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Kapitel neun

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»Was genau machst du eigentlich in der Schule?« fragte Stephanie eines Abends. Eine Hähnchenpfanne im Ofen verströmte einen köstlichen Duft, doch das Gemüse brauchte noch sieben Minuten in der Mikrowelle.

»Ich sitze viel rum.«

»Kannst du dich nicht irgendwie nützlich machen?«

»Manchmal. Heute habe ich das gemacht, was ich am besten kann – ein Puzzle. Eines mit acht Teilen.« Diamond sagte das beiläufig, wohl wissend, daß Stephanie sofort eine Bemerkung vom Stapel lassen würde. Manchmal bereitete es ihm ein diebisches Vergnügen, sich selbst zur Zielscheibe ihres Spottes zu machen.

»Und wie viele Teile hast du dabei verloren?«

»Gemein! Kein einziges. Die sind so groß wie deine Hand.«

»Das soll den Kindern helfen, nehme ich an.«

»Natürlich.«

»Dann arbeitest du also mit ihnen, hilfst ihnen, die Teile zusammenzufügen?«

Er lächelte. »Schöne Vorstellung! Ich setze sie zusammen, und sie reißen sie wieder auseinander.«

»Macht Naomi dabei mit?«

Seine Stimme veränderte sich, und er wurde ernst. »Naomi? Nein.«

»Warum nicht? Bei einem Puzzle spielt die Sprache doch keine Rolle.«

»Sie macht nirgendwo mit. Sie ist völlig passiv.«

»Vielleicht hat sie Angst vor den anderen.«

»So war sie schon, bevor sie sie in die Schule gebracht haben.«

»Verängstigt?«

Diamond nickte. Sie hatte sehr wahrscheinlich recht.

»Aber die meinen immer noch, sie sei autistisch?« fragte Stephanie.

»Die Diagnose ist nicht endgültig«, sagte er. »Wie ich das sehe, ist es ein praktisches Etikett, das man auf ein ziemlich breites Spektrum von gestörten Kindern kleben kann. Clive zum Beispiel hat Anfälle und muß sich ein Eckchen suchen, das ihm am sichersten erscheint. Naomi ist ganz anders. Sie bleibt sitzen, wo man es ihr sagt. Sie ist still. Völlig abwesend. Ihr Verhalten ist mit dem von Clive überhaupt nicht zu vergleichen, und trotzdem sind sie angeblich beide autistisch. Ist das Gemüse gar?«

Er war von fünf elektronischen Piepstönen unterbrochen worden. Die Mikrowelle war das Symbol besserer Zeiten. Er hatte sie an dem Tag gekauft, als er bei der Polizei seinen Dienst quittierte, aber sie sah bereits älter aus mit den zahllosen Farbspritzern, die sie im Lauf der Küchenrenovierung abbekommen hatte. Einige davon waren einfach nicht mehr wegzukriegen.

»Gemüse muß immer noch ein bißchen ruhen«, sagte Stephanie. »Erinnerst du dich noch an Maxine Beckington, eines der Mädchen bei den Pfadfindern. Sie ist nicht lange bei uns geblieben, aber sie war ein pfiffiges kleines Mädchen. Ihre Mutter bekam noch ein Kind, einen Jungen, und alle anderen Mütter beneideten sie um ihn, weil er so ein zufriedenes Baby war, das ganz ruhig in seinem Kinderwagen liegenblieb. Ich habe ihn selbst gesehen – ein süßes Kind mit wunderschönen großen blauen Augen. Er hat nie geweint. Sie konnten jede Nacht durchschlafen. Aber nach einer Weile fing dieser engelhafte Kleine an, seine Eltern zu beunruhigen. Sie merkten, daß er auch nicht schrie, wenn er Hunger hatte. Wenn sie ihn nicht routinemäßig gefüttert hätten, wäre er verhungert, ohne sich zu beklagen. Was zunächst wie ein Segen aussah, machte ihnen schließlich regelrecht angst, und das mit gutem Grund. Schließlich wurde festgestellt, daß der Kleine an Autismus litt. Deine Naomi scheint ähnlich zu sein.«

Diamond dachte darüber nach. »Ja, ich kann mir vorstellen, daß sie sich als Baby so verhalten hat, aber wir sollten solche Vergleiche nicht anstellen.«

»Warum nicht?«

»Weil es unwissenschaftlich ist, deshalb. Eines habe ich von Julia Musgrave gelernt, und zwar, daß Autismus wirklich von Fachleuten diagnostiziert werden muß. Es gibt nicht einfach ein Symptom, das man als typisch bezeichnen kann. Egal, welche Verhaltensweise – die Distanziertheit, die eigenartigen Bewegungen, die manche von ihnen machen, die Sprachschwierigkeiten – , jede könnte ebensogut die Folge einer anderen Störung sein. Autismus erkennt man an einer Vielzahl von Dingen. Und die variieren. Nicht alle autistischen Babys verhalten sich wie das Kind, das du beschrieben hast. Manche von ihnen strampeln und schreien vom ersten Tag an und lassen sich nicht trösten.«

»Schrecklich für die Mütter«, sagte Stephanie mitfühlend. »Und sie sehen wie normale Kinder aus.«

»Hübscher, manchmal. Als du eben das Baby beschrieben hast, hast du gesagt, es war engelhaft. Autistische Kinder haben häufig große Augen und besonders symmetrische Gesichtszüge. Sie wirken tatsächlich überirdisch.«

»Ist Naomi so?«

»Eigentlich ja.«

»Schreit sie und wehrt sie sich?«

»Niemals.«

»Und wenn sie provoziert wird?«

Bei der Vorstellung runzelte Diamond die Stirn. »Niemand will das Kind quälen. Sie hat schon genug durchgemacht.«

»Ärgern die anderen Kinder sie denn nicht manchmal?«

»Sie streiten sich nicht untereinander. Jedes von ihnen ist viel zu sehr in seiner eigenen Welt eingeschlossen.«

Stephanie nahm die Ofenhandschuhe und holte die Hähnchenpfanne aus dem Ofen. Gemeinsam trugen sie das Essen auf. Nach ein paar genüßlichen Bissen sagte Diamond: »Ich würde gern erleben, wie die Genies von der Polizeihochschule mit der kleinen Naomi fertig werden. Ich glaube, die würde ihre Informationsbeschaffungsmethoden ganz schön auf die Probe stellen.«

»Ich habe das Gefühl, daß die Herausforderung dich allmählich immer stärker reizt.«

»Mich?« Er zog in gespielter Überraschung die Augenbrauen hoch.

Stephanie sagte: »Du und dieses Kind, das erinnert mich an etwas, das unser Physiklehrer in der Schule uns mal erzählt hat, von einer unwiderstehlichen Kraft, die auf ein unbewegliches Objekt trifft. Wie kann man das lösen?«

Julia Musgrave ging auf seinen Vorschlag bereitwilliger ein, als er zu hoffen gewagt hatte. Die zehn Tage, in denen er den Unterricht beobachtet hatte und ihr gelegentlich zur Hand gegangen war, hatten bei ihr jede Befürchtung zerstreut, daß er lästig werden könnte. Nach dem Unterricht und im Lehrerzimmer hatte er durch seine Fragen gezeigt, daß er eine rasche Auffassungsgabe für die Schwierigkeiten bei der Betreuung behinderter Kinder besaß.

Die vier Vollzeit- und drei Teilzeitlehrkräfte an der Schule waren äußerst engagiert. Außerdem gab es da noch die respekteinflößende Mrs. Straw, die nicht nur die Eingangstür bewachte, sondern unter anderem die Pausenaufsicht führte, für die Erste Hilfe zuständig war, die Aktenablage machte und die Mittagessen aufwärmte, die von »Essen auf Rädern« geliefert wurden.

Diamond hatte Julia Musgrave dazu überredet, Naomi am Freitag nachmittag von der letzten Unterrichtsstunde zu befreien. Allein mit ihr, wollte er versuchen, die Mauer der Gleichgültigkeit, die das Kind umgab, behutsam abzubauen. Sie sollten das Lehrerzimmer für sich allein haben. Der kleine Raum diente sowohl als Arbeits- wie auch als Erholungszimmer. An den Wänden standen Schreibtische, und es gab einen Tisch zum Kaffeekochen. Drei Sessel waren um einen niedrigen Tisch gruppiert, auf dem Illustrierte und Zeitungen lagen. Diamond hatte einen der kleinen Stühle mitgebracht und lange überlegt, wo er ihn hinstellen sollte. Schließlich entschied er sich für einen Standort gegenüber einem der Sessel. Er machte sich einen Instantkaffee und setzte sich in den Sessel.

Mrs. Straw erschien im Türrahmen. »Miss Musgrave hat mich gebeten, Naomi herzubringen.« Ihr Ton verriet unzweifelhaft, daß sie der Meinung war, die Schulleiterin habe den Verstand verloren. Sie nahm es Diamond immer noch übel, daß er sich den Zutritt zur Schule erschwindelt hatte. Dennoch zog sie Naomi hinter ihrem Rock hervor und setzte das Kind auf den Stuhl.

Ruhig wie immer saß Naomi Diamond gegenüber. Sie trug das rote Kordsamtkleid und die schwarze Strumpfhose.

»Sie können sie ruhig bei mir lassen«, versicherte er Mrs. Straw. »Sie müssen nicht bleiben.« Als sie sich noch immer nicht bewegte, fügte er hinzu: »Würden sie bitte die Tür schließen, wenn Sie gehen?«

Als er mit Naomi allein war, versuchte er ein, wie er fand, beruhigendes Lächeln. Die Kleine veränderte weder ihren Gesichtsausdruck noch ihren Blick, der sich irgendwo im hinteren Ende des Raumes zu verlieren schien, und nahm überhaupt nicht wahr, daß Diamonds imposante Körperfülle ihr die Sicht versperrte.

In den Jahren bei der Polizei hatte er ein paarmal schüchterne oder verstörte Kinder befragen müssen. Keines davon hatte ihm so erfolgreich wie Naomi das Gefühl vermittelt, nicht nur klein zu sein, sondern regelrecht durchsichtig. Sie saß brav da, Hände im Schoß gefaltet, die Füße überkreuzt, und zeigte keinerlei Interesse an der ungewohnten Umgebung.

Diamond griff nach seiner Kaffeetasse und nahm einen Schluck, als ihm der Gedanke kam, daß Naomi vielleicht etwas trinken wollte. Er stand auf und füllte einen Pappbecher halb mit Milch aus einer Tüte neben dem Kessel. Er reichte ihn Naomi, und sie nahm ihn mit beiden Händen und führte ihn an die Lippen.

Es war kein Durchbruch, das war ihm klar. Sie mußte in den letzten Wochen gegessen und getrunken haben, um am Leben zu bleiben. Aber zumindest war es eine positive Handlung. Er sah zu, wie sie den Becher leerte.

»Mehr?« erkundigte er sich und deutete auf die Milchtüte. »Naomi?«

Keine Reaktion.

Er streckte die Hand aus, um den Becher zu nehmen. Sie ignorierte sie.

»Na schön«, sagte er ruhig. »Behalte ihn, wenn du möchtest.« Er goß sich Kaffee nach und ging zum Sessel zurück. Angesichts der Gleichgültigkeit eines so kleinen Menschen fühlte er sich ungewöhnlich grob. Zum Teil, um sein Selbstbewußtsein wiederzuerlangen, nahm er insgeheim eine Auszeit, während er den Kaffee trank.

Unter dem schwarzen Pony starrten Naomis Mandelaugen unverwandt geradeaus, fast ohne zu blinzeln. Falls sie irgendwas von Diamond sah, dann den Punkt, wo seine Krawatte den Aufschlag des Jacketts berührte, aber der Fokus ihres Blicks lag nicht dort. Selbst wenn er versucht hätte, so tief im Sessel runterzurutschen, daß er auf gleicher Höhe mit dem Kind gewesen wäre, hätte er keinen echten Blickkontakt mit ihm gehabt.

Das Fehlen von Blickkontakt war, so wußte er, ein Element des autistischen Verhaltensmusters. Das, zusammen mit Naomis Weigerung zu sprechen und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Umgebung, legte die Diagnose Autismus näher als alles andere. Diamond wußte aus Gesprächen mit Julia Musgrave und durch eigene Lektüre, daß Eltern und mitunter auch Lehrer die größten Schwierigkeiten hatten, die Realität dieser Behinderung zu akzeptieren, ganz zu schweigen von ihrer Unabänderlichkeit. Da die Kinder in vielerlei Hinsicht unbeeinträchtigt waren und normal aussahen, versuchten die Menschen, die sie liebten, vergeblich die Persönlichkeiten zu befreien, die von der Krankheit gefangengehalten wurden. Es war durchaus möglich, daß auch er gerade den gleichen fruchtlosen Versuch unternahm.

Als er den Kaffee getrunken hatte, beugte er sich in dem Sessel nach vorn und streckte die rechte Hand nach Naomi aus, bis seine Fingerspitzen sacht ihre Brust berührten.

»Naomi.«

Sie zeigte keinerlei Reaktion.

Er nahm die Hand zurück und deutete mit den Fingern auf seine eigene Brust. »Diamond.«

Das Etablieren der unterschiedlichen Identitäten war der erste Schritt zum Verstehen.

Noch immer keine Reaktion.

Er wiederholte die Bewegung und die Worte mehrmals, ohne Ergebnis.

Wenn sie nicht verbal reagierte, vielleicht konnte er ihr eine Geste entlocken, die etwas bedeutete. Er nahm ihr den leeren Pappbecher aus der Hand. Dann griff er nach ihren Fingern, spürte ihre Wärme. Er beugte sich vor, drückte ihre Hand gegen seine Brust und nannte seinen Namen.

Nicht ein Schimmer von Verständnis. Er ließ ihre Hand los. Sie sank schlaff herab.

Ohne viel Zuversicht, daß sie es verstehen und auf ihn zeigen würde, sagte er: »Diamond?«

Nichts.

Wenn er nur irgendeine Reaktion aus ihr herauslocken könnte, dann wäre das eine Basis, um weiterzumachen. Er rutschte nach vorn auf den Rand des Sessels und beugte sich so weit vor, daß sie nur die Hand heben mußte, um ihn zu berühren. Er wiederholte: »Diamond?«

Naomi neigte sich vor, und einen Moment lang glaubte er, sie hätte kapiert, was sie machen sollte. Ihre Augen sahen ihn an. Dann schlug sie die Zähne in seine Nase. Sie biß fest zu.

»Meine Güte!«

Der Schmerz war durchdringend. Diamond schrie auf und fuhr zurück. Er drückte die Hand auf die Nase. Sie hatte so fest hineingebissen, daß Blut hervorquoll.

Er stand auf und suchte nach irgend etwas, um das Blut zu stillen. Da er nichts fand, ging er zur Tür und ließ Naomi allein, die wieder beherrscht und ruhig auf dem Stuhl saß, Hände in den Schoß gelegt.

In der Küche machte Mrs. Straw aus ihrer Erheiterung keinen Hehl. »Was hat sie gemacht – Ihnen eins auf die Nase gegeben, so ein Winzling wie sie?«

Er drehte den Kaltwasserhahn auf und hielt das Gesicht darunter. Sogleich holte Mrs. Straw Watte und Desinfektionsmittel aus dem Erste-Hilfe-Schränkchen. Diamond bat sie, Naomi zurück zu Miss Musgrave zu bringen. Für heute war die Einzelsitzung beendet. Sieg nach Punkten für Naomi.

Was hatten Nasen nur an sich, daß niemand sie ernst nahm? Wenn seine Kinnspitze mit Pflaster verklebt gewesen wäre, hätte niemand bei seinem Anblick gegrinst. Er wußte, daß er lächerlich aussah, aber das Pflaster war notwendig. Die Blutung hatte nicht nachgelassen, obwohl die Verletzung nur klein war. Naomis scharfe Schneidezähne hatten einen Hautlappen losgebissen, der einfach nicht verkrusten wollte.

Wenigstens war das Lächeln von Julia Musgrave nicht ohne Mitgefühl. »Berufsrisiko. Ich bin schon fast überall gebissen worden, aber meine Nase ist bislang verschont geblieben. Wie hat sie es gemacht?«

Als er es geschildert hatte, sagte sie: »Sie sind in ihren persönlichen Raum eingedrungen. Sie haben pathologische Angst davor, daß jemand ihnen zu nahe kommt. Sie haben ja gesehen, wie Clive zum Bücherregal rennt, sobald er mein Büro betritt.«

»Mit ›sie‹ meinen Sie wohl autistische Kinder?«

»Aber ja.«

»Naomi ist nicht so«, beteuerte Diamond. »Sie setzt sich da hin, wo man es ihr sagt. Sie läuft nicht weg.«

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß sie unterschiedliche Verhaltensweisen haben. Es ist ein psychischer Zustand, Peter, kein physischer wie Mumps, bei dem alle dieselben Symptome zeigen. Bei manchen nimmt dieser Zustand aggressive Formen an, während andere passiv bleiben.«

»Das haben Sie mir neulich schon erklärt.«

»Na denn.«

»Warum also hat sie mich gebissen? Es ist ihr doch bestimmt schon vorher mal jemand zu nahe gekommen.«

Julia Musgrave nickte: »Ich verstehe, was Sie meinen. Das ist das erste Mal, daß sie jemanden gebissen hat oder irgendwie aggressiv war.«

»Kann sie das von Clive gelernt haben?«

»Das Beißen? Könnte sein, aber sie machen sich gegenseitig nicht viel nach. Sie sind zu unabhängig.«

»Sie sagen ständig ›sie‹«, bemerkte Diamond unwirsch. Durch den Biß und die Erheiterung, die er erregt hatte, war er gereizt. Manche seiner alten Kollegen bei der Polizei hätten gesagt, daß sein wahrer Charakter allmählich an die Oberfläche drang. »Mal angenommen, Naomi ist nicht autistisch. Angenommen, sie hat ein anderes Problem, das sie am Sprechen hindert. Könnte sie da nicht durch das Verhalten der anderen Kinder beeinflußt werden?«

Julia Musgrave seufzte. »Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, daß Sie in einer Sackgasse stecken. Es fällt den Menschen schwer zu akzeptieren, daß ihr Kind autistisch ist.«

»Naomi ist nicht mein Kind.«

Sie sah ihn lange an, nicht ohne Mitgefühl, aber begleitet von dem schwachen Lächeln, das ihren Mund umspielte, seit sie die Verletzung gesehen hatte. »Sagen wir, daß Sie ein ganz besonderes Interesse an ihr haben. Das ist das Quälendste dabei. Die Kinder sehen intelligent aus. Sie können Anzeichen von Intelligenz, in manchen Fällen gar von Genialität zeigen. In den Lehrbüchern werden solche Kinder als idiots savants bezeichnet.«

»Grausam«, meinte Diamond.

»Es ist eine grausame Krankheit.«

»Für die Eltern, meine ich.«

»O ja. Schwerer zu akzeptieren als ein geistig zurückgebliebenes Kind. Manche autistischen Kinder können ganz komplizierte Melodien singen, noch ehe sie ein Jahr alt sind. Ich kenne eine Vierjährige, die jeden Takt einer Sinfonie von Beethoven auswendig kann. Mit Zahlen können manche von ihnen die unglaublichsten Dinge anstellen. Sie können irgendein Lieblingsspielzeug verstecken und gehen dann Wochen, Monate später schnurstracks wieder darauf zu. Die Leute staunen über solche Leistungen und reden sich ein, daß da ein genialer Geist versucht, sich zu befreien, daß man bloß das Zauberwort finden muß. Aber so ist es nicht, Peter. Diese Kinder werden ihr ganzes Leben lang behindert bleiben. Vielleicht funktioniert ihr Gedächtnis überdurchschnittlich, aber der Rest des Gehirns eben nicht. Sie können keine Überlegungen anstellen wie Sie oder ich. Sie können die Fakten, die sie im Kopf haben, in keinster Weise nutzen. Es ist unglaublich frustrierend, aber man muß es akzeptieren, wenn man mit ihnen arbeitet.«

»Natürlich.«

»Habe ich Sie nicht entmutigt?«

»So schnell gebe ich nicht auf, Julia. Ring frei zur zweiten Runde.«

Sie betrachtete ihn irgendwie mitleidig. »Das ist kein Boxkampf, obwohl man bei Ihrem Anblick auf den Gedanken kommen könnte.«

Auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn zog er das Pflaster ab, weil er nicht wollte, daß Stephanie es sah. Die kleine Wunde war getrocknet, aber seine Nase fühlte sich geschwollen an. Natürlich bemerkte Steph es auf den ersten Blick, als er zur Tür hereinkam.

Sie sagte: »Warst du heute mittag in der Kneipe?«

»Naomi.«

»Ich dachte, sie wäre noch ganz klein.«

»Ja, aber ich hab im Sessel gesessen.«

»Mit dem Kind auf dem Schoß?

»Nicht auf dem Schoß, zum Donnerwetter. Ich will mir nicht auch noch Belästigung von Kindern nachsagen lassen. Nein, ich habe mich nach vorn gebeugt und wollte sie dazu bringen, daß sie mich anfaßt.«

»Pete, das klingt ja noch erbärmlicher.«

»Sie sollte zeigen, daß sie meinen Namen verstanden hat.«

»Schatz, sie ist Japanerin.«

Er schaltete den Fernseher ein.

Später meinte sie: »Vielleicht solltest du es mal anders versuchen.«

»Wie denn?« fragte er schneidend. Er war noch immer verstimmt.

»Du versuchst, Kontakt zu ihr aufzunehmen, und gehst dabei davon aus, daß sie nicht autistisch ist. Versuch’s doch mal andersrum. Genauer gesagt, überprüfe, ob sie es ist.«

»Wie soll ich das machen?«

»Da fragst du besser jemanden, der was davon versteht.«

Nach zwei weiteren ergebnislosen Sitzungen mit Naomi im Lehrerzimmer (wobei er Abstand hielt) war er beinahe davon überzeugt, daß kein Fortschritt möglich war, und das gestand er Julia Musgrave. Sie befanden sich im Schulgarten, und die Kinder hatten das, was im Stundenplan schönfärberisch als Spielzeit bezeichnet wurde. Rajinder und Naomi saßen auf Schaukeln mit Sicherheitssitzen, die von Mrs. Straw in Bewegung gehalten wurden. Keiner aus dem Trio schien sonderlich Spaß daran zu haben. Tabitha lutschte am Daumen und sah traurig zu, während Clive sich hinter einem Sack Grassamen im Gartenschuppen versteckt hatte.

»Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit, Peter«, sagte Julia Musgrave, »aber ich fürchte, Sie haben recht. Sie stehen vor einer Wand. Haben Sie schon mit der Polizei gesprochen? Sie haben die Sachen mitgenommen, die Naomi trug, als man sie fand. Vielleicht haben die irgendwelche Hinweise ergeben.«

»Vergessen Sie’s«, sagte er. »Ich kenne einen der Inspektoren dort. Sie haben die Sachen ins Labor geschickt, und nach zwei Wochen kam ein fünfseitiger Bericht zurück, der im Prinzip nur aussagte, daß die Kleidung offenbar von einem dunkelhaarigen Mädchen getragen worden war. Ach ja, und sie war bei Marks & Spencer gekauft worden. Was den Kreis der Verdächtigen auf ungefähr fünf Millionen reduziert.« Er nahm einen Lavendelzweig, rollte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und sah zu, wie die Blüten auf die Erde fielen. Lavendel war Stephs Lieblingsduft. »Meine Frau meint, ich würde die Sache verkehrt herum anfassen.«

»Wie meint sie das?«

»Sie sagt, ich sollte nicht nach Anzeichen dafür suchen, daß Naomi nicht autistisch ist, sondern davon ausgehen, daß sie es ist. Normalität läßt sich unmöglich beweisen.«

»Und sie ist ohnehin ein zweifelhafter Begriff. Ihre Frau scheint ein heller Kopf zu sein.«

»Jedenfalls heller als ich.«

»Sprechen Sie doch mal mit Dr. Ettlinger. Er kommt heute nachmittag, um sich Naomi anzusehen.«

Ettlinger war ein Kinderpsychologe, der mit der Schule zusammenarbeitete – ein kleiner Mann mit einem üppigen Schopf aus drahtigem, schwarzem Haar, der irgendwie an einen Troll erinnerte. Es war nicht ganz klar, ob er vom örtlichen Gesundheitsamt berufen worden war oder freiberuflich arbeitete und Julia Musgrave davon überzeugt hatte, daß seine Arbeit gut für die Kinder sei. Da Peter Diamond selbst nur durch Julias Erlaubnis da sein durfte, konnte er schlecht widersprechen, doch seine persönliche Meinung war, daß es Ettlinger verboten werden sollte, sich Kindern auf weniger als eine Meile zu nähern. Der Mann war schroff, überheblich und humorlos. Trotzdem schien er alle an der Schule davon überzeugt zu haben, daß er die internationale Autorität in Sachen Autismus war, und vermutlich stimmte es sogar.

»Verschwenden Sie lieber nicht meine Zeit«, giftete er Diamond an, der im Lehrerzimmer auf ihn zuging. »Gespräche über das Wetter oder Kricket oder Autos langweilen mich.« Von jedem anderen wäre die Bemerkung vielleicht witzig gemeint gewesen. Nicht von Ettlinger.

»Es geht um etwas Berufliches, Doktor«, versicherte Diamond ihm widerwillig. Die Zeiten, als er vorlauten Gerichtsmedizinern gegenüber noch auf seinen Rang pochen konnte, waren vorbei. »Ich interessiere mich für Naomi, das japanische Mädchen. Sie ist hier, weil man glaubt, sie sei autistisch.«

»Stimmt.«

»Dann sind Sie auch der Meinung?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich bestätige nur Ihre Aussage.«

»Aber bislang haben Sie sich noch keine Meinung gebildet?«

»Nein. Dazu müßte ich das Mädchen systematischer untersuchen, als das bei meinen gelegentlichen Besuchen hier möglich ist. Sie ist nicht meine Patientin.«

»Soweit ich weiß, zeigt sie doch einige klassische autistische Symptome.«

»Klassisch?« Ettlinger erstickte beinahe an dem Wort, so empört war er. »Das Phänomen wurde erst 1943 mit diesem Namen belegt und erst in den sechziger Jahren systematisch erforscht. Wie können Sie da von klassischen Symptomen sprechen?«

»Dann eben typische Symptome.«

»Dagegen hätte ich auch etwas einzuwenden.«

Diamond ließ ihm keine Gelegenheit dazu. »Sie spricht nicht. Sie meidet Blickkontakt. Ist das charakteristisch für ein autistisches Kind?«

»Was Sie gerade beschrieben haben, Mr. Diamond, kann auf Autismus hindeuten; es ist aber auch das Verhalten, zu dem junge Frauen in einem großen Teil Asiens erzogen werden. Man kann die Möglichkeit nicht ausschließen, daß ihr Verhalten zumindest bis zu einem gewissen Grad von ihrer Kultur geprägt ist.«

Ein überzeugender Aspekt, den Diamond akzeptierte. Wahrscheinlich hatte er ihn auch schon im Kopf gehabt, ohne ihn auszuformulieren. »Aber daß sie überhaupt nicht spricht, nicht einmal mit der Frau von der japanischen Botschaft?«

»Das, so gebe ich zu, ist ungewöhnlich.«

»Woran erkennen Sie denn dann Autismus? Gibt es Tests?«

»Was meinen Sie damit?«

»Röntgenuntersuchungen, Bluttests und so weiter. Ich bin kein Experte.«

»Es gibt keine objektiven Tests dieser Art«, sagte Ettlinger verächtlich. »Man beobachtet ihr Verhalten. Jedes Kind, das unter diesem Syndrom leidet, hat irgendeine Form von Sprachbehinderung, die von Stummheit bis zur Aphasie – also der Unfähigkeit, Buchstaben und Wörter in der richtigen Reihenfolge zu gebrauchen – reichen kann. Wirklich jedes Kind, Mr. Diamond.«

Im Geiste machte Diamond hinter Naomis Stummheit ein Häkchen.

»Es trifft auch zu, daß das autistische Kind per definitionem anderen Menschen, besonders anderen Kindern gegenüber zutiefst gleichgültig ist. Das Wort Autismus stammt aus dem Griechischen, wie Sie wahrscheinlich wissen. Autos. Selbst. Nicht wahr?«

Noch ein Häkchen.

»Allerdings treten meist noch andere Behinderungen auf. Beispielsweise eine gestörte Motorik.«

»Ein seltsamer Gang, wie bei Rajinder?«

»Ja.«

»Das ist bei Naomi anders. Sie bewegt sich gut koordiniert.«

Ettlinger nickte. »Manche von ihnen tun das. Eigenartigerweise haben manche einen besseren Gleichgewichtssinn als andere Kinder. Sie klettern auf Möbel und hüpfen herum, alles mit der größten Sicherheit. Sie könnten wahrscheinlich die tollsten Kunststücke auf dem Drahtseil vollbringen.«

Was nicht leicht zu testen wäre, dachte Diamond.

»Und sie werden nicht schwindelig, wenn sie sich drehen.«

»Gibt’s noch mehr?«

Ettlinger breitete die Hände aus. »Sehr viel mehr, Mr. Diamond. Repetitives Verhalten, sie schlagen den Kopf gegen die Wand, schaukeln, starren in einen Spiegel oder lassen irgendwelche Sachen kreiseln. Die Räder von einem Spielzeug zum Beispiel. Das haben Sie vermutlich auch bei Clive beobachtet.«

»Natürlich. Ich glaube nicht, daß Naomi das macht.«

Ettlinger zählte bereits weitere Symptome auf. »Abnorme Reaktionen auf Empfindungen wie Schmerz oder Kälte oder Wärme. Abwehr gegen leichte Berührungen.« Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

»Haben Sie gehört, was mir passiert ist?«

»Ich bin nicht blind.«

»War das von einem autistischen Kind zu erwarten?«

»Sie beißen, ja.«

»Ich meine, macht das die Diagnose wahrscheinlicher?«

»Es ist ein kleiner Hinweis. Beim nächsten Mal sollten Sie etwas stürmischer vorgehen. Mal sehen, wie sie darauf reagiert. Eine ordentliche Balgerei kann ihnen Spaß machen.« Daß es moralische Einwände dagegen geben könnte, wenn ein fremder Mann mit einem kleinen Mädchen eine ›Balgerei‹ anfängt, schien Dr. Ettlinger nicht zu beunruhigen.

»Weiß man irgendwas über die Ursache?«

Ein Lachen drang tief aus Ettlingers Kehle. »Sie fragen nach der Ursache? Die kennt keiner. Keine bekannte Ursache und keine Heilmethode. Es gibt Theorien. Mehr Theorien, als ich Ihnen aufzählen kann, mein Bester. Und fragen Sie mich nicht, was man dagegen tun kann. Praktisch jede Woche lese ich, daß mal wieder irgendwer behauptet, er habe spektakuläre Erfolge erzielt. Sogar die Heilmethode gefunden. Man kann diese Kinder umarmen, sie belohnen, strafen, isolieren, besonders ernähren. Sie können bis zu einem gewissen Grad dressiert werden. Das leugne ich nicht. Aber das trifft auch auf Schimpansen zu. Ich persönlich würde lieber einen Schimpansen dressieren. Die sind nämlich zu Gefühlen fähig, wissen Sie. Autistische Kinder nicht. Es sind Tyrannen.«

Diamond hatte ihm mit wachsendem Widerwillen zugehört. »Das ist ja wohl kaum ein wissenschaftlicher Begriff? Tyrannen?«

Der kleine Arzt funkelte ihn an. »Dann lassen Sie sich einen besseren einfallen. Beobachten sie Naomi, solange Sie wollen, und lassen Sie sich einen besseren einfallen, wenn Sie können.« Er drehte Diamond den Rücken zu und ließ ihn stehen.

Die Fährte des Mädchens

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