Читать книгу Schriften in deutscher Übersetzung - Plotin - Страница 21

Das Gute (das Eine)

Оглавление

Alles Seiende ist durch das Eine ein Seiendes, sowohl das was ein ursprünglich und eigentlich Seiendes ist wie das was nur in einem beliebigen Sinne als vorhanden seiend bezeichnet wird. Denn was könnte es sein, wenn es nicht eines ist? Da ja wenn man ihm die Einzahl, die von ihm ausgesagt wird, nimmt, es nicht mehr das ist was man es nennt. Denn es kann kein Heer sein wenn es nicht eines sein soll, und kein Reigen und keine Herde, ohne Eines zu sein. Auch kein Haus oder Schiff, wenn sie nicht die Einheit haben, denn das Haus, das Schiff sind eines, und wenn sie das einbüßen dann ist das Haus kein Haus mehr und das Schiff kein Schiff; die zusammenhängenden Größen also würden nicht existieren, wenn das Eine ihnen nicht beiwohnte; wandeln sie doch wenn man sie teilt, ihr Sein insoweit als sie das Eine verlieren. Ebenso ist es ferner mit den Leibern der Pflanzen und Tiere, jeder von ihnen ist ein Eines, und wenn sie dieser Einheit entfliehen indem sie in eine Vielheit zerbrochen werden, so verlieren sie ihr bisheriges Wesen und sind nicht mehr das was sie waren; indem sie dann etwas anderes geworden, sind sie aber auch das nur soweit sie Eines sind. Aber auch die Gesundheit beruht auf der Zusammenordnung des Leibes zu einer Einheit, und die Schönheit auf der Obmacht des Einen über die Teile; und auch die Tugend der Seele auf ihrer Einswerdung zu einem Einen, einer einheitlichen Übereinstimmung.

Müssen wir nun, da ja die Seele alle Dinge zur Einheit bringt indem sie sie schafft bildet formt zusammenfügt, bei der Seele angelangt haltmachen und ihr zuschreiben daß sie das Eine dargibt und sie das Eine ist? Oder muß man vielmehr, so wie sie die andern Dinge den Leibern dargibt ohne das zu sein was sie mitteilt wie z. B. Gestalt und Form, sondern diese Dinge als etwas von sich Verschiedenes gibt, so auch annehmen daß sie, wenn sie auch das Eine mitteilt, es doch als etwas von sich verschiedenes gibt, daß sie das Einzelding zu Einem macht indem sie auf das Eine hinblickt, so wie sie durch Hinblick auf den ‘Menschen’ ein Wesen zu einem Menschen macht, indem sie zugleich mit dem Menschen auch das in ihm liegende Eine mitsetzt? Denn jedes Ding, das als Eines bezeichnet wird, ist gerade so sehr Einheit wie es sein eigentliches Wesen in sich trägt; ein geringeres Sein bedeutet also auch ein geringeres Einssein, und ein höheres ein höheres. So besitzt denn auch die Seele, obgleich sie verschieden vom Einen ist, das Eine entsprechend ihrem höheren und eigentlichen Sein doch in höherem Grade; jedoch ist sie nicht das Eine selber; denn die Seele ist eine, das Eine ist für sie nur eine Art Accidens, Seele und Eines sind zweierlei, wie Körper und Eines. So steht denn das Unzusammenhängende, z. B. ein Reigen, dem Einen am fernsten, das Zusammenhängende bereits näher, und noch näher die Seele, welche selber mit ihm in Gemeinschaft steht. Man könnte nun etwa darum, weil die Seele ohne Eines zu sein nicht Seele wäre, die Seele und das Eine zusammenfallen lassen; allein erstlich ist auch jedes andere Ding, was es ist, nur indem es zugleich Eines ist, und trotzdem ist das Eine von ihm verschieden, denn Leib und Eines sind nicht dasselbe sondern der Leib hat nur Teil am Einen; sodann ist aber auch die eine Seele doch ein Vieles (auch ohne daß sie aus Teilen bestehen müßte), denn es sind gar viele Kräfte in ihr, Denken, Streben, Wahrnehmen, welche erst durch das Eine so wie durch ein Band zusammengehalten werden. So führt also die Seele einem andern das Eine zu, wobei sie freilich selbst ein Eines ist; aber ihr widerfährt auch ihrerseits eben dies von einem andern.

[2]Ist nun nicht allerdings für jedes einzelne Teil-Eine sein Sein und das Eine nicht identisch, für das gesamte Seiende dagegen und die gesamte Seinsheit seine Seinsheit, sein Seiendes und sein Einssein identisch? Dann hat also wer das Seiende ausgefunden hat, zugleich auch das Eine ausgefunden, und das Sein als solches ist dann das Eine als solches; z. B. wenn das Sein Geist ist, so ist dann auch das Eine Geist, indem der Geist primär seiend und primär eines ist; und indem er den andern Dingen am Sein Teil gibt, gibt er ihnen dann eben damit und in demselben Maße auch am Einen Teil. Wie sollte man das Eine denn auch anders bestimmen wenn nicht als Sein? Entweder ist es mit dem Seienden identisch (‘ein Mensch’ und ‘ein Mensch’ ist dasselbe). Oder es ist sozusagen nur eine Art Zahl des Einzeldinges, man spräche dann bei einem einzigen Ding in dem Sinne von einem wie man von zwei Dingen spricht. Wenn nun die Zahl zu den seienden Dingen gehört, so klärlich auch das Eine, und man müßte untersuchen, was es dann ist. Wenn aber die Zahl nur eine Funktion der Seele ist während sie im Zählen die Dinge durchgeht, dann würde es in der Wirklichkeit überhaupt kein Eines geben. Nun ergab aber unsere Darlegung, daß die Einzeldinge wenn sie das Eine verlieren, überhaupt nicht mehr existieren können. Wir müssen also zusehen ob das Eine und das Seiende beim Einzelding, und ob das Seiende überhaupt und das Eine identisch sind. Indessen wenn das Sein des Einzeldinges Vielheit ist, das Eine aber unmöglich Vielheit sein kann, so muß beides voneinander verschieden sein. Ist doch der Mensch Lebewesen, ist vernunftbegabt, besteht aus vielen Teilen, und all dies Viele wird erst durch jenes Eine zusammengehalten; so ist also ‘Mensch’ und ‘Eines’ etwas Verschiedenes, wenn denn jenes teilbar, dies unteilbar ist. Und weiterhin, das gesamte Seiende, welches alle seienden Dinge in sich hat, ist ja erst recht Vielheit, also vom Einen verschieden, welches es nur durch Anteilnahme und Teilhabe besitzt. Ferner besitzt das Seiende auch Leben, denn es ist doch nichts Totes; folglich ist das Seiende ein Vieles. Wenn aber das Seiende Geist ist, so ist es auch dann notwendig ein Vieles. Und erst recht, wenn es die Ideen in sich enthalten soll; denn die Idee ist nicht Eines sondern eher Zahl, sowohl die einzelne wie die Gesamtheit der Ideen, und also nur in dem Sinne Eines wie man es vom Kosmos sagen kann.

Überhaupt aber ist das Eine ein Erstes, der Geist dagegen und die Ideen und das Seiende sind kein Erstes. Denn was die Ideen anlangt, so besteht jede einzelne aus Vielem, ist zusammengesetzt und insofern ein Späteres; denn das woraus ein Ding besteht ist früher als das Ding.

Daß der Geist unmöglich das Erste sein kann, wird auch aus folgenden Erwägungen deutlich werden. Der Geist ist notwendig dem Denken hingegeben, und der Geist edelster Art, welcher nicht nach außen blickt, denkt notwendig das was vor und über ihm ist; denn damit daß er sich in sein eignes Selbst hineinwendet, wendet er sich zu seinem Ursprung. Und wenn der Geist sowohl das Denkende wie selber das Gedachte ist, so ist er zwiefältig und nicht einfältig, also nicht das Eine; wenn er dagegen auf ein Anderes blickt, so unbedingt auf ein Höheres, vor ihm Liegendes; oder wenn er schließlich sowohl auf sich selbst wie auf das Höhere blickt, so ist er auch dann erst ein Zweites. Und in der Tat muß man den Geist so ansetzen, daß er einerseits bei dem Guten, dem Ersten ist und auf Es hinblickt, anderseits aber bei sich selbst ist und sich selbst denkt, und zwar denkt er sich als Inbegriff alles Seienden. Er ist also weit entfernt das Eine zu sein, da er so vielschichtig ist.

Somit kann also das Eine weder Alles sein, denn dann wäre es nicht mehr Eines, noch der Geist, denn dann wäre es wiederum alles da der Geist alles ist, noch auch das Seiende, denn [3]das Seiende ist alles. Was also mag dann das Eine sein und welches sein Wesen? Nun, es ist kein Wunder daß das nicht leicht zu sagen ist, wo es das schon beim Seienden und bei der Gestalt (Idee) nicht ist. Immerhin ergibt sich hier doch noch eine Erkenntnis, wenn sie in Gestalten einen Halt findet. In dem Maß aber wie die Seele ins Gestaltenlose vordringt, welches sie gänzlich unfähig ist zu erfassen weil sie nicht von ihm bestimmt, nicht mehr gleichsam von einem Stempel der voll reicher Vielfalt ist, geprägt wird, da gleitet sie aus und muß fürchten ein Nichts zu fassen; daher leidet sie unter solchen Gegenständen und steigt gern wieder hinab von ihnen allen, da sie an ihnen immer wieder versagt, bis sie beim Sinnlichen anlangt und hier auf dem Festen gleichsam sich erholt; so wie auch das Gesicht leidet an kleinen Gegenständen und sich dann gern auf große gerichtet findet. Entschließt sich aber die Seele sich rein für sich allein auf die Schau des Einen zu richten, dann sieht sie es indem sie mit ihm zusammen und Eines ist, und eben weil sie dann mit ihm Eines ist, glaubt sie noch gar nicht zu haben was sie sucht, weil sie von dem Gegenstand ihres Denkens selber nicht unterschieden ist. Dennoch muß eben in dieser Weise verfahren wer über das Eine philosophieren will.

Weil denn das was wir suchen, Eines ist und wir den Urgrund aller Dinge ins Auge fassen wollen, nämlich das Gute und Erste, so dürfen wir uns auch nicht von der Region des Ersten entfernen und zum Allerletzten herabfallen, sondern es gilt im Hinstreben nach dem Ersten sein Ich von den Sinnendingen, welche das Letzte sind, hinaufzuführen, losgelöst zu sein von jeglicher Schlechtigkeit, da man ja zum Guten eilt, hinaufzusteigen zu dem Uranfang im eigenen Selbst und aus der Vielheit eines Eines zu werden, da man Schauer des Ursprungs und des Einen werden soll. So gilt es also Geist zu werden und seine Seele dem Geist anzuvertrauen und unter ihn zu breiten, damit sie das was jener sieht in voller Wachheit aufnehme, und so vermöge des Geistes das Eine zu schauen, ohne irgend einen Zusatz von Sinneswahrnehmung, ohne irgendetwas aus ihrem Bereich in ihn hineinzulassen, sondern mit reinem Geist auf das Reinste zu schauen, mit der obersten Schicht des Geistes. Wenn nun der zur Schau einer so herrlichen Wesenheit Gerüstete Größe oder Gestalt oder Masse an ihr sich vorstellt, so ist ihm nicht der Geist Führer zu seiner Schau; denn es liegt mitnichten im Wesen des Geistes derartiges zu sehen, sondern so wirkt sich die Sinneswahrnehmung aus und die bloße Meinung, welche aus der Sinneswahrnehmung folgt. Statt dessen muß man vom Geist die Ankündigung dessen was er vermag entgegennehmen. Es vermag aber der Geist zu sehen entweder das vor ihm Liegende oder das ihm selbst Angehörende oder das aus ihm Hervorkommende. Rein sind schon die Dinge die in ihm sind, noch reiner und einfacher aber die Dinge vor ihm, oder richtiger das Ding vor ihm.

Es ist also Jenes auch nicht Geist, sondern vor dem Geiste. Denn der Geist ist ETWAS was von den seienden Dingen; Jenes aber ist nicht ein Etwas sondern vor jeglichem; und auch kein SEIENDES, denn das Seiende hat zur Form gleichsam die Form des Seienden, Jenes aber ist ohne, auch ohne geistige Geformtheit. Da nämlich die Wesenheit des Einen die Erzeugerin aller Dinge ist, ist sie keines von ihnen. Sie ist also weder ein Etwas noch ein WIEBESCHAFFEN noch ein WIEVIEL, weder Geist noch Seele; es ist kein BEWEGTES und wiederum auch kein RUHENDES, nicht im RAUM nicht in der ZEIT, ‘sondern das Eingestaltige als solches’; oder vielmehr ohne Gestalt da es vor jeder Gestalt ist, vor Bewegung und vor Ständigkeit, denn die haften am Seienden und machen es zu einem Vielen. Aber warum ist es denn, wenn nicht bewegt, doch nicht ruhend? Weil nur das Seiende notwendig eines von beiden (oder beides) sein muß; und weil das Ruhende vermöge der Ständigkeit ruhend ist, nicht mit der Ständigkeit identisch, sie müßte dem Einen dann also akzidentiell anhaften und es bliebe nicht mehr einfach. Denn wenn wir das Eine als die Ursache bezeichnen, so bedeutet das auch nicht ein Akzidentielles von ihm aussagen, sondern von uns, daß wir nämlich etwas von ihm her haben, während es selbst in sich verharrt. Ja selbst ‘jenes’ dürften wir es im eigentlichen Sinne nicht nennen, wenn wir genau reden wollen, sondern es will das nur die Auslegung dessen sein, was wir selbst, die wir das Eine gleichsam von außen umspielen, dabei erleben, indem wir ihm bald nahe bleiben, bald ganz zurückgeworfen werden durch die Schwierigkeiten die ihm anhaften.

[4]Es beruht aber diese Schwierigkeit hauptsächlich darauf, daß man des Einen gar nicht auf dem Wege des wissenschaftlichen Erkennens, des reinen Denkens wie der übrigen Denkgegenstände inne werden kann, sondern nur vermöge einer Gegenwärtigkeit welche von höherer Art ist als Wissenschaft. Die Seele erleidet ja einen Abfall vom Einssein und ist nicht völlig eines, wenn sie die wissenschaftliche Erkenntnis einer Sache gewinnt; denn Wissenschaft ist Begriff, der Begriff aber ist ein Vieles; so verfehlt sie das Einssein da sie in Zahl und Vielheit gerät. So muß sie also über die Wissenschaft hinauseilen, darf in keiner Weise aus dem Einssein heraustreten, sondern muß ablassen von der Wissenschaft und dem Wißbaren, ja von jedem andern Gegenstand der Schau wenn er auch schön sein mag; denn alles Schöne ist später als das Eine und kommt von ihm so wie alles Tageslicht von der Sonne. Darum läßt sich von ihm ‘weder reden noch schreiben’, wie es heißt: sondern wir reden und schreiben nur davon, um zu ihm hinzuleiten, aufzuwecken aus den Begriffen zum Schauen und gleichsam den Weg zu weisen dem der etwas erschauen will; denn nur bis zum Wege, bis zum Aufbruch reicht die Belehrung, die Schau muß dann selbst vollbringen wer etwas zu sehen gewillt ist.

Wenn aber jemand nicht zum Schauen gelangt, und seine Seele des Glanzes dort oben nicht inne wird, er nicht erschüttert wird von einer inneren gleichsam erotischen Erschütterung beim Schauen wie ein Liebender der ausruht im Geliebten, wohl nimmt er wahres Licht auf und erleuchtet die ganze Seele, er ist zwar ganz in die Nähe des Einen gelangt, aber beim Aufstieg ist er noch durch eine Last bedrückt die der Schau hinderlich wurde, er stieg nicht ‘allein’ hinauf sondern nahm etwas mit was ihn von Jenem trennen mußte oder hatte sich noch nicht zu einer Einheit gesammelt; denn Jenes (Jener, Gott) ist gewiß niemandem fern, und doch ist es allen fern, es ist gegenwärtig und doch nur gegenwärtig für diejenigen, welche es aufnehmen können und gerüstet sind daß sie zu ihm passen und es gleichsam anfassen und berühren können vermöge der Wesensähnlichkeit; und wenn ein solches vermöge der Kraft, die in Jenem wirkt und den von Ihm stammenden Wesen verwandt ist, sich in dem Zustand befindet wie damals als er von ihm ausging, dann erst vermag er es zu erblicken in der Weise wie Es seinem Wesen nach schaubar ist – wenn also jemand noch nicht dort ist sondern noch draußen, wegen der genannten Hindernisse oder auch aus Mangel an einer Beweisführung, die ihn anleitet und ihm Überzeugung von Jenem zu schaffen weiß, so möge er wegen jener andern Hindernisse sich selbst die Schuld zurechnen und versuchen von allem zu lassen und ‘allein’ zu sein; soweit er aber nicht überzeugt ist, weil er in der Beweisführung zurückbleibt, möge er folgendem nachdenken.

[5]Wer da glaubt daß das Seiende durch Zufall und Ungefähr regiert und von körperlichen Ursachen zusammengehalten wird, der ist ferne davon, einen Begriff von Gott oder dem Einen zu fassen, und unsere Darlegung richtet sich nicht an solche, sondern an diejenigen welche eine andere Wesenheit neben den Körpern annehmen und auf die Seele zurückgreifen. Diese nun müssen das Wesen der Seele genau bedenken, vor allem daß sie vom Geiste stammt und zur Tugend nur gelangt, indem sie Anteil erhält an der Vernunft die von ihm herkommt. Darauf sollen sie den Geist erfassen lernen als etwas anderes als das was in uns denkt (das sogenannte Denkvermögen) und einsehen daß bereits die Denkakte gleichsam auseinandertreten und in Bewegung sind, und daß die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Seele befindliche Vernunftinhalte sind, die dann als solche in Erscheinung treten können weil der Geist als Verursacher der Erkenntnisse in die Seele eingetreten ist. Und hat man so den Geist gesehen, gleichsam sinnlich und greifbar, wie er über der Seele thront als ihr Vater, und ist die geistige Welt, so muß man ihn fassen als stillstehende, unerschütterte Bewegung, welcher alles in sich trägt und alles ist, eine Vielheit die unscheidbar ungeschieden und doch wieder geschieden ist; denn weder ist er geschieden wie die Gedanken welche dann einzeln gedacht werden, noch ist das was in ihm ist ineinander verflossen, denn jedes einzelne tritt gesondert aus ihm hervor so wie auch in den Wissenschaften, wo alle Erkenntnisse im Unteilbaren beieinanderliegen, doch jede einzelne von ihnen gesondert ist.

Diese Vielheit also die doch ineins ist, die geistige Welt, ist zwar nahe dem Ersten (und die Untersuchung zeigt, daß sie notwendig sein muß, so wahr notwendig ist, daß schon die Seele existiere, das Geistige aber der Seele übergeordnet sei): aber diese geistige Welt ist nicht das Erste, da sie nicht Eines noch einfach ist; einfach aber muß das Eine, der Urgrund aller Dinge sein. Das nun also, was vor dem im Seinsbereich Ehrwürdigsten ist, wenn denn etwas vor dem Geist sein muß, welcher Eines sein möchte, es aber nicht ist, sondern nur einsartig (und einsartig ist er weil ihm das Denken ja gar nicht zersplittert ist, sondern er ist noch wahrhaft bei sich selbst und zerteilt sich nicht da er ganz nahe unter dem Einen steht, er hat sich nur erkühnt in gewisser Weise von dem Einen abzustehen) – das Wunder also, das vor diesem Geist liegt, das Eine (es ist nicht Seiendes, sonst würde auch hier das Eine nur von einem andern ausgesagt; ihm gebührt in Wahrheit kein Name, wenn mans denn aber benennen muß so wird man es passend gemeinhin das Eine nennen, freilich nicht als sei es sonst etwas und dann erst Eines) ist darum so schwer zu erkennen, und wird eher aus dem von ihm Gezeugten erkannt, dem Sein; … sein Wesen ist derart, daß es Quell des Vollkommensten ist, die Kraft welche das Seiende erzeugt, wobei es aber in sich beharrt und nicht vermindert wird, auch nicht in den aus ihm entstehenden Dingen ist, denn es ist vor diesen; wir nennen es das Eine, notgedrungen, weil wir es einander bezeichnen müssen, wir wollen mit diesem Namen auf die Vorstellung des Ungeteilten hinleiten und die Seele zur Einheit führen; wir meinen aber ‘Eines’ und ‘ungeteilt’ nicht in dem Sinne wie wir es beim Punkt oder der Zahl 1 meinen; denn das in diesem Sinne Eine ist Ursprung des Wieviel, welches gar nicht zur Existenz gelangt wäre, wäre nicht zuvor das Sein und das was vor dem Sein ist; nicht hieran also soll man bei der Bezeichnung Eins denken; sondern diese Dinge sind jenen höheren immer nur ähnlich im Sinne von Analogien in Bezug auf ihre Einfachkeit und ihr Freisein von Vielheit und Teilbarkeit. [6]Aber in welchem Sinne nennen wir es denn Eines, und wie läßt es sich für das Denken erfaßbar machen? Nun, es muß als eine Einheit in vollerem Sinn angesetzt werden als es die Einheit der Zahl 1 oder des Punktes ist. Denn bei diesen gelangt die Seele, indem sie Größe und die in der Zahl liegende Vielheit fortdenkt, schließlich zu einem Allerkleinsten, das, worauf sie dabei das Denken richtet, ist zwar unteilbar, war aber im Teilbaren und ist noch jetzt in einem andern; Jenes aber ist nicht in einem andern, nicht im Teilbaren noch auch unteilbar im Sinne wie das Allerkleinste, denn es ist das Größte von allem, nicht der realen Größe, aber dem Vermögen nach; so ist es auch das Unteilbare dem Vermögen nach, ist doch auch das was auf es folgt, dem Vermögen nach, nicht der Masse nach unteilbar und ungeteilt.

So muß man Ihn auch als unendlich ansehen nicht weil er an Größe oder Zahl unabschreitbar wäre, sondern weil die Fülle seines inneren Vermögens unumfaßbar ist. Denn wenn du Ihn denkst wie Geist oder Gott, so ist er mehr; und wenn du ihn dir als Eines denkst, so ist er auch dann mehr Eines als … (?) du es dir vorstelltest: er ist einheitlicher als dein Denkvermögen; denn er ist bei sich und ohne jede zufällige Bestimmtheit.

An seiner Selbstgenugsamkeit ferner kann man wohl seine Einheit begreifen. Da es das Zureichendste und Selbstgenügendste von allem ist, so muß es auch das Unbedürftigste sein. Alles Viele und Nichteine aber ist bedürftig, da es erst aus Vielem ein Eines geworden ist; es bedarf also sein Wesen des Einsseins. Jenes aber bedarf seiner selbst nicht, denn es ist es selbst. Was ferner vieles ist, bedarf so vieler Dinge als es ist; weiter existiert jedes der Dinge in ihm mit den andern verbunden und steht nicht auf sich selbst weil es der andern bedürftig ist, und dadurch wird ein solches Wesen sowohl in seinen Einzelbestandteilen wie als Ganzes bedürftig. So wahr es nun ein völlig selbstgenugsames Wesen geben muß, so muß es das Eine geben, denn es allein ist so beschaffen, daß es weder gegen sich selbst noch gegen ein anderes bedürftig ist. Denn ihm fehlt nichts damit es sein (a), noch damit es wohlbeschaffen sein kann (b), noch auch daß es sich darauf gründe (c). Denn da es für die andern Dinge Ursache ist, erhält es nicht von andern was es ist. Und was für eine Wohlbeschaffenheit könnte es für es geben außerhalb seiner selbst? So ist denn die Wohlbeschaffenheit für es nichts zufällig Hinzutretendes, denn es ist sie ja selbst. Auch gibt es für es keinen Ort; denn es braucht sich auf keine Grundlage zu stützen als könnte es sich nicht selber tragen (während das was eine Grundlage braucht, unbeseelt ist, Masse die fällt wenn sie sich nicht irgendwo gründen darf), vielmehr sind nur vermöge seiner die andern Dinge gegründet, von seinetwegen sind sie zur Existenz gelangt und haben zugleich den Ort erhalten auf dem sie eingeordnet sind. (Bedürftig ist nämlich auch das, dem der Ort fehlt.) Der Urgrund aber ist nicht bedürftig der Dinge die nach ihm sind, sondern der Urgrund aller Dinge ist aller Dinge unbedürftig. Denn was da bedürftig ist, ist bedürftig als nach seinem Urgrund strebendes; wenn aber das Eine irgendeines Dinges bedürftig ist, so kann es offenbar nur suchen nicht eines zu sein; somit müßte es seines eigenen Zerstörers bedürftig sein: aber alles von dem man sagen kann daß es bedürftig sei, ist vielmehr des Guten, also eines Erhalters bedürftig.

Mithin gibt es auch für das Eine kein Gutes, folglich auch keinen Willen nach irgendeinem Guten, sondern es ist das Übergute, welches nicht für sich selbst, sondern für die andern Dinge gut ist, die etwa an ihm teilzuhaben vermögen. Auch ist es kein Denken, sonst wäre Andersheit in ihm; noch auch Bewegung; denn es ist vor der Bewegung und vor dem Denken. Was sollte es denn auch denken? Sich selbst? Dann müßte es vor dem Denken seiner selbst nichtwissend sein und des Denkens bedürfen damit es sich kennenlerne, es das doch unbedürftig, sich selbst genug ist. Indessen kann es nur deshalb weil es sich nicht erkennt und denkt, kein Nichtwissen in ihm geben, denn Nichtwissen findet nur statt wo ein zweites da ist, wenn eines das andere nicht weiß. Jenes aber da es allein ist, erkennt nichts, anderseits hat es aber nichts in sich das es nicht wüßte, sondern da es eines ist und bei sich selber, bedarf es nicht des Denkens seiner selbst. Eigentlich darf man ihm auch das Beisichselbersein nicht zuschreiben um die Einheit rein zu wahren, sondern man muß Denken wie Beisichsein ausschließen, auch das Denken seiner selbst wie das der andern Dinge. Man darf es nicht in eine Reihe stellen mit dem denkenden Subjekt, sondern eher mit dem Denkinhalt; dieser aber denkt nicht sondern ist einem andern Ursache, daß es denkt; die Ursache aber ist nicht identisch mit dem Verursachten. Die Ursache aller Dinge ist ferner selbst keines von ihnen. Man darf es also auch nicht das Gute nennen, da es den andern das Gute darbietet, sondern höchstens in einem besonderen Sinne das Gute über alle Güter.

[7]Wenn du aber deswegen, weil es nichts von diesen Dingen ist, mit deinem Erkennen ins Unbestimmte gerätst, so nimm deinen Standort eben in den genannten Dingen und von da aus schau. Beim Schauen vergeude aber deine Gedanken nicht in der Richtung nach außen; denn es liegt ja nicht irgendwo und läßt die übrigen Dinge seiner beraubt sein, sondern für den der es greifen kann ist es … gegenwärtig, wer aber zu schwach dazu ist, für den ist es nicht gegenwärtig. Wie man nun bei den übrigen Dingen nichts denken kann, wenn man an etwas anderes denkt und auf dies andere achtet, vielmehr nichts anderes zu dem Gegenstand des Denkens hinzunehmen darf, damit er auch wirklich und allein das Gedachte werde, so muß man auch hier wissen, daß es unmöglich ist, während man den Eindruck, die Prägung von etwas anderem in der Seele hat, das Eine zu denken, solange diese Prägung wirksam ist; daß die Seele während sie noch von andern Dingen eingenommen und festgehalten ist, nicht die Prägung des Gegenteils in sich aufnehmen kann; sondern wie es von der Materie heißt daß sie frei von jeder Qualität sein muß wenn sie die Prägungen aller Dinge soll aufnehmen können, so und noch viel mehr muß auch die Seele ohne Form und Gestalt werden, wenn nichts, was in ihr festsitzt, ihr hinderlich werden soll sich zu erfüllen und zu erleuchten mit der Ersten Wesenheit. Ist dem so, dann muß man von allem was außen ist sich zurückziehen und sich völlig in das Innere wenden, man darf keinem Äußeren mehr geneigt sein, sondern muß das Wissen von all dem auslöschend, schon vorher in seiner eigenen Haltung, jetzt aber auch in den Gestalten des Denkens, auch das Wissen von sich selbst auslöschend in die Schau Jenes eintreten; und ist man so mit Jenem vereint und hat genug gleichsam Umgang mit ihm gepflogen, so möge man wiederkehren und wenn mans vermag auch andern von der Vereinigung mit Jenem Kunde geben; in solcher Vereinigung stand vielleicht auch Minos, weshalb er in der Sage als ‘des Zeus vertrauter Genosse’ galt, und dieser Gemeinschaft gedenkend gab er als ihr Abbild seine Gesetze, durch die Berührung des Göttlichen befruchtet zur Gesetzgebung; oder man möge, hält man das Politische seiner nicht für würdig, oben verweilen wenn man will (?) – und das wird dessen Haltung sein der viel geschaut hat.

Jener, heißt es, ist für keinen draußen, sondern ist bei allen ohne daß sie es wissen. Sie selbst sind es die aus ihm herausfliehen, oder richtiger, aus sich selbst herausfliehen; dann können sie nicht erfassen den sie geflohen sind, und da sie sich selbst verloren haben, nicht nach irgend einem andern suchen; sowenig ein Sohn wenn er im Wahnwitz außer sich selbst ist den Vater kennen wird; wer aber sich selbst kennt, der weiß auch woher er stammt.

[8]Wenn nun eine Seele sonst um sich selber weiß, weiß aber auch, daß ihre Bewegung nur dann eine gerade ist, wenn sich ihre Richtung bricht, daß dagegen ihre wesenseigene Bewegung wie die Kreisbewegung nicht um ein Äußeres kreist, sondern um den Mittelpunkt, der Mittelpunkt aber dasjenige ist aus dem der Kreis herstammt, dann wird sie sich um das bewegen von dem sie herstammt, und sich an dieses hängen und sich in die Gemeinschaft mit eben dem begeben zu dem sich alle hinbewegen müßten, es tun das aber dauernd nur die Seelen der Götter, welche eben indem sie sich zu ihm hinbewegen, Götter sind; denn Gott ist das was mit Jenem verbunden ist, was aber weit von ihm absteht, ist Durchschnittsmensch und Tier.

Ist nun dieser ‘Mittelpunkt’ der Seele etwa das Gesuchte? Oder ist nicht vielmehr anzunehmen daß es noch etwas anderes sei und zwar etwas worin alle ‘Mittelpunkte’ zusammenfallen und das dem Mittelpunkt eines irdischen Kreises nur analogisch entspricht? Denn die Seele ist ja nicht in dem Sinne Kreis wie die geometrische Figur, sondern (es ist so) daß in ihr und um sie das ‘früheste Wesen’ ist (die Materie) … daß sie fern von derartig Niederem noch weit mehr (?) … daß die Seelen in der Abtrennung Ganze sind … Jetzt aber, wo ein Teil von uns vom Leib überdeckt ist, so als wenn man die Beine im Wasser hat und nur mit dem übrigen Körper daraus hervorragt, so erheben wir uns mit dem Teil der Seele der nicht vom Körper überschwemmt ist und damit berühren wir uns an der Stelle unseres eigenen Mittelpunktes mit dem ‘Mittelpunkt’ aller Dinge, so wie die Mittelpunkte der größten Kreise mit dem der einschließenden Kugel, und ruhen dann aus. Wären diese Kreise nun körperlich, nicht seelenhaft, dann würden sie sich räumlich mit dem Mittelpunkt berühren, der Mittelpunkt würde sich irgendwo befinden und die Kreise um ihn herum; da aber die Seelen geisthaft und jenes Obere oberhalb des Geistes ist, so muß man annehmen daß die Berührung durch andere Vermögen zustande kommt, in der Art wie sich das Denkende mit dem Gedachten seinem Wesen nach berührt, und daß das Denkende durch Gleichheit und Selbigkeit in viel höherem Maße verbunden ist und sich berührt mit dem ihm Verwandten, ohne irgendein Scheidendes dazwischen; denn durch Körper können nur Körper gehindert werden sich miteinander zu vereinigen, das Unkörperliche aber wird durch Körper nicht geschieden; so kann es also auch nicht durch Raum voneinander entfernt sein, sondern nur durch Andersheit und Verschiedenheit; wenn also keine Andersheit da ist, so ist dies nicht Andere miteinander beisammen. Jenes Obere nun, da es keine Andersheit kennt, ist immer bei uns, wir aber sind bei ihm nur wenn wir keine Andersheit in uns haben. Jenes verlangt nicht nach uns daß es etwa um uns wäre, aber wir nach ihm, auf daß wir um es sind. Um es sind wir immer, aber wir blicken nicht immer auf es hin; so wie ein singender Reigen um den Chorführer geschart sich doch einmal umdrehen mag und damit aus der Schau herausgerät, wenn er sich aber nach innen zurückwendet, dann erst schön singt und eigentlich um ihn geschart ist, so sind auch wir immer um Jenes (sonst würden wir uns gänzlich auflösen und nicht mehr existieren können), blicken aber nicht immer zu ihm hin; aber wenn wir zu ihm hinsehen, dann sind wir am Ziel und dürfen rasten, und kreisen um es ohne Mißklang im wahrhaft gotterfüllten Reigen. [9]Und bei diesem Reigen erschaut die Seele nun den Quell des Lebens und den Quell des Geistes, den Urgrund des Seienden, die Ursache des Guten, die Wurzel der Seele (nicht als flössen diese Dinge aus ihm und verringerten es damit; sie sind ja keine Masse: dann müßten diese Hervorbringungen vergänglich sein, sie sind aber ewig, weil ihr Urgrund unverändert bleibt und sich nicht in sie zerteilt sondern ganz bleibt; deshalb bleiben auch sie, so wie das Licht bleibt solange die Sonne bleibt). Denn wir sind nicht von ihm abgeschnitten oder gesondert, wenn auch das Leibeswesen sich eindrängt und uns zu sich gezerrt hat, sondern wir atmen und werden erhalten nur indem jenes nicht nur einmal dargereicht und sich dann abgewendet hat, sondern immerdar spendet, solange es ist was es ist.

Wir sind aber im höheren Sinne, wenn wir uns zu ihm hinrichten, unser Heil liegt dort, nur ihm fern sein bedeutet Sein geringeren Grades. Dort kann die Seele der Übel enthoben ausruhen, denn sie ist zu dem Ort hinaufgeeilt der rein von allem Übel ist; dort denkt sie, dort ist sie ohne Affektionen. Dort ist auch erst ihr wahrhaftes Leben; denn das jetzige Leben ohne Gott ist nur ein Nachhall von Leben, der jenem Leben nachahmt, aber dort zu leben ist wirkende Kraft des Geistes, und aus der wirkenden Kraft erzeugt es in der geruhigen Berührung mit Jenem die Götter, es erzeugt die Schönheit, erzeugt die Gerechtigkeit und die Tugend: davon wird die Seele schwanger wenn sie von Gott befruchtet wird. Jenes ist ihr Urgrund und Ziel, Urgrund weil sie von dort, und Ziel weil das Gute dort, weil sie dort einmal angelangt wieder das wird was sie eigentlich war; denn das Leben hienieden unter den Erdendingen ist Straucheln, Verbannung, ‘Entfiederung’.

Daß aber dort oben das Gute ist, das erweist auch das Verlangen (Eros) welches der Seele (Psyche) eingeboren, weshalb denn auch in Gemälden und Sagen Eros mit den Psychen verbunden ist. Denn da die Seele etwas anderes ist als Gott, aber aus Gott stammt, verlangt sie nach ihm mit Notwendigkeit. Solange sie droben ist, ist sie erfüllt vom himmlischen Eros, denn sie ist dort oben eine himmlische Aphrodite, hier unten aber wird sie, gleichsam zur Hure entartet, zur gemeinen Aphrodite. In der Tat ist jede Seele eine Aphrodite; das ist auch der verborgene Sinn der Aphroditegeburt und des Eros der mit ihr geworden ist. So verlangt also die Seele, solange sie sich in ihrem wesensgemäßen Zustand befindet, nach Gott und will mit ihm eins werden, mit einem edlen Verlangen wie eine edle Jungfrau ihren Vater liebt. Wenn sie aber nach ihrem Eintritt in die Werdewelt sich gleichsam durch das Treiben der Freier betören läßt, so wandelt sich ihre Liebe in der Ferne vom Vater in eine andere, irdische, und sie erliegt der Schande. Lernt sie aber die Schandtaten dieser Welt wiederum hassen, läutert sich vom Irdischen und macht sich wieder auf den Weg zum Vater, dann ist ihr wohl.

Wem solches Erlebnis unbekannt ist, der ermesse von hier unten aus nach diesen irdischen Liebesregungen, was es bedeutet das zu erlangen wonach man am meisten verlangt und bedenke dann, daß diese Gegenstände irdischer Liebe sterblich sind und Unheil bringen und diese Liebe nur auf Nachbilder geht, daß sie sich wandeln, weil sie nicht der Gegenstand wahrhaftiger Liebe sind, nicht unser wahrhaft Gutes und nicht das was wir suchen; daß dort oben dagegen das wahrhaft und eigentlich Geliebte ist, mit dem auch eine wirkliche Vereinigung möglich ist indem man Teil an ihm gewinnt und es wahrhaft besitzt, nicht nur es von außen mit dem Fleisch umfängt. Wer es aber geschaut hat, der weiß was ich sage, daß nämlich die Seele alsdann, indem sie herannaht und endlich anlangt und an Ihm Teil erhält, ein neues Leben empfängt und aus diesem Zustand heraus erkennt, daß hier der Spender des wahrhaften Lebens bei ihr ist und sie keines Dinges mehr bedarf, daß es vielmehr gilt alles andere von sich abzutun und in ihm allein stille zu stehen, es zu werden in reinem Alleinsein, alles übrigen uns entschlagend was uns umkleidet. Daher wir denn trachten von hier wegzugelangen und murren über die Fesseln die uns an das Andere binden, um endlich mit unserm ganzen Selbst Jenes zu umfassen und keinen Teil mehr in uns zu haben mit welchem wir nicht Gott berühren. So ist es denn dort oben vergönnt Jenen und sich selbst zu schauen soweit Schauen dort das Rechte ist, sich selbst von Glanz erhellt, erfüllt von geistigem Licht, vielmehr das Licht selbst, rein, ohne Schwere, leicht, ja Gott geworden – nein: seiend; entzündet in diesem Augenblick, wenn man aber wieder schwer wird gleichsam erlöschend.

[10]Weshalb bleibt denn nun die Seele nicht dort oben? Nun, weil sie noch nicht gänzlich herausgelangt ist. Es wird aber eine Zeit kommen wo man ununterbrochen schauen wird ohne daß der Leib einen noch irgend belästigt. – Diese Belästigung trifft übrigens nicht das Schauende in uns, sondern das andere welches, während das Schauende die Schau ruhen läßt, nicht ruhen läßt die Wissenschaft die in Beweisen und Argumenten und einem Selbstgespräch der Seele sich vollzieht; das Schauen aber und das Schauende ist nicht mehr Vernunft, sondern größer als Vernunft, vor der Vernunft und über der Vernunft, ebenso wie das Geschaute.

Wenn der Schauende nun dann, wenn er schaut, auf sich selbst schaut, wird er sich als einen so erhabenen erblicken, vielmehr er wird mit sich selbst als einem so erhabenen vereinigt sein und sich als solchen empfinden, denn er ist dann einfach geworden. Das Geschaute aber (wenn man denn das Schauende und das Geschaute zwei nennen darf und nicht vielmehr beides eines) sieht der Schauende in jenem Augenblick nicht – die Rede ist freilich kühn –, unterscheidet es nicht, stellt es nicht als zweierlei vor, sondern er ist gleichsam ein anderer geworden, nicht mehr er selbst und nicht sein eigen, ist einbezogen in die obere Welt und Jenem Wesen zugehörig, und so ist er Eines indem er gleichsam Mittelpunkt mit Mittelpunkt berührt. Werden doch die Mittelpunkte von irdischen Kreisen zu einem wenn sie zusammenfallen, und sind doch wieder zwei wenn sie getrennt sind; so sprechen wir auch gewöhnlich vom Einen als einem Unterschiedenen. Weshalb denn auch die Schau so schwer zu beschreiben ist; denn wie kann einer von Jenem als einem Unterschiedenen Kunde geben, da er es während ers schaute, nicht als ein Verschiedenes, sondern als mit ihm eines gesehen hat? Diesem Umstand will auch die Verpflichtung der irdischen Geheimweihen ‘nicht an die Ungeweihten preiszugeben’, Ausdruck geben; eben weil das Göttliche nicht preisgebbar ist, untersagt sie, es einem andern bekanntzugeben, es sei ihm denn schon selbst beschieden gewesen es zu sehen.

Da es nun nicht zwei waren, sondern er selbst, der Schauende, mit dem Geschauten eins war (es ist also eigentlich nicht ‘Geschautes’, sondern sozusagen ‘Geeintes’), so trägt er, wenn er sich nur an seinen Zustand im Augenblick der Vereinigung erinnert, ein Abbild von Jenem in sich. In diesem Zustand war er aber auch in sich selbst Eines; er hatte in sich keine Geschiedenheit zu sich selbst weder in seinen andern Funktionen (es bewegte sich in ihm nichts, kein Zorn, keine Begierde war in ihm als er in der Höhe war) – aber auch kein Begriff noch irgendein Denken; ja überhaupt sein Selbst war nicht da, wenn denn auch das gesagt sein soll, sondern gleichsam hinaufgerissen, oder vielmehr in ruhiger Gotterfülltheit ist er in die Abgeschiedenheit eingetreten, in einen Zustand der Bewegungslosigkeit, und er wird in seinem ganzen Sein nirgends abgelenkt, auch nicht zu sich selbst hingedreht, völlig stillstehend und gleichsam selbst Stillestehen; selbst die schönen Dinge denkt er nicht mehr, sondern über das Schöne ist er nun hinweggeeilt, hinausgeschritten nun auch über den Reigen der Tugenden, wie einer der in das Innere der unbetretbaren heiligen Kammer eingetreten ist und die Götterbilder im Tempel hinter sich gelassen hat, und wenn er aus der inneren Kammer wieder heraustritt, so begegnen sie ihm zuerst, nachdem die Schau da drinnen vorbei ist, die Vereinigung dort oben nicht mit einem Götterbild oder Gleichnis sondern mit Ihm selbst: so werden diese die zweiten Schaunisse. Jenes aber war wohl kein Schaunis, sondern eine andere Weise des Sehens, Aussichtreten, sich selbst Einfachmachen und Darangeben, Hinstreben zur Berührung und Stillestehen und Bedachtsein auf Anpassung; nur so kann man das in der innersten Kammer erblicken. Blickt er aber auf andre Weise, so erscheint ihm gar nichts.

Indes all diese Dinge sind bloße Nachbilder, nur verborgene Hindeutungen der Weisen unter den Mysteriendeutern wie der wahre, obere Gott zu erblicken ist; ein weiser Priester der die Hindeutung versteht, mag wohl, wenn er in jene innere Kammer eintritt, zu einer wahrhaften Schau gelangen; aber auch wenn er sie nicht betritt – wenn er diese Kammer für etwas Unsichtbares hält, nämlich für den Urquell und Urgrund, so wird er wissen, daß nur der Urgrund den Urgrund erblickt, nur ihm sich vereinigt, und nur das Gleiche mit dem Gleichen; so wird er nichts von dem Göttlichen, welches die Seele schon vor der Schau innehaben kann, versäumen, und wird das Übrige von der Schau erwarten; und dies übrige ist für ihn, wenn er über alles hinausgeschritten ist, dasjenige was vor allem ist. Denn die Seele kann ihrem Wesen nach nicht in das schlechthin Nichtseiende gelangen; sondern wenn sie hinabschreitet, kommt sie ins Übel und insofern in Nichtseiendes, jedoch nicht in das schlechthin Nichtseiende; läuft sie dagegen in entgegengesetzter Richtung, so gelangt sie nicht zu einem Andern, sondern zu sich selbst, und so kann sie, da sie nicht in einem andern ist, nicht in einem Nichts sein; sondern nur in sich selbst; und nur in sich selbst und nicht in Jenem als in etwas Seiendem: man wird selber insofern man mit Jenem umgeht, nicht mehr Sein sondern Übersein. Sieht jemand sich selbst in diesem Zustand, so hat er an sich selbst ein Gleichnis von Jenem, und geht er von sich als einem Abbild zum Urbild hinüber, so ist er am Ziel der Reise. Und fällt er aus der Schau, so weckt er die Tugend in sich wieder auf, und nimmt er dann wahr, daß sein Selbst durch die Tugenden von Ordnung und Form durchdrungen ist, so wird er wiederum leicht werden und durch die Tugend zum Geist und zur Weisheit aufsteigen und durch die Weisheit zu Jenem. Das ist das Leben der Götter und göttlicher, seliger Menschen, Abscheiden von allem andern was hienieden ist, ein Leben das nicht nach dem Irdischen lüstet, Flucht des Einsamen zum Einsamen.

Schriften in deutscher Übersetzung

Подняться наверх