Delphi lag auf einem Hügel und war umgeben von grünen, teils noch unberührten Wäldern und Wiesen. Schön und beschaulich war es dort. Es gab viele alte, gut erhaltene Häuser im Fachwerk-Stil, Weizen-, Maisfelder und Beete mit allen erdenklichen Sorten von Blumen; Holzbänke auf denen Mittags die Rentner saßen und über die heutige Jugend und Politik herzogen.

In Delphi passierte so wenig, dass jeder Anlass zu ein wenig Klatsch umgehend genutzt wurde. Jedes Mal, wenn der alte Diogenes wieder ein paar Tage in einer riesigen Tonne (die eigentlich Dekorationszwecken diente) vor seinem Haus schlief, weil seine Frau ihn hinaus geworfen hatte, sprach man ein paar Monate von nichts anderem.

Und so waren die Einwohner auch sehr gespannt und aufgeregt als sich das Gerücht verbreitete, der Petros hätte eine sehr seltsame und eigenwillige Frau aus einer weit entfernten Nord-Provinz geheiratet und würde bald mit ihr ein Haus in Delphi beziehen. Die Nachbarn hatten sie schon einige Male bei Petros Eltern gesehen. Seltsame Kleidung solle sie tragen und irgendeinem obskuren Beruf nachgehen. Man sprach von einer Schauspielerin die wie eine Zigeunerin aussehe. Doch eigentlich arbeitete sie als Set-Dekorateurin beim Film, trug gerne lange Kleider und hatte langes, blondes Haar. Wenn man unbedingt etwas abfälliges über Xenia behaupten wollte, könnte man sie höchstens als etwas sonderbar bezeichnen aber was ist schon sonderbar, oder vielmehr: was ist denn nicht sonderbar?

Xenia hatte eine stille, verträumte Art. Manchmal saß sie einfach stundenlang in ihrem Garten und beobachtete die Spatzen, die Bäume oder ihre Sonnenblumen. Letztere liebte sie über alles. Sie hing sogar eine über das Ehebett! Ihre Arbeit bei der Filmproduktionsfirma hätte sie wegen ihrer Eigenheiten sicherlich längst verloren wenn sie nicht so gut gewesen wäre. Manchmal stand sie bei allgemeiner Aufregung oder der sooft vorkommenden Alltagshektik, wenn alle Menschen durcheinander reden und sich gegenseitig anstießen einfach auf einem Fleck, war nicht ansprechbar und betrachtete irgendein bestimmtes Objekt oder sie schloss gar ganz die Augen. Doch Xenia hatte immer das richtige Gespür wenn es darum ging einen Drehort zu gestalten. Niemand anderes den ihr Chef kannte schien bei dieser Tätigkeit eine so sichere Hand zu haben.

Ihr Mann Petros dagegen war um einiges bodenständiger und simpler gestrickt.

Seine Familie lebte seit vielen Generationen in Delphi und hatte den hohen Ruf stets ehrlich, zuvorkommend und anständig zu sein. Umso erstaunlicher war es, dass gerade ihr Sohn Petros, der dasselbe Ansehen genoss, eine so seltsame Verbindung eingegangen war. Er war damals junger Teamleiter einer Firma, die unter anderem auch Scheinwerfer herstellte. Eines Tages kam eine wunderschöne blonde Frau mit dunkelblauen Augen in sein Büro und sein Schicksal schien sich entschieden zu haben.

Als die beiden sich dann schließlich ein Haus in Delphi kauften, drängten sich die neugierigen Augen vor die Fenster um einen Blick auf die hübsche, seltsame Blonde werfen zu können wenn sie morgens zum Bäcker schlenderte.

Der erste der sie bei einem Spaziergang ansprach war jedoch der alte Diogenes, der vor seinem Haus mitten auf dem Rasen saß, rauchte und an einem Stück Holz schnitzte („Was für ein Zufall … das war ja klar, dass die zuerst mit dem redet!“, hörte man es noch Tage später von den Leuten). Er durfte gerade seit zwei Tagen wieder im Haus wohnen und trug seine übliche blaue Ballonmütze und eine stark mitgenommene Latzhose.

„Na, junge Dame … schon in Delphi eingelebt?“, fragte er grinsend mit seinem bärtigen, zahnlosen Mund. Xenia blieb stehen und betrachtete ihn freundlich. Es dauerte eine Weile bis sie antwortete und Diogenes wollte sich schon wieder seinem Holzstück zuwenden als sie sagte: „Es ist sehr schön hier. Wir haben ein kleines Haus gleich dort oben auf dem Dodona-Hügel. Direkt neben dem großen Maisfeld …“

„Das Haus kenn’ ich … is bildhübsch … und wie findeste die Leut’?“ Das Grinsen des Alten wurde immer breiter. Sie war wirklich eine Pracht.

„Naja, bis jetzt habe ich noch nicht viele kennen gelernt. Was schnitzen Sie denn da?“

„Sach ruhich ‚du‘. Ich bin Diogenes“, sagte er und schlug sich dabei feierlich auf die Brust. „Weiß noch nich’ genau, was das werden soll … mal sehn’. Aber wenn du jemand Nettes kennenlernen willst, dann versuchs ma mit Oknos. Der wohnt gleich eine Straße hinter der Bäckerei und macht den besten Wein hier im Umkreis.“

„Der wird dann nur für meinen Mann sein. Man sieht es noch nicht, aber bald sind wir zu dritt“, sagte sie lächelnd und streichelte ihren Bauch.

„Mit wem redest du schon wieder? Hör endlich auf die armen Leute zu belästigen!“, dröhnte eine Stimme aus dem Inneren des Hauses.

„Am besten du ziehst weiter bevor gleich das Gewitter losgeht“, sagte der Alte und schielte mit einem bedeutenden Blick hinter sich. „Und lass dich ma’ wieder blicken Mädchen. Wie heißte eigentlich?“

„Xenia!“

„DIOGENES!!!“ Die Stimme war noch lauter als beim letzten Mal.

„Oh, du alte … tschuldigung … na, dann machs ma gut Xenia!“

„Du auch, Diogenes!“

Der Alte sah ihr noch lange nach und hörte kaum auf das Gemecker, das aus dem Inneren seines Hauses kam. Danach machte er sich wieder an die Arbeit. Er wusste nun, was er schnitzen würde …

Der gefesselte Dionysos

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