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Kapitel sieben
Оглавление»Und wie ist das passiert?«
David Flexner starrte auf zwei rußgeschwärzte Pfeiler, die rund drei Meter aus dem Schutthaufen herausragten, der einmal das Mailänder Werk von Manflex Italien gewesen war. Die ungeheure Hitze hatte die Pfeiler zu kargen, Dali-artigen Bildern in der Trümmerlandschaft schmelzen lassen. Dieser Anblick und ein wunderbarer, wolkenloser Himmel. Was für ein Hintergrund für einen Film, dachte er unwillkürlich.
Er war von Rico Villa, dem Niederlassungsleiter, hergefahren worden, dessen Anzug von Zegna und Schuhe von D’Anzini nicht gerade die geeignete Bekleidung für einen Spaziergang auf diesem Trümmerfeld waren. Rico kleidete sich immer wie ein Topmanager, aber David, wie gewöhnlich in Freizeitkleidung – Jeans, schwarzes T-Shirt und blaßrote Laufschuhe –, betrachtete ihn als eine verwandte Seele, als einen der wenigen auf der Gehaltsliste seines Vaters, mit dem er tatsächlich gern mal ein Glas trank.
»Irgendein Fehler in der Elektrik, nehme ich an«, antwortete Rico. »Dadurch entstehen doch die meisten Brände, nicht?«
»Oder eine brennende Zigarette?«
»Hier darf nicht geraucht werden.«
Ricos Verwendung der Gegenwartsform in dieser ausgebrannten Ruine amüsierte David. Er mußte sich abwenden, damit Rico es nicht merkte. »Richtige Raucher finden überall ein Plätzchen.«
»Stimmt, aber die Samstagsschicht hatte schon Feierabend, als das Feuer ausbrach. Es war niemand mehr im Werk, außer den beiden Wachmännern.«
»Es kann eine Weile dauern, bis ein Feuer sich richtig ausbreitet«, belehrte David ihn und fügte dann taktvoller hinzu: »Aber ich nehme an, die Feuerwehr wird einen Bericht anfertigen.«
»Die Feuerwehr und die Spezialisten von der Versicherung«, sagte Rico. »Die Burschen von der Prima Roma Versicherung waren gleich am nächsten Tag hier.«
»Schon irgendwelche Theorien?«
»Bislang hüllen sich alle in Schweigen.«
»Was ist mit Brandstiftung? Vielleicht jemand, der was gegen das Unternehmen hatte?«
»Brandstiftung?«
»Ist im Lauf der letzten sechs Monate jemand entlassen worden?«
Rico war schockiert. Er preßte die Hand auf den Mund, als wäre er nicht bereit, die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. »Zirka fünf oder sechs wegen Blaumachen und kleineren Diebstählen. Die Personalakten sind wie alles andere in Rauch aufgegangen. Die Adressen der Leute sind verloren.«
»War denn der Computer nicht mit unserem Büro in Rom verbunden?«
»Manche Dateien, ja. Aber nicht die von der Personalabteilung. Das verstößt gegen das Datenschutzgesetz.«
»Dann müssen wir eben auf das Gedächtnis zurückgreifen. Wie gut ist deins, Rico?«
Rico machte eine abwehrende Handbewegung.
»Fragen wir die Mitarbeiter der Personalabteilung. Die sollen eine Liste der Leute zusammenstellen, von denen sie noch wissen, daß sie entlassen wurden, oder die einen anderen Grund hätten, das Unternehmen zu hassen.«
»Ich kümmere mich drum.«
»Gut.« David blickte über das verwüstete Gelände. »Das muß ein Wahnsinnsfeuer gewesen sein. Wo war denn dein Büro in dem Trümmerhaufen da?«
»Ziemlich rechts, etwa sechzig Meter von hier«, antwortete Rico niedergeschlagen. »Es ist nichts mehr davon zu sehen.«
»Hast du irgendwas Persönliches verloren?«
Er zuckte die Achseln. »Meine Zeugnisse. Ich hatte sie gerahmt an der Wand. Die Mitgliedschaft im Pharmazeutischen Institut und so weiter. Die kann man ersetzen. Und ein paar Familienfotos. Die nicht.«
»Was hast du jetzt vor? Willst du nach Rom?«
»Eigentlich nicht. Ich bin dreiundfünfzig und hier zu Hause. Mein Vater lebt in einem Altersheim. Meine Kinder gehen hier zur Schule. Ich werde mir wohl die Abfindungsregelungen genau durchlesen.«
»Mensch, Rico, wir können es uns nicht leisten, dich zu verlieren«, hörte David sich sagen, und es klang ganz natürlich, nur daß er selbst erstaunt war, wie bereitwillig er die Rolle des Sprechers für Manflex angenommen hatte. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich noch nie wirklich mit dem Unternehmen identifiziert. An Vorstandssitzungen hatte er nur aus Loyalität seinem Vater gegenüber teilgenommen. »Wir finden schon einen Weg, die Familie zusammenzuhalten. Vorläufig brauchen wir dich hier in Mailand, soviel ist klar. Wir brauchen ein provisorisches Büro. Kannst du dich darum kümmern?«
»Michael, ich sterbe.«
Michael Leapman fuhr herum und starrte Manny Flexner an. Nichts in dessen Gesicht deutete darauf hin, daß er sich einen Scherz erlaubte, aber das mußte nicht viel heißen. Manny konnte todernst dreinblicken, wenn er seine unglücklichen Opfer an der Nase herumführte. Um seinen Spaß zu haben, konnte er schamlos lügen. Und Leapman konnte Mannys Sinn für Humor manchmal nur schwer nachempfinden.
Auf Mannys Vorschlag hin spazierten sie gerade über den Markt auf der Essex Street an der Lower East Side, nachdem sie bei Ratner’s zum Lunch Blintzes, eine jüdische Spezialität, gegessen und Bier getrunken hatten. Hier pulsierte das Leben, und überall duftete es intensiv nach frischgebackenem Brot und Käse. Kaum der richtige Ort für eine solch schauerliche Eröffnung, aber man konnte nie wissen, was Manny im Schilde führte.
»Hab ich richtig gehört?«
»Wie soll ich das wissen?«
»Ich meine, du hast gesagt, daß du stirbst.«
»Korrekt.«
»Ist das dein Ernst?«
Manny nickte feierlich. »Ich war heute morgen bei meinem Arzt. Vor einiger Zeit hat er ein paar Tests gemacht. Jetzt hat er die Ergebnisse vorliegen. Es ist inoperabel. Ich habe vielleicht noch sechs Monate, vielleicht neun.«
Leapman starrte ihn an. Noch immer kein Hinweis darauf, daß er es mit einer besonders schwarzen Form von Humor zu tun hatte. »Aber das ist doch nicht möglich.«
»Genau das habe ich zu dem Doc gesagt. Ich kann noch alles. Ich kann noch Zeitung lesen, ein gutes Essen genießen, mit einer Frau ins Bett gehen, wenn ich will, und sie nicht enttäuschen. Ich bin nicht gerade der Größte auf dem Gebiet, aber was ich habe, ist funktionstüchtig. Er hat gesagt, schön, andere haben da nicht soviel Glück. Sie siechen dahin und sabbern. Ich zumindest würde stilvoll aus dem Leben scheiden. Ich habe gesagt, daß ich ihm nicht glaube. Er hat gefragt, ob ich wetten wollte. Ich hab gesagt, okay, Doc, fünfzig Dollar darauf, daß ich zu Thanksgiving noch lebe. Ich hab gedacht, die Wette kann ich nicht verlieren, aber dann hat er vorgeschlagen, daß wir das Geld in einen Umschlag stecken und es bei ihm am Empfang deponieren, weil er meine Testamentsvollstrecker nicht bemühen wollte. Und da habe ich es kapiert, Michael. Meine Testamentsvollstrecker. Er meinte es ernst.« Manny atmete tief aus. »Ich bin die Wette doch nicht eingegangen.«
»Du solltest eine zweite Meinung einholen«, sagte Leapman, in dem ehrlichen Versuch, etwas Hilfreiches zu sagen, während er überlegte, was diese bittere Neuigkeit für seine eigenen Pläne bedeuten konnte. Er glaubte die Geschichte.
»Mehr Tests und mehr schlechte Nachrichten.« Manny ächzte bei der Vorstellung. »Nein danke. Lieber verbringe ich meine letzten Tage auf Erden einträglicher und überfalle Banken, solange ich noch die Kraft dazu habe.« Er wandte sich einer Frau hinter einem Obst- und Gemüsestand zu. Sie mußte den letzten Satz gehört haben, denn sie starrte ihn mit großen Augen an. »Achten Sie nicht auf mich. Ich stehe unter Schock. Wie teuer sind die Ananas, Ma’am?« Er nahm eine und prüfte, wie weich sie war. »Kaufst du hin und wieder schon mal Ananas, Michael? Die können äußerlich prima aussehen, wie ich, und wenn man sie aufschneidet, sind sie innen verfault. Das geht nicht gegen Sie«, sagte er zu der Frau. »Ich nehme die hier.«
Sie erreichten das Ende des Marktes und gingen die Delancey Street hinunter. »Aber für Manflex hat das Ganze auch etwas Gutes«, bemerkte Manny altruistisch. »Wir können einen Wechsel an der Spitze gebrauchen.«
Leapmans Haut prickelte.
Manny sprach ruhig weiter. »Meine Anteile gehen an Davey. Damit hält er die Mehrheitsbeteiligung, und er wird seine Sache gut machen.«
»Als Vorstandsvorsitzender, meinst du? David?« Leapman versuchte, möglichst gleichgültig zu klingen, aber der Schock war nicht zu überhören.
»Shakespeare hat mal irgendwas in der Richtung gesagt wie: Manche werden als Manager geboren, manche arbeiten sich an die Spitze vor, und manchen, wie meinem Sohn, wird die Verantwortung aufgebürdet.«
»Der Markt wird das nicht begrüßen«, sagte Leapman, unbeeindruckt von Shakespeare.
»Daß David die Führung übernimmt, meinst du?«
»Daß du gehst.« Eine Antwort, die eher taktvoll als ehrlich war.
»Hab ich eine andere Wahl?«
Pause. »Gut gesagt.«
»Er wird deine Unterstützung brauchen«, sagte Manny.
»Er kann sich auf mich verlassen.«
»Und dein Know-how. Du verstehst was vom Geschäft. Er nicht.«
»Natürlich werde ich ihm helfen, so gut ich kann.« Michael Leapman hatte auf Autopilot geschaltet. Die Nachricht von Mannys Krankheit war schlimm genug. Die Vorstellung, daß sein Sohn den Vorstandsvorsitz übernahm, übertraf alles.
Manny legte die Ananas in die linke Hand und legte die rechte auf Leapmans Schulter. »Danke, Mike. Du brauchst mir nicht zu sagen, daß die Geier kreisen werden, aber ich vertraue dem Jungen. Es gefällt mir, wie er sich entwickelt. Tatsächlich habe ich gestern abend Rico angerufen. Davey leistet großartige Arbeit in Mailand, und es ist nicht leicht, eine Niederlassung zu schließen.«
Diese Fähigkeit würde vielleicht auch bald zu Hause gebraucht werden, dachte Leapman zynisch. »Hast du es ihm gesagt?«
»Was gesagt?«
»Die schreckliche Neuigkeit, die dein Arzt dir mitgeteilt hat.«
»Noch nicht. Am Telefon ist das nicht einfach.«
»Dann willst du also noch warten?«
»Vorläufig braucht Davey nichts zu erfahren. Vielleicht nie.«
Stirnrunzelnd sagte Leapman: »Aber du hast es mir erzählt. Du bist es ihm schuldig. Er braucht Zeit, um sich damit abzufinden.«
»Hast du gerade nicht richtig zugehört?« sagte Manny. »Daß ihm die Verantwortung aufgebürdet wird? Es ist besser, wenn er keine Zeit hat, darüber nachzudenken. Wie ich Davey kenne, würde er sich nach einer Hintertür umsehen.«
Leapman beharrte nicht auf seiner Meinung. Aus Sicht des Unternehmens hatte Manny vielleicht recht. Wieso sollte er sich dafür einsetzen, daß auf Davids Gefühle Rücksicht genommen wurde, wenn seine eigenen soeben mit Füßen getreten worden waren?
Und nun ließ sich der alte Trottel über die Aussichten des Konzerns aus, ohne die offensichtliche Tatsache in Erwägung zu ziehen, daß Manflex einer Übernahme wenig entgegenzusetzen hätte. »Wir sind tiefer abgerutscht, als mir lieb ist, aber derzeit stehen wir nicht schlecht da. Unser Kapitalfluß ist noch immer gut.«
»Hauptsächlich durch Kaprofix.«
»Was stört dich an Kaprofix. Das Mittel hat Millionen Menschen geholfen.«
»Nichts – nur daß die Einnahmen daraus rückläufig sind.«
»Seit ich die Entwicklungskosten gesenkt habe, ist unsere Gewinnspanne um 2,6 Punkte gestiegen. Du tust so, als hätten wir bloß Kaprofix. Wir haben ein großes Sortiment an Produkten, die sich gut verkaufen. Im letzten Jahr belief sich der Überschuß aus dem Pensionsfonds auf über zehn Millionen. Klar, wir könnten ein neues Mittel, das ein echter Verkaufsrenner wird, gut gebrauchen ...«
»Bald.«
»Was?«
»Bald, wir könnten eines gut gebrauchen, und zwar bald.«
»Dagegen habe ich nichts einzuwenden.«
Leapman ließ das nicht so einfach stehen. »Wir haben die Betablocker verschlafen, Salbutamol gegen Asthma, L-Dopa gegen die Parkinsonsche Krankheit, H2-Antagonisten ...«
»Okay, okay«, sagte Manny gereizt. »Ich hab’s kapiert. Wir haben zuviel auf die Karte Fidoxin gesetzt. Das war der größte Fehlschlag meiner Karriere. Andererseits haben wir eine saubere Weste. Niemand hat uns je verklagt. Ich kann meinem Schöpfer in dem Bewußtsein gegenübertreten, daß ich nie jemandem durch meine Nachlässigkeit Schaden zugefügt habe.«
»Mal abgesehen von Umweltschäden«, konnte Leapman sich nicht verkneifen zu sagen.
»Was meinst du damit?«
»Wir haben schließlich Strafe zahlen müssen, weil wir Flüsse in Frankreich und Italien verschmutzt haben.«
»Leck mich doch, Michael.«
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander, und beide empfanden sie die Angespanntheit der veränderten Situation.
»Wirst du dem Vorstand etwas sagen, während Davey fort ist?« fragte Leapman schließlich.
»Über meinen Zustand? Dazu besteht kein Grund. Ich werde mich aus der Chefetage zurückziehen, und dann werden sie’s erfahren.«
»Dann möchtest du also, daß dieses Gespräch unter uns bleibt?«
»Vorläufig ja. Wieso bin ich bloß auf die Idee gekommen, mich einem so sturen Arschloch wie dir anzuvertrauen? Was für ein Schlamassel.« Er wandte sich um und sah Leapman an. In seinem Blick lag ein winziger Funke Erheiterung, doch das übrige Gesicht war traurig, wirklich traurig. Diesmal war es Manny Flexner ernst.