Читать книгу Gesetzlose Städte, raue Männer: Alfred Bekker präsentiert 9 Western - R. S. Stone - Страница 29

Heinz Squarra: Jacksons Flucht nach Westen

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Bill Jackson ist als Spieler auf den großen Flussdampfern des Mississippi unterwegs. Dabei bekommt er Ärger mit einem Mann namens Jules Carpenter. Dem passt es ganz und gar nicht, dass Bill ein Auge auf seine Verlobte Alice geworfen hat. Für Carpenter gibt es nur eins, um den lästigen Rivalen aus dem Weg zu räumen. Er fordert Bill zu einem Duell und zieht dabei selbst den Kürzeren. Yancey Carpenter, sein Vater, ist ein einflussreicher Richter in der Region – und er will Bill tot sehen. Deshalb muss Bill Jackson fliehen. Aber er hat Schatten auf seiner Fährte, auch wenn ihn seine Flucht weit nach Westen führt.

Die Bill Jackson Story war eine mehrbändige Saga von Heinz Squarra und erschien zuerst Mitte der 60er-Jahre. Bis heute wurden diese Romane nie wieder veröffentlicht, obwohl gerade die Bill Jackson Story mit zum Besten zählt, was Heinz Squarra jemals geschrieben hat. Diese Saga des Autors erscheint jetzt nach mehr als 50 Jahren endlich wieder als eBook.

*

Bill Jackson zuckt zusammen, als er das Geräusch hinter sich hört. Er fährt herum, während er sich auf die Deckplanken fallen lässt. Vor ihm, bei den Deckaufbauten, blitzt es auf. Grollend rollt das Echo des Schusses über den leise rauschenden Mississippi. Ein hämisches Lachen erschallt, als Bill liegenbleibt, als wäre er getroffen worden. Dann löst sich eine Gestalt aus der Dunkelheit und nähert sich schnell.

Bill Jackson springt auf und fällt den Mann an. Mit einem wilden Hieb trifft er ihn am Kinn und schmettert ihn in die Dunkelheit der Deckaufbauten zurück. Er jagt dem Mann nach und rennt dabei in einen Aufwärtshaken.

Er wird am Kinn getroffen, stolpert über ein Tau und fällt auf die Bretter. Der Mann vor ihm schreit auf und wirft sich auf ihn.

Jackson glaubt, alle Rippen brächen ihm, als das Gewicht des Mannes auf ihm landet. Er riecht den üblen Fuselatem des Mannes und setzt sich verzweifelt zur Wehr. Plötzlich kann er die angezogenen Beine unter den Leib des Mannes klemmen. Wie einen Pfeil wirft er den Feind damit zurück. Der Mann rennt rückwärts zu der Stelle, wo die Reling unterbrochen ist. Kurz davor fängt er sich.

Da steht Bill Jackson wieder auf den Beinen. Die graue Samtschleife unter dem Kragen seines Spitzenhemdes hängt schief. Er geht vorwärts, während der Atem keuchend aus seinem Mund kommt. Er hat den Mann, der da steht, noch nie zuvor gesehen. Es kann nur ein bezahlter Killer sein. Er hasst diese Sorte. Und so schlägt er wieder hart und gnadenlos zu.

Der Halunke taumelt und verschwindet in der Lücke in der Reling. Ein klatschendes Geräusch ist zu hören. Dann übertönt das leise Rauschen des Mississippi alle anderen Geräusche.

Bill Jackson lässt die Arme sinken. Er wendet sich um und sieht einen Mann, der auf der anderen Seite an der Reling lehnt und an einer langen, schwarzen Zigarre zieht.

„Bravo“, sagt der Mann und zieht wieder.

Bill geht langsam zu ihm hinüber. Er blickt ihn forschend und halb wissend an. Diesen Mann kennt er. Es ist Jules Carpenter. Der Sohn eines der reichsten und einflussreichsten Männer dieses Landes. Carpenter mag fünfundzwanzig Jahre alt sein. Fünf Jahre älter als Bill. Er ist ein schmaler Mann, mit einem dunklen Gesicht und blauschwarzen Haaren. Seine spanische Abstammung ist unverkennbar.

„Er fiel mich an“, sagt Bill. „Genauer gesagt, er schoss aus dem Hinterhalt auf mich. Sind Sie gekommen, um zu sehen, wie er getroffen hat, Carpenter?“

Jules Carpenter dreht die Zigarre zwischen den Fingern und blickt auf die Glut.

„Was wollen Sie damit sagen?“, fragt er.

„Das wissen Sie doch.“

„Nein, Jackson. Ich weiß es nicht.“

Bill blickt zu den dunklen Aufbauten. Er wundert sich, dass niemand kommt. Viele der Menschen an Bord des still liegenden Schiffes müssen den Schuss gehört haben.

Aber vielleicht hat Jules Carpenter die Menschen abbestellt.

„Warum sagen Sie nicht, was Sie meinen, Jackson?“, redet Carpenter weiter. Ein dünnes Grinsen lässt sein Bärtchen auf der Oberlippe wackeln.

Bill wendet sich mit einem Ruck um. Als er sich drei Schritte entfernt hat, holt ihn Carpenters Ruf ein.

„Jackson, einen Moment!“

Bill dreht sich um.

Carpenter kommt ihm nach und beschreibt mit der Zigarre einen Bogen durch die Luft.

„Ich biete Ihnen fünfhundert Dollar, wenn Sie das Schiff noch in dieser Nacht verlassen.“

Bill blickt den arroganten Mann, dessen Vater der Richter in Hannibal drüben am Ufer sein soll, einen Moment an, dann dreht er sich um und geht weiter.

*

Als er die Kabine des Kapitäns betritt, sitzt William Brown, der Eigner der „Shreveport“ in einem tiefen Sessel und blickt ihm entgegen. Bill schiebt die Tür hinter sich zu.

Brown dreht den Docht der Kerosinlampe höher, so dass es in der Kabine heller wird.

„Haben Sie einen Schuss gehört?“, erkundigt sich Bill.

„Ja“, sagt der.Kapitän zögernd. „Einen Schuss hörte ich.“

„Und? Warum gingen. Sie nicht hinaus?“

„Ich ... ich war schon ...“

„Sie waren unterwegs, und Carpenter schickte Sie zurück, nicht wahr?“

Brown steht auf.

„Hören Sie, Bill, ich kann Sie gut leiden ..."

„War es Carpenter, der Sie zurückschickte?“, fragt Bill beharrlich.

„Ja, er war es. Ich schickte auch die anderen zurück, die hinaus wollten. Bill, ich will Ihnen etwas anderes sagen: Carpenter ist ein wilder Bursche. Eines Tages wird es mit ihm ein schlimmes Ende nehmen. Aber ich kann Sie wirklich gut leiden. Sie sollten nicht derjenige sein, der sein Ende verschuldet. Carpenters Vater, Yancey Carpenter, ist der Richter in Hannibal. Der einflussreichste Mann der Stadt. Er würde Sie bis ans Ende der Welt verfolgen und zur Strecke bringen. Also, lassen Sie die Finger von Carpenter. Ich will mich auch nicht mit ihm anlegen.“

Bill Jackson atmet langsam aus. Er denkt an Jules Carpenters Schwester Alice. Ein hübsches, dunkles Mädchen mit grünen Augen, mit einem perlenden Lachen, und mit der Lebensfreude einer jungen Frau.

Es war Zufall gewesen, dass Jules ihn mit Alice gesehen hatte. Gestern, in der Stadt. Wahrscheinlich hatten sie dann zu Hause aus ihr herausgeholt, dass sie ihn schon länger kennt.

Dagegen haben sie etwas. Er, der arme Spieler, verkommen, Abschaum. Und sie, die mächtigen Carpenters mit dem riesigen Land und den vielen Dörfern darauf.

Dagegen haben sie so viel, dass sie ihm einen bezahlten Mörder auf den Hals schicken.

„Bill, verlassen Sie das Schiff. Verlassen Sie auch die Stadt“, dringt die Stimme des alten Kapitäns an seine Ohren. „Es hat keinen Zweck.“

Er dreht sich um, klinkt die Tür auf und verlässt die Kabine. Er ist entschlossen, das Schiff nicht zu verlassen. Er hat noch niemals nachgegeben. Er ist ein junger Mann von zwanzig Jahren, der noch glaubt, mit dem Kopf durch die Wand und durch alle Vorurteile zu können.

Als er den Spielsaal betritt, hebt ein Mann an einem der grünbezogenen Tische die Hand.

„Kommen Sie, Jackson!", ruft er. „Wir warten schon auf Sie! Wo waren Sie denn die ganze Zeit?“

Wahrscheinlich ist der Schuss hier nicht gehört worden, denkt Bill, während er den Tisch ansteuert und sich auf seinen Stuhl setzt.

Der Mann neben ihm verteilt die Karten. Bill nimmt auf und setzt. Er legt ab, kauft und setzt wieder. Er macht es mechanisch, denkt sich nichts dabei. Er ist nicht mehr bei der Sache.

Viermal war er mit ihr aus. Sie ist ein hübsches Mädchen. Und so vornehm. Sie spricht in einer gedrechselten, altmodischen Sprache. Und doch ist an ihr alles wie eine fremde Welt, an der er immer neue Wesenszüge entdecken konnte.

Nein, er wird weder das Schiff noch die Gegend verlassen.

Plötzlich tritt ein Mann an den Tisch. Ein Mann im schwarzen Anzug, mit bunter Weste und New Orleans-Schleife unter dem Kragen des weißen Hemdes. Bill hebt den Kopf.

„Darf man mithalten?“, fragt Jules Carpenter mit einem salzigen Lächeln.

Bill merkt, dass er nickt, obwohl er lieber sagen wollte, er möge sich zum Teufel scheren, wo er hingehört.

Carpenter setzt sich.

Bill bekommt die Karlen zugeschoben. Er teilt aus und versucht, den Mann auf der anderen Seite zu übersehen.

Chips rollen zur Mitte des Tisches.

Carpenter schiebt einen ganzen Stoß in die Mitte.

„Zweihundert gegen die Bank", sagt er.

Bill Jackson zieht gleich. Zwei Jahre fährt er nun auf diesem Schiff. Immer hat er gleich gezogen. Und immer mehr hat er gelernt. Er kennt sie alle - sie und ihre Art, zu spielen.

Nach einer halben Stunde hat Carpenter tausend Dollar verloren. Vielleicht ist das für einen Mann wie ihn kein Verlust. Und doch ärgert er sich darüber, wie Bill erkennt.

*

Das erste Grau des anbrechenden Tages kriecht vom Fluss herauf und zu den kleinen Fenstern hinein. Sie spielen immer noch.

Plötzlich springt Carpenter auf und wirft seine Karten offen auf die grüne Platte.

„Falschspieler!", schreit er und streckt den Arm in Bills Richtung aus.

Bill Jackson spürt den Zorn, der ihn ergreift. Natürlich hat jeder gesehen, dass er nicht falsch gespielt hat.

„Er zog eben eine Karte aus dem Ärmel!“, faucht Carpenter. „Jetzt weiß ich, wieso er immer gewinnt!“

„Aber, Mr. Carpenter!“, sagt der Advokat rechts von Bill ermahnend.

Bill steht auf. Sein Gesicht ist so weiß wie eine Wand. Er hört sein Blut in den Schläfen pochen. Seine Faust geht von selbst los, sticht über den Tisch und trifft das Kinn Carpenters wie ein Hammer. Er fliegt über den Stuhl, der krachend zerbricht, und landet auf dem Boden.

Als Carpenter aufgestanden ist, sind alle Geräusche im Saal verstummt. Er betastet sein Kinn und blickt zu Bill hinüber, der die Hand etwas angehoben hat, so dass er blitzschnell nach dem Derringer in der Schulterhalfter greifen kann.

Carpenter schiebt die Trümmer des Stuhls mit den Füßen zur Seite. Plötzlich lächelt er. Es sieht etwas verzerrt, aber sehr siegreich aus.

Und da weiß Bill, dass der Mann auf den Schlag gewartet hat.

„Ich schicke meinen Sekundanten zu Ihnen“, sagt Jules Carpenter steif und geht davon.

*

Das Schiff schaukelt leicht. Sonnenstrahlen irren durch das Fenster in den engen Raum hinein. Bill Jackson liegt in der Bunk und blickt den Kapitän an, dessen schrankbreite Schultern die Türöffnung fast ausfüllen.

„Wann?“, fragt William Brown.

„Morgen um sechs.“

„Sie werden natürlich vorher verschwinden, nicht wahr?“

„Warum?“

„Weil Richter Yancey Carpenter das Duellieren verboten hat. Es macht keinen Unterschied, wenn sein Sohn dabei ist.“

„Und wenn sein Sohn der Überlebende ist?“

Brown kommt näher und blickt Bill eindringlich an. Schnaufend kommt die Luft aus seinem Mund.

„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich nicht gegen den Strom schwimmen will, Bill. Sie sind ein junger, unfertiger Bursdie. Sie bilden sich Dinge ein, die es nicht gibt und niemals geben wird. Sie kennen den Süden nicht. Deshalb sollten Sie mir glauben. Ich bin ein alter Mann, der viele Erfahrungen gesammelt hat. Ich kann Sie so gut verstehen, weil ich als junger Bursche genauso war.“

„Würden Sie meinen Sekundanten machen?“, fragt Bill kühl, ohne auf die Worte Browns einzugehen.

„Ich? Sehe ich so verrückt aus?“

„Gut, Kapitän. Ich finde auch einen anderen Mann. Es war nur eine Frage. Ich werde mit Phil Morris, dem Advokaten, reden.“

„Sie sollten Ihre Sachen packen und verschwinden.“ Brown schlägt mit der Hand durch die Luft, als wollte er sie spalten. „Wenn Sie Jules wirklich erschießen können, wird sein Vater Sie dafür hängen.“

„Ich würde mich gern erschießen lassen, wenn ich dann sehen könnte, wie Carpenter seinen eigenen Sohn hängen lässt. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so interessant. Hat Carpenter sich schon oft duelliert?“

„Ich weiß nicht. Ich sagte doch, dass Duelle verboten sind. Wenn wirklich welche stattfinden, wird es nicht bekannt.“

„Dann wird das unsere sicher auch totgeschwiegen werden.“

„Aber nur, wenn Carpenter es überlebt und Sie tot sind“, knurrt Brown und stampft hinaus.

*

Tau hängt glitzernd im Ufergras, als Bill das Schiff verlässt. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Irgendwo in den Büschen zwitschert ein Vogel. Dämpfe steigen aus dem Fluss.

Der dunkle Wagen mit den vier Kentucky-Füchsen davor steht schon da. Phil Morris hält die Tür auf. Er ist ein spindeldürrer Mann von etwa sechzig Jahren. Er scheint irgend etwas gegen die Carpenters zu haben, dass er sich bereit fand, das undankbare Amt des Sekundanten zu übernehmen. Er zieht die Tür zu. Rasselnd setzt sich die Kutsche in Bewegung.

Bill lehnt sich gegen das Rückenpolster. Er denkt an die ärmliche Farm seines Vaters in Kentucky. Wie roh und klotzig dort alles war. Eine Kutsche mit Federn und Polstern sah er hier zum ersten Mal. Alles ist hier anders. Die Männer sagen sich Förmlichkeiten, ehe sie sich über den Haufen schießen.

„Haben Sie schon einmal aus einer Duellpistole geschossen?“, fragt Morris,

Bill dreht den Kopf und schaut den Mann an.

„Nein“, antwortet er. „Ist es schwierig?“

„Sie ist jedenfalls schwerer als ein Derringer. Man ist auch gut beraten, wenn man ein paar Zoll höher hält, als man treffen will.“

„Danke.“

Eine Weile fahren sie schweigend durch einen langgestreckten Wald.

„Natürlich werden Sie das Mädchen nie wiedersehen“, meint Morris schließlich. „Wenn Sie es überleben, was ich sehr wünsche, müssen Sie verschwinden. Ich möchte nicht, dass Yancey Carpenter Sie aufhängen lässt. Er wird es mit Sicherheit tun, wenn er Sie greifen kann. Er weiß zwar, dass Jules gar nichts taugt. Aber er hat nur diesen einen Sohn. Da ist übrigens noch etwas: Alice ist verlobt.“

Bill atmet langsam aus. Sein Blick ist ungläubig auf den Mann gerichtet.

„Das können Sie ruhig glauben, Jackson. Ihr Verlobter macht nächste Woche das Examen.“

„Das ist unmöglich.“

„Warum? Weil sie mit Ihnen getändelt hat? Sie ist ein lebenslustiges Mädchen. Sie spielt mit den Männern. Sie sind nicht der erste, der ihretwegen schnell verschwinden muss. Natürlich gingen die anderen alle freiwillig. Vielleicht macht Alice das nur, um Jules und ihren Vater zu ärgern. Die Carpenters sind ein Menschenschlag für sich. Wir sind da.“

Der Wagen biegt nach links ab, kommt auf eine große Waldlichtung und hält an. Bill sieht durch das glaslose Fenster auf der anderen Seite einen zweiten Wagen an der Waldgrenze stehen. Aus ihm steigen eben zwei schwarzgekleidete Männer. Keiner davon ist Carpenter.

„Ihr Verlobter heißt Hiram Arcon", redet der alte Advokat weiter. „Er will Doktor der Medizin werden. Wenn Sie Wert darauf legen, sage ich Jules, dass Sie sich entschuldigen wollen.“

Bill stößt die Tür auf und steigt aus.. „Er hat einen Mann bezahlt, der mich ermorden sollte“, entgegnet er. „Schon deshalb kann ich mich nicht entschuldigen. Was Sie sonst noch sagten, war sehr interessant.“

„Tut mir leid, Jackson, dass ich es Ihnen sagen musste. Es ist die Wahrheit. Ich will vermeiden, dass Sie wegen des Mädchens eventuell noch mehr als dieses Duell riskieren.“

Der Advokat steigt hinter Bill aus, geht um das Gefährt und zieht einen McClellan-Sattel aus dem hinten angebrachten Kasten.

„Ich habe Sie auf dem Schiff schon schießen sehen“, fährt er fort. „Wahrscheinlich hat Jules das noch nicht gesehen. Er ist sich seiner Sache zu sicher. Ich werde dem Driver sagen, dass er eines der Pferde satteln soll. Sie sind so schneller als mit der Kutsche, die ich Ihnen natürlich auch gern überlassen würde. Können Sie reiten?“

„Ja. Und vielen Dank. Warum tun Sie das alles für mich?“

Morris’ Gesicht wird schmal, und seine Augen schließen sich fast völlig.

„Das ist eine andere Sache“, stößt er hart hervor. „Wir wollen nicht davon reden. Ich glaube, jetzt kommt er.“

Bill hört Pferdehufe stampfen. Räder rasseln über den Boden. Er fühlt, wie sinnlos das alles ist. Und auf einmal möchte er sagen, dass er sich doch lieber entschuldigen will.

Da taucht der dritte Wagen auf. Carpenter steigt aus und sieht ihn mit einem höhnischen, überlegenen Grinsen an.

Bill Jackson verschluckt die Worte, die sich ihm auf die Zunge drängen. Er wird sich nicht entschuldigen. Er wird dem Burschen, der mit dem Geld seines Vater um sich wirft und alle anderen in den Dreck tritt, zeigen, dass jedem Grenzen gesetzt sind. Vielleicht hat er Glück.

Carpenter lässt seinen schwarzen Umhang von der Schulter fallen. Der Kutscher hebt ihn auf.

Bill dreht sich um und geht zu den anderen Männern hinüber. Morris kommt mit ihm und nennt mit leiser Stimme clie Namen der Anwesenden. Bill hört nicht darauf. Es interessiert ihn alles nicht mehr. Alles ist sinnlos. Aber er wird die Sinnlosigkeit mitmachen. Vielleicht wollen sie ihm schon lange keine andere Wahl mehr lassen.

Bill Jackson hört den Wortführer der Gruppe sprechen, während er daran denkt, wohin er gehen soll, wenn er das hier überlebt. Vielleicht wird Carpenters Arm überall hinreichen.

„Jeder macht zehn Schritte und dreht sich auf mein Kommando um“, hört er den Mann mit dem steifen Hut sagen. „Es kann sofort geschossen werden. Ist keiner getroffen, werden die Waffen frisch geladen.“

Bill geht los, als Morris ihm zunickt. Er macht die zehn Schritte wie im Traum und bleibt dann stehen. Er kann den Kutscher drüben sehen, der eben dem einen Kentucky-Fuchs den Sattel auflegt und den Bauchgurt unter dem Leib des Tieres anzieht, wobei ihm der hohe Hut auf dem Kopf verrutscht.

„Achtung – los!", dringt die metallische Stimme in sein Bewusstsein. Er dreht sich, sieht Carpenters weißes Gesicht, streckt den Arm aus und drückt ab. Er spürt den Rückschlag der schweren Pistole bis hinauf ins Schultergelenk. Gleichzeitig sieht er den Mündungsblitz vor Carpenters Waffe und hört das Surren der Kugel links von sich.

Cenpenter schwankt und stürzt schwer zu Boden. Ein kleiner Mann mit einer schwarzen Tasche in der Hand rennt auf ihn zu und kniet sich auf den feuchten Boden, aus dem noch dünne Morgennebel steigen.

Bill Jackson geht langsam zu den Männern zurück. Der Mann, von dem Morris sagte, er sei der Doc, richtet sich auf.

„Herzschuss“, sagt er. „Tot.“

Bill lässt die Pistole ins Gras fallen. Er hatte gedacht, es würde ihn irgendwie freuen, dass er den hinterhältigen, nach Geld stinkenden Carpenter erschossen hat. Aber es ist nicht so. Er spürt eine dumpfe Leere in sich. Pulverdampf brennt ihm auf den Lippen. Plötzlich wird sein Arm gepackt. Morris schiebt ihn zu der Kutsche hinüber, und der Driver bringt den gesattelten Fuchs.

„Reiten Sie!“, sagt Morris eindringlich. „Noch ist es Zeit! Vielleicht haben Carpenters Freunde etwas dagegen, dass Sie verschwinden. Aber jetzt sind sie über seinen Tod noch zu sehr verwirrt.“

Bill sitzt auf einmal im Sattel, ohne zu wissen, wie er auf das Pferd gekommen ist. Er nimmt die Zügel. Das Pferd unter ihm geht von selbst los. Es läuft in den Wald hinein. Zweige peitschen durch sein Gesicht. Er glaubt, einen Galgen zu sehen, von dem eine Schlinge hängt. Und daneben ein Mädchen, in dessen Gesicht Jules Carpenters höhnisches Lächeln steht, das sein Gesicht verzerrte, als er aus der Kutsche stieg. Er beugt sich tiefer über den Hals des Pferdes, und er fragt sich, wohin er sich wenden soll, um der Rache zu entgehen.

Als er aus dem Wald kommt, merkt er, dass sein Pferd nach Westen läuft. Irgendwo weit hinter den Hügeln muss der Missouri River liegen. Und dahinter das Land, das Clark auf seiner Karte die große, amerikanische Wüste nennt. Ein riesiger weißer Fleck, in den in letzter Zeit ein paar Punkte eingezeichnet wurden. Vielleicht endet Yancey Carpenters Macht am Missouri? Aber was wird ihn, Bill, dahinter erwarten? Grauenhafte Geschichten über diese gewaltige Wüste, die nur aus Sand, Gras und verkrüppelten Bäumen und Sträuchern bestehen soll, hat er schon gehört.

Er blickt zurück zu dem Wald, den er verlassen hat. Niemand kommt. Noch nicht!

Als er einen Bach erreicht, treibt er sein Pferd hinein und folgt dem Lauf des Creeks nach Süden. An einer steinigen Stelle verlässt er ihn auf der westlichen Seite. Er muss fast über sich selbst lachen, als ihm zum Bewusstsein kommt, dass er damit seine Spur verwischen wollte.

Yancey Carpenter, wenn er so ist, wie ihm gesagt wurde, wird alles einsetzen, um ihn zu finden. Seine ganze Macht, und sein ganzes Geld. Und vielleicht ist dann nicht einmal das Land jenseits des Missouri River ein sicherer Zufluchtsort.

*

Eines Tages tauchen die windschiefen Holzhäuser vor ihm auf. Dahinter liegt der Fluss. Die Straße ist breit und ausgefahren. Zahllose Trecks gingen hier durch. Independence besteht fast nur aus Stores und Saloons. Und natürlich aus der breiten, langen Fähre, die schon viele hoffnungsvolle Menschen über den Strom brachte.

Bill Jackson reitet langsam durch die Stadt. Hinter dem Fluss sieht er die endlose Hochfläche der Prärie, durch die sich ein paar Wagen schieben. Er erkennt davon nur die weißen Planen, die ihm wie Segel in einem endlosen Meer vorkommen.

Er hält vor einem Store, weil ihm eingefallen ist, dass er andere Kleidung braucht. Irgendwo hat er einmal gehört, dass da drüben das Gras so scharf sein soll, dass es Hosen und Jacken zerschneidet.

Er ist gerade abgestiegen und will den Sattelgurt lockern, als er eine Kutsche sieht, von sechs Pferden gezogen. Die Kutsche kommt vor einem doppelstöckigen Haus zum Stehen. Staub steigt in die Höhe. Nur schattenhaft kann Bill Jackson erkennen, dass sich, der Schlag geöffnet hat. Dann tritt ein Mann aus der gelblichen Wolke wehender Staubkristalle.

Bill duckt sich unwillkürlich tiefer hinter den Sattel. Diesen Mann kennt er. Es ist Carpenters Sekundant, der mit einem dünnen Grinsen in seine Kabine auf der „Shreveport“ gekommen war und die Bedingungen genannt hatte.

Sie sind also schon hinter ihm her. Sie haben schnell gehandelt. Und der alte Advokat hat nicht übertrieben. Und sie suchen hier. Ausgerechnet hier, wo die Welt für die meisten Amerikaner zu Ende ist.

Bill sieht den Mann im doppelstöckigen Haus verschwinden. Er dreht sich zum Store und weiß in diesem Moment, dass er keine Zeit zu verlieren hat. Vielleicht wohnt dort in dem Haus ein Richter. Und vielleicht kommen sie in der nächsten Minute hierher.

Er setzt den Fuß in den Steigbügel, schwingt sich in den Sattel und lenkt den Fuchs zur Fähre hinunter. Er reitet auf das breite, leicht schwankende Floß und springt ab.

Der Fährmann kommt aus seinem Blockhaus und verzieht das Gesicht, dass es aussieht, als falte sich ein alter Ledersack zusammen.

„Ich will auf die andere Seite", sagt Bill und sieht wieder zur Stadt hinauf.

„Wegen eines Mannes kann ich nicht fahren", knurrt der Fährmann. „Außerdem, wollen Sie in diesem Aufzug durch die Prärie bis Kalifornien?“

„Kalifornien?"

„Ja. Sie sehen wie ein Spieler aus. Sie kommen keine fünfzig Meilen.“

Bill blickt wieder zur Stadt hinauf. Der Wagen steht noch immer vor dem hohen Haus, das die anderen überragt. Und der Mann, der im Haus verschwand, ist immer noch nicht zu sehen. Er zieht einen Geldschein aus der Tasche und winkt dem Fährmann damit.

„Fünfzig Dollar!“, ruft er gehetzt. „Das sollte eigentlich reichen!“

Der Mann dreht den Kopf und blickt zur Stadt hinauf.

„Ach so“, meint er verstehend. „Sie werden verfolgt, was?“

„Fünfzig Dollar“, sagt Bill noch einmal. „Wenn ich gestellt bin, bietet Ihnen kein Mensch mehr diese Summe.“

Der Mann steigt auf die Fähre und macht sie los. Er steckt das Geld in die Tasche und stößt mit einer langen Stange gegen das Ufer. Das Führungsseil der Fähre spannt sich an wie eine Geigensaite, als die Strömung das Floß erfasst und mit sich nimmt. Dann wird es hart gestoppt.

Der Mann stößt die lange Stange auf den Grund. Langsam bewegt sich das Floß auf die Mitte des Missouri River zu.

Da sieht Bill den Sekundanten Carpenters aus dem Haus zurückkommen. Neben ihm geht ein zweiter Mann, auf dessen Jacke etwas im Sonnenlicht blitzt. Beide scheinen jetzt hier herunterzublicken. Dann setzen sie sich in Bewegung.

„Schneller!“, ruft Bill dem Fährmann zu. „Noch fünfzig!“ Er greift in die Tasche und schiebt dem Mann einen zweiten Schein unter das lederne Hutband.

Die Männer kommen immer näher. Sie gehen jetzt im Laufschritt. Der Mann mit dem blinkenden Gegenstand auf der Jacke hebt ein Gewehr. Ein Schuss übertönt das Rauschen des Flusses.

Da schrammt das Floß auf sandigen Untergrund und kommt mit einem jähen Ruck zum Stehen.

„Die brauchen mindestens zwanzig Minuten, um ebenfalls hier sein zu können“, brummt der Fährmann. „Vielleicht genügt Ihnen das. Haben Sie eine Waffe?“

„Ja“

„Dann ziehen Sie das Ding und richten Sie es auf mich. Verdammt, ich will nicht auch noch fliehen müssen.“

Bill richtet den einschüssigen Derringer auf den Mann, während ihm zu Bewusstsein kommt, wie lächerlich seine Bewaffnung ist.

Die Männer haben drüben am Ufer angehalten. Der mit dem Blechschild schreit etwas, aber es geht im Grollen des Flusses unter.

„Gibt es irgendwo eine Furt?“, fragt Bill.

„Ich weiß keine“, murrt der Fährmann. „Ich kenne den Missouri zehn Meilen auf und zehn Meilen abwärts."

„Ich kaufe Ihnen die Fähre ab. Was kostet sie?“

„Was wollen Sie?"

Bill dreht ein ganzes Bündel Geldscheine in der Hand.

„Sechshundert Dollar“, sagt er. „Das dürfte reichen. Kommen Sie ans Ufer!“

Der Mann folgt ihm widerstrebend, während er nach dem Geld greift.

„Ich kann auch in zwanzig Minuten noch keine Verfolger gebrauchen“, sagt Bill. „Stellen Sie sich dort hinüber!“

Der Fährmann gehorcht. Bill greift nach der Axt, die in einem der dicken Stämme steckt. Er kappt das Führungsseil und springt ans Ufer. Die Fähre dreht sich träge, und das Führungsseil läuft durch die Verankerung. Der Strom hat das Floß erfasst und reißt es schnell mit sich nach Südosten.

Bill greift nach den Zügeln des Pferdes. Auf der anderen Flussseite kracht ein Schuss. Die Kugel reißt Sand und Gras in die Höhe. Er wirft sich in den Sattel, dreht das Pferd und hämmert ihm die Absätze in die Flanke. Aufwiehernd rast das Tier nach Westen - ins fremde, unbekannte Land hinein. Er hofft, dass ihn nun niemand mehr verfolgen wird, denn sie werden sich nicht weit in diese Wüste hineingetrauen.

*

Es wird Abend, als er die Wagen einholt, die er wie Segelschiffe in der Prärie von der Stadt aus sehen konnte. Es sind sechs Wagen. Costenogaschoner, die vorn und hinten wie Boote .hochgezogen sind, um ein Verrutschen der Ladung in den Bergen zu verhindern. Er sieht verhärmte Gesichter unter Schlapphüten und Kopftüchern. Frauen und Männer, in deren Augen Angst und Hoffnung miteinander streiten. Niemand stellt ihm eine Frage. Stoisch ziehen die Ochsen die Wagen vorwärts. Langsam. Viel zu langsam für seine Begriffe.

Er blickt zurück. Der Fluss und die Stadt sind verschwunden. Vielleicht wird es viele Tage dauern, bis sie eine neue Fähre gezimmert haben.

Auf dem Bock des ersten Wagens sieht er ein junges Mädchen. Vielleicht ist es sechzehn. Es hat schwarzes Haar und dunkle Augen. Irgendwie ist es Alice Carpenter sehr ähnlich. Aber sie kann unmöglich spanischer Abstammung sein.

Der alte Mann neben dem Mädchen hat ein von Runzeln überzogenes Gesicht, faltige Hände und zerschlissene Kleider. Die knochigen Ochsen vor dem Wagen sehen unterernährt aus.

„Hallo“, sagt der Mann. Seine Stimme scheint aus einer tiefen Höhle zu kommen.

Das Mädchen lächelt etwas.

„Guten Tag“, erwidert Bill. Er wundert sich darüber, dass ihn niemand fragt, warum er so schlecht ausgerüstet hierher kommt. Vielleicht ist es nicht üblich. Vielleicht ist hier hinter dem Fluss alles anders als auf der östlichen Seite.

Der Mann blickt zur Sonne, die sich weit im Westen immer tiefer zur Erde neigt. Dann lenkt er den Wagen in einem kleinen Bogen nach links.

Die sechs Gespanne fahren zu einem Kreis zusammen. Schweigend spannen die Männer die Zugtiere aus. Ebenso schweigend sammeln die Frauen Holz von den struppigen, verkrüppelten Sträuchern und tragen es zu einem Haufen zusammen. Und immer noch, ohne ein Wort zu sagen, holen sie Wasser, bestreichen die Sauerteigwecken mit Pemmican-Pastete und reichen sie herum. Sie kochen Kaffee und teilen mit wenigen Worten die Wachen ein.

Bill bindet sein Pferd an einem Wagen fest und hockt sich am Feuer nieder. Neben ihm sitzt der alte Mann, der auf dem Bock neben dem jungen Mädchen saß.

„Ich bin Bill Jackson", sagt Bill, um irgend etwas zu sagen. „Ich komme ... komme ..." Er bricht ab, weil er nicht weiß, was er sagen soll, woher er kommt.

Der alte Mann nickt nur. Er stochert im Feuer herum.

„Bridger“, sagt er dann. „Wir interessieren uns nicht dafür, woher ein Mann kommt und weshalb er kommt. Jeder von uns hat seinen Grund, hierher zu gehen. Wir behalten ihn alle für uns.“

„Wohin gehen Sie?“

„Nicht mehr weit. Noch hundert Meilen westwärts. Ich habe am Platte River ein Stück Land. Fünfundfünfzig Hektar.“

„Ach so. Ich dachte, Sie wollten nach Kalifornien.“

Der alte Bridger dreht den Kopf.

„Wir wollen Ruhe und Frieden. Die Regierung wird uns das Land, auf das wir uns eingetragen haben, schenken, wenn wir es fertigbringen, es sechs Monate lang zu bewirtschaften. Wir werden das fertigbringen.“

Bill hört den festen Willen aus der Stimme des alten Mannes. Sie alle werden wahrscheinlich so denken wie Bridger. Sie sind keine Menschen, die das Glück suchen. Sie wollen nur noch Frieden.

Bill steht auf. Er geht zu Bridgers Wagen hinüber und legt sich darunter. Nach einer Weile hört er Schritte. Über ihm rumort etwas. Er denkt, dass das jenes Mädchen mit den schwarzen Haaren sein könnte, als er den alten Mann erkennt, der auf einmal neben ihm kauert. Er wirft ihm eine Decke zu.

„Die Nächte hier sind kalt“, sagt Bridger. „Decken Sie sich zu."

„Danke.“

*

In der dritten Nacht übernimmt Bill Jackson mit Owen Brewster zusammen die letzte Wache. Sie gehen außen um die Wagen herum, blicken ins hüfthohe Gras und zu den Sternen, die hier klarer zu sein scheinen als weiter östlich. Sie treffen sich am westlichsten Punkt und blicken sich um.

Brewster ist ein alter Mann. Alle Männer des Trecks sind alt. Auch die Frauen. Nur drei Kinder und die halb erwachsene May Bridger sind bei ihnen.

Owen Brewster stemmt sich auf den Lauf seiner Long Rifle und blickt an Bill hinunter, dessen ehemals piekfeiner Anzug arg gelitten hat.

„Wenn Sie in Kalifornien ankommen, ist von Ihrem Anzug nichts mehr übrig, Jackson“, sagt Brewster gedehnt. „Wahrscheinlich hängt Ihnen dann auch die Haut in Fetzen vom Körper.“

„Ich weiß. Ich war auf der Flucht. Sie kamen dicht hinter mir. Ich habe noch Geld. Ob man irgendwo etwas kaufen kann?“

„Kaum. Hier draußen hat Geld noch keinen Wert. Es soll ein paar Forts geben. Weiß der Teufel, wo die sind.“ Owen Brewster spuckt den braunen Tabaksaft ins Gras, nimmt das Gewehr hoch und läuft nach der anderen Seite.

Bill fasst das Sharpsgewehr fester. Bridger hat es ihm gegeben. Er gab ihm auch die Patronen, die er in der Tasche hat. Er geht den Weg zurück, den er gekommen ist.

Plötzlich kracht ein Schuss. Hallend streicht das Echo durch die Prärie, vermischt sich mit einem Schrei und verklingt.

Da kracht wieder ein Schuss. Überall in den Wagen wird es lebendig.

„Indianer!“, schreit Brewster von der anderen Seite.

Bill lehnt sich gegen das Rad des Wagens, bei dem er gerade steht. Er starrt in das fahle Dunkel hinaus und sieht nichts als leise wogendes Gras.

Auf der anderen Seite kracht eine ganze Salve. Bill dreht sich um und läuft zurück. Ein helles Schwirren lässt ihn zusammenzucken. Neben ihm fährt ein gefiederter Pfeil in den Wagenkasten. Er sieht eine schattenhafte Gestalt im Grasmeer verschwinden. Immer mehr Schüsse krachen. Ein Pfeil reißt die Plane über Bill auf.

Plötzlich wird es ruhig. Irgendwo wiehert ein Pferd. Hufschlag hallt zu den Wagen herüber. Dicht neben Bill ist ein keuchendes Atmen. Eine Hand greift nach seinem Arm. Er dreht den Kopf und sieht May Bridger. Sie ist weiß wie eine frisch gekalkte Wand.

„Sie sind geflohen“, sagt ein Mann. „Diese verdammte Brut!“

May lässt seinen Arm los. Sie versucht zu lächeln, aber es gelingt ihr nicht.

„Indianer sollen sehr grausam sein“, sagt sie wie entschuldigend. „Ich habe gehört, sie würden Menschen braten und essen.“

„Das ist vielleicht nur eine Geschichte“, entgegnet Bill rau.

„Anspannen“, kommandiert Brewster. „Wir fahren sofort weiter.“

Bill drängt das Mädchen in den Kreis der Wagenburg zurück. Überall beginnen die Männer emsig zu arbeiten. Die Frauen räumen das Blechgeschirr zusammen Die Ochsen werden in die Geschirre gedrängt. Zehn Minuten später rollt der erste Wagen los.

Als es hell wird, sind sie schon zwei Meilen von dem Lagerplatz entfernt. Brewster steigt auf den Bock seines Wagens und sucht das Land ab.

„Nichts!“, ruft er. Es klingt erleichtert.

„Es scheint nur ein kleiner Haufen gewesen zu sein.“

Bill sieht während des ganzen Tages, dass ein dumpfer Druck auf den Menschen lastet.

Als in den folgenden Nächten nichts geschieht, fällt der dumpfe Druck von den Menschen ab. Auch tagsüber bekommen sie keinen Indianer zu Gesicht. Nichts als das endlose Grasmeer ist vor ihnen.

May, die manchmal auf dem Pferd reitet, das Brewster mit über den Fluss brachte, beginnt wieder zu lachen. Oft reitet sie stundenlang neben Bill Jackson und erzählt ihm Geschichten aus ihrer Heimat. Er erfährt, dass sie aus Kentucky stammt, genau von dort, wo er selbst her ist. Aber er erfährt nicht, warum ihr Vater das Land verlassen hat. Er erzählt auch selbst nichts von sich, als hätten sie darüber eine Absprache getroffen.

Eines Tages sagt May: „Mein Vater meint, wir würden in zwei Tagen das Land erreichen, auf das er sich eingetragen hat.“

Er sieht die Frage in ihren Augen und blickt zu Boden. Er denkt an Kalifornien - an Gold, Spieltische, rollende Kugeln und Chips, die über einen grünen Tisch geschoben werden. Und plötzlich sieht er einen gebeugten Mann, der hinter einem Pflug geht, den Ochsen über ein unberührtes Land ziehen. Über ein Land, das Büffel, Indianer und Pfadfinder in zahllosen Jahren festgetreten haben.

„Ich wünsche, dass Ihr Vater seine Wette gegen die Regierung in Washington gewinnt“, entgegnet er.

Sie treibt das Pferd Owen Brewsters dichter an seine Seite und sieht ihn zwingend an.

„Wissen Sie, wie schön es ist, wenn man einen festen Besitz hat, Bill?“

„Mein Vater hatte in Kentucky einen.“

„In Kentucky?“

„Ja. Vielleicht in einer anderen Ecke als der, aus der Sie kommen. Mein Vater war einer der alten Männer der Grenze. Er hielt von den Neuerungen nicht viel - bis sie ihn überrollten. Auch hier draußen wird eines Tages alles anders sein.“

Er blickt zu den Wagen hinüber, die ungefähr zweihundert Meter von ihnen entfernt über das Land fahren.

May will etwas sagen, als ein Geräusch in der Luft liegt. Es weht über die Wagen hinweg von Norden herunter. Sie blickt zum Himmel, aber der ist blau. Nirgends eine Wolke.

Das Geräusch wächst zu einem Donnern an, doch der Himmel ist blau. Plötzlich beginnt der Boden unter den Hufen der Pferde zu zittern.

„Was ist das?“, schreit sie und blickt ihn gehetzt an.

„Ich weiß nicht“, ruft er zurück. Er drängt das Pferd herum und will zu den Wagen hinüber. Er sieht, dass die stoischen Ochsen auf einmal zu rennen beginnen. Und hinter den Planen der Wagen quillt heller Staub in einer breiten, fast unübersehbaren Wolke in die Luft.

Das Pferd bricht schnaubend nach der Seite aus. May scheint ihr Pferd nicht mehr unter Kontrolle halten zu können.

Ein Schrei bricht aus dem Inferno. Bill sieht, dass der erste Wagen mit einem wilden Ruck über eine Bodenerhöhung gerissen wird. Bridger schwebt durch die Luft und landet neben dem Wagen auf dem Boden. Der erste Wagen wird immer schneller. Das Donnern in der Luft wächst zu einem Inferno an.

Durch die Lücke zwischen dem ersten Wagen und den nachfolgenden sieht Bill eine gewaltige braune Masse, die wie eine Springflut durch das Grasland kommt. Büffel!

Er wirft den Kopf herum und sieht May, die verzweifelt bemüht ist, im Sattel zu bleiben. Das Tier scheint sie abwerfen zu wollen. Er treibt sein eigenes Pferd gewaltsam zu ihr, greift nach der Trense ihres Tieres und zieht es mit sich. Die Pferde jagen einen kleinen Hügel hinauf, auf dessen Höhe niedrige Büsche und ein paar verkrüppelte Bäume stehen. Bill blickt nach Norden. Deutlich sieht er nun die gewaltige Büffelherde, die die Wagen fast erreicht hat. Er glaubt, die Schreie der entsetzten Menschen hören zu können, aber zugleich weiß er, dass das Donnern jedes andere Geräusch verschluckt.

Er denkt, dass er den Menschen helfen müsste, aber er weiß auch, dass das unmöglich ist. Er könnte nicht einmal das ängstliche Pferd drehen.

Da sind sie heran. Ein Knirschen und Krachen liegt in der Luft. Ein Wagen scheint in der Luft zu tanzen, kippt dann und verschwindet im wallenden Staub.

Der erste Wagen wird von der Flanke der Büffelherde herumgerissen, rast aber weiter. Die anderen sind nicht mehr zu sehen.

Die Büffelherde jagt mit dröhnendem Hufschlag über das Land. Die Pferde hetzen den Hügel hinauf und sind oben hinter den Büschen nicht zu bremsen. Sie rasen ins grüne Tal hinunter. Hinter ihnen ist das Dröhnen in der Luft und wallender Staub, der meilenweit den Weg der Herde markiert.

Bill Jackson zieht die Pferde in einem weiten Bogen nach links, bis es ihm endlich gelingt, sie zum Stehen zu bringen.

Er sieht hinter dem Hügel die Staubwand, die sich immer weiter nach Süden hinunterzieht. Das Donnern wird leiser, und der Boden unter ihnen scheint nun nicht mehr zu zittern und aufbrechen zu wollen wie die Hölle.

Er blickt Mays staubverkrustetes Gesicht an und sieht die Tränen, die weiße Bäche in den Schmutz auf ihren Wangen gegraben haben.

„Mein Vater“, sagt sie. „Der Wagen ist entkommen.“

„Ich sah ihn vom Bock fallen“, meint Bill mit gesenktem Kopf. „Es tut mir so leid, May. Ich werde jetzt sehen, was zu tun ist. Bleiben Sie hier.“

Er treibt sein immer noch zitterndes Pferd vorwärts und merkt, dass sie an seiner Seite bleibt. Er blickt sie an.

„Es ist egal, ob ich es sehe, oder ob du es mir sagst“, erwidert sie und scheint nicht zu merken, wie vertraut sie ihn anspricht.

*

Sie halten hinter den struppigen Büschen auf der Höhe des Hügels. Die Büffelherde ist nicht mehr zu sehen.. Aber dort, wo die Wagen fuhren, liegen Bretter, zerschmetterte Räder, zertrampelte Ochsen, ein verschmierter Klumpen bunt bedruckten Kattunstoffes, eine zerbrochene Kiste und vieles andere - zerschmettert - vernichtet. Daneben stehen ledige Ponys, und ein paar bronzefarbene Gestalten laufen umher.

„Indianer“, sagt. May neben ihm tonlos. „Ob sie die Herde getrieben haben?“

„Vielleicht“, gibt er zurück, ohne sie anzusehen. Er schaut auf den breiten, braunen Streifen, den die Herde hinterlassen hat. Tödliche Stille liegt in der Luft.

Plötzlich gehen die Indianer zu ihren Pferden, sitzen auf und reiten langsam nach Norden.

Bill fragt sich, ob es die Indianer sind, die damals entkamen, als Owen Brewster zu schießen begann. Wenn ja, dann haben sie sich fürchterlich gerächt.

Als die Indianer verschwunden sind, treibt er sein schaumbedecktes Pferd durch die Büsche und reitet den Hügel hinunter.

„Du solltest hierbleiben“, sagt er, als er May neben sich sieht.. „Das da unten ist furchtbar.“

„Ich komme mit."

Als Bill neben einem zerschmetterten Wagen anhält, sieht er May bei einer verkrümmten Gestalt aus dem Sattel springen und sich zu Boden werfen. Ihr Schluchzen schallt in seinen Ohren und lässt ihn frieren. Er steigt mit hölzernen Bewegungen ab und greift nach dem Spaten, der neben dem Wagen liegt, als hätte ihn jemand so für ihn hingelegt.

May hebt den Kopf, als sie das knirschende Geräusch hört, mit dem der Spaten in den Boden fährt. Sie steht auf und kommt schwankend herüber. Neben dem Loch, das Bill aushebt, fällt sie zu Boden. Ihr Schluchzen gellt in seinen Ohren.

Bill gräbt weiter. In ihm ist alles leer und hohl. Nur wenige Tage war er mit diesen Menschen zusammen. Und doch scheint es, als hätten sie ihn vollkommen umgekrempelt.

Er fürchtet sich vor dem Moment, in dem er die Toten zusammensuchen und in die Grube legen muss. Doch zugleich weiß er, dass er es machen wird.

Alles zerstört. Sinnlos vernichtet. Aber vielleicht war Brewster wirklich selbst daran schuld. Vielleicht wären die Indianer, wenn es dieselben waren, mit zwei oder drei Gewehren zufrieden gewesen.

Plötzlich springt May auf, rennt um die Grube herum und schüttelt ihn wild und wie von Sinnen an der Sdiulter.

„Schrei doch!“, brüllt sie ihn an. „Bill, du sollst schreien!“

Ihre Arme fallen von ihm ab. Sie fällt wieder auf den Boden und heult wie ein Kind - und sie ist auch fast noch ein Kind. Sechzehn Jahre, Flucht und Schrecken hinter sich. Und nun das.

Hart rammt er den Spaten wieder in den Boden. Natürlich hat sie ihren Vater erkannt. Oder das, was die Hufe und die tonnenschweren Tiere von ihm zurückgelassen haben.

Sie hatten hier siedeln wollen. Vorhin noch hatte May gesagt, dass sie nun bald am Ziel wären. Fünfundfünfzig Hektar festgewalztes, ödes Land und eine Wette gegen die Regierung. Sie waren alle fest entschlossen gewesen, diese Wette zu gewinnen. Sie waren die amerikanischen Siedler, die bereit waren, härter als das Land zu sein, das Clark eine Wüste genannt hatte. Hinter ihnen waren alle Brücken zerbrochen. Sie hatten nur noch das Vorwärts gekannt. Und sie hatten verloren. Vielleicht nur, weil sie das Land und seine Menschen nicht gekannt hatten.

Das Mädchen hebt das tränenüberströmte Gesicht und schaut ihn an.

„Warum sagst du nichts?“, fragt May hohl.

Er gräbt schweigend weiter.

„Du bist wie alle!“, schreit sie auf einmal. „Du bist so hart und schweigsam wie alle! Du bist genau wie die anderen!“

Er denkt daran, dass er ganz anders ist. Aber irgendwie haben sie ihn umgekrempelt, obwohl sie kaum ein Dutzend Sätze zu ihm sagten.

„Was soll denn nun werden?“ fragt sie. „Bill, ich ... ich bin ..."

„Ich weiß, dass du nun niemanden mehr hast“, sagt er. „Nur noch mich. Den Spieler vom Mississippi, den die Kojoten in die Einöde gejagt haben. Ich werde bei dir bleiben, May. Wir gehen zusammen irgendwohin.“

„Wohin?“

„Ich weiß es noch nicht.“

*

Die Nacht senkt sich über das Land. Bill hat das Grab geschlossen. Er bindet zwei abgebrochene Wagenbretter zu einem Kreuz zusammen und stößt es neben dem unförmigen Hügel in den Boden. Dann zieht er das weinende Mädchen hoch, das ein paar Prärie-Anemonen auf den Grabhügel gelegt hat.

Bill führt sie zu den Pferden und schiebt sie in den Sattel. Er steigt selbst auf und reitet nach Westen. Er findet die Spur des Wagens, der dem Inferno entkommen ist.

Als er zu May hinüberblickt, sieht er, dass sie zittert. Laut schlagen ihre Zähne aufeinander.

„Ob die Indianer zurückkommen?“, fragt sie zaghaft.

„Du darfst keine Angst haben."

„Wohin wollen wir gehen, Bill?“

„Ich weiß noch nicht. Ich wollte immer nach Kalifornien. Aber nun? Ich weiß es wirklich nicht.“

Sie sind drei Stunden geritten, als sie den Wagen sehen. Er steht mitten in der Prärie. Die Ochsen haben sich niedergelegt. Sie springen auf, als sie die Geräusche hören. Ihre Ohren drehen sich.

Bill hält an und blickt den Wagen an. Er weiß, dass unter der Plane alles das zu finden ist, was ein Mann braucht, um in einem fremden, feindlichen Land siedeln zu können.

„Mein Vater hat die Urkunde des Landbüros in der Tasche gehabt“, hört er May sagen. „Ich weiß nicht, wo sein Land ist. Aber vielleicht spielt das hier draußen keine Rolle. Vielleicht lässt sich das auch gar nicht so genau bestimmen.“

„Vielleicht“, meint er und steigt aus dem Sattel. Er bindet das Pferd hinter dem Wagen an und klettert auf den Bock.

May folgt seinem Beispiel. Als sie neben ihm sitzt, lässt er die Peitsche knallend durch die Luft streichen. Die Ochsen ziehen an.

Sie greift schutzsuchend nach seinem Arm. Sie weint, während der Wagen weiter nach Westen fährt, Ein kleiner Punkt mit einer weißen Plane in einem Land, das sie nicht kennen.

Bill denkt daran, dass er den Gedanken, jemals einen Pflug anzugreifen, weit von sich schob, als er den Untergang in Kentucky sah. Irgendwie ist alles anders geworden.

Wie eine Fata Morgana sieht er Alice Carpenters Gesidit aus der Dunkelheit auftauchen. Damit fing es an.

*

Als die Sonne aufgeht, rollt der Wagen über einen Hügel.

Bill Jackson zieht an den Zügeln. Eine Meile entfernt sieht er ein kleines Gehölz.

„Was ist?“, fragt das Mädchen.

„Hier bleiben wir“, gibt er zurück.

May schreckt zusammen, als aus der Ferne das Heulen von Kojoten an ihre Ohren schlägt.

Bill ist abgestiegen. Er trägt Büffeldung zusammen und brennt ein Feuer an. Er wird hier mit ihr leben müssen, als wären sie Mann und Frau. Aber vielleicht kann er sie auch wie seine kleinere Schwester behandeln. Er schirrt die Ochsen aus. Sie laufen zu dem kleinen Bach unten am Fuße des Hügels. Dort grasen sie.

Bill stellt den eisernen Dreifuß über das Feuer, holt im Kupfertopf Wasser und hängt ihn an die Kette. Er denkt an Kentucky, wo sein Vater Bäume roden musste, um das Land urbar zu machen. Vielleicht wird es hier leichter sein, wo er nur den Pflug in den Boden zu pressen braucht. Er schreitet darüber und merkt, wie die Erde unter ihm federt. Zehntausend Jahre ist hier nichts als Gras gewachsen. Hier auf dem Hügel ist es kniehoch. Unten am Bach verschwinden die Ochsen darin. Er holt noch mehr Büffeldung, um das Feuer in Gang halten zu können. Dann sucht er im Wagen die Vorräte zusammen und zerstampft Kaffee mit dem Kolben der Sharps.

Während der ganzen Zeit liegt May Bridger neben dem Feuer auf der Erde und weint leise. Sie hört nicht, wie das Wasser im Kessel zu singen beginnt. Und sie hört auch nicht, als Bill sie anruft, um ihr Kaffee zu geben. Für sie scheint die Welt untergegangen zu sein.

Er steht auf, nimmt den Spaten und beginnt, einen Erdbunker auszuheben.

Es ist Nachmittag, als May aufsteht, nach einer Schaufel sucht und ihm zu Hilfe kommt. Sie haben eine Woche zu tun, um den primitiven Bunker am Südhang des Hügels fertigzustellen. Dann wirft Bill Jackson den Pflug vom Wagen. Er schreitet fünfundfünfzig Hektar ab, baut hölzerne Dreibeine und stellt sie an den Ecken seines Landes auf. Die Grenze der künftigen Farm ist abgesteckt.

Bill Jackson ist entschlossen, hierzubleiben und die schwere, entbehrungsreiche Arbeit eines Siedlers auf sich zu nehmen. Er spannt die Odisen vor den Pflug, treibt sie, mit der Peitsche knallend, den Hügel hinauf und legt die Pflugschar um. Er stemmt sich auf die ausladenden Holzarme und presst sie nach unten. Die Ochsen ziehen an und legen die erste Furche des zähen Bodens um.

Weiter unten in der Talsenke ist der Boden so fest, dass die Ochsen den Pflug nicht vorwärtsbringen oder die Schar aus dem Boden springt. So bleibt er also zunächst oben auf dem Flügel und pflanzt noch im selben Sommer Kartoffeln an.

Müde und abgespannt fällt er abends auf sein hartes Lager in dem Erdloch am Hang. Er hat aus Wagenbrettern ein Vordach gezimmert und Grasplanken als Wand gegen die offene Seite hin aufgebaut.

Die erste Ernte ist mager. Immerhin genug, um May und ihn über den Winter zu bringen und noch Saatkartoffeln übrigzulassen.

Eines Abends sagt May: „Ich hatte heute Geburtstag, Bill. Nun bin ich siebzehn. Bei uns zu Hause heiraten die meisten Mädchen in diesem Alter.“

Bill Jackson nickt zerstreut und blickt hinaus. Der Wind trägt ihm den Geruch von Weite und Gras entgegen, und irgendwo in der Ferne ist das langgezogene, klagende Heulen eines Kojoten zu hören.

„Ja“, sagt er. „In Kentucky war sicher vieles anders als hier.“

Am Morgen geht er zu dem Wäldchen hinüber und fällt Bäume. Wochenlang hat er damit zu tun. Es wird Winter. Schnee fällt und deckt das Gras zu. Die Ochsen ziehen die Stämme zum Hügel herüber, und unten am Fluss beginnt Bill Jackson ein Haus zu bauen. Er merkt, dass seine Muskeln stahlhart geworden sind.

Eines Tages ist das Pökelfleisch alle, das Bridger in seinem Wagen verstaut hatte. Zwei Tage lang leben sie nur von Kartoffeln und Sauerteigwecken. Dann sattelt Bill sein Pferd und reitet fort. Er kommt nach vier Tagen zurück. Hinter seinem Pferd schleift er eine erlegte Antilope auf zwei langen Fichtenstämmen her.

Im Januar weht eisiger Wind über die Prärie und fegt den Schnee fast völlig weg. Bill Jackson arbeitet weiter an seinem Haus. Er hätte niemals gedacht, dass er dies fertigbringen würde. Aber zu Ostern 1859 steht das Gebäude. Es ist eine einfache, schmucklose, aber stabile Hütte, die aus zwei Räumen besteht. May Bridger richtet den einen Raum als Küche und Wohnraum ein, ohne eine Frage zu stellen. Der andere wird ihr Schlafzimmer.

*

Über die mit Schneeresten bedeckte Prärie schiebt sich ein Wagenzug.

Bill Jackson greift nach der Sharps und tritt vor die Hütte. Er blickt den an kommenden Männern und Frauen entgegen. Er sieht Hoffnung und Angst in ihren Blicken, wie er das damals bei den Leuten sah, denen er sich anschloss und die dann unter der Büffelherde blieben.

„Ich bin Matt Halskell“, sagt der Mann auf dem Bock des ersten Wagens. „Ich komme mit meiner Familie aus dem Spencer County in Indiana. Unser Haus ist abgebrannt. Bauholz konnten wir nicht bezahlen. Da schlossen wir eine Wette mit der Regierung ab."

Bill nickt, sagt aber nichts.

Der Mann bringt eine mehrmals gefaltete Urkunde aus der Tasche, die er Bill zeigt.

„Mir gehört hier ein Stück Land“, redet er weiter. „Ich werde von der Krümmung des Platte River aus vermessen, wo es liegt.“ Er zeigt über die Schulter. „Die anderen Männer haben Land hier in der Nähe.“

May Bridge ist vor die Tür getreten und lächelt dem strohblonden Sohn eines Auswanderers schüchtern zu. Der Junge tippt umständlich an seinen Hut, während sich sein Gesicht mit flammender Röte überzieht.

Als die Wagen weitergefahren sind und Bill ins Haus tritt, sieht er May noch draußen stehen und den Wagen nachschauen.

„Wohin fahren sie?“, fragt sie durch die Tür.

„Zum Platte River. Sie wollen von dort aus feststellen, wo die Farm ist, die sie bekommen haben.“

„Warum haben wir das nicht gemacht, Bill?“

„Weil wir nicht wissen, was auf der Urkunde stand, die dein Vater in der Tasche hatte. Und weil wir allein hier waren.“

„Es werden noch viele kommen.“

„Es scheint so, May.“

Sie dreht sich um und kommt in die Hütte herein. Am einfachen Tisch, den Bill selbst angefertigt hat, bleibt sie stehen und stemmt die Hände auf die rissige Platte.

„Es kann sein, dass eines Tages ein Siedler kommt, der Ansprüche auf den Hügel erhebt. Er hat die beste Erde im weiten Umkreis.“

„Ja.“

„Du redest, als würde dich das nicht interessieren! Wir haben keine Landurkunde! Du musst vermessen, wo wir genau sind und das Land für dich eintragen lassen.“'

„Dazu müsste ich über den Missouri. Dorthin will ich nicht.“

„Du meinst, dorthin kannst du nicht.“

„Stimmt. Ich kann nicht - und will nicht! Aber ich glaube, dass sich dieses Land gar nicht so genau vermessen lässt. Es gibt keine Karten darüber.“

„Es gibt welche. Gewiss, sie sind unvollständig. Aber es gibt welche. Ich habe sie in Omaha gesehen.“

Bill tritt hinaus ins Licht der Frühlingssonne und blickt zu den Wagen hinunter, die tiefer in der Talsenke zu einem Kreis zusammengefahren sind.

„Wir waren zuerst hier“, sagt er über die Schulter. „Jeder wird das respektieren. Außerdem ist es fraglich, ob die Männer in der Lage sind, das Land genau zu vermessen, und ob sie ausgerechnet auf unseren Hügel Anspruch erheben können.“

*

Bill hat den Boden frisch umgebrochen und Weizen und Mais ausgesät. Seine Schultern sind breiter geworden. Sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht überzieht ein dichter Bart. Er hatte sein Rasiermesser nicht bei sich, als er damals mit dem alten Advokaten zu der Waldlichtung fuhr. Bei Bridgers Sachen hatte er auch keins finden können.

Als er zu der Hütte kommt, sitzt May mit dem jungen Burschen von dem Treck in der Hütte. Die beiden haben sich so angeregt unterhalten, dass ihnen seine Annäherung entgangen ist. Sie springen hastig auf, als er eintritt.

„Das ist John Halskell, Bill“, sagt May. „Er ist achtzehn.“

Bill nickt dem Jungen freundlich zu. Er denkt daran, dass er gerade drei Jahre älter ist als John. Und wahrscheinlich denkt Halskell, er wäre längst über dreißig, weil er nicht glatt rasiert ist wie andere .junge Männer. Auf einmal kommt .ihm zu. Bewusstsein, in welch ärmliche Verhältnisse er sich selbst manövriert hat. Und er erkennt schlagartig, dass er hier wahrscheinlich sein Leben lang schuften könnte, ohne jemals zu etwas zu kommen.

Aber da ist noch etwas anderes in ihm. Vielleicht hat er es von seinem Vater geerbt. Die Sturheit des amerikanischen Bauern.

Er geht an den beiden vorbei in den nächsten Raum und setzt sich auf die Bettkante. Seine Gedanken wandern zu den glänzenden Tagen am Mississippi zurück. Noch heute hat er Geld, vielleicht mehr, als die Siedler unten in der Talsenke alle zusammen. Und doch nützt es ihm nichts. Er hat die Zivilisation hinter sich zurücklassen müssen. Hier draußen kann er nichts kaufen.

Als sich die Tür öffnet, hebt er den Kopf. May steht vor ihm.

„Warum bist du so hässlich zu ihm gewesen?“, fragt sie.

„Hässlich?“

„Ja. Du hast kein einziges Wort zu ihm gesagt."

„Er sagte zu mir auch nichts. May, ich habe etwas gegen diese Leute. Sie sind nun zwei Wochen hier und kriechen überall herum. Hat er dir gesagt, was sie machen?“

„Sie vermessen das Land, Bill. Das haben wir doch gewusst. Er hat gesagt, sein Vater wollte noch einmal alles genau nachrechnen, damit er niemandem Unrecht tut.“

Bill Jackson steht langsam auf.

„Unrecht tut?“, fragt er.

„Ja. Er wollte sich darüber nicht aussprechen. Ich habe ihm erzählt, dass wir wie Geschwister zusammenleben."

„So.“

„Ja, Bill. Es dauert nicht mehr lange, dann bin ich achtzehn. Vielleicht verstehst du das nicht. Ich habe dir schon ein paar mal gesagt, dass es im Südwesten nach der Karte, die ich in Omaha sah, ein Fort Union geben soll. Wir könnten dort hinreiten. Wir haben zwei Pferde. Du weißt, was ich meine."

„Ja, ich weiß, May.“

„Und was hast du dagegen?“

Bill steht auf, geht zum Fenster und schlägt die Plane zurück, die er dort aufgehängt hat. Er blickt in das Tal und sieht die Wagen da unten stehen.

Er ist über sich selbst nicht im klaren. Er ist noch immer fest entschlossen, hier zu schuften, obwohl er weiß, dass er damit kaum etwas erreichen wird. Und er betrachtet May noch immer als ein Mädchen, das ihm plötzlich ausgeliefert war, weil alle anderen tot vor ihr lagen.

Er lässt die Plane fallen und dreht sich zu ihr um. „Ich will mir die Freiheit bewahren, weil ich nicht sicher bin, ob es sich lohnt, immer hierzubleiben“, sagt er. „Ich will nicht wie die anderen mit Sack und Pack weiterziehen und für eine große Familie sorgen müssen. Du musst versuchen, mich richtig zu verstehen, May. Wir sind beide noch sehr jung. Es ist fraglich, ob dir das ärmliche Leben auf einer kleinen Farm immer gefallen wird. Vielleicht denkst du eines Tages anders darüber. Wenn du aber verheiratet bist und Kinder hast, dann gibt es nichts mehr zu denken. Dann steht man vor Tatsachen, die sich nicht mehr verrücken lassen.“

Sie steht einen Moment wie an den Boden genagelt.

„Ja, ich verstehe“, sagt sie dann rau, dreht sich abrupt um und geht hinaus. Die Decke, die als Tür dient, fällt hinter ihr nieder.

Bill macht eine Bewegung, als wolle er sie zurückhalten, dann lässt er den Arm sinken. Er hat das gesagt, was ihm schon immer auf der Zunge lag. Vielleicht ist es gut, dass es nun heraus ist.

„Was wollen Sie?", hört er May draußen fragen. „Ja, er ist da."

„Ich muss mit ihm sprechen“, meldet sich eine dunkle Stimme.

Bill tritt hinaus. Er sieht Matt Halskell unter der Tür stehen.

Bill lehnt sich an die Wand und blickt den etwas bärbeißig wirkenden Siedler an. Er schweigt und wartet.

„Hören Sie zu, Jackson: wir haben alles mehrmals vermessen. Ich komme nicht gern zu Ihnen. Haben Sie das Land selbst vermessen?“

„Warum?“

„Nun - ich habe genau festgestellt, dass der Hügel mir gehört. Zeigen Sie mir doch Ihre Urkunde. Wir können über alles in Ruhe reden.“

Bill hat erwartet, dass es so kommen wird. Und doch trifft es ihn wie ein Keulenschlag. Er blickt von dem Siedler auf May, deren Wangen sich gerötet haben, wie an dem Tag, da sie John zum ersten mal sah.

„Meine Urkunde geht Sie einen Dreck an, Halskell“, hört er sich mit belegter Stimme sagen. „Wir sind schon fast ein ganzes Jahr hier. Der Hügel gehört uns."

„Wer ist das – uns?“, erkundigt sich Halskell und zieht die Mundwinkel spöttisch nach unten.

„May und ich“, meint Bill gedehnt und macht ein paar Sdiritte vorwärts.

„In welchem Verhältnis stehen Sie zueinander?“, bohrt der Siedler weiter.

„Das geht Sie genauso wenig an wie meine Urkunde. Verschwinden Sie, Halskell!“

Der Siedler steht wie eine alte Fichte unter der Tür, die keine Macht der Welt verrücken kann.

„Nun, ich bin ein Christ, Jackson“, sagt er schleppend. „Alle Christen haben ein Recht dazu, sich um ihre Nächsten zu kümmern.“ Er streift May mit einem kurzen Blick, schaut dann wieder zu Bill herüber. „Gut, lassen wir das. Sie zeigen also Ihre Urkunde nicht?“

„Nein.“

„Dann wissen Sie offenbar, dass Sie auf einem Stück Land leben, das Ihnen nicht gehört. Es gehört mir! Sie haben ...“

Bill hat das Gewehr Bridgers vom Wandbrett über dem Fenster genommen und richtet die Mündung auf den Siedler.

„Verschwinden Sie“, sagt er rau. „Diesen Hügel bekommen Sie niemals! Und wenn ich nur deshalb mein Leben lang hierbleiben müsste. Raus!“

May stößt einen Schrei aus.

Der Siedler nagt an der Unterlippe, dann geht er rückwärts, bis er draußen im Sonnenlicht steht und der laue Frühlingswind durch sein spärliches, graues Haar streicht.

„Darüber reden wir noch“, knurrt er und geht fort.

Bill legt das Gewehr auf das Wandbrett zurück und dreht sich um.

„Du hast gehört, was er sagte“, meint May flach.

„Ja. Wahrscheinlich wird es einen Kampf geben. Aber das ist nicht so schlimm. Er ist ein echter Siedler. Ein harter, sturer Mann. Aber kein Kämpfer.“

„Sie sind viele gegen dich. Aber davon rede ich nicht. Ich meine das andere, das er nur andeutete.“

„Was?“

„Du weißt es doch! Bill, ich habe dir vorhin etwas verschwiegen. John hat mir einen Antrag gemacht, nachdem er wusste, wie zwischen uns alles ist. Ich habe ihn bis jetzt weder angenommen noch abgelehnt."

„Ach?“

„Ja.“

„Dann geh doch zu ihnen. Ich werde ganz allein hierbleiben.“

Er geht an ihr vorbei hinaus und läuft zum Hügel hinauf.

*

Bill Jackson blickt zu dem von Wicken und Prärieastern überwucherten Felsblock hinüber, neben dem er die Präriehunde sehen kann, die vor ihrem Bau sitzen.Meilenweit reicht:sein Blick bis zu den Hügeln, hinter denen der Platte River sein Bett hat. Dort also hat Halskell mit seinen Ausmessungen begonnen. Er fragt sich, ob Halskell wirklich in der Lage ist, hier draußen, wo eine Bodenfalte wie die andere aussieht, genau festzustellen, wo er ist.

Er dreht sich um und blickt zu den Wagen hinunter. Die Planen leuchten in der Sonne.

„Verdammtes Pack“, murmelt er gepresst. Er hasst sie, obwohl er nicht Besseres ist als sie. Er hasst sie auch nicht wegen dem Hügel, wie er auf einmal weiß. Er denkt an Mays letzte Worte. Es sollte wohl eine Mahnung sein. Vielleicht wollte sie ihn gar nicht mit der Anspielung auf John Halskell unter Druck setzen.

Er findet das alles sehr seltsam. Und es ist auch schon zu lange her, seit er aus Kentucky fortging, als dass er noch richtig wie ein Siedler empfinden könnte. Im Gegenteil: sein Vater hatte immer gesagt, er würde zu dem Leben überhaupt nicht taugen.

Von dem Wagenzug lösen sich zwei Punkte, die nach Osten streben. Erst, als sie eine Stelle erreichen, wo das Gras weniger hoch ist, erkennt Bill, dass es Reiter sind.

Als er zur Hütte kommt, ist May nicht da. Er zwingt sich, nicht zu den Wagen zu blicken. Mag sie machen, was sie will. Er facht das Feuer im Herd an und wärmt das Essen im Topf. Er dreht sich um, als er Schritte hört, und sieht sie kommen.

Sie tritt in den Raum und setzt sich am Tisch nieder.

„Matt Halskell und noch ein Mann sind nach Osten geritten“, sagt sie. „Sie wollen einen Landvermesser holen.“

Bill Jackson richtet sich langsam auf und geht zu ihr hinüber.

„So, einen Landvermesser“, entgegnet er. „Woher?“

„Aus Independence oder wo sie sonst einen herholen können. Warum hast du nicht versucht, dich mit ihnen friedlich zu einigen?“

„Ich habe keine Urkunde, die ich zeigen könnte. Das weißt du genau. Ganz davon abgesehen bin ich der Meinung, dass das Land dem gehört, der zuerst da ist.“

„Eben nicht.“

„In Texas soll es so sein, dass die Wasserrechte dem gehören, der sie zuerst in Besitz genommen hat.“

„Dann ist es mit Land eben anders als mit Wasser, Bill. Warum willst du nicht sehen, was tatsächlich ist? Man muss sich eintragen lassen und bekommt eine Urkunde.“

„Und die haben wir nicht.“

„Du hättest sie beschaffen müssen. Aber du hast Angst, nach Osten zu reiten. Bill, eines Tages wird es auch hier ein Gesetz geben. Es wird dich einholen! Hast du schon einmal daran gedacht?“

„Nein. Es ist unwichtig. Ich bleibe hier bei dem Hügel. Vielleicht hat Halskell gelogen. Hier ist die beste Erde. Das hat er erkannt und darum geht es.

„Was willst du machen, wenn er mit dem Landvermesser zurückkommt?“

„Ich weiß es noch nicht. Wir werden es sehen.“

„Hast du über das andere noch einmal nachgedacht? Ich sehe den Frauen da unten an, dass sie heimlich über mich lächeln. Alle denken, wir würden hier oben eine wilde Ehe führen.“

„Lass sie denken, was sie wollen", erwidert Bill spröde. „Was gehen sie uns an,“

„Mehr als du denkst. Zumindest werden sie künftig unsere Nachbarn sein, wenn es nicht schlimmer kommt, was ich annehme."

„Dann verbünde dich doch mit ihnen“, sagt er kalt. „John Halskell freut sich vielleicht darüber. Mir ist es gleichgültig.“

Sie steht mit einem Ruck auf und sieht ihn flammend an.

„So, dir ist es also gleichgültig?“

„Ja, May. Für dich ist das Heiraten eine Zweckverbindung. Du hast gelernt, dass Mädchen heiraten, wenn sie in einem entsprechenden Alter sind. Es ist dir wahrsdieinlich gleichgültig, wer dich heiratet. Also, geh zu John Halskell. Sicher wartet er nur darauf.“

Sie tritt zornig auf ihn zu. Er möchte etwas Versöhnliches sagen, aber es kommt nicht über seine Zunge.

Plötzlich wendet sie sich um und geht hinaus. Er folgt ihr bis an die Tür und sieht, dass sie wieder zu den Wagen hinuntergeht, von denen sie gekommen ist. Er will sie rufen, aber auch das bringt er nicht fertig. Mehrmals hat er ihr klarmachen wollen, dass zumindest die Farm erst eine Farm sein müsste, ehe sie daran denken könnten, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Aber nie wollte sie etwas davon hören.

Plötzlich sieht er Alice Carpenters Gesicht wieder vor sich. Sie war ganz anders. Eben kein Siedlermädchen.

*

May ist nicht mehr zurückgekommen. Er sieht sie manchmal unten bei den Wagen, in deren Nähe ein paar Männer den Boden umlegen, Mais und Weizen aussäen. Vielleicht wartet sie darauf, dass er hinunterkommt und sie holt. Gleichzeitig weiß er, dass er dann noch etwas für alle Zeiten klären müsste, wozu er sich nicht entschließen kann.

Eines Tages sieht er zwei Reiter über das Land kommen. Der eine davon ist Matt Halskell.

Bill holt das Gewehr aus dem Haus, setzt sich auf die Bank, die er gezimmert hat und reiht die Patronen neben sich auf.

So wartet er. Die Reiter sind in der Talsenke zwischen den Wagen verschwunden.

Als der Abend anbricht, lassen sie sich noch immer nicht sehen. Bill versteht das nicht. Er nimmt an, dass der zweite Mann, der mit Halskell kam, der ist, mit dem er fortritt. Sie haben also keinen Landvermesser bekommen.

Haben sie deshalb ihren Anspruch aufgegeben? Das hält er für unmöglich.

Aber was ist es dann, das sie zurückhält? May? Er blickt aus spaltengen Augen hinunter. Und wieder einmal versucht er, sich über seine Gefühle zu ihr klar zu werden.

Er hatte sie hassen wollen, weil sie einfach fortgegangen ist. Für sie hatte er hier geschuftet und mit dem Boden gekämpft. Nicht für sich. Er allein wäre sicher weiter nach Westen gegangen. Bis nach Kalifornien.

Die Schatten der Nacht senken sich über das Land. Aus der Ferne ist das Heulen der Kojoten zu hören. Und unten bei den Wagen springen Lichter auf, und schließlich sind die Töne eines verstimmten Klaviers zu hören, die der Wind schon oft zu ihm herauftrug.

Plötzlich raschelt das Gras. Schritte erschallen. Zwei dunkle Gestalten tauchen auf.

Jetzt also, denkt Bill und hebt das Gewehr an, indem er aufsteht und sich an die Wand lehnt.

„Halt!“, ruft er kalt.

„Bill!“, hört er May sagen. „Ich bin es. Ich und John Halskell. Wir wollen mit dir reden!"

„Über was?“

Die beiden Schatten kommen näher. Bill erkennt sie. Er sieht, dass beide sehr bleich sind.

„May und ich, wir werden uns heute verloben“, beginnt Halskell umständlich. „Wir hatten warten wollen, bis mein Vater zurück ist. Nun ist er da.“

Bill lässt das Gewehr mit dem Lauf nach unten sinken.

„Wir ... wir wollen Ihnen ein faires Angebot machen, Jackson“, redet John Halskell weiter. „Mein Vater hat noch etwas Geld. Wir wollen keinen Streit, Jackson. Wir - May und ich - würden die Farm von meinem Vater geschenkt bekommen. Er bietet Ihnen zweihundert Dollar dafür.“

Bills Mundwinkel schieben sich nach unten. Zweihundert Dollar. Damit hätte er auf der „Shreveport“ nicht einmal den Einsatz einbringen können, den Carpenter verlangt hat. Zweihundert Dollar für das, was er in einem ganzen Jahr erarbeitet hat.

„Schämen Sie sich nicht, Halskell?“, fragt er. „Oder für was halten Sie mich? Für einen Knecht der Halskells? Zweihundert Dollar ist Ihnen der Frieden wert. Und damit wollen Sie auch noch all meine Arbeit kaufen und mich verschwinden sehen. Hat Ihr Vater keinen Landvermesser bekommen?“

„Nein.“

„Schade, was?" Bill blickt zu May. Sie sieht iminer noch sehr bleich aus. Er würde sie jetzt am liebsten zurückhalten, aber er weiß nicht, wie er das machen soll.

„Schade", meint Halskell. „Ich hätte gern heute alles geregelt und Sie zu unserer Verlobung eingeladen.“

„Ihr könnt wieder gehen.“

Halskell geht rückwärts und zieht das Mädchen mit sich.

Bill setzt sich wieder auf die Bank. Er sieht die beiden in der Nacht verschwinden. Der Wind trägt noch immer die Klänge des verstimmten Klaviers zu ihm herauf. Lange sitzt er noch so und blickt zu dem Lager der Auswanderer hinunter. Und Matt Halskell kommt nicht. Bill hat das seltsame Gefühl, als würde etwas nicht stimmen. Vielleicht war das Angebot nur ein Trick.

Sie müssen sich vorher ausgerechnet haben, dass es ein Mann niemals annehmen kann.

*

Strahlend ist die Sonne aufgegangen. Bill tritt vor die Hütte und blickt zu den weißen, gebleichten Planen hinunter.

May ist also nun verlobt. Ein bitteres Lächeln umspielt seinen Mund.

Was will er eigentlich noch hier? Auf was wartet er? Sie hat ihr Ziel erreicht. Vielleicht war es ihr wirklich gleichgültig, wer es ist.

Er geht zu seinem Feld auf der Hügelkuppe und sieht ein paar Männer, die zu dem Gehölz laufen. Vielleicht fangen sie jetzt an, da unten Hütten zu bauen.

Plötzlich taucht ein Reiter auf. Es ist Matt Halskell, der den Hügel heraufgeritten kommt.

Bill lehnt sich auf den Lauf des Gewehres, das er mitgenommen hat. Er wartet, bis der Mann sein Pferd vor ihm anhält.

„Ich bin wieder da, Jackson“, meint Halskell.

„Ich sehe es.“

„Wir waren in Independence. Was glauben Sie, was wir festgestellt haben?“

„Keine Ahnung, Halskell.“

„Dass Sie überhaupt nicht in das Buch eingetragen sind. Sie besitzen überhaupt keine Urkunde. Sie sind einfach hier herausgefahren und haben sich genommen, was Ihnen am besten gefiel.“

„Ich war zuerst da, Halskell. Jeder, der hier siedelt, schließt mit der Regierung eine Wette über sechs Monate ab. Ich habe meine Wette schon gewonnen.“

Halskell grinst.

„Vielleicht hätten Sie Ihre Wette gewonnen, wenn Sie eine Landurkunde besitzen würden. Und gerade die haben Sie nicht."

„Ich bin mit anderen Männern hergekommen, Halskell. Vielleicht haben Sie das von May Bridger schon erfahren. Ich bin auf die Leute gespannt, die hier für Ordnung sorgen werden. Ich arbeite hier stellvertretend für Bridger, der das nicht mehr kann, und dessen Urkunde unter eine Büffelherde geriet.“

Halskell grinst immer noch.'

„Aber nur, bis May mit meinem Sohn verheiratet ist“, entgegnet er. „Das dauert nicht mehr lange. Dann fehlt Ihnen auch die fadenscheinige Erklärung, hier noch einen Tag bleiben zu können.“ Halskell grinst stärker.

Bill geht auf ihn zu und sagt: „Steigen Sie ab, Halskell. Ich hatte Sie für einen landhungrigen Siedler gehalten. In Wirklichkeit sind Sie ein Schwein! Sie haben das Mädchen und Ihren Sohn also fest in Ihre Pläne eingebaut. Los, absteigen!“

Halskell rührt sich nicht. Noch immer hat er das überlegene Grinsen im Gesicht stehen.

„Ich habe in Independence noch etwas festgestellt“, meint er. „Und zwar etwas sehr Wichtiges - über Sie!“

„Das interessiert mich nicht. Steigen Sie jetzt ab?“

Halskell denkt nicht daran.

Da lässt Bill das Gewehr fallen, springt an dem Mann blitzschnell in die Höhe und reißt ihn aus dem Sattel. Er wirbelt ihn herum und setzt ihm seine knallhart gewordene Faust mitten ins Gesicht. Gleichzeitig lässt er ihn los.

Halskell taumelt mit einem Schrei zurück und tritt in ein Loch. Schwer fällt er auf den Rücken.

Bill hebt das Gewehr auf. Er sieht Halskell aufstehen und schwankend näher kommen.

„Verschwinden Sie, Halskell! Laasen Sie sich auf meinem Land nie wieder sehen!“

Der Mann steigt ächzend in den Sattel und wendet das Pferd.

„Das werden Sie bereuen, Jackson!“, stößt er hervor. Dann reitet er den Hügel hinunter.

*

Es ist Nacht, als ihn ein Geräusch aus dem Schlaf reißt. Er springt hoch und greift nach dem Gewehr. Er hat es neben sich gelegt, weil er erwartet hat, dass sie nun kommen werden.

Irgend etwas stößt gegen die Tür.

Bill gleitet in den vorderen Raum und hebt das Gewehr.

„Bill“, hört er Mays Stimme sagen.

Er will das Gewehr schon sinken lassen, als er daran denkt, dass sie mit Halskells Sohn verlobt ist. Vielleicht haben sie das Mädchen davon überzeugt, dass sie einen Trick versuchen müssen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden.

Er blickt auf den schweren Balken, der in dicken, hölzernen Krampen vor der Tür liegt.

„Was willst du?“, fragt er.

„Bill, lass mich hinein! Ich. bin fortgelaufen. Sie haben es noch nicht bemerkt.“

Er geht lautlos zum Fenster und schiebt die Plane auseinander. Er sieht sie zitternd und wahrscheinlich auch frierend in ihrem groben Kattunkleid draußen stehen.

Sie scheint wirklich allein zu sein. Er geht zur Tür und hebt den Balken aus den Krampen. Dann zieht er den Holzriegel zurück und macht auf.

May gleitet an ihm vorbei. Er schiebt die Tür sofort wieder zu und legt den Riegel vor und den Balken in die Krampen.

Als er sich umwendet, steht sie am Tisch. Durch die fahle Dunkelheit blickt sie ihn an. Ihr Atem geht keuchend.

„Was willst du?“, fragt er.

„Ich ... ich habe John und seinen Vater belauscht“, entgegnet sie leise. „Bill, seit mein Vater tot ist, wollte ich jemanden haben, zu dem ich gehöre.“

„Ich verstehe. Was hast du erlauscht?“

„Sie sprachen davon, dass es unmöglich ist, ihren Anspruch auf den Hügel durchzusetzen. Sie meinten, sie könnten natürlich einen Prozess gegen dich führen, und Johns Vater meinte, sie würden ihn auch gewinnen, wenn sie genug Geld hätten, um alles durchzustehen. Aber darüber würden vielleicht Jahre vergehen. Und John sagte, du hättest wahrscheinlich schon viel Geld in die Hände bekommen und könntest irgendwo einflussreiche Freunde haben. Und dann sagte sein Vater, wenn John und ich verheiratet wären, wäre alles klar, denn du hättest dich auf die Urkunde meines Vaters berufen.

Das ginge dann nicht mehr, denn die Tochter wäre in jedem Fall der Rechtsnachfolger und nicht ein Fremder oder ein Freund.“

Bill lehnt das Gewehr an die Wand. „Und deshalb bist du geflohen?“, fragt er.

„Ja. Ich wollte ihn heiraten. Ich wollte es wirklich. Warum, versuchte ich dir gerade zu erklären. Aber sein Vater sieht das alles ganz anders.“

„Väter sehen das vielleicht immer anders“, schwächt er ab.

„Willst du ihnen recht geben?“

„Nein, May. Weißt du, ich hatte mich schon so halb und halb damit abgefunden, die Hälfte von ihnen umzubringen und dann fortzugehen. Hast du noch etwas gehört?“

„Nein. Ich lief fort. Sie merkten es nicht. Was soll ich denn noch gehört haben?“

„Ich weiß nicht. Halskell hat eine unbestimmte Andeutung gemacht, die mir nicht klar ist. Weißt du nun nicht mehr, was du machen sollst?“

„Ich will hierbleiben, Bill. Ich ... ich habe alles verkehrt gemacht.“

Er geht auf sie zu und greift nach ihrer zuckenden Schulter.

„Du hast nur alles anders gesehen als ich“, entgegnet er. „Gut, May, wir werden nach Fort Union reiten.“

Er lässt sie los und nimmt das Gewehr auf. Hat er jetzt mehr gesagt, als er wollte? Er lauscht in sich hinein, aber aus ihm kommt keine Antwort.

Bill tritt ans Fenster und schiebt die Plane zurück.

„Lege dich schlafen“, sagt er über die Schulter. „Ich warte hier. Sie werden kommen, wenn sie gemerkt haben, dass ihr Trumpf verschwunden ist.“

Er hört ihren leisen Schritt, der sich zum zweiten Raum dahinter entfernt.

„Danke, Bill“, sagte sie leise. „Nein, du brauchst nicht mit mir nach Fort Union zu reiten. Zumindest nicht jetzt. Vielleicht später einmal, wenn alles so ist, wie du es dir gedacht hast.“

Er dreht den Kopf, aber da sieht er nur noch die Decke sich leicht bewegen. May ist dahinter verschwunden.

Bill wendet sich ab und blickt wieder nach draußen. Durch die fahle Dunkelheit glaubt er, die Wagen sehen zu können. Aber er irrt sich. Höchstens die weißen Planen kann er schattenhaft ausmachen.

Stunde um Stunde vergeht. Nichts geschieht. Als das erste Grau des anbrechenden Tages im Osten wie ein zarter Hauch über der Prärie zu sehen ist und Nebel vom Boden aufsteigt, dringen Stimmen zu ihm herüber. Seine Haltung spannt sich an. Mit einem Ruck reißt er die Plane ganz vom Fenster weg und lässt sie achtlos auf den Boden fallen.

„Bill?“, hört er May fragen.

„Ja. Schlaf weiter.“

„Ich kann nicht mehr. Kommen sie schon?“

„Ja. Bleib liegen und kümmere dich nicht darum.“

*

Sie kommen langsam. Ihre Beine sind im dunstigen Bodennebel nicht zu sehen.

Es sieht aus, als schwebten sie auf Wolken. Sie haben Gewehre in den Händen. Als sie bis auf achtzig Meter heran sind, hebt Bill das Gewehr an.

Krachend löst sich der Schuss.

Matt Halskells Schlapphut wird in die Höhe gerissen, wirbelt durch die Luft und verschwindet in dem Nebel über dem Boden.

Sie sind stehengeblieben. Flüche und Schimpfworte schallen zu ihm herüber. Dann hebt Matt Halskell die Hand.

Es wird still.

Bill schiebt eine neue Patrone in den Lauf und zieht den außenliegenden Hammer der schweren Waffe zurück.

„Jackson, hören Sie uns?“, ruft der Mann.

„Ja, Halskell. Sie schreien laut genug."

„Sie haben das Mädchen entführt, nicht wahr?“

„Sie sind verrückt, Halskell. May ist fortgelaufen, als sie von den sauberen Plänen hörte, die Sie mit Ihrem Sohn besprachen.“

„Er lügt!“, schreit der junge Halskell. „Jackson, kommen Sie heraus! Ich werde Ihnen zeigen, was wir von Ihnen halten! Ich erschieße Sie!“

Bill lächelt mild. Bei seinem letzten Duell ging es um eine Frau. Hier auch. Aber genauer genommen, geht es diesmal um mehr. Um den Hügel. Vielleicht glaubt der junge Halskell, damit alles erledigen zu können.

Die anderen stehen schweigend und abwartend, während John Halskell ein paar Schritte auf die Hütte zu macht.

Bill hebt das Gewehr an und drückt wieder ab. Johns Hut fliegt hinter dem seines Vaters her. Er ist stehengeblieben und steht zusammengeduckt.

„Gehen Sie zurück, Halskell“, sagt Bill scharf. „Sie befinden sich auf einem Stück Land, das mir gehört.“

„Ihnen? Haha!“

Bill zuckt zusammen, als das raue Lachen an seine Ohren schallt.

„Auf Sie wartet in Missouri der Strang, Jackson! Mein Vater hat Ihren Steckbrief in Independence gesehen!“

Bill lässt das rauchende Gewehr sinken. Langsam schiebt er die dritte Patrone in den Lauf. Das ist es also, was sie noch herausgefunden hatten. Und bestimmt haben sie auch gesagt, wo sie ihn, Bill, getroffen haben und wo er zu holen ist. Aber wahrscheinlich war niemand bereit, in das fremde, fast unberührte Land zu gehen.

„Sie sind vogelfrei“, redet John Halskell weiter. „Jeder, der Sie greift, kann Sie aufknüpfen. Wir wollten das nicht. Wir wollten uns friedlich mit Ihnen einigen. Aber Sie wollten es anders haben. Nun, Sie können herauskommen und die Sache mit mir ausmachen, weil ich mich getroffen fühle. Oder Sie können bleiben und auf uns warten. Dann hängen wir Sie!“

Bill dreht den Kopf, als er May kommen hört. Sie sieht weiß um die Nase aus.

„Ist das wahr?“, fragt sie verstört.

„Es scheint so. Wenn du willst, kannst du jetzt wieder zu ihnen hinübergehen.“

„Nun, Jackson, ich warte immer noch!“, ruft Halskell.

„Ihr Vater hat sich den Steckbrief offenbar nicht genau angesehen, John“, gibt Bill zurück. „Sie müssten sonst wissen, dass Sie gegen mich kaum eine Chance haben. Ich habe einen Mann im Duell erschossen.“

„Im Duell? Sie haben einen Mann ermordet ... feige ... hinterrücks!“

Bill zuckt wie unter einem Hieb zusammen. So hat das Yancey Carpenter also hingestellt. Mit Dankbarkeit denkt er an den alten Advokaten, der das wohl vorausgesehen haben muss.

„Vielleicht würde Ihr Vater auch behaupten, ich hätte Sie hinterrücks ermordet, wenn Sie tot vor ihm liegen“, erwidert er bitter. „Väter müssen vielleicht so sein. Gehen Sie zurück!“

„May soll herauskommen!“, ruft ein anderer mit keifender Stimme.

May hebt den Balken aus den hölzernen Krampen, zieht die Tür auf und geht hinaus. Sie steht stolz aufgerichtet, wie Bill sehen kann. Sie hat den Kopf hoch erhoben.

„Hier bin ich!“, ruft sie.

„Komm her, May! Er wird es nicht wagen, dir etwas zu tun!“

„Ich will nicht, John. Unsere Verlobung ist gelöst. Ich habe sie gelöst, Bill Jackson hat euch nicht belogen. Ich habe dich und deinen Vater belauscht. Einen Kuhhandel wolltet ihr mit mir machen. Ich war der Angelpunkt in euren Plänen, den Hügel zu gewinnen. Damit hofftet ihr, ein langes, Zeit und Geld raubendes Gerichtsverfahren zu umgehen, das in diesem Land vielleicht erst in Jahren stattfinden kann. Ich hasse dich dafür!“

Eine Weile steht der junge Halskell schweigend und vorgereckt, als könnte er nicht glauben, was er hören muss.

„Du hast doch gehört, dass der Galgen auf ihn wartet, May“, sagt er dann.

„Auf jeden von uns wartet etwas“, gibt sie zurück. „Niemand ist freiwillig hierhergekommen. Hinter jedem blieb etwas zurück - Schulden - Unglück - irgend etwas. Hier ist auch nicht Missouri, John. Hier ist ein großes, namenloses Land. Hier gibt es keine Gesetze und kein Gericht.“

„Er ... er ist vogelfrei! Jeder kann ihn erschießen oder aufhängen!“

May geht noch zwei Schritte weiter aus der Hütte. Dann bleibt sie stehen und stemmt die Hände in die Hüften.

„Ihr solltet euch schämen!“, ruft sie schrill. „Ihr alle seid irgendwo fortgelaufen, weil die Welt euch dort nicht mehr dulden wollte. Und ihr kommt hierher und fangt neuen Streit an. Ihr habt angefangen. Ihr wollt den Hügel, den er vor einem Jahr umgebrochen hat!“

„May, komm zurück!“, ruft Bill. „Sie sehen so verrückt aus, dass es möglich ist, dass sie schießen. Sie machen vielleicht keinen Unterschied mehr zwischen uns.“

May bewegt sich nicht.

„Komm her!“, schreit John. „May, ich liebe dich! Das hat mit dem Hügel nichts zu tun! Es gibt noch andere Hügel!“

„John, halte das Maul!“, brüllt der alte Halskell. „Das hat mit dem Hügel sogar eine ganze Menge zu tun. Los, Männer, vorwärts!“

„May!“, ruft Bill.

Das Mädchen steht wie mit dem Boden fest verankert.

Schüsse krachen. Kugeln bohren sich dumpf pochend in die Stämme der Hütte.

Da dreht sich May um, rennt in die Hütte zurück und wirft die Tür hinter sich zu.

Eine Kugel irrt pfeifend durch das Fenster und fährt ratschend in die Rückwand des vorderen Raumes. Bill schießt zurück. Mit einem gellenden Schrei fällt ein Mann um. Die anderen gehen in Deckung. Augenblicklich wird es ruhig. Die Männer sind im hohen Gras verschwunden.

„Er ist verletzt“, sagt eine Stimme. „Sean, bring ihn zu den Wagen!“

Ein Mann erhebt sich halb und schleift etwas durch das Gras.

Dann krachen wieder Schüsse. Mündungsflammen lecken auf die Hütte zu. Kugeln fahren herein und bohren sich in die Stämme. Rinde fliegt umher, vermischt mit Moos, mit dem Bill die Fugen abgedichtet hat.

Keuchend lehnt May an der Tür und blickt ihn an.

„Bill, das ist furchtbar“, sagt sie. „Ich hätte nie gedacht, dass sie so hinter dir her sind.“

„Ich auch nicht“, gibt er zurück. „Ich habe den Sohn eines Richters erschossen. Ich nahm immer an, sie würden mich suchen, weil das Duellieren in Missouri verboten ist. Aber dem Richter geht es nicht darum. Er hat alles auf den Kopf gestellt. Es kann sein, dass du recht hast. Eines Tages wird Recht und Gesetz auch hierher kommen. Aber vielleicht ist dann Gras über die Sache gewachsen.“

„Über so etwas wächst nie Gras, Bill. Weißt du nicht, dass viele Männer einen anderen Namen annehmen, wenn sie verschwinden müssen?“

„Doch, ich wollte das nicht.“

Neben ihm reißt eine Kugel ein Stück Holz ab und schleudert es durch den Raum.

Bill wendet sich um, schiebt das Gewehr hinaus und schießt wieder. Er muss mit seiner Munition sparsam umgehen. Und er will sie jetzt nicht wilder machen, als sie sowieso sind.

Plötzlich springt John Halskell in die Höhe.

„Verdammter Feigling!“, schreit er herüber. „Niemals haben Sie sich einem Mann im Duell gestellt.“

Bill ist mit einem Sprung hoch und reißt den Derringer mit der Schulterhalfter an sich. Er zieht die Jacke herunter und schnallt die Halfter unter die Achsel.

„Einen Moment, Halskell", sagt er nach draußen. „Schicken Sie die anderen weit genug fort, damit es wirklich ein fairer Kampf werden kann.“

Halskell dreht sich um und ruft den Männern zu, sie mögen zweihundert Yards zurückgehen.

Matt Halskell zeigt sich als erster.

„Da ist noch etwas, Sohn“, presst er rau durch die Zähne. „Er war Spieler auf einem Flussdampfer des Mississippi.“

„Und?“

„Ich dachte, es würde dir etwas sagen. Nimm die Pistole!"

Bill sieht, wie Halskell seinem Sohn eine schwere Reiterpistole gibt. Er weiß, warum der Mann das macht. Er hält diese Waffe für treffsicherer als den Pearson Colt mit der fünfschüssigen Trommel aus dem Jahre 39.

Die Männer ziehen sich zurück.

Bill schiebt May von der Tür zurück und geht hinaus.

*

Sie stehen in der Mitte zwischen den Wagen und der Hütte. Sie blicken herüber und warten. John Halskell ist weiter zurückgegangen.

Bill macht zehn Schritte aus der Hütte hinaus und bleibt stehen. '

„Ich habe nur einen Derringer“, sagt er. „Die Entfernung ist für ihn zu groß. Unsere Waffen sind sehr ungleich, Halskell.“

„Dann kommen Sie doch näher, Jackson. Um so sicherer schicke ich Sie zur Hölle. Wir halten die Waffen in den Händen. Jeder hat nur einen Schuss. Zeigen Sie den Derringer!“

Bill zieht die Waffe aus der Schulterhalfter und zeigt sie, während er weitergeht, bis ihn nur noch acht Schritte von Halskell trennen. Er blickt an ihm vorbei auf die anderen und fragt sich, ob er die Hütte lebend erreichen könnte, wenn er John erschießt. Die schweren Gewehre tragen weit.

„So wird es reichen“, sagt Halskell kratzig. „Ich will Ihnen noch etwas verraten: In Indiana habe ich schon einen Spieler erschossen. Er wollte meinen Vater ausnehmen. Damals war ich siebzehn. Es war ein fairer Kampf. Er merkte gar nicht, wie schnell alles ging.“

„Seien Sie froh, dass es nur ein Spieler war", meint Bill. Er sieht, dass Halskell nicht versteht, was er damit meint.

„Ich zähle bis drei“, knurrt John Halskell.

Bill blickt wieder an ihm vorbei. Matt Halskell hat seine Long Rifle jetzt in der Armbeuge. Wahrscheinlich hat er diesen Kampf nur zugelassen, weil er von seinem Sohn und dessen Treffsicherheit und Schnelligkeit sehr überzeugt ist.

„Eins, zwei, drei!", ruft Halskell und schleudert die Pistole in die Höhe. Er hat das so raffiniert gemacht, dass Bill falsch reagiert. Er hatte geglaubt, die Zahlen würden langsam und gleichmäßig kommen. Während sich sein Arm noch hebt, faucht ihm der rot-gelbe Mündungsblitz entgegen. Dei Kugel schrammt über seine Schulterspitze, reißt das Hemd auf und hinterlässt ein Brennen auf der Haut.

John Halskell scheint sie wirklich zu lieben, denkt Bill, während er das Gesicht des Jungen über den Lauf hinweg sieht. Er ist zu aufgeregt gewesen.

Halskells Gesicht wird immer länger. Sein Mund klappt, auf. Schweißtropfen glitzern auf seiner Stirn. Lähmende Stille folgt dem Schuss.

Bill Jackson hält den Arm immer noch ausgestreckt. Er sieht John schwanken und sagt: „Bleiben Sie doch stehen, Halskell, ich kann ja gar nicht genau zielen!“

„Jackson, das ist Mord!“, schreit Matt Halskell. „Jackson, dafür hängen wir Sie!“

„Schon wieder Mord und hängen“, sagt Bill und schüttelt den Kopf. „Das ist doch komisch, John, was? Wir machen doch ein faires Duell, nicht wahr? Jeder hat einen Schuss! Und ich habe meinen noch.“

John Halskell beginnt zu zittern. Er schreit brüchig auf, wirft sich herum und beginnt zu rennen. Bill lässt den Arm sinken.

Schritt um Schritt zieht er sich zurück, bis er wieder bei der Hütte ist.

Da hat John Halskell die Männer bei seinem Vater erreicht. Bill sieht, wie der alte Halskell die Hand hebt und seinem Sohn schmetternd ins Gesicht schlägt. John taumelt und fällt zu Boden.

Bill geht in die Hütte hinein, schiebt die Tür zu und tritt ans Fenster.

„Es war nett, dass du ihn nicht erschossen hast, Bill“, sagt May von der Wand her, wo sie lehnt.

„Seinem Vater wäre es vielleicht lieber gewesen, als die Feigheit Johns mitansehen zu müssen. Ich habe mich in Matt Halskell geirrt. Er ist kein sturer, einfältiger Bauer. Er ist ein harter, gnadenloser Mann, der sich hier draußen etwas aufbauen will. Ich wette mit dir, dass die anderen Männer, die bei ihm sind, eines Tages alle für ihn arbeiten. Vielleicht ist er nur gekommen, weil in Indiana niemand mehr für ihn arbeiten wollte.“

Er blickt nach draußen und sieht, dass sich die Männer zu den Wagen zurück ziehen.

*

Zwei Tage sind vergangen. Die Männer bei den Planwagen bauen Hütten in der Talsenke. Sie scheinen sich nicht mehr um die Farm auf dem Hügel zu kümmern.

„Wir haben kein Fleisch mehr“, sagt May.

Bill geht hinaus und sattelt im Anbau hinter der Hütte sein Pferd. Er reitet an dem Maisfeld auf der Hügelkuppe vorbei und zu dem Wäldchen in der Ferne hinunter. Er wird ein Wild aufspüren. Hoffentlich ist er zurück, ehe es Abend wird. Er traut Halskell jede Schlechtigkeit zu, die ihn seinem erklärten Ziel, dem Hügel, näherbringen könnte. Er fragt sich, warum der Mann auf den Hügel so versessen ist und lässt sich noch einmal alles durch den Kopf gehen.

Auf einmal sieht er alles in einem festen Zusammenhang. John, seinen Vater Matt, die anderen, das Land und May. John will May haben, weil sie ein junges Mädchen ist. Und Matt will nicht nur den Hügel, der ihm nach dem Papier in seiner Tasche vielleicht wirklich gehört. Er will mehr. Er will, dass es in diesem Land keinen Mann gibt, der in seine eigene Tasche arbeitet.

Plötzlich kracht ein Schuss. Die Kugel trifft das Pferd in den Kopf und wirft es auf der Stelle zu Boden.

Bill überschlägt sich in der Luft und schrammt auf den Rücken. Er hört einen Fluch und einen zweiten Schuss.

Vor ihm zieht die Kugel eine Furche in den Boden. Er springt hoch und sieht John Halskell eine frische Patrone in die Kammer des Gewehres schieben. Er wirbelt die Sharps herum und drückt ab. Halskells Schulter scheint an den Baumstamm genagelt zu werden. Die Farbe verschwindet aus dem Gesicht des jungen, hinterhältigen Burschen. Das Gewehr fällt aus seinen Händen.

Bill geht auf ihn zu, während er seine Waffe nachlädt. Er bleibt dicht vor Halskell stehen und stößt ihm den rauchenden Lauf der Sharps in den Leib.

„Verschwinden Sie aus der Gegend, Halskell!“, stößt er mühsam beherrscht hervor. „Das ist Ihre einzige Chance, am Leben zu bleiben!“

Halskell schließt die Augen und rutscht an dem Baum zu Boden.

Bill wartet. Minuten vergehen. Da öffnet Halskell die Augen wieder.

„Stehen Sie auf!“

„Ich ... ich kann nicht.“

„Sie können. Sie müssen mindestens zweihundert Meilen reiten, wenn Sie einen Doc finden wollen und nicht zu Ihrem Vater zurück, der Sie wieder prügeln wird, weil es nicht geklappt hat.“

„Mein Vater weiß nicht, dass ich hier bin", ächzt Halskell. „Ich kann nicht fort.“

„Sie können. Wenn Sie es nicht schaffen, sind Sie für dieses Land zu schwach. Ein Fallensteller soll sich das Bein selbst amputiert haben und mit Krücken zweihundert Meilen nach Osten zurückgelegt haben. Also werden Sie es mit einer Kugel in der Schulter schaffen. Haben Sie ein Pferd?“

„Ja.“

„Los, aufstehen!“

John Halskell quält sich auf die Beine und stolpert in den Wald hinein. Unterholz prasselt unter seinen Schuhen. Ein Pferd schnaubt. Dann erschallt leiser Hufschlag, der sich entfernt. John Halskell reitet fort und nimmt seinen Hass mit sich. Aber davon weiß Bill Jackson nichts. Er dreht sich um und blickt zu dem toten Pferd hinüber, als er wieder Hufschlag hört. Diesmal weht er von der anderen Seite heran.

Da sieht er sie auftauchen. Sie kommen um den Hügel herum und preschen auf ihn zu.

Sie sind fünf Mann.

Bill lehnt sich gegen den Baum und hebt das Gewehr. Nun kann er nicht einmal mehr vor ihnen fliehen.

Als sie vor ihm anhalten, richtet er die Mündung sofort auf Matt Halskell.

„Es war Ihr Sohn“, sagt er und nickt zu seinem erschossenen Pferd hinüber. „Er lauerte hier auf mich. Weiß der Teufel, wie lange er schon gewartet hat. Ich hab ihn in die Schulter getroffen. Er ist fort.“

Rechts neben Halskell fummelt ein Mann an seinem Gürtel herum.

„Halskell, sagen Sie ihm, dass ich schießen werde, wenn er die Waffe in der Hand hat“, meint Bill.

„Lass das, Brian“, knurrt der Farmer. „Ben und Ike, ihr reitet um den Wald herum und seht nach, ob das stimmt, was er sagte.“

Zwei der Männer wenden die Pferde und reiten am Saum des Waldes entlang.

Bill denkt erst jetzt daran, dass das Echo von Schüssen hier in diesem weiten Land meilenweit zu hören sein muss.

Nach einer Weile sind Schüsse zu hören. Dann wird es wieder still.

Zehn Minuten später kommt Ike zurück. Er zieht das andere Pferd hinter sich her. Brian liegt quer über dem Sattel.

Ike schüttelt noch immer unverständlich den Kopf.

„Er hat sofort geschossen, Matt“, sagt er hohl.

„Hast du zurückgeschossen?"

„Nein."

„Warum nicht, Ike?“

„Weil ... nun, weil ich dachte, du wolltest das nicht. Er ist dein Sohn, Matt!“

„Mein Sohn? Er ist ein verdammter Feigling.“

„Der da ist schuld!“, knurrt der Mann, der immer noch an seinem Gürtel herumfingert. Er nickt zu Bill herüber.

„Wir reiten zurück“, bestimmt Matt Halskell. Er dreht sein Pferd und jagt davon. Die anderen folgen ihm.

Bill lässt das Gewehr sinken. Er fragt sich, warum sie so schnell aufgeben. Nur, weil Halskell keine Chance hatte, das Ende des Kampfes zu erleben?

Er geht zu seinem Pferd, öffnet die Schnalle des Sattelgurtes und zieht ihn aus der Umklammerung des toten Tieres. Er wirft sich den schweren Sattel über die Schulter und macht sich mit dem Gewehr in der Rechten auf den Rückweg.

*

„Bill, nicht hierher!”, hört er Mays gellenden Ruf, als er von der Hütte noch fünfzig Yards entfernt ist. Er lässt den Sattel fallen und wirft sich nieder.

Da blitzen Schüsse auf. Sie kommen aus der Hütte. Eine Kugel schlägt in den Sattel.

Bill zieht sich zurück. Er weiß in dieser Minute, dass er May nicht allein lassen durfte. An sie muss Matt Halskell gedacht haben, als er plötzlich sein Pferd drehte und zurückritt.

Rechts und links von Bill Jackson schlagen die Kugeln ein. Ein grimmiger Krieg in einem toten Land ist entbrannt. Um nichts als einen umgepflügten, bebauten Hügel, um ein Mädchen und um die verdammte Sturheit geht der Kampf.

„Ihr müsst besser zielen!“, donnert eine bärbeißige Stimme, die Bill sehr gut kennt.

Wütend wie ein Hornissenschwarm kommen die nächsten Kugeln. Aber Bill ist im wogenden Gras nicht zu sehen. Er hat sich nun schon soweit zurückgezogen, dass die Männer nicht wissen, wo er sich befindet.

Plötzlich wird es still.

Bill kriecht weiter. Er muss einen sicheren Abstand zwischen sich und die Hütte bringen. Er denkt daran, dass sie nun, da John augenscheinlich geflohen ist, doch gar kein Interesse mehr an dem Mädchen haben dürften. Es war kein junger Mann mehr bei dem Treck, der an May Gefallen gefunden hätte.

In einer Bodenfalte bleibt er liegen. Er hat das Gewehr noch, und sonst nichts. Schon spürt er den Hunger. Vielleicht warten sie nun in Ruhe den Tag ab, an dem er kommt. Er hat nichts zu essen und kein Pferd. Und sie haben sich bestimmt so geteilt, dass die eine Hälfte von ihnen die Hütte bewacht und die andere die Wagen. Aber an die Wagen könnte er trotzdem bestimmt leichter herankommen.

Bill hockt in der Bodenfalte. Er kann das Dach der Hütte sehen. Sonst nichts als das Feld oben auf dem Hügel.

Er fragt sich, wie er May helfen und die anderen bestrafen kann, als etwas Unerwartetes geschieht. Die Sonne verdunkelt sich plötzlich, obwohl vorhin kein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen gewesen ist.

Bills Kopf zuckt nach oben. Eine dichte Wolke scheint sich dort oben zusammenzubrauen und kommt rasend schnell näher. Sie wächst immer mehr. Nein, das kann keine Wolke sein. So schnell wachsen Wolken nicht! Ein helles, alles andere übertönende Schwirren, liegt in der Luft. Zahllose Flügel bewegen sich und erzeugen das Geräusch.

Heuschrecken! Meilenweit fliegende Tiere, die die Wüste genauso wie sich seitwärts bewegende Schlangen hervorgebracht hat.

Auf dem Hügel, unten bei den Planwagen und überall kommen sie hernieder. Das Schwirren wird immer lauter. Bill springt mit einem Satz auf und rennt davon. Er hört gellende Schreie durch das Schwirren, und er wundert sich, dass er nicht verfolgt wird. Er dreht sich um und sieht, dass sie sich auf einem breiten Streifen niedergelassen haben. Über den Wagen, über der Hütte und dem Hügel, aber nicht hier, wo er jetzt steht.

Binnen Minuten sieht er mit Schrecken, wie der gefräßige Schwarm kriechend jede Stelle des Hügels erreicht. Maisstauden fallen um. Unten auf den weißen Planen der Wagen sitzen sie. Die Hütte sieht grün und grau aus. Die Tür fliegt auf. Aller Streit scheint vergessen zu sein. Männer stürzen, um sich schlagend, heraus.

May kommt angerannt. Rechts und links von ihr fliegt es in die Höhe, als würde sie durch Wasser laufen. Ihr Schreien übertönt noch das Schwirren, das immer wieder anhebt, wenn sich die Tiere zu einer anderen, besseren Stelle hinüberschwingen.

Die Männer schlagen mit ihren Gewehren um sich und bahnen sich einen Weg.

May langt keuchend bei ihm an. Er schlägt die Tiere mit den Händen von ihren Kleidern ab, in die sie schon Löcher gefressen haben. Er zieht sie mit sich von hier fort, denn er sieht das nackte Grauen in ihren Augen.

Sie rennen, bis May stolpert und mit keuchendem Atem zu Boden fällt und nicht mehr aufstehen kann. Bill lässt sich neben ihr auf die Knie fallen. Seine Brust hebt und senkt sich.

„Jetzt ... jetzt hat Gott den Streit entschieden“, sagt May, als sie wieder sprechen kann.

Bill steht auf und dreht sich um. Er kann den Hügel immer noch sehen und auch die schwarze Masse, die ihn bedeckt. Und er sieht die Wagen in der Senke, von denen die Planen gerissen werden.

*

Fünf Tage wüteten die Heuschrecken wie ein alles verschlingender Teppich auf dem breiten Landstreifen. Dann springt Wind auf. Die Landplage erhebt sich so plötzlich, wie sie gekommen ist, schwirrend in die Luft und hinterlässt Elend und Schrecken. Noch einmal verdunkelt sich der Himmel, dann sind sie verschwunden.

Der Hügel sieht schwarz aus, als wäre eine Schafherde von Meilenlänge darüber hinweg gegangen. Die Planwagen sind nicht mehr zu sehen. Ein winziger Rest einer weißen Plane liegt im Gras.

Bill Jackson greift nach der Hand des Mädchens und geht mit ihr langsam zurück. Als sie das Blockhaus betreten, springt ihnen das Ausmaß der Verwüstung direkt in die Augen. Die Plane vom Fenster, die Decke zwischen den Räumen, die Matratzen und jede Kleinigkeit aus Stoff sind verschwunden.

Bill geht in den Anbau. Die Tür ist zerbrochen. Das Pferd ist weg. Die Geschirriemen, die an der Wand hingen, sind ebenfalls aufgefressen. Nichts ist mehr da. Auch die Ochsen kann er nirgends sehen. Und das Feld ist kahl, der Boden braun und die Wagen verschwunden. Nein, als er auf dem Hügel ist, kann er sie weit in der Ferne sehen. Vielleicht sind sie schon zwanzig Meilen fort. Endlos weit sieht man in diesem Land bei so klarer Luft wie heute.

Dort fahren sie.

Matt Halskell hat aufgegeben. Das war ihm zuviel. Vielleicht trifft er irgendwo seinen Sohn und vergisst alles.

Bill steigt vom Hügel und macht sich auf die Suche nach den Ochsen und dem Pferd. Die Ochsen findet er. Das Pferd bleibt verschwunden. Die Ochsen waren mit dem Geschirr geflohen. Ein Glück, sonst wäre es auch aufgefressen. Bill spannt sie vor den Pflug und führt sie den braunen Hügel hinauf. Die Weizenstoppeln rascheln unter den Hufen, und die abgeknickten, kahlen Maishalme zerbrechen.

Bill Jackson legt den Boden um, gräbt die Saatkartoffeln aus, die er in eine große Kiste verpackt in den Boden gegraben hat, um sie vor Frost zu schützen. Er steckt Kartoffeln, während sich May nutzlos bemüht, die Hütte wieder in ein anziehendes Haus zu verwandeln. Sie hat keinen Fetzen Stoff mehr, den sie dazu verwenden könnte.

Bill, der ihre nutzlosen Bemühungen erkennt, sagt eines Tages: „Wir haben eine Möglichkeit. Wir können versuchen, Fort Union zu erreichen. Ich habe noch genug Geld, um Pferde für den Rückweg zu kaufen. Aber ich weiß nicht, wo das Fort ist. Es kann sein, dass wir uns hoffnungslos verirren und in der Hölle ankommen. Ob es im Fort einen Priester gibt?“

„Jedenfalls einen Kommandanten", sagt May. „Er kann uns auch trauen.“

Bill geht hinaus und blickt zu den Resten des Wagens hinüber. Er hat ihn damals abgewrackt. Die Achsen mit den Rädern daran und der Bodenplatte sind noch da. Er fragt sich, wie lange sie mit den Ochsen brauchen werden, um das Fort zu erreichen, falls sie es überhaupt jemals zu Gesicht bekommen. Aber es nützt nichts. Sie müssen es versuchen. Sie haben nichts mehr zu essen und brauchen all die tausend anderen Dinge, die mit in dem Wagen waren.

Als er soweit gekommen ist, sieht er ein, dass sie den Wagen brauchen. Auch wenn die Ochsen noch so langsam sind – einmal werden sie ankommen. Vielleicht treffen sie Menschen, die ihnen den Weg zeigen können.

*

Auf dem Weg nach dem unbekannten Fort in der Weite des eintönigen, wechselvollen Landes sehen sie am achten Tag einen Reiter auftauchen.

Bill hat ein paar Seitenbretter an den Wagen genagelt. May liegt dazwischen auf dem kahlen Boden.

„Hast du ihn schon gesehen?“, fragt sie.

„Ja.“ Bill nimmt die Sharps in die Hand. Er lässt den Wagen weiterrollen.

Der Reiter kommt von Norden und verlegt ihnen den Weg. Dort, wo sie ihn treffen, hält Bill an. Er sieht ein hohles, fahles Gesicht, das von einem dichten, struppigen Bart überwuchert wird. Kalte Jettaugen mustern ihn, und er denkt an seinen eigenen, verfilzten Bart. In Fort Union muss er sich ein Rasiermesser besorgen, um sich selbst wieder wie ein Mensch vorkommen zu können.

„Guten Tag“, wünscht der Mann mit tiefer, brummiger Stimme. „Schon lange unterwegs?“

Irgend etwas an dem Mann kommt Bill Jackson bekannt vor.

„Es geht“, sagt er. „Wir wurden von Heuschrecken überfallen.“

„Ein schreckliches Land!“

„Kommen wir in dieser Richtung nach Fort Union?", fragt Bill.

„Ja. Es mögen noch etwas über einhundert Meilen sein. Haben Sie unterwegs Siedler getroffen?“

Bill Jacksons Augen verengen sich. „Nur eine verlassene Heimstätte“, sagt er. „Der Besitzer scheint seine Wette gegen die Regierung verloren zu haben.“

„Ich suche nach einem Bill Jackson“, redet der Mann weiter. „Ist noch ein junger Bursche. Hörten Sie den Namen schon?“

Bill schüttelt schnell den Kopf, während ihn ein eisiger Schreck durchzuckt.

„Nein, nie gehört.“ Er hört, dass May hinten im Wagen hustet.

Der alte Mann dreht den Kopf. Er blickt May einen Moment forschend an, dann sagt er: „Männer berichteten in Independence von Jackson. Er hat meinen Sohn ermordet. Ich kam zu spät, traf die Männer nicht mehr an. Ich habe das Land nicht gefunden, auf dem sie leben. Vielleicht muss ich weiter im Süden suchen. Ich wünsche eine gute Fahrt.“

Bill Jackson spürt den Schauer, der über seine Wirbelsäule rinnt, während der Mann um die Ochsen herumreitet und weiter nach Süden hält. Kratzig schnalzt er mit der Zunge. Die Ochsen bewegen sich nicht. Da nimmt er die Peitsche.

Der Mann ist schon weit im Süden, als sich May neben Bill auf das Brett setzt, das er als Bode auf die Seitenplanken gelegt hat.

„Wer war das?“, forscht sie.

„Yancey Carpenter. Der Richter von Hannibal in Missouri. Ich hätte niemals gedacht, dass er so verbissen sucht.“

„Er wird suchen, solange er lebt, Bill“, sagt sie eindringlich. „Und einmal wird er dich finden. Einmal, wenn du vielleicht keinen wuchernden Vollbart mehr trägst, der dich viel älter erscheinen lässt, als du bist.“

Bill schüttelt den Kopf.

„Das Land ist endlos weit. Er wird nie mehr hierher zurückkommen, wo er schon vergebens gesucht hat. Du darfst keine Angst haben.“

„Warum stellst du dich nicht einem Gericht, Bill? Du musst den Leuten sagen, wie damals alles in Wirklichkeit war!“

Er lächelt ihr auf eine bittere Art zu und sagt: „Carpenter hat bereits vollendete Tatsachen geschaffen. Halskell sagte doch, dass ich tot oder lebendig gesucht werde. Daran ist nichts mehr zu ändern.“

„Dann ... dann musst du einen anderen Namen annehmen, Bill! Vielleicht gibt es in Fort Union auch einen Steckbrief von dir.“

„Ja, ich dachte schon daran. Ich werde mchi Graham nennen. Bill Graham. Willst du mich trotzdem heiraten?“

„Ja, natürlich. Weißt du, damals mit John Halskell ... Ich hatte ihn eigentlich nicht heiraten wollen. Ich wollte nur ...“

„Reden wir nicht, mehr davon“, knurrt er finster und knallt mit der Peitsche.

*

Bill bringt die Ochsen zwischen struppigen Weidenbüschen zum Stehen, als er die Indianer auf der Kuppe des Hügels im Norden auftauchen sieht. Ihre bronzefarbenen Oberkörper leuchten in der Sonne. Mays Finger verkrampfen sich um seinen Oberarm.

„Ruhig“, sagt er raunend, obwohl die Indianer gut zwei Meilen entfernt sind. „Sie haben uns noch nicht gesehen.”

„Was haben sie in den Gesichtem? Bill, sie sind bemalt!“

„Ja. Sie haben irgend etwas vor. Vielleicht haben die Soldaten des Forts eine Strafexpedition vorgenommen. Sie sind auf dem Kriegspfad.“

May versucht, sich auf dem Bock tiefer zu kauern, um über die Büsche hinweg nidit gesehen zu werden. Bill beobachtet die Indianer weiter. Die Spitzen ihrer Speere blinken in der Sonne. Plötzlich hebt einer von ihnen die Hand und zeigt nach Südwesten. Ein schriller, kehliger Ruf ist zu hören. Die ganze Schar sprengt von der Hügelkuppe und verschwindet im mannshohen Präriegras.

„Sie müssen etwas entdeckt haben“, sagt Bill. „Jedenfalls nicht uns.“ Er lenkt den Wagen um die Büsche herum. Als er die Peitsche hebt, um die Gangart der Ochsen zu beschleunigen, weht das Echo von Schüssen über das Land. Ein langgezogenes, schrilles Pferdewiehern ist sehr schwach zu hören. Dann wieder Schüsse, in denen alle anderen Geräusche untergehen.

Die Ochsen sind stehengeblieben. Noch steht der Wagen halb verdeckt vor den Büschen. Bill knautscht die Zügel aus Rohleder unentschlossen zwischen den Händen zusammen. Er weiß, dass die Ochsen zu langsam sind, um den zweifellos bedrängten Menschen vor ihnen zu Hilfe kommen zu können. Zugleich muss er an die wenigen Patronen denken, die er noch besitzt. Damit wird er nicht viel ausrichten können. Und dann hat er noch May bei sich, deren Zähne jetzt hart aufeinanderschlagen.

„Was ... was ist das?“, fragt sie mit zitternder Stimme.

„Ich weiß nicht. Vielleicht zwei Indianerstämme, die aufeinandergestoßen sind.“

„Es wird aus vielen Gewehren geschossen, Bill. Es müssen mindestens zehn sein. Glaubst du, dass die Indianer so viele Gewehre besitzen?“

„Ich weiß nicht“, erwidert er und vermeidet es, sie anzusehen. „Ich weiß nur, dass da oben mindestens zwanzig Indianer hielten. Es können noch mehr gewesen sein.“

Für einen Moment bricht das Gewehrfeuer ab, dami flackert es wieder auf. Diesmal schwächer. Plötzlich verstummt es. Aber nach einer Minute krachen abermals Schüsse.

Bill hebt die Peitsche und lässt sie pfeifend durch die Luft streichen. Immer wieder knallt er damit, bis die Ochsen schnell laufen. Die Büsche bleiben hinter ihnen zurück. Vor sich sehen sie nichts als weites, welliges Grasland. Darin tauchen auf einmal die Köpfe der Indianer auf, tauchen wieder unter und wieder auf.

Schüsse peitschen noch vereinzelt über das Land, dann wird es still. Nur der entfernte Hufschlag ist zu hören.

Bill verzichtet, die Indianer zu zählen. Es gelingt ihm nicht. Aber es sind bestimmt keine zwanzig mehr. Vielleicht fünfzehn. Sie reiten über einen Hügel hinweg und sind verschwunden, ohne sich umzusehen.

Als der Wagen über die nächste Welle holpert, ist fast eine halbe Stunde vergangen. Dahinter sehen sie es. Ein paar Wagen mit hohen, hölzernen Planengerippen stehen nebeneinander. Dazwischen tote Ochsen, Pferde, erschossene Indianer und Weiße. Das Weinen einer Frau schallt zu ihnen herauf, vermischt mit dem Schreien eines Kindes.

„Halskell und seine Freunde“, sagt May und will ihm in die Zügel greifen.

Bill schüttelt ihre Hand ab und treibt die Ochsen mit der Peitsche weiter.

*

Er hat das Gewehr in der Hand, als er bei ihnen anhält. Er blickt sie an, wie sie um die Wagen herumkommen. Sie sind noch fünf Männer, vier Frauen und sechs Kinder. Sie waren mehr, als sie den Hügel am Platte River verließen. Ihre Gesichter sind von Staub und Pulverdampf überzogen, ihre Kleider zerrissen. Angst und Schrecken spiegeln sich noch in den Gesichtern.

„Jackson“, sagt einer der Männer. „Haben Sie es gesehen?“

Bill sucht nach Halskell, sieht ihn aber nicht. Er schüttelt langsam den Kopf.

„Nein“, sagt er. „Nur gehört.“

„So helft mir doch, verdammt!“, ruft eine tiefe, bärbeißige Stimme, die Bill Jackson so gut kennt.

Einer der Männer dreht sichum und verschwindet hinter den Wagen, an dessen Deichsel die toten Ochsen hängen.

„Matt Halskell hat einen Pfeil ins Bein bekommen“, sagt ein anderer. „Seine Frau ist tot.“

Bill steigt ab. Mit dem Gewehr in der Hand geht er an den Männern vorbei, um die Ochsen herum und hinter die Wagen. Da sieht er Halskell.

Der mächtige Mann liegt neben einem Rad. Seine Hose ist aufgeschlitzt. Aus seinem linken Oberschenkel ragt ein Pfeil.

Bill geht zu ihm, kniet nieder und legt das Gewehr ab. Er blickt in das kreidebleiche Gesicht. Dann schaut er auf die Wunde und erkennt, dass der Pfeil den Oberschenkel fast ganz durchschlagen hat.

„Was ... was machen Sie hier, Jackson?“, knurrt Halskell.

Bill antwortet nicht. Er packt den Pfeil dicht über dem Bein des Mannes und knickt den langen, gefiederten Schaft über seiner Hand ab.

„Beißen Sie die Zähne zusammen, Halskell“, sagt er. „Los, Männer, haltet ihn!“

Zwei der Auswanderer packen zu und pressen Halskell fest auf den Boden.

Bill stößt den Pfeil durch das Bein hindurch, weil er eine sehr große Wunde reißen würde, wenn er ihn herauszöge. Er zieht ihn auf der anderen Seite heraus, greift nach dem Stofffetzen, den eine Frau bereithält, und verbindet den Oberschenkel.

Als er aufsteht, greift er wieder nach seinem Gewehr. Er sieht, dass Halskell die Augen öffnet und ihn anblickt. Schweiß glitzert auf der Stirn des Mannes.

Bill: dreht sich um und geht an den Wagen entlang. Kein einziges Tier ist mit dem Leben davongekommen. Es scheint, als hätten es die Indianer absichtlich auf die Tiere angelegt, um die Siedler hier in der Prärie festzuhalten. Vielleicht wollen sie mit einer größeren Streitmacht zurückkommen.

Als er zurückkommt, bilden die Männer einen Halbkreis um ihn.

„Ladet alles auf einen Wagen", sagt er. „Alles, was ihr unbedingt braucht. Wir dürfen keine Zeit verlieren, wenn wir ihnen entgehen wollen." Er blickt auf die Decke, die sie über die Toten gelegt haben. „Und beerdigt sie. Schnell!“

Zwei Stunden später haben sie einen der Wagen hoch beladen. Halskell liegt irgendwo dazwischen und ist nicht zu sehen.

Sie haben das Grab zugeschaufelt. Einer hat eine Bibel in der Hand und liest einen Vers vor.

„Amen“, sagt ein anderer. „Los, Alan! Es nützt den Toten nichts mehr, wenn wir hier auch noch vor die Hunde gehen!“

Bill hat die Ochsen ausgespannt und vor den hochbepackten Wagen dirigiert. Die Männer helfen ihm, die Tiere einzuspannen.

Bill klettert auf den Bock. Er sieht Halskell jetzt, der auf einer verstaubten Matratze hinter ihm liegt. May steigt auf. Die Peitsche knallt. Die Frauen sitzen mit auf dem Wagen. Drei der Kinder ebenfalls. Die anderen laufen mit den Männern voran.

„Warum tun Sie das für uns, Jackson?“, fragt Halskell, nachdem sie ein Stück gefahren sind.

„Vielleicht, weil ich in mancher Beziehung anders bin als Sie, Halskell. Machen Sie sich darüber keine Gedanken.“

Halskell dreht sich auf der Matratze und richtet sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.

„Wenn wir das Fort erreichen, haben Sie uns das Leben gerettet, Jackson. Das wissen Sie so gut wie wir. Warum machen Sie das, nachdem wir Sie wie das Feuer bekämpft haben?“

„Ich kann vielleicht nicht so gut hassen. Haben Sie John wiedergetroffen?"

„Nein.“

Bill dreht den Kopf und blickt den Mann an. Halskell hat tiefe Furchen im grauen Gesicht, die früher nicht dort waren. Er fragt sich, was mehr an ihm nagt, die Verletzung, der Tod seiner Frau oder das Verschwinden Johns.

„Sie hatten recht, Halskell“, sagt er fast gegen seinen Willen. Es kommt ihm einfach so heraus. „Ich habe über den Hügel wirklich keine Urkunde. Aber ich war nun einmal da und hatte dort gearbeitet, wie niemals zuvor in meinem Leben. Vielleicht können Sie das verstehen."

„Und nun haben Sie doch aufgegeben“, brummt der Mann. „Die Heuschrecken waren mächtiger als wir.“

„Ich habe nicht aufgegeben, Halskell. Ich habe Kartoffeln angepflanzt, die ich vergraben hatte. Wir wollen in Fort Union nur holen, was wir unbedingt brauchen, um da draußen weiterleben zu können. Und wir wollen heiraten. May und ich.“

Halskell nickt müde.

„Sie sind härter als ich, Jackson. Aber vielleicht sucht man Sie schon überall.“

„Ich habe niemals einen Mann ermordet, Halskell. Ich habe nur einen im Duell erschossen, den ich nicht erschießen durfte. Er konnte mich erschießen, aber nicht umgekehrt. Aber das Schicksal wollte es anders. Ich werde mich in Fort Union Graham nennen. Wenn Sie etwas dagegen haben, müssen Sie es jetzt sagen.“

„Ich habe nichts dagegen. Und die anderen auch nicht, wenn ich es ihnen sage.“

*

Zwei Tage hat es pausenlos geregnet. Die Wolken waren ganz plötzlich aufgezogen und hatten den ganzen Himmel bedeckt. Jetzt, als sie das Fort sehen können, scheint wieder die Sonne. Der Boden ist morastig.

May hat die Zügel und die Peitsche in der Hand. Halskell stöhnt, weil er dazu verdammt ist, auf der staubigen, nass gewordenen Matratze zu liegen. Die anderen Männer haben sich hinter den Wagen gestemmt und in die Räder gegriffen, um den Wagen in Bewegung zu halten.

Schmatzend gibt der Boden unter den Hufen der Ochsen und unter den Rädern und Stiefeln nach. Aber nun sehen sie die Palisaden. Ein frischer Lebenswille hat sie erfasst. Schneller geht es voran.

Sie sehen das Tor aufschwingen. Reiter kommen ihnen entgegen. Soldaten in verblichenen Uniformen. Halskell spricht mit ihnen. Bill spürt die Unruhe, die ihn ergreift.

Die Soldaten packen mit zu. Eine Stunde später rollt der Wagen durch das aufgeschwungene Tor und kommt auf dem freien Platz in der Mitte des Forts zum Stehen.

Bill lässt den Wagen los und greift nach seinem Gewehr. Er denkt an Yancey Carpenter, der nicht wusste, wen er vor sich hatte, als sie sich trafen. Hier kann es auch niemand wissen. Und. für die Männer, die mit ihm sind, ist er Graham.

Er blickt suchend umher und denkt daran, dass er als erstes Pferde beschaffen muss. Pferde sind das Wichtigste, was er braucht.

May tritt ihm entgegen. Sie scheint zu sehen, wie weiß sein Gesicht ist und drückt seine Hand.

„Mein Vater sagte einmal, alle Soldaten, die hier draußen sind, wären strafversetzt“, meint sie. „Wir brauchen keine Angst zu haben, Bill. Soll ich. mich nach dem Prediger erkundigen?“ /

„Ja. Ich werde versuchen, Pferde zu bekommen.“ Er blickt ihr nach, bis sie im Haus des Kommandanten verschwunden ist. Eine unerklärliche Furcht hat ihn erfasst. Er weiß sogar, woher sie kommt. Er fühlt sich in diesem Fort vollkommen ausgeliefert. Er hat hier keine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, wenn etwas Unerwartetes geschieht.

Langsam geht er zur Remise hinüber. Ein wuchtiger Sergeant steht davor und beißt gerade ein Stück Kautabak von einer langen Rolle. Er bleibt vor ihm stehen und sagt:

„Ich möchte zwei Pferde kaufen. Irgendwo habe ich gehört, dass Wildpferdefänger in Nevada sitzen und an die Armee liefern.“

Der Sergeant dreht sich um und blicket in die Remise hinein.

„Gut gehört“, meint er über die Schulter. „Nur lassen sich die Fänger ihre Arbeit verdammt teuer bezahlen. Und die Armee braucht immer Pferde. Sie wissen ja sicher, wie das hier draußen ist.“

„Ja, ich weiß. Ich würde gut bezahlen. Ich habe eine Farm am Platte River. Heuschrecken fielen über uns her. Unser einziges Pferd floh.“

„Reden Sie am besten mit dem Kommandanten. Er ist gerade unterwegs. In zwei Tagen müsste er zurück sein. Solange haben Sie wohl Zeit?“

„Ja. Danke.“ Bill tippt an seinen verbeulten Hut und dreht sich um. Er trifft May bei dem Wagen, von dem eben Halskell bugsiert wird.

„Lasst mich los, zum Teufel!“, knurrt der bärbeißige Siedler. „Geben Sie das Brett her, Doc!“

Bill sieht einen hochgewachsenen, schmalen Mann, der Halskell eben loslässt und ihm ein langes Brett hinhält, in das ungefähr in der Mitte ein Loch geschnitten ist.

Halskell klemmt sich das Brett unter die Achsel und schiebt die Hand, durch das Loch. So humpelt er zwischen den Männern zu einem primitiven Haus hinüber.

„Es gibt einen Prediger“, sagt May. „Er ist mit dem Kommandanten des Forts und noch zwei Mann unterwegs. Fallensteller aus den Bergen sollen zwei Indianer ermordet und mit den Füßen nach oben skalpiert aufgehängt haben. Daraufhin hat der Stamm, zu dem die beiden gehören, das Kriegsbeil ausgegraben. Sie sind über Siedlungen in der Nähe hergefallen. Der Kommandant und der Prediger wollen versuchen, die Indianer zu beruhigen.“

„Deshalb also“, sagt Bill und denkt an den Überfall auf Halskells Leute.

Er geht mit May zum Saloon hinüber. Es ist ein flacher, langgestreckter Bau. Über der Theke hängt das Bild eines nackten Mädchens, wie in jedem anderen Saloon, den es irgendwo hier draußen gibt. Oben ist ein Leinentuch zusammengerollt. Wahrscheinlich wird es über das Bild gelassen, wenn der Prediger hier Gottesdienst hält.

Bill führt das Mädchen durch den verräucherten Saloon, in dem es nach Schweiß und Pferden riecht. Er setzt sie so hin, dass sie das Bild im Rücken hat. Er bestellt Essen und zwei Zimmer. Beides bekommt er.

*

Die Nacht hat sich über das Land gesenkt. Die Dunkelheit ist durch das winzige Fenster in den Raum gekrochen und füllt ihn vollkommen aus.

Bill liegt auf der knarrenden Pritsche und blickt gegen die Decke. Er denkt an May, die fest entschlossen ist, ihr Leben lang mit ihm auf dem Hügel nahe dem Platte River zu leben. Und er unter einem falschen Namen.

Alles in ihm sträubt sich dagegen. Zugleich weiß er, dass es kaum eine Möglichkeit gibt, daran etwas zu ändern. Er kann nicht mehr Jackson sein.

Die Tür öffnet sich mit einem knarrenden Geräusch. Er sieht Mays schmales, weißes Gesicht auftauchen und steht auf.

Er geht auf sie zu und greift nach ihrem Arm. Ihr warmer Atem streift sein Gesicht.

„Ich kann nicht, May“, sagt er leise.

„Was?“ Unsicherheit zeigt sich in ihren Augen.

„Ich kann nicht halten, was ich dir versprochen habe. Es tut mir leid. May, eines Tages würdest du es sicher bereuen!“

„Warum?“

„Weil ... weil alles anders sein muss, wenn man Kinder hat, die niemals erfahren dürfen, wie sie wirklich heißen. Ich habe noch einmal darüber nachgedacht. Es geht nicht. Ich kann nicht ein neues Leben mit dir mit einer Lüge beginnen.“

Sie steht wie erstarrt und blickt ihn an.

„Dann ... dann willst du also alles aufgeben, Bill?“, fragt sie endlich. „Alles vergessen? Mich, die Hütte, den Hügel?“

„Es muss wohl so sein, May. Verstehst du das nicht?“

„Doch, Bill. Natürlich. Ich hatte es fast kommen sehen. Du musst wohl so sein. Aber warum hast du Carpenter nicht gesagt, wer du bist? Vielleicht hätte er es mit dir an Ort und Stelle ausmachen wollen.“

„Er ist ein alter Mann. Und er hat alles so geregelt, dass es keine Rolle spielt, ob er lebt oder nicht. May, es tut mir wirklich leid. Siehst du ein, dass es unmöglich ist?“

„Ja, Bill.“

Er will nach ihr greifen, als sie sich mit einer müden Bewegung abwendet und auf die Tür zugeht. Aber seine Hand sinkt herab.

Die Tür schlägt zu.

Bill dreht sich um und geht zum Fenster. Er blickt auf den freien Platz zwischen den Gebäuden hinunter. Er fragt sich, was May nun machen wird. War es richtig, was er ihr sagte? Ist es wirklich so unmöglich, ein Leben an ihrer Seite mit einer Lüge zu beginnen?

Zweifel kommen ihm. Was wird May in diesem fremden Land ganz allein anfangen? Aber wie anders soll er es machen? Soll er mit ihr zu dem Hügel zurückkehren und alles so weiterlaufen lassen, wie es bis jetzt gelaufen ist?

Nein, es geht nicht. Er muss es zu Ende bringen. May ist ein hübsches Mädchen. Vielleicht wird sie noch hübscher. Viele Männer werden sich um sie bemühen. Sie kann in diesem Land, in dem es fast nur Männer gibt, nicht untergehen.

Er weiß, dass er eher hätte darauf kommen müssen. Es ist sehr spät. Zugleich ist ihm klar, dass er sich vor dieser Entscheidung immer gedrückt hat. Das ist der wahre Grund, warum er sie immer als seine jüngere Schwester sehen wollte - und sah!

Unten auf dem Platz zwischen den Hütten erschallt ein Ruf.

Knarrend wird das schwere Palisadentor geöffnet. Soldaten mit Gewehren in den Händen laufen hinaus. Irgendwo erschallt ein Befehl. Noch mehr Soldaten verlassen zu Fuß das Fort.

Bill blickt zu dem aufgeschwungenen Tor und sieht einen Reiter im schwarzen, verstaubten Prince Albert-Mantel und mit einem weichen grauen Stetson auf dem Kopf. Der Reiter hat drei weitere Pferde hinter sich. Auf diesen Tieren liegen Männer in Uniformen quer über den hochbordigen McClellan-Sätteln.

Langsam kommt dieser Mann, offenbar der Prediger, ins Fort geritten. Er hält den Kopf gesenkt, so dass Bill Jackson sein Gesicht nicht sehen kann.

„Tor zu!“, ruft jemand.

Knarrend bewegen sich die beiden großen und schweren Flügel. Die Soldaten sind hinter den Pferden alle ins Fort zurückgekommen.

Der Mann im Prince Albert-Mantel hält sein müdes, schwankendes Pferd im Lichtkreis mehrerer Lampen an und klettert aus dem Sattel. Er scheint die Umstehenden zu mustern. Dann hört Bill ihn sagen: „Nehmt sie herunter und beerdigt sie wie Christenmenschen. Es war furchtbar.“

„Der Kommandant!“, sagt jemand laut. „Soldaten, es ist der Kommandant!“

Der Mann im schwarzen Mantel hat sich gedreht. Er schient zu nicken, als wollte er bestätigen, was die Männer schon erkannt haben.

„Er ist tot“, hört Bill ihn mit tiefer Stimme sagen. „Fragt nicht, wieso ich noch lebe. Ich weiß es selbst nicht. Sie haben gesagt, dass wir alle Lügner wären. Aber irgendwie müssen sie doch noch an den Gott geglaubt haben, von dem ich ihnen berichtete. Vielleicht lebe ich deshalb noch. Sie werden kommen, Männer. Die Ratsfeuer brannten schon, als ich abritt. Sie haben mich beschimpft und gedroht. Ich habe gesehen, dass die alten Männer des Stammes palaverten. Sie kommen bestimmt. Ihr solltet Reiter ausschicken und die Siedler der Umgebung ins Fort holen.“

Ein junger Lieutenant schiebt sich durch den Kreis der Männer, der sich um den Prediger gebildet hat. Mit harter Stimme erteilt der Offizier Befehle. Die Männer auf dem freien Platz rennen durcheinander. Dann kommen sie mit Pferden. Abermals wird das Tor aufgestoßen.

Reiter preschen hinaus.

Bill Jackson dreht sich um. Im Moment scheint es ratsam zu sein, das Fort nicht zu verlassen. Wahrscheinlich werden sie sich hier lange genug halten können. Vorausgesetzt, dass das Fort so viele Menschen ernähren kann.

Sein Blick fällt auf das Rasiermesser, das auf dem Tisch liegt. Er hat es vorhin gekauft. Und nun erscheint es ihm ganz unwichtig. Vor allen Dingen hatte er wegen May wieder aussehen wollen, wie er wirklich aussieht.

Er geht zum Spiegel, der über dem rostigen Drahtständer mit der Waschschüssel darin hängt. Er betrachtet sein Ebenbild und schüttelt den Kopf. Er wird sich doch rasieren.

Nach einer Viertelstunde hat sich sein Aussehen stark verändert. Er ist wieder der junge Mann von einundzwanzig Jahren. Er hat wieder das schmale Kinn. Seine Wangen sind weiß, weil der dichte Bart die Sonnenstrahlen abgehalten hat.

Bill klappt das Messer zusammen und schiebt es in die Hosentasche. Durch das Fenster hört er noch immer erregte Rufe. Hufgetrappel braust immer wieder auf. Reiter kommen und gehen.

*

Als er vor den Saloon tritt, gleicht das Fort einem brodelnden Hexenkessel. Das Tor steht immer noch offen. Auf der Laufplanke hinter den Palisaden sind die Wachen verdoppelt worden. Immer neue Reiter sprengen hinaus, und verschwinden in der Dunkelheit.

Erregte Menschen stehen in Gruppen beisammen und reden laut durcheinander.

Halskell kommt, das Brett unter die Achsel geklemmt, über den freien Platz zwischen den Hütten gehumpelt. Als er Bill sieht, bleibt er verwundert stehen und stößt die Luft zischend aus dem Mund.

„He, Jackson!“, ruft er so laut, dass es alle Umstehenden hören müssen. „Wie sehen Sie denn aus?“

Bill zuckt zusammen. Seine Hand greift unwillkürlich nach dem glatten Kinn. Gleichzeitig sieht er, dass der junge Lieutenant, der eben vorbeigehen wollte, stehengeblieben ist und den Kopf dreht.

Bill sieht den scharfen, forschenden Blick des Offiziers, der an ihm hinuntergleitet und wieder hinauf.

Zufall, denkt er. Ein dummer, böser Zufall. Er weiß es. Irgendwo hat er von mir gehört oder gar einen Steckbrief gesehen. Vielleicht war auch Carpenter hier im Fort und sagte, was ihn in dieses Land getrieben hat.

Gehetzt schaut Bill zu Halskell hinüber und sieht, wie der langsam den Kopf zu dem Lieutenant hinüberdreht. Der Mund des Siedlers steht offen. Er scheint schon gemerkt zu haben, was er angerichtet hat. Bill erkennt, wie Halskell sich auf die Lippen beißt. Er hatte es offenbar nicht sagen wollen. Es war ihm in der Überraschung über die Veränderung so herausgerutscht. Im falschen Augenblick.

Der Lieutenant kommt einen Schritt näher. Seine Blicke werden schärfer. Er fährt sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

Ja, er weiß es, durchzuckt es Bill. Es gibt keinen Zweifel.

„Bill Jackson“, sagt der Offizier in diesem Moment. Er macht noch einen Schritt vorwärts. Zugleich fällt seine Hand auf die Ledertasche, die an seinem Gürtel hängt.

Die Erstarrung fällt wie morsch und spröde gewordener Putz, der sich nicht mehr halten kann, von Bill ab. Vom Gehsteig aus wirft er sich in den Sattel eines der vielen herumstehenden Pferde, zieht die schleifenden Zügel über den seidigen Hals und presst dem Tier die Absätze hart in die Flanken.

Schrill wiehernd steigt das Pferd in die Höhe und trommelt mit den Hufen durch die Luft. Dann fällt es zurück, und Bill wäre um ein Haar über den schlanken Hals katapultiert worden.

Erschrockene Männer springen auseinander. Bill sieht, wie der Offizier hastig die Tasche an seinem Gürtel aufreißt und den schweren Revolver zieht.

Grollend kracht ein Schuss, als das Pferd wie von Furien gehetzt auf das Tor zurast.

„Tor zu!“, brüllt eine heisere Stimme.

Wieder kracht ein Schuss. Die Kugel weht singend an Bills Ohren vorbei.

Soldaten springen von den Laufplanken rechts und links des Tores und stemmen sich gegen die schweren Flügel.

Zu spät!

Bill sprengt auf dem erschrockenen Pferd durch die klaffende Lücke in den Palisaden. Rechts und links von ihm ist das Schreien der Männer.

„Feuer!“, ruft der Lieutenant, dessen großer Revolver wieder kracht.

Von den Palisaden werden Gewehre abgefeuert. Aber der Reiter ist in der Nacht verschwunden. Hin und wieder sehen sie ihn wie ein Schemen.

Schmatzend gibt der weiche Boden unter den Hufen nach. Dreck fliegt in die Höhe und bedeckt Pferd und Reiter. Und immer noch pfeifen ihm Kugeln nach, die aber nicht treffen.

Tief über den Hals des Pferdes gebeugt, reitet er dahin. Hinter ihm hebt ein Trommeln an. Und immer wieder Schüsse, die sich mit dem Geschrei der Verfolger zu einer Sinfonie vermischen, die in seinen Ohren gellt.

So also ist es nun gekommen. Er konnte es sich ersparen, May Bridger so jäh alle Hoffnungen zu zerstören. Das Schicksal hat es von selbst besorgt. Das gnadenlose Schicksal, das ihn einmal dazu trieb, ein Mädchen aus einer höherstehenden Gesellschaftschicht als der seinen an seine Seite zu ziehen; sich mit ihr in aller Offenheit in einer Stadt zu zeigen, in der Yancey Carpenter der Richter und wahrscheinlich auch der reichste Mann war.

Er lenkt das Pferd an einer Gruppe struppiger Büsche entlang nach Norden. Hinter ihm verstummt das Geschrei. Um so deutlicher kann er den Hufschlag hören. Sie werden ihm keine Chance geben. Sie können ihn hören und leicht verfolgen. Und sie werden ihn stellen - irgendwo hier in der Nähe.

Verzweifelt denkt er daran, dass er nicht einmal eine Waffe hat, um sich zur Wehr setzen zu können. Alles kam zu plötzlich.

Der Hufschlag scheint näherzukommen. Die Verfolger holen auf. Bill blickt sich um. Er kann sie nicht sehen.

Das Pferd unter seinem Sattel schwankt schon. Erst jetzt erkennt er, dass er nach dem falschenTier gegriffen hat. In der Aufregung ist ihm entgangen, dass das Pferd abgehetzt ist. Ein Reiter schien auf ihm gerade erst ins Fort gekommen zu sein. Er schlägt dem Tier auf den Hals und bohrt ihm wieder die Absätze in die Flanken.

„Schneller!“, ruft er.

Das Pferd kann nicht schneller. Als er das erkennt, zieht er es scharf herum und treibt es in die Büsche hinein. Er springt ab und legt dem abgekämpften Tier die Hand auf die Nüstern.

Der Hufschlag nähert sich so unbarmherzig, wie sich die Zeiger einer Uhr vorwärtsbewegen. Er schwillt zu einem Orkan an. Er sieht Köpfe vor den Büschen auftauchen und vorbeirasen. Ein Nachzügler sprengt hinter dem Trupp her.

Hastig zieht er das Pferd heraus. Sie sind in der Nacht verschwunden.

Plötzlich ein Ruf. Der Hufschlag verstummt.

„Keine Spuren mehr!“, ruft eine kreischende Stimme. „Zurück, Männer! Er hat sich irgendwo zwischen den Büschen versteckt.“

Mit einem Satz sitzt er wieder im Sattel.

„Vorwärts!“, schreit er, als der Hufschlag wieder aufklingt.

„Dort!“, ruft jemand.

Ein Schuss kracht. Die Kugel streicht surrend über Bill hinweg.

„Vorwärts – schneller!“, schreit er wieder verzweifelt.

Das Pferd ist viel zu abgekämpft. Nur langsam kommt es in Bewegung.

Da ist ein Schatten neben ihm. Er wirft den Kopf herum und sieht eine Faust auf sich zuspringen.

Seine Abwehrbewegung kommt zu spät. Ein schmetternder Hieb trifft ihn gegen die Schläfe. Er sieht Sterne vor seinen Augen tanzen. Das Pferd scheint zu fallen, aber er ist es selbst. Er sieht plötzlich den Boden auf sich zukommen und spürt einen harten Aufschlag. Dreck spritzt in sein Gesicht. Nebel steigen ihm scheinbar direkt aus der Erde entgegen. Er kämpft gegen die Ohnmacht an, presst die Zähne knackend aufeinander.

Es gelingt ihm nicht. Sein Kopf schlägt auf den nassen, kalten Boden, aber er spürt das nicht mehr.

*

Als er zu sich kommt, sitzt er mit dem Rücken an einen verkrüppelten Baum. Ein langer Lederriemen ist mehrmals um seine Brust geschlungen.

„Kein Feuer machen!“, sagt eine scharfe Stimme. „Wir reiten sofort zurück.“

Bill dreht den Kopf und erkennt den jungen Lieutenant.

„Wir haben hier einen Platz, der sich gut verteidigen lässt“, fährt der Offizier fort. „Wir wollen nur abwarten, ob sich etwas zeigt. Es kann sein, dass die Indianer schon in der Nähe sind und die Schüsse gehört haben. In einer halben Stunde wissen wir das genau. Haltet die Augen offen."

Gewehre klappern leise. Der Offizier schiebt sich näher zu Bill Jackson und schaut ihn an.

„Wissen Sie, dass auf Ihren Kopf dreitausend Dollar stehen?“, fragt er.

„Nein. Aber ich weiß, dass ich Carpenter soviel wert bin.“

Der Ruf eines Nachthabichts schallt von Norden her über das Land. Gleich darauf wird er von Westen beantwortet.

Die Soldaten drehen sich mit den Gewehren unter den Armen. Die Unsicherheit und die Angst vor diesem Land, an das sie sich noch immer nicht gewöhnt haben, springt von einem zum anderen.

Wieder ist der Ruf des Nachthabichts zu hören und wird beantwortet.

„Ob ... ob es Indianer sind?“, fragt einer der Männer verstört.

Auch der Lieutenant hat den Kopf gehoben und versucht, die Dunkelheit mit seinen Blicken zu durchbohren.

„Wahrscheinlich werden wir hier alle unseren Skalp verlieren“, sagt Bill leise. „Es sind Indianer, die den Ruf nachahmen.“

„Halten Sie die Schnauze", knurrt der Offizier unwirsch. „Ich frage Sie schon, wenn Sie etwas sagen sollen.“

Plötzlich ist leiser Hufschlag zu hören. Die Soldaten fahren herum.

Der Hufschlag kommt näher.

„Nur ein Reiter“, sagt ein Mann zischend. „Er kommt von dort!“ Sein Gewehr stößt in südlicher Richtung vorwärts.

„Nicht schießen!“, raunt der Offizier und zieht seinen Armeerevolver aus der Tasche an seinem Gürtel.

Der Hufschlag wird immer lauter und scheint an den Nerven der Soldaten zu zerren. Ein Reiter taucht auf.

„Halt!“, zischt der Lieutenant.

Das Pferd wird angehalten. Der Reiter beugt sich über den Hals des Tieres.

„Wer ist das?“, fragt der Lieutenant.

„Ich - Halskell“, schallt es zurück.

„Kommen Sie näher.“

Das Pferd wird wieder in Bewegung gesetzt. Der stämmige Siedler mit dem aufgeschlitzten Hosenbein und dem weiß leuchtenden Verband darunter reitet in ihre Mitte und gleitet aus dem Sattel. Er hält sich am Horn fest und sagt: „Ich habe meine Krücke nicht bei mir. Stützt mich doch!“

„Was wollen Sie hier?“, knurrt der Lieutenant.

Halskell blickt zu Bill herüber, dann wieder auf den Offizier.

„Ich wollte sehen, ob Sie ihn wirklich gefangen haben. Ich erfuhr erst nach Ihrem Abritt, was es mit ihm auf sich hat.“

„Sie kamen mit ihm zusammen ins Fort“, stellt der Offizier fest.

„Ja, das stimmt. Und er hat mir und meinen Freunden das Leben gerettet. Das heißt, vielleicht hätten wir das Fort auch zu Fuß erreichen können. Aber wir hätten uns von all unserer Habe trennen müssen, weil wir keine Zugtiere mehr hatten. Sind Sie ganz sicher, dass er auch der ist, den Sie suchen? Ich meine, Jackson ist ein Name, der auf der Welt sicher nicht nur einmal vorkommt.“

„Er ist der, den wir suchen“, sagt der Lieutenant bestimmt. „Er hat es schon zugegeben.“

„So. Das ist etwas anderes.“ Halskell lässt das Sattelhorn los, knickt ein und macht schnell einen Schritt bis zu dem Baum, an den Bill gebunden ist. Dort sinkt er, sich stützend, auf die Erde nieder.

Wieder ist der Ruf des Nachthabichts zu hören. Es klingt, als wäre der Rufer näher gekommen. Der Schrei wird beantwortet.

„Dieses verdammte Land“, brummt einer der Soldaten. „Lieutenant, glauben Sie wirklich, dass wir uns hier halten können? Wir sind nur zehn Mann. Verdammt, es ist nicht weit ins Fort.“

„Wenn wir losreiten, werden sie sofort angreifen“, sagt der Lieutenant.

„Mag sein“, gibt der Soldat zu. „Und wenn wir hier warten, kann es noch Stunden dauern, bis sie über uns herfallen. Aber sie kommen mit Sicherheit.“ Der Offizier nagt sich mit den Zähnen an der Unterlippe und scheint fieberhaft nachzudenken.

„Mertens“, sagt er endlich.

Ein schmaler, mittelgroßer Soldat dreht den bärtigen Kopf.

„Haben Sie sich die Richtung gemerkt, aus der Halskell gekommen ist?“

„Natürlich, Sir.“

„Dort scheinen sie noch nicht zu sein. Ein einzelner könnte vielleicht durchkommen und Verstärkung holen. Es ist wirklich nicht weit zum Fort. Aber es muss ganz leise vor sich gehen.“

Mertens nickt verstehend, steht auf und geht zu seinem. Pferd. Er holt Lappen aus der Satteltasche und wickelt sie um die eisenbeschlagenen Hufe seines Pferdes.

Als er mit dem Tier am Zügel in der Nacht verschwindet, halten die Männer den Atem an. Mertens verschwindet in der Nacht, als würde er aufgesaugt. Nichts geschieht.

Nach fünf Minuten stößt der Lieutenant die Luft aus dem Mund.

Im Norden ist der Ruf des Habichts zu hören. Die Männer zucken zusammen und drehen sich.

„Hoffentlich warten sie noch“, sagt einer fad.

Bill spürt auf einmal Halskells Hand an dem Riemen, der ihn an den verkrüppelten Baum bindet. Der Riemen wird locker. Bill sieht Haskell an, sieht aber nur dessen Nacken. Der bärbeißige Siedler schaut in die andere Richtung. Seine Hand kommt nach hinten und hält Bill etwas hin. Er greift danach und merkt, dass es einer der klobigen Colts ist.

Er schiebt die Waffe hastig in den Hosenbund. Der Riemen liegt noch locker um seinen Körper. Er fragt sich, ob der Offizier etwas merken wird, wenn er jetzt hierherkommt. Aber die Männer stehen alle auf der anderen Seite und starren nach Norden und Westen, von wo in kurzen Abständen immer wieder die Rufe kommen. Es scheint, als würden sich die Indianer damit verständigen.

„Los!“, raunt Halskell ihm zu. „Nehmen Sie meinen Gaul. Er ist noch frisch. Ich war ein Narr.“

Bill dreht vorsichtig den Kopf. Der Lieutenant ist fünf Meter von ihm entfernt, kauert auf dem Boden und schaut nach Norden. Seine Männer umgeben ihn. Bill löst den Riemen und steht auf.

Noch immer merkt niemand etwas. Er macht einen Schritt vorwärts, noch einen und noch einen. Er kann die Zügel erfassen und über den Kopf des Pferdes ziehen. Da schnaubt es.

Bill sieht die. Männer herumfahren. Er weiß, dass das jetzt seine letzte Chance ist. Er wirft sich in den Sattel und sprengt zwischen die hastig nach den Seiten springenden Männer. Er schlägt einen Haken. Die ersten Kugeln wehen vorbei.

Da ist von links ein infernalisches Geschrei zu hören. Ein Pfeil schwirrt über ihn hinweg. Wieder krachen Schüsse, aber die Kugeln kommen nicht in seiner Richtung. Er rast den Hügel hinunter. Dickicht bricht unter den Hufen des Pferdes. Zweige peitschen durch sein Gesicht, und Dornen reißen das Hemd an vielen Stellen auf.

Und hinter ihm Schüsse und Schreie, Klirren von Waffen und das schaurige Wiehern der Pferde. Donnernder Hufschlag prasselt plötzlich in der Nacht, kommt aber nicht hinter ihm her.

Bill Jackson kümmert sich nicht um das, was hinter ihm ist. Er prescht im gestreckten Galopp über das Land und hält erst an, als sein Pferd umzufallen droht.

Im Osten graut der Morgen. Er schaut zurück. Hinter ihm sind Büsche, Hügel und Gras. Nebel steigen aus dem Boden. Kein Mensch, kein Hufschlag, nichts. Er nimmt die Zügel in die Hand und führt das Pferd. Nach einer Stunde kommt er an einen Bach. Er wäscht sich, lässt das Pferd saufen und reitet weiter.

Er hat das Pferd jetzt nach Westen gedreht. Er denkt daran, dass man im Fort erzählte, es sollte hundert Meilen weiter im Westen eine Stadt geben, die Santa Fé heißt. Vielleicht kann er sich dort ein Gewehr kaufen und eine Ausrüstung, um in die Berge ziehen zu können. Er muss irgendwo untertauchen. Es muss viel Gras über diese Sache wachsen lassen. Vielleicht gelingt es ihm, Yancey Carpenter für immer zu entkommen, wenn es niemanden gibt, der weiß, dass er anders heißt als Graham.

*

Die Stadt, besteht aus Adobelehmhütten, sandigen, hitzeflimmernden Straßen und dem Rio Grande-Oberlauf im Hintergrund. Die Bevölkerung setzt sich aus Mexikanern und Weißen zusammen. Trunksüchtige, verkommene Indianer lungern überall herum. Jaulende Katzen jagen über die Weidengeflecht- und Wellblechdächer. Hunde bellen. Kreischende Mexikanerfrauen rufen nach unwahrscheinlich schmutzigen, abgerissenen Kindern, die sich auf der Straße balgen.

Niemand kümmert sich um Bill Jackson, der langsam und wachsam in die Stadt reitet und den Druck des Revolvers im Hosenbund spürt. Er hält vor der Cantina und gleitet aus dem Sattel.

Die Kinder sind von der Straße verschwunden. Ein penetranter Geruch weht über die halbhohe Basttür der Cantina. Ein schmutziger, nasebohrender Mestize nimmt Bill das Pferd und einen Dollar ab. Bill denkt daran, dass er immer noch von dem Geld lebt, das er damals auf dem Mississippi gewann. Aber bald wird es alle sein.

In der Cantina ist es kühl. Ein dicker Mexikaner mit einem schwarzen Schnurrbart, den er wahrscheinlich mit Wagenschmiere pflegt, hantiert hinter der Theke. Ein dunkles Mädchen mit hohen Backenknochen, sicher auch ein Mischling wie der Pferdebursche, kommt ihm entgegen. Sie sagt etwas in einer Sprache, die er nicht versteht.

„Du verstehst nicht spanisch?“, fragt sie englisch, nachdem er nicht geantwortet hat.

„Nein.“

Sie lacht perlend.

Bill geht zur Theke und lehnt sich dagegen. Das Mädchen kommt hinter ihm her. Er findet ihr Lächeln scheußlich. Es wirkt so gewollt.

Der Mexikaner schiebt ein Glas Pulque über das Messingblech;

„Ich habe auch Hunger“, sagt Bill. Er kümmert sich nicht um das Mädchen. Er muss immer noch an May denken. Es ist jetzt schon eine ganze Woche her, seit er sie zum letzten Mal gesehen hat.

Der Keeper geht in die Küche. Das Mäddien lässt ein fauchendes Knurren hören und folgt dem Mann. Als der Keeper zurückkommt, sagt er: „Du kannst sie haben. Für zehn Dollar.“

„Danke. Ich muss gleich weiter. Wie lange dauert das Essen?“

„Zwanzig Minuten.“

„Gibt es hier einen Store, in dem ein Mann die Dinge kaufen kann, die man in diesem Land braucht?“

„Schräg gegenüber.“

*

Als die Stadt hinter ihm liegt, ist er er nicht ein einziges Mal nach seinem Namen gefragt worden. Es dämmert schon.

„Santa Fé“, sagt er laut und schüttelt den Kopf. Er hatte sich eine Stadt hier draußen ganz anders vorgestellt. Er hatte Lärm und Schüsse erwartet, so wie er es einmal in einem dünnen Buch gelesen hatte, das von einem gewissen Davy Crockett stammte, der dann in Alamo gefallen war. Alles Unsinn. Santa Fé war ein kümmerliches Nest, von dem der Teufel wissen mag, von was es lebt.

Die Nacht ist schon angebrochen, als er endlich eine Furt gefunden hat.

Auf der anderen Seite des Flusses schlägt er sein Lager auf. Er hat nun Campgeräte, ein schweres Büffelgewehr, zwei Lassos, Decken, Munition und Proviant. Und er fragt sich, ob er verrückt ist, weil er in die Berge will.

Aber sie haben ihn nun so lange gehetzt, dass er keinen anderen Weg mehr sieht. Er wird auf Pelztiere Jagd machen. Biberfelle stehen immer noch hoch im Kurs. Er hat auch drei Fallen mitgebracht. Vielleicht kann er da oben ein Vermögen verdienen und dann irgendwohin gehen, wohin auch Yancey Carpenters Arm nicht reicht.

Als der Morgen graut, packt er seine Geräte zusammen, schnallt die Decke hinter dem Sattel fest und setzt seinen Weg fort. Schroff und steil ragen die Berge vor ihm in die Höhe. Er folgt einem Canyon, der in die erhabene Bergwelt hineinführt.

Acht Tage später kommt er zu einem hochgelegenen Bergtal. Grüne Grasmatten bedecken den Boden. In der Mitte sieht er einen silbern im Sonnenlicht glänzenden See. Er hat einen schmalen Zufluss und einen ebensolchen Abfluss. Büsche wachsen an den Rändern und stehen teilweise im Wasser. Ein Damm ist auf der linken Seite zu sehen, und ein schwarzes Pelztier verschwindet eben im Wasser. Ein spitzer Kopf taucht auf und zerfurcht die spiegelblanke Oberfläche.

„Biber“, sagt Bill Jackson. Er fragt sich, wie ein Mann ein solches Tier mit der Falle fangen kann. Ah, er wird das schon irgendwie machen.

Er blickt sich wachsam im Tal um. Es ist niemand zu sehen. Er lässt seine Campgeräte in einer Höhle unter den steilen Felswänden zurück, die das Tal umgeben. Dann macht er einen Streifzug.

Jeden Abend kommt Bill Jackson zu dem Tal zurück. Nach einer Woche weiß er, dass es weit und breit keinen Menschen in seiner Nähe gibt.

Nun macht er sich an die Arbeit. Die ersten Wochen verlaufen ergebnislos. Jeden Morgen sieht er die Fallen nach, aber kein Biber hängt darin.

Endlich hört er nachts ein Patschen im Wasser und fährt in die Höhe. Das Heulen eines Tieres hallt gespenstisch durch den Bergkessel und schallt zwischen den kahlen Schluchtwänden hin und her.

Als er an den See kommt, ist die Falle zugeschnappt. Der Vorderlauf eines Bibers hängt darin. Das Tier ist verschwunden. Es hat sich das Bein abgebissen.

Verzweifelt hockt er sich am Wasser nieder und überlegt. Vielleicht liegt es nur daran, dass er schneller sein muss, denkt er.

Als er aufsteht, hört er ein abgründiges Brummen hinter sich und fährt herum. Durch die Nacht sieht er einen tappenden Schatten, der sich als mächtiger Schwarzbär entpuppt.

Bill hat sein Gewehr in der Höhle gelassen, die er sich eingerichtet hat. Hastig springt er darauf zu, hört die tappenden Schritte und das Brummen hinter sich.

Er wirft sich in die Höhle hinein, greift nach dem Gewehr und dreht sich. Da sieht er den Bären am Eingang stehen. Er wirbelt das Gewehr hoch und schießt. Die Mündungsflamme leckt dem Schwarzbär entgegen. Donnernd rast das Echo des Schusses in der Höhle hin und her.

Der Bär schwankt zurück, während Bill glaubt, das Trommelfell müsste ihm platzen. Hastig schiebt er eine frische Patrone in den Lauf, springt hoch und rennt zum Zugang der Höhle. Er hört das abgründige Brummen des Bären, der schwankend steht und mit den gewaltigen Tatzen durch die Luft schlägt.

Torkelnd kommt das Tier wieder auf ihn zu.

Da drückt Bill Jackson wieder ab. Das Tier wird zurückgetrieben und knickt ein. Es wälzt sich über den Boden und brüllt im Todeskampf. Endlich liegt es still.

Bill lässt das Gewehr sinken und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er hatte sich das Leben eines Pelztierjägers wesentlich einfacher vorgestellt. Er blickt auf den Bären und presst die Lippen zusammen, dass sie wie ein schmaler Strich in seinem Gesicht stehen.

Er wird nicht aufgeben. Er wird hierbleiben, und wenn alle Bären New Mexicos in dieses Tal kommen sollten. Er wird sie alle erschießen, abziehen und die Felle verpacken.

Noch in derselben Nacht stellt er die Biberfallen anders auf. Er hat die Biber morgens, wenn sie ihren Bau verlassen, tagelang beobachtet. Und nun baut er die Fallen auf dem Pfad davor auf, den sie zum Wasser hinunter getreten haben.

Schon am Morgen stellt sich der Erfolg ein. Er hat den ersten Biber gefangen.

*

Der Winter ist so mild, dass der See nicht zufriert. Zu- und Abfluss halten ihn etwas in Bewegung. Es ist nur wenig Schnee gefallen. Der Wind bläst ihn von den Zinnen und Graten.

Bill kontrolliert täglich seine Fallen und unternimmt weite Streifzüge durch die Berge. Bären, Timberwölfe und Pumas kreuzen seinen Weg und werden von der Büchse niedergestreckt. Er bedauert nur, dass die 50er-Kugeln so große Löcher reißen, die die Felle sicher stark an Wert verlieren lassen.

An einem klaren Winterabend sieht er einen Reiter auf einem zottigen, durchgebogenen Klepper in einem Canyon. Der Mann sitzt zusammengesunken im Sattel. Er hat einen verwitterten Schlapphut auf dem Kopf, den er so tief in die Stirn gezogen hat, dass er nicht zu erkennen ist.

Bill hockt sich hinter einen Stein und wartet. Er kann den Mann in der Schlucht gut beobachten. Er muss wissen, wohin er will.

Es ist gefährlich, hier oben einen Mann in der Nähe zu wissen, den man nicht kennt.

Der Reiter verschwindet hinter einer Felsnase. Der Hufschlag klingt noch immer vom Schnee gedämpft zur Höhe herauf. Dann taucht der Reiter wieder auf. Er kommt um den Knick des Canyons herum und nähert sich schnell.

Als der Mann bis auf zehn Yards heran ist, erkennt Bill ihn. Es ist Matt Halskell. Er stiert auf den Boden vor den Kopf seines Pferdes.

Bill tritt vor. Unter seinem Stiefel rollt ein Stein über den Boden.

Der Reiter zuckt zusammen und greift nach dem Gewehr.

„Hallo, Halskell“, sagt Bill. „Lassen Sie die Flinte stecken.“

Halskell mustert ihn einen Moment, und Bill weiß, dass der Bart, der ihm wieder gewachsen ist, sein Aussehen abermals verändert hat.

„Jackson", sagt da der Reiter. „Mein Gott, an Sie habe ich nicht mehr gedacht.“

Bill geht näher an den Reiter heran und greift nach den durchhängenden Zügeln.

„Haben Sie John irgendwo gesehen?“, fragt Halskell und hustet hohl.

„Nein.“

„Ich suche ihn seit drei Monaten. Glauben Sie, dass es in diesem Land eine Möglichkeit gibt, einen Menschen zu finden?“

„Ich weiß nicht, Halskell. Ich habe hier in der Nähe ein Lager. Wollen Sie rnitkommen?“

Der ehemalige Siedler steigt ab und geht neben Bill her durch die Schlucht zurück. Zwei Stunden später erreichen sie das Tal. Bill zündet das Feuer am Zugang der Höhle an und schmort Bärenfleisch in dem Kessel, den er aus Santa Fé mitgebracht hat.

„Ich habe kein Lebenszeichen von ihm finden können“, hört er Halskell sagen, und es klingt wie eine Anklage in seinen Ohren.

Er dreht sich um und blickt den Mann scharf an. Halskell stiert gegen die glatte, glitzernde Höhlenwand.

„Das tut mir leid, Halskell“, sagt Bill rau. „Aber ich konnte damals nicht anders.“ Er sieht, dass der Mann von der Sorge eines Tages aufgefressen werden wird.

Eine Weile hockt Halskell schweigend auf dem Fell des Schwarzbären, den Bill zuerst erlegt hat. Dann dreht er den Kopf.

„Sie sind wie der böse Geist auf meinem Weg, Jackson“, knurrt er. „Ich habe Sie gehasst und bewundert. Sie waren kaum älter als zwanzig und haben wie ein Berglöwe gegen uns gekämpft. Und ich habe John verflucht, weil er erst so hastig schoss und dann vor Angst schrie und zitterte. Ich habe immer einen harten Burschen aus ihm machen wollen. Doch er ist es nie geworden. Er hatte immer etwas Heimtückisdies, Hinterhältiges an sich, und ich konnte es ihm nicht austreiben. Und doch suche ich ihn. Ich habe sonst niemanden mehr auf der Welt.“

„Wo sind Ihre Leute hin?“

„Meine Leute?“ Halskell lacht bitter auf. „Abgehauen. Damals. Ach so, Sie wissen ja gar nicht, was noch geschah, damals auf dem Hügel. Nun, die Indianer fielen über uns her. Ich bekam etwas gegen den Kopf und muss umgefallen sein. Plötzlich brachte mich ein heftiger Schmerz in die Wirklichkeit zurück. Ein Indianer hatte meine Haare nach oben gerissen und sein Messer an die Kopfhaut gesetzt. Ich fuhr in die Höhe, als er den ersten Schnitt machte.“

Halskell spuckt ins Feuer, dass es hell aufsprüht. Dann reißt er den verwitterten Schlapphut mit einer ruckartigen Bewegung vom Kopf.

Über der Stirn ist entlang des Haaransatzes ein breiter, roter Strich zu sehen. Rechts und links davon Punkte.

„Die anderen waren tot“, berichtet Halskell mit leiser, müder Stimme weiter. „Die Indianer müssen gedacht haben, ich wäre ebenfalls schon zur Hölle gefahren. Sie fuhren erschrocken auseinander, als ich auf einmal zwischen ihnen stand. Der, der mich skalpieren wollte, ließ vor Schreck und Entsetzen das Messer fallen. Ich kam zu einem Pferd und konnte entkommen. Sie brauchten Minuten, bis sie an Verfolgung dachten. Aber dann kamen sie, immer noch zögernd, hinter mir her. Ich konnte das Fort aber noch rechtzeitig erreichen.“

Er nickt, als müsse er sich selbst bestätigen, dass es so gewesen ist. „Mertens und ich sind also die einzigen, die von dem Kommando zurückkamen. Alle anderen sind tot. Sie auch, Jackson. Ihr Steckbrief ist vernichtet worden. May Bridger ließ sich von mir mehrmals erklären, wie alles gewesen ist. Ich habe ihr das gleiche gesagt, wie den anderen. Sie werden nicht mehr verfolgt, Jackson.“

Bill dreht das Fleisch im Kessel um und schiebt frisches Holz ins Feuer.

„Das war sehr nett von Ihnen“, meint er kratzig. „Und was machte May?“

„Das Fort wurde von den Indianern zwei Wochen lang berannt. Dann hatten sich die Indianer offenbar genug blutige Köpfe geholt und zogen ab. May Bridger ritt mit einem Kommando Soldaten nach Osten. Sie kam nicht mehr zurück. Ich weiß nicht, wohin sie sich gewandt hat.“

Bill hat in den letzten Wochen immer wieder an sie denken müssen. Jäh hatte er ihre Hoffnungen zerstört. Vielleicht hasst sie ihn dafür. Und nun ist sie also fort. Verschwunden. So wie Halskells Sohn. Eine unglückliche Verkettung von Ereignissen, die sie anscheinend alle überrollt hatten und die erst durch die Heuschreckenplage beendet wurde.

Bill nimmt das Fleisch aus dem Topf, legt es auf einen Blechteller und schneidet es in der Mitte durch. Die eine Hälfte schiebt er auf einen zweiten Teller, den er Halskell hinhält.

Der ehemalige Siedler stößt wieder das trockene, bellende Husten aus, das Bill vorhin schon von ihm hörte.

„Sie sind krank, Halskell“, sagt Bill.

„Kann sein. Morgen früh ziehe ich weiter. Irgendwo muss ich ihn finden.“

Bill beißt in sein Fleisch und blickt über das Feuer hinweg auf den See draußen.

„Sie haben sich hier einen schönen Platz gesucht, Jackson“, sagt Halskell hinter ihm. „Wollen Sie sich für immer hier vergraben?“

„Nein. Ich werde ins Tal gehen, sobald ich alles verpackt habe. Halskell, ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken. Wegen damals. Sie haben Ihr Leben für mich riskiert. Es ist doch klar, dass der junge Lieutenant Sie dafür zur Verantwortung gezogen hätte. Ich meine, für meine Flucht.“

„Er kam ja nicht mehr dazu. Ich hatte damals erkannt, dass wir Ihnen auf dem Hügel Unrecht getan hatten. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich so verrückt darauf war. Reden wir nicht mehr davon.“

*

Bill Jackson blickt dem ehemaligen Siedler nach, der, krumm und gebeugt im Sattel sitzend, im Morgengrauen aus dem Bergtal reitet und verschwindet. Der Hufschlag weht noch eine Weile in das Tal herein, wird immer schwächer und verklingt schließlich.

Bill dreht sich um. Er blickt zum Bau der scheuen Biber hinüber. Er hat ihre Zahl gewaltig gelichtet. Und gerade vor wenigen Tagen hat er weiter oben in den Bergen einen zweiten See entdeckt. Jetzt im Winter scheinen sie leichter zu fangen sein.

Aber die brennende Ungeduld treibt ihn. Er hält es hier nicht mehr aus. Er gilt als tot. Wenn er ins Tal kommt, muss er ganz einfach ein anderer Jackson sein, denn der, den sie suchten, ist tot. Halskell hat das allen Leuten so erklärt. Und der Soldat Mertens, den der junge Lieutenant fortschickte, um Verstärkung zu holen, hat das bestätigt.

May ist nach Osten. Wohin mag sie das Schicksal verschlagen haben?

Er geht in die Höhle zurück und packt die verschiedenen Gegenstände zusammen. Die Felle schnürt er zu Packen. Als er fast damit fertig ist, merkt er erst, dass er schon zum Aufbruch rüstet. Er hat hier einen schönen Schatz zusammengetragen. Irgendwo in einem Fort oder in einer Siedlung wird er Bargeld daraus machen.

Die Hütte am Hügel in der Nähe des Flusses fällt ihm ein. Dort muss May sein. Dort wird er sie bestimmt finden.

*

Bill Jackson hat in Santa Fé einen Teil seiner Felle verkaufen können. Er nimmt einen bockenden Maulesel in Zahlung, den er mit den restlichen Fellen und seinen Campgeräten bepackt. So zieht er weiter nach Osten. Als er Fort Union auftauchen sieht, hält er die Tiere an und blickt zu den Hüttendächern hinüber, die er hinter den Spitzen der Palisaden sehen kann.

Am liebsten würde er jetzt dort hinüber reiten und seine Felle einschließlich der Ausrüstung verkaufen. Er weiß, dass es Wahnsinn ist. Auch wenn er wieder einen langen struppigen Bart trägt, der sein Gesicht unkenntlich macht, könnte er von einem Mann erkannt werden. Denn auch damals kam er mit einem Bartgestrüpp hier an.

Er schlägt einen Bogen um das im gleißenden Sonnenlicht liegende Fort. Der verharschte Schnee knirscht unter den Hufen der beiden Tiere. Es ist warm. Der Schnee sieht schon grau aus. Hier und da sind Grasinseln zu sehen.

Das Fort bleibt etwas seitlich seines Weges zurück, wird immer kleiner und taucht dann hinter den Hügeln unter.

Als es dunkel wird, baut er am Rande eines Pinienwäldchens sein Lager auf. Er legt sich nieder und versucht zu schlafen. Irgend etwas hält ihn munter. Er weiß nicht, was es ist. Es ist, als ahne er eine Gefahr, die in seiner Nähe ist. Aber er kann nichts sehen und nichts hören.

Nach Minuten steht er wieder auf und lehnt sich gegen einen Baum. Er blickt suchend umher. Sein Blickfeld ist jetzt größer, und trotzdem sieht er nichts. Da schlägt ein bellendes Husten an seine Ohren. Es kommt aus dem Wald.

Bill nimmt den Colt in die Hand und schleicht in den Wald hinein. Er ist bemüht, keine Geräusche zu machen. Nach wenigen Yards bleibt er stehen und lauscht wieder.

Stille.

Da! Wieder ist das bellende Husten zu hören. Es muss direkt vor ihm sein. Er schiebt sich um den nächsten Baum herum und steht vor Halskell, der auf dem Boden liegt.

„Halskell!", stößt er hervor und schüttelt verwundert den Kopf. Wieso ist der Mann hier? Hat er den gleichen Weg genommen wie er? Es scheint so.

Halskell blickt ihn an, scheint ihn aber nicht zu erkennen.

Bill kniet sich neben dem Mann nieder und hört dessen rasselndes Atmen.

„Halskell, kennen Sie mich nicht? Ich bin Jackson! Bill Jackson!“

„Jackson? Hast du John gesehen?“

„Nein.“

„Wo ist er?“

Bill Jackson versucht, in der fahlen Dunkelheit des lichten Wäldchens mehr zu erkennen. Es klingt, als wäre Halskell sehr krank und könnte nicht mehr richtig aufnehmen, was um ihn herum vor sich geht.

„Halskell, Sie müssen aufstehen! Die Erde ist zu kalt, als dass man ohne Decke darauf liegen könnte. Kommen Sie, ich helfe Ihnen! Ich habe genug Felle ...“

„Ich will John sehen!“, schreit der ehemalige harte Siedler heftig, indem er Bill unterbricht. „Wo ist er?“

Jackson richtet sich auf und lehnt sich an den nächsten Baum. Er blickt umher und sucht nach Halskells Pferd. Er kann es nirgends sehen. Wahrscheinlich hat es seinen Reiter hier abgeworfen und ist fortgelaufen.

„John!“, schreit Halskell. Es schallt durch den Wald und verweht.

Bill bückt sich und will Halskell hochheben. Da trifft ihn dessen Faust ins Gesicht, dass er zurücktaumelt.

In diesem Moment weiß er, dass Halskell den Verstand verloren hat. Er bückt sich wieder, wehrt den nächsten Schlag ab und zerrt den Mann hoch.

„Sie werden hier sterben!“, schreit er ihn an. „Sie müssen zu einem Doc!“

Während er das sagt, denkt er schaudernd daran, dass der nächste Doc in Fort Union zu finden sein wird. Und gerade dorthin will er nicht gehen. Zudem könnte Halskell dort reden, ohne es zu wollen.

Er schleift den schweren Mann zu seinem Lager, legt ihn dort auf die Felle, auf denen er selbst vorhin gelegen hat, und kniet sich neben, ihn. Er flößt ihm einen Schluck Whisky ein, den er aus Santa Fé mitgenommen hat.

Halskell hustet wieder. Er richtet den Oberkörper auf. Das Husten verstärkt sich. Ein dünner Blutfaden rinnt aus seinem Mund über das Kinn und tropft auf das farblos gewordene Flanellhemd. Im Mondlicht sieht das Gesicht des Kranken gelb aus.

Die ganze Nacht geht Halskells Atem rasselnd und abgehackt. Manchmal beginnt er laut nach seinem Sohn zu rufen. Erst gegen Morgen fällt er in einen bleiernen Halbschlaf.

Bill kocht am Morgen Kaffee, den er Halskell einflößt. Das heiße Getränk scheint den Mann etwas zu beleben, und für einen Moment blickt er Bill vollkommen klar an.

„Jackson“, sagt er klar und deutlich. „Wie lange bist du schon hier?“

„Seit gestern Abend.“

„Hast du ...“

„Nein, ich habe ihn nicht gesehen", erwidert Bill. „Sie haben mich oft danach gefragt. Es tut mir leid, Halskell.“

Der Mann lässt sich auf die Felle zurückfallen. Wieder hustet er erstickend, dreht den Kopf zur Seite und schließt die Augen.

„Halskell!“

Der Mann rührt sich nicht.

Bill sattelt sein Pferd, belädt den Maulesel und bindet ihn an. Er zerrt Halskell hoch und schüttelt ihn, bis er auf Bill blickt. Aber dieser Blick scheint durch Jackson hindurchzugehen und in weiter Ferne etwas zu suchen.

„Los, Sie müssen auf das Pferd!“, schreit Bill ihn an, weil er hofft, es könnte auf Halskell Eindruck machen. Er schiebt ihn zu dem Pferd hin und hebt ihm das Bein hoch, das er in den Steigbügel setzt. Dann schiebt er Halskell auf das Pferd, macht die Zügel des Maulesels los und führt beide Tiere in die Prärie hinaus.

*

Die warmen Sonnenstrahlen vergrößern die Grasinseln zwischen dem schmutzigen Schnee immer mehr. Bill führt die Tiere den Weg zurück, den er gestern gekommen ist. Er hält sich etwas weiter südlich.

Als er nach zwei Stunden über einen Hügel kommt, sieht er eine Hütte in der Senke dahinter. Rauch kräuselt sich aus dem offenen Dreieck über der Tür. Das muss eine der Siedlerstellen sein, die es um das Fort geben soll. Gestern muss er zwei Meilen davon nördlich vorbeigeritten sein.

Er zieht die Tiere auf die Hütte zu und sieht eine Frau auf den sandigen Platz vor der Hütte treten, als er sie fast erreicht hat.

Hinter der Frau taucht ein Mann mit einem Gewehr in der Armbeuge auf.

Bill hält die Tiere an und zeigt über die Schulter auf Halskell. Im gleichen Augenblick hört er einen dumpfen Aufschlag und zuckt zusammen. Er dreht sich um.

Halskell ist vom Pferd gestürzt. Reglos liegt er auf dem sandigen Boden.

Der Siedler lehnt sein Gewehr an die Wand. Er folgt Bill, der schon bei dem Gestürzten ist. Gemeinsam tragen sie ihn ins Haus.

Die Frau folgt ihnen, nimmt das Gewehr und schließt die Tür,

Der Siedler richtet sich auf, blickt Bill an und schüttelt den Kopf.

„Er braucht keinen Doc mehr“, sagt er. „In spätestens zwei Stunden ist er tot.“

„Aber was fehlt ihm denn?"

Der Siedler zuckt die Schultern.

„Weiß ich auch nicht. Äußerlich ist nichts zu sehen. Wahrscheinlich die einseitige Kost; ohne Obst, ohne frisches Fleisch und Gemüse. Zuviel alkalihaltiges Wasser. Ein harter Winter, den er wahrscheinlich ungenügend ausgerüstet im Freien zugebracht hat. Und eine seelische Krankheit. Das Herz schlägt kaum noch. Er ist schwachsinnig geworden.“

Bill geht zur Tür und lehnt sich daneben an die Wand. Er blickt den Siedler an und fragt unvermutet: „Sind Sie Arzt?“

Der Mann geht zum Fenster und blickt hinaus, als habe er nicht verstanden.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Laie so eine Diagnose stellen kann.“

„Machen Sie sich keine Gedanken über mich“, knurrt der Mann und dreht sich um.. „Ich bin Siedler, weiter nichts.“

Auch ein Mann, der sein Leben hier draußen mit einer Lüge angefangen hat, denkt Jackson. Er geht hinaus, nimmt die Zügel des Maulesels und steht unentschlossen neben seinem Pferd.

Knarrend bewegt sich die Tür. Der Siedler kommt heraus.

„Sind Sie verwandt mit ihm?“, fragt er.

„Nein.“

„Sie haben ihn gefunden?“

„Ich kenne ihn“, weicht Bill aus.

„Kommen Sie doch wieder herein. Meine Frau hat etwas zu Essen gemacht.“

Bill bindet die Zügel der beiden Tiere zusammen und folgt dem Siedler ins Haus.

Eine Stunde später stirbt Matt Halskell. Die Flucht seines Sohnes hat ihn um den Verstand und dann ums Leben gebracht. Irgendwie hat er John in der entscheidenden Situation nicht zeigen können, wie er wirklich von ihm denkt. Das war sein Fehler gewesen.

Hinter der Hütte hebt Bill mit dem Siedler ein Grab aus.

„Ich habe mit ihm um einen Hügel gekämpft“, sagt Jackson unvermittelt und lässt den Spaten sinken. „Und mit seinem Sohn um ein Mädchen. Bekommen hat keiner, was er wollte.“

„So geht es oft im Leben“, brummt der Mann tiefsinnig und gräbt das längliche Loch tiefer.

Als sie Halskell beerdigt haben und Bill auf seinem Pferd sitzt, tritt der Siedler an seine Seite.

„Sie hatten recht“, meint er. „Ich bin zwar kein Doc, aber ich habe ein entsprechendes Studium absolviert. Nur die Prüfung bestand ich nicht. Deshalb bin ich heute hier. Mein Auftauchen hat schon einige Männer in Verlegenheit gebracht.“

„Wieso?“

„Das kann ich Ihnen leicht erklären: In den letzten zehn Jahren fielen fast die Hälfte aller Medizinstudenten in Missouri beim Examen durch. Ich bin einer davon. Ich habe schon mehrere getroffen, denen es genauso ging wie mir. Sie praktizieren hier draußen als Ärzte und vollbringen die tollsten Sachen, die manchmal als Wunder angesehen werden. Aber es sind keine Wunder. Das primitive Land und die unzulänglichen Mittel zwingen die Männer oft dazu, an bestehenden Tabus zu rütteln. Dadurch gelangen sie zu Erkenntnissen, die andere nicht zu ihrem Erfahrungsbereich zählen können.“

Bill wendet die Tiere um, und reitet schweigend davon. Dieser Mann hat sein Leben also doch nicht mit einer Lüge angefangen, wie er dachte.

*

Es ist ein milder Vorfrühlingstag, als er den Smoky Hill River durchfurtet und über das wellige Land reitet. Er ist noch immer voller Hoffnung, May hier zu finden und nun das nachholen zu können, was er versäumt hat und wovor er sich fürchtete. Er kann nun ruhig wieder Jackson sein. Und sie brauchen ja auch nicht unbedingt nach Fort Union zu reiten. Er hat in Santa Fé davon gehört, dass es weiter im Norden von Fort Union am Trail der Mountain Division noch ein Fort Beut geben soll.

Als er den Hügel sieht, bemerkt er einen Mann, der langsam hinter einem Pflug über den Hang schreitet. Vier Ochsen ziehen den Pflug.

Bill hält sein Pferd an. Ein kalter Schauer rinnt über seinen Rücken.

Rauch quillt aus dem Schornstein, den er einmal aus Grasplacken angefertigt hat.

Kratzig schnalzt er mit der Zunge. Das Pferd und der Maulesel gehen weiter. Der Boden knirscht unter den Hufen.

Er hält fünf Meter vor dem Haus an. Schweiß perlt plötzlich auf seiner Stirn. Er blickt über das Dach der Hütte hinweg auf den Mann oben auf dem Hügel. Er ist so beschäftigt, dass er Bills Ankunft offenbar immer noch nicht bemerkt hat.

Ist es Mays Mann? Hat sie wirklich immer nur um jeden Preis heiraten wollen? Hat er sich etwas eingebildet, das es gar nicht gibt?

Plötzlich kommen zwei Kinder aus der Hütte gerannt und bleiben erschrocken stehen, als sie ihn sehen. Sie müssen ungefähr drei und vier Jahre alt sein. Das ältere, ein Mädchen, schreit auf.

Da kommt eine Frau aus dem Haus gestürzt. Eine verhärmte, dabei noch nicht alte Frau. Sie hat strähniges Haar und eingefallene Wangen. Ihre Hände sehen verarbeitet und faltig aus.

Bill atmet langsam aus.

Es ist also doch nicht May. Irgendwie ist er erleichtert. Er tippt an seinen Hut und lächelt In seinem bärtigen Gesicht wird es kaum sichtbar.

„Guten Tag“, sagt er. „Ich komme aus den Bergen. Ist May hiergewesen?“

Die Frau zieht die Augen zusammen.

„May Bridger?“, fragt er.

Sie scheint nicht zu wissen, von wem er spricht. May war also nicht hier. Er gleitet steifbeinig aus dem Sattel und geht zu der Bank, die er gezimmert hat.

Alles auf dieser Farm kommt ihm fremd und unwirklich vor. Er kann sich nicht mehr recht vorstellen, das hier aufgebaut zu haben. Er setzt sich und bückt die Kinder an, die sich an ihre Mutter drücken und halb unter deren grober Schürze verschwinden.

Plötzlich wird der Hammer eines Gewehres zurückgerissen.

Bill dreht den Kopf. Der Siedler muss das Kind gehört haben. Er steht vor ihm. Sein Gesicht ist verzogen. Seine ganze Haltung strahlt grobe Abwehr aus.

„Was wollen Sie?“, fragt der Mann grollend.

„Ich komme aus den Bergen. Ich bin müde und hungrig. Was soll das mit dem Gewehr?“

„Stehen Sie auf und verschwinden Sie!“, knurrt der Mann. „Es waren schon zwei vor Ihnen da. Jeder versuchte es anders. Aber sie wollten alle das gleiche: den Hügel!“

In Bills Gesicht zeigt sich ein bitteres Lächeln, während er nickt.

„Es werden immer wieder welche kommen“, sagt er. „Der Hügel hat die beste Erde, die es im weiten Umkreis gibt. Jeder erkennt das auf den ersten Blick.“

Der Siedler scheint das ganz anders zu verstehen, als Bill es meinte. Er kommt einen Schritt näher, und sein Gesicht wird noch abweisender.

„Aufstehen!“, knurrt er finster. „Hören Sie nicht? Wollen Sie lieber zur Hölle fahren?“

Bill steht langsam auf. Er blickt die Frau an, die offenbar nicht weiß, wie sie sich verhalten soll. Dann dreht er sich um und schlägt das Gewehr mit einer blitzschnellen Handbewegung zur Seite.

Grollend löst sich der Schuss. Die Kugel fährt in die Stämme der Wand und reißt das trockene Moos aus den Fugen.

Der Siedler ist zurückgesprungen. Rauch kräuselt sich aus der Mündung der Sharps. Das Gesicht des Mannes sieht grau und verkantet aus. Er scheint nicht zu wissen, was er jetzt machen soll. Noch einmal kann er so schnell nicht schießen.

„Lassen Sie den Blödsinn“, meint Jackson. „Einen Mann schießt man nicht einfach nieder, weil er auf ein Stück Land kommt und Hunger hat. Haben Sie eine Landurkunde über diesen Hügel?“

„Landurkunde? Pah! Ich habe hier alles aufgebaut. Ich brauche keine Landurkunde.“

Bill nickt. Er weiß, dass dieser Mann bereit ist, für den Hügel zu kämpfen. Eines Tages wird er diesen Kampf verlieren müssen, weil ihm die Grundvoraussetzung fehlt. Eines Tages wird ein mächtigerer Mann kommen. Und vielleicht einer, der den Besitztitel dann wirklich nachweisen kann, was Matt Halskell nicht gelungen war.

Er blickt die Frau wieder an. Auch ihr Gesicht strahlt eisige Abwehr aus. Er ahnt, dass diese Menschen ein bitteres Leben hinter sich haben. Aber wahrscheinlich wird es hier noch bitterer werden. Gleichzeitig fragt er sich, ob er an dem Hügel überhaupt noch interessiert ist, nachdem er festgestellt hat, dass er May hier nicht finden kann. Auch er würde den Kampf verlieren. Irgendwann.

Im gleichen Augenblick weiß er, dass er die Arbeit allein hier nie mehr machen würde. Eine schwere, entbehrungsreiche und undankbare Arbeit, wie er schon feststellen konnte.

„Ich will den Hügel nicht“, sagt er laut. „Ich bin gekommen, weil ich Hunger habe.“

„Sie suchen nach May", erinnert die Frau kalt.

„Ja, das stimmt“, gibt er zu. „Ich dachte, sie wäre hier."

„Wie soll sie hierherkommen?“, knurrt der Siedler, indem er die Mündung des Gewehres senkt.

Bill dreht sich um.

„Sie hat hier gelebt, ehe im letzten Sommer die Heuschrecken kamen“, sagt er gedehnt. „Sie und ich. Und nicht Sie haben hier alles aufgebaut, sondern ich."

Schweißperlen glitzern plötzlich auf der Stirn des Mannes.

„Sie?“, fragt er. „Können Sie das beweisen?“

„Nein. Ich kann Ihnen nicht einmal beweisen, dass Sie gelogen haben, als Sie sagten, Sie hätten alles aufgebaut. Wenn Sie schon im Herbst gekommen sind, haben Sie noch die Kartoffeln geerntet, die ich nach dem Heuschreckenüberfall steckte. Wir mussten dann fort, weil wir keine Lebensmittel und keinen Fetzen Stoff mehr hatten. Wir gingen nach Fort Union im Südwesten. Ein Indianerüberfall hielt uns auf. Dabei verlor ich May, nach der ich suche.“

Der Siedler blickt an Bill vorbei auf die Frau. Ein heller Funke glimmt in seinen Augen auf.

„Hören Sie zu", meint er. „Wir sind vor drei Jahren aus Europa gekommen. Ich musste fliehen. Da drüben ist ein großer Umbruch im Gange. Revolutionen und Konterrevolutionen erschüttern den alten Kontinent. Ich habe mich mit meiner Familie und dem Geld für die Passage auf eine Brigg gerettet. Wir kamen mit nichts hier an. Ich arbeitete in einer Manufaktur in Harrisburg. Ich brauchte zwei Jahre, um einen alten Wagen und ein Ochsengespann verdienen zu können. Ich bringe Sie um, wenn Sie noch einmal sagen, das hier hätten Sie aufgebaut.“

„Dazu müssten Sie erst das Gewehr laden“, erwidert Bill mit einem milden Lächeln. Er tippt dabei auf den Kolben eines Revolvers, den er im Hosenbund trägt. „Der da ist geladen“, setzt er hinzu. „Aber wie gesagt, ich will den Hügel nicht mehr. Ich habe es hier versucht. Ich habe geschuftet wie ein Sklave auf einer Plantage des Südens. Es hat nichts genutzt. Ich habe nicht gegen einen gekämpft, sondern viele. Dann kamen die Heuschrecken. Vielleicht ist es in diesem Jahr ein Blizzard, mit dem Sie es zu tun bekommen. Dieses Land duldet uns nicht. Kann ich jetzt etwas zu essen bekommen?“

Der Mann nickt der Frau zu. Sie geht in die Hütte. Die Kinder hängen noch immer an ihrer Schürze. Bill geht hinter der Frau her. Er hört hinter sich ein schnappendes Geräusch und weiß, dass der Siedler eine frische Patrone in den Lauf geschoben hat.

*

Der Siedler lehnt an der Wand neben dem Tisch. Es ist noch derselbe Tisch, den Bill einmal gezimmert hat. Alles kommt ihm bekannt vor, und doch ist es ihm fremd.

Er sitzt am Tisch und isst das Maisbrot, das die Frau ihm hingestellt hat.

„Mein Vater hat es in Kentucky versucht und hatte Pech“, sagt er, an den Siedler gewandt. „Ich versuchte es hier, obwohl ich schon gelernt hatte, auf leichtere Art Geld zu verdienen. Ich hatte ein blutjunges Mädchen bei mir und war selbst erst zwanzig. Vielleicht wollte ich ihr oder mir selbst etwas beweisen. Heute weiß ich, dass es Wahnsinn war.“

„Sie wollen uns den Hügel also wirklich nicht streitig machen?“, fragt die Frau.

Bill blickt auf das Gewehr, das der Siedler in der Armbeuge hält. Er denkt daran, dass es wieder geladen ist.

„Nein“, erwidert er. „Wir waren uns doch schon darüber einig, dass ich das nicht kann. Wenn Sie wirklich für immer hierbleiben wollen, dann reiten Sie nach Independence, falls Sie ein Pferd besitzen. Fragen Sie dort,, wo die Besitztitel vergeben werden. Es.kann sein, dass dieser Hügel hier schon vergeben ist. Vielleicht an einen gewissen Matt Halskell. Er war einmal hier und kämpfte gegen mich. Ich war genauso stur wie Sie. Aber tief im Inneren wusste ich, dass ich den Kampf einmal verlieren würde. Wenn Sie das Landbüro finden, dann sagen Sie den Leuten, dass Matt Halskell tot ist. Er liegt in der Nähe von Fort Union auf einer kleinen Farm begraben; Sein Sohn John ist spurlos verschwunden. Vielleicht bekommen Sie das Land. Vor zwei Jahren wurde es kostenlos vergeben.“

„Ich habe kein Pferd“, knurrt der Siedler.

„Dann gehen Sie zu Fuß. Es wird sich bestimmt lohnen. Es werden immer mehr Menschen hierherkommen. Jeder, der einmal hinter einem Pflug gegangen ist, erkennt, was der Hügel wert ist. Natürlich ist es Ihre Sache.“

Bill schiebt den letzten Bissen in den Mund und steht auf.

„Hören Sie zu“, sagt der Siedler. „Vielleicht kann uns der Hügel beide ernähren. Ich glaube Ihnen. Wir ... wir wollen es gemeinsam ...“

„Nein“, unterbricht Bill ihn. Er geht hinaus, und zieht den Sattelgurt an. Als er aufgestiegen ist, bemerkt er die Erleichterung im Gesicht der Frau. Der Mann stellt das Gewehr mit der blanken Kolbenplatte auf den sandigen Boden.

Bill wendet seine Tiere und reitet fort. Wie ein Fremder ist er gekommen und aufgenommen worden. Und wie ein Fremder geht er. Alles war umsonst. Nicht einmal May hat er gefunden.

Er reitet über eine Bodenwelle. Die kleine Farm und der heiß umkämpfte Hügel verschwinden. Als er einmal über die Schulter blickt, kann er nur noch die Spitze des Hügels sehen. Und über die ziehen eben die Ochsen den Pflug. Dahinter geht der Mann aus Europa, von dem Bill nicht einmal den Namen weiß.

Zwei Tage später hält er auf einem Hügelrücken und sieht in der Ferne die weißen Planen von fünf Prärieschonern, die nach Westen ziehen. Vielleicht kommen dort schon die nächsten, die dem Mann und seiner Familie den Hügel streitig machen werden. Ein immerwährender Kampf, dessen Ende nicht abzusehen ist. Und nirgendwo eine Macht, die zu Gunsten einer Gruppe helfend eingreifen würde.

*

Er hat einen Mann getroffen, der ihm sagte, dass in der Schleife, die der Smoky Hill River nach Nordosten macht, Fort Riley zu finden ist. Er hatte zuerst erwogen, nach Independence zu reiten, aber noch immer wagt er es nicht, sich ganz offen jenseits der Grenze zu zeigen.

So kam er eines Tages im Fort an und konnte seine Felle verkaufen. Er bekam vierhundert Dollar dafür. Nicht eben viel, aber immer noch mehr, als ein Farmer verdienen kann, falls er überhaupt etwas verdient.

Er steht noch im Saloon an der Theke, trinkt einen Whisky und überlegt, wohin er sich nun wenden soll. Hat es Sinn, weiter nach May Bridger zu suchen? Er schüttelt in Gedanken den Kopf. Es hat keinen Sinn. Das Land ist unermesslich weit, wie er nun weiß. Es ist ein ganzes Jahr vergangen, seit er sie damals verlassen hat, nachdem er ihr sagte, dass er sie nicht heiraten kann. Eine lange Zeit hier draußen. Nein, es hat keinen Sinn, weiter nach ihr zu suchen.

Er trinkt den Whisky aus, bezahlt und verlässt den Saloon. Drüben beim Barbier lässt er sich die Haare schneiden und den Bart abnehmen. Er betrachtet sich die ganze Zeit dabei im großen Wandspiegel.

Als er hinaustritt, sieht er einen Mann in einer Rohlederjacke, die mit Fransen besetzt ist. Der Mann lungert bei Bills Pferd herum. Jackson erinnert sich, ihn schon vorhin gesehen zu haben.

Als der Mann ihn sieht, schiebt er die Biberfellmütze zurück und grinst. Es ist ein teuflisches Grinsen und kein sehr schönes Gesicht. Der Mann kommt langsam näher.

„Mein Name ist Hank Simpson“, sagt er und grinst immer noch. „Ich komme auch aus den Bergen. Aber ich hatte Pech. Verdammtes Pech!“

„Das tut mir leid“, erwidert Bill schleppend. Er blickt auf das Gewehr, das der Mann in der Hand hält.

„Nicht, dass mir keine Pelztiere über den Weg gelaufen wären“, redet Simpson weiter. „Nein, so war das nicht. Ich wurde beschossen, als ich auf dem Rückweg war, Und zwar von einem Mann, der vorher an meinem Feuer gesessen hatte und mein Fleisch aß. Er hieß John Halskell.“

Bill Jacksons Haltung versteift sich. „Halskell?“, fragt er.

„Ja. Ein junger, wilder Bursche. Er sah gar nicht so aus. Es war dort, wo der Oregon Trail durch die Berge führt. Ziemlich weit im Norden. Er hat mich ganz geschickt ausgehorcht. Dann ritt er fort. Am Morgen fielen die Schüsse. Etwas traf meinen Kopf. Ich muss aus dem Sattel gefallen sein.“

Der Mann zieht die Biberfellmütze mit einem Ruck vom Kopf und zeigt eine lange Schmarre an seiner rechten Schläfe.

„Als ich zu mir kam, waren meine Pferde weg. Drei Stück hatte ich.“

„Woher wollen Sie wissen, dass es der junge Bursche war, der an Ihrem Feuer saß?“

„Ich sah ihn, ehe er schoss. Später wunderte ich mich, dass ich noch lebte. Vielleicht war er doch noch nicht ganz so schlimm und scheute sich davor, einen Bewusstlosen umzubringen. Aber vielleicht war er auch sicher, dass die Wildnis nachholen würde, wozu ihm der Mut fehlte. Wissen Sie, dass es hier draußen kein schlimmeres Verbrechen gibt, als einen Mann in der Wildnis ohne Pferd zurückzulassen?“

„Ich habe davon gehört. Haben Sie versucht, Halskell zu finden?“

„Ja, leider umsonst. Der Erdboden scheint ihn verschluckt zu haben. Ich bin heute davon überzeugt, dass dieses Land mit den Bösen zusammenhält.“ Er lacht rauh und scheinbar unmotiviert. Dann dreht er sich um, macht ein paar Schritte und dreht sich wieder um. „Wohin reiten Sie?“

„Nach Süden“, sagt Bill, obwohl er sich nicht klar ist, wohin er reiten will.

„Texas?“

„Kann sein. Ich weiß es noch nicht genau.“

Der Mann dreht sich um und geht weiter.

Bill blickt ihm nach. Er sieht ihn in einem langgestreckten Schuppen verschwinden und mit einem struppigen, durchgebogenen Pferd zurückkommen. Simpson steigt in den Sattel und reitet aus dem Fort. Bill kann genau sehen, dass der Mann außer dem Gewehr offenbar keine Waffe hat. Hinter seinem Sattel ist eine farblose Decke festgeschnallt. Sonst nichts.

Bill geht über den Platz zum Saloon hinüber. Er denkt an Texas, und an das, was er über dieses Land hörte. Er hat überhaupt keine Vorstellung über das, was er nun anfangen soll.

Er geht bis zur Theke und verlangt Whisky. Er schmeckt hier viel schlechter als am Mississippi. Aber er hat sich daran gewöhnt.

„Da ist ein Buch erschienen, das von einem Sklaven handelt, der von der Plantage geflohen ist, auf die er gehörte“, sagt ein Mann rechts von ihm. „Ich wette, das wird noch mehr böses Blut machen. Und ich sage euch, eines Tages bricht ein Bürgerkrieg aus! Will jemand die Wette halten?“

Ein paar andere Männer brummen unverständlich.

„Dann wollen wir uns nur weiter nach Westen absetzen“, meint schließlich einer aus der Gruppe. „Dort wird es keinen Bürgerkrieg geben.“

„Dafür werden die Indianer immer verrückter“, sagt der Sprecher, der zuerst gesprochen hatte. „Es hat sich bis zum letzten Stamm herumgesprochen, dass die Siedler die Grenze wie einen Horizont vor sich herschieben."

Bill trinkt noch einen Whisky und bezahlt. Er wird doch nach Süden reiten und sich Texas ansehen. Dabei denkt er an May, ohne sich das einzugestehen.

Er geht hinaus und blickt zum Stand der Sonne. Zehn Meilen kann er heute bestimmt noch zurücklegen.

*

Bill Jackson hält sein Pferd an, als er die Hütte unten im Tal sieht. Der kleine Bach macht einen Bogen darum. Eigentlich ist es keine Hütte, denkt er, als er genauer hinblickt. Sie besteht zum Teil aus übereinandergesetzten Grassteinen, aus Brettern und aus Blech, auf dem sich die Strahlen der Sonne brechen. Sie steht noch tief im Osten, die Sonne. Gestern hat er das Fort verlassen. Und er hat eine Spur gesehen, die seinen Weg mehrmals kreuzte. Erst vorhin sah er sie wieder. Ein Pferd mit abgelaufenen. Eisen hat sie gezogen.

Da unten vor der Hütte steht ein Pferd; ein durchgebogener Klepper, wie Simpson einen ritt.

Plötzlich kracht ein Schuss. Surrend streicht die Kugel rechts von Jackson durch das Gras.

Er ist mit einem jähen Satz aus dem Sattel. Da fällt der zweite Schuss. Das Pferd wiehert und jagt vorwärts. Es biegt nach links ab und will offenbar hinten um die Hütte herum.

Bill sieht einen Mann aus der Hütte rennen. Es ist Simpson, dem die Biberfellmütze schief auf dem Kopf sitzt.

Der Mann zieht seinem struppigen Pferd die Zügel über den Kopf und springt in den Sattel. Er dreht das Pferd und reitet auf Bills Tier zu.

Jackson greift in den Hosenbund und zieht den Revolver heraus. In dem Moment, in dem er ihn hebt, weiß er, dass die Entfernung für diese Waffe zu groß ist.

Er lässt den Revolver wieder sinken.

Simpson hat das Pferd erreicht, greift nach den Zügeln und zieht es weiter fort.

Bill steht auf. Er hat kein Gewehr. Es hängt an einem Riemen am Sattelhorn. Ein hartes Lächeln spielt in seinem Gesicht, als er sieht, wie Simpson die Satteltasche öffnet, die an den McClellan-Sattel fest angenäht ist.

Dort wird er das Geld nicht finden. Bill hat es bei sich. Nun weiß er ganz genau, um was es geht. Er sieht Simpsons Kopf hochrucken. Er dreht sich im Sattel, hebt das Gewehr und schießt wieder.

Bill schiebt sich zurück, bis er hinter der Hügelkuppe liegt. Er schiebt das Gras auseinander, um den Mann besser sehen zu können.

Wieder kracht ein Schuss. Harmlos streicht die Kugel vorbei.

Da sieht Bill, wie Hank Simpson die beiden Pferde dreht und näher kommt. Er wechselt in den Sattel von Bills Pferd und lässt das andere zurück. Es ist ihm anscheinend zu langsam.

Bill lässt das Gras vor sich los und rollt sich zweimal um seine eigene Achse. Er hört den anschwellenden Hufschlag. Wieder kracht ein Schuss, und die Kugel schlägt dort in den Boden, wo er vorhin noch gelegen hat.

Bill hebt die Hand mit dem Revolver, den er einmal von Matt Halskell bekam. Grollend fährt die Kugel aus dem Lauf, trifft Simpson und wirft ihn aus dem Sattel. Abermals wiehert das Pferd schrill und rast weiter.

Jackson springt auf und läuft zu Simpson hinüber. Als er ihn im Gras sieht, blickt er in dessen Revolver und hört das abgehackte scharfe Atmen des Mannes. Ein irres Licht brennt in den Augen des ehemaligen Jägers.

Bill wirft sich zurück. Singend streicht die Kugel über das Land. Ein ächzender Laut ist zu hören. Bill wagt sich langsam wieder vor.

Simpsons Hand mit der rauchenden Waffe ist nach unten gesunken. Sein Blick verschleiert sich.

Bill kniet neben ihm nieder. Simpson blickt ihn an. Er versucht zu lächeln.

„Ich wollte wie John Halskell werden“, sagt er schwer. „Aber das Land scheint doch nicht … mit den Bösen zu sein.“

Jackson blickt den Mann an, ohne etwas zu sagen.

„Ich habe den Alten in der Hütte nieder ... geschlagen“, stößt Simpson schwer hervor. „Ich war so enttäuscht damals, dass ich ein Schuft ... werden musste."

Hank Simpsons Kopf dreht sich langsam zur Seite. Bill wartet. Er denkt, dass der Mann ihn wieder ansehen und noch mehr sagen wird. Aber als das nicht geschieht, greift er zögernd nach dem Kopf und dreht ihn zurück. Er schaut in graue, glasige, gebrochene Augen.

Er steht auf und blickt umher. Die beiden Pferde haben sich ein Stück entfernt und grasen friedlich. Er nimmt an, dass sie bald zum Bach kommen werden. Er hebt Simpson hoch und trägt ihn zur Hütte hinunter. Davor lässt er ihn zur Erde sinken. Er wirft einen Blick in den Raum hinein, dessen Tür einmal aus einer Plane bestand, die jetzt auf dem Boden liegt.

Auf dem festgestampften Boden liegt ein Mann mit dem Gesicht nach unten. Es muss sich um einen alten Mann handeln. Er steckt in zerlumpten Kleidern. Sein Haar ist schlohweiß und reicht bis auf die Schultern.

Bill geht näher und dreht den Mann herum. Erschrocken fährt er zurück.

„Carpenter“, murmelt er. „Yancey Carpenter.“ Er lehnt sich gegen die morsche Wand, aus der der muffige Geruch zu kommen scheint, der die ganze Hütte erfüllt.

Der Mann hat einen hässlichen, klaffenden Riss am Kopf, aus dem Blut gelaufen ist. Simpson hat mit etwas nach ihm geschlagen. Vielleicht mit dem Kolben des Gewehrs.

Carpenter hat das eine Auge geöffnet. Das Lid des anderen scheint er nicht mehr hochziehen zu können. Hass glitzert in dem offenen Auge.

„Du Schuft!“, sagt der Mann, und Bill rinnt ein Schauer über die Wirbelsäule. „Warum hast du das gemacht? Ich habe nichts."

Bill weiß, dass Carpenter ihn für den Mann hält, der ihn niederschlug. Er schüttelt den Kopf.

„Ich war es nicht“, sagt er leise. „Simpson war hier. Ich habe ihn erschossen. Draußen vor der Hütte liegt er. Ich bin Jackson!“ Er beißt sich auf die Unterlippe.

„Jackson?“, fragt Carpenter. Er versucht, sich hochzustemmen, sinkt aber auf den harten Boden zurüdc. „Ich kannte mal einen Jackson“, murmelt er gepresst. „Einen Bill Jackson! Ich habe ihn gehasst und gejagt. Dann wurde er von Indianern getötet. Er muss ungefähr so alt gewesen sein wie du.“

Der alte Mann versucht sich wieder hochzustemmen und sinkt abermals zurück.

Bill macht keine Bewegung, um ihm zu helfen. Er steht wie gelähmt. Plötzlich denkt er daran, dass Carpenter niemals gewusst haben kann, wie er aussieht. Und nun glaubt er nicht, dass er er selbst ist.

„Der Hass hatte mein ganzes Denken ausgefüllt“, sagt der alte Mann. „Ich merkte nicht, dass ich dabei zu einem Wilden geworden war. Als Jackson dann tot war und ich das Grab sah, in dem er und die anderen liegen, da spürte ich keine Genugtuung. Er hatte meine Tochter an seine Seite gezogen und meinen Sohn ermordet.“

Bill will sagen, dass es kein Mord war, sondern ein faires Duell, zu dem Jules ihn gezwungen hat, aber er bringt kein Wort über die Lippen. Woher soll er das auch wissen, da er doch gar nicht der Jackson ist, der irgendwo im Westen in der kalten Erde liegt.

„Ich kehrte nach Missouri zurück“, spricht der alte Mann mühsam weiter „Dort sagte man mir, dass ich ein Wilder geworden bin. Sie lachten über mich. Und meine Tochter war fort. Verschwunden mit dem Mann, den sie nicht heiraten sollte, weil er sein Examen nicht bestanden hat. Mich jagten sie davon. Der Hass traf mich selbst. Ausgestoßen! Ein Wilder!"

Er lacht rau und kehlig und versucht sich wieder aufzurichten. Es gelingt ihm nicht.

Seufzend sinkt er zurück und schließt das eine Auge. Dann öffnet er sie plötzlich beide. Er schaut Bill Jackson klar an, und der erschrickt abermals. Aber Carpenter erkennt in ihm nicht den Mann, den er verfolgt hat. Er scheint felsenfest davon überzeugt zu sein, dass jener Bill Jackson tot ist.

*

Zwei Tage später beginnt die Wunde an Carpenters Kopf zu eitern, Rasch geht es mit ihm bergab. Eine Woche später ist er nur noch der Schatten seiner selbst.

Noch eine Woche später verliert er das Bewusstsein und stirbt nach wenigen Tagen, ohne noch einmal zu sich gekommen zu sein.

Dort, wo Bill Hank Simpsons sterbliche Überreste begraben hat, hebt er ein zweites Grab aus. Er rollt Yancey Carpenter in die Decke, die einmal als Tür der Hütte gedient hat, und legt ihn in die Grube. Dann füllt er die Erde auf und fertigt aus zwei Brettern ein Kreuz an.

Beide liegen nebeneinander; ganz friedlich.

Der Wegelagerer, der gedacht hat, nur die Guten müssten in diesem Land früh sterben.

Und der hartherzige Richter, der bis zuletzt von einem Mord gesprochen hatte. Seine Kälte und Unduldsamkeit hatten ihn schließlich selbst geschlagen.

Zwei schlichte Gräber in der großen amerikanischen Wüste, die die Menschen, die sich hineinwagten, auf eine seltsame, fast grausame Art verändert und für alle Zeiten abgestempelt.

Bill kehrt zur Hütte zurück und wirft den Spaten daneben an der Wand nieder. Er geht in die Hütte hinein und blickt suchend umher. Da drüben auf der durchgedrückten Pritsche liegt eine Satteltasche aus sprödem Leder. Sie muss Carpenter gehört haben. Er nimmt sie an sich, während er an Alice denkt. Es gelingt ihm nicht mehr, ihr Bild vor seine Augen zu ziehen. Vielleicht ist irgend etwas in der Tasche, das er ihr zukommen lassen müsste.

Zugleich denkt er daran, dass Carpenter selbst nicht wusste, wohin sich seine Tochter gewandt hat. Sie ist jedenfalls mit jenem Mann gegangen, der Hiram Arcon heißt. So hatte der Advokat damals vor dem Duell gesagt.

Er öffnet die Tasche. Ein paar Geldscheine liegen darin und zwei Briefe.

Bill faltet den ersten auseinander. Er liest:

Lieber Dad!

Irgendwann wirst Du vielleicht wieder nach Hause kommen. Irgendwann muss Dich der Hass auf den Mann, der Jules erschoss, weit getrieben haben. Aber mich findest Du dann nicht mehr vor. Ich habe Hiram geheiratet, auch wenn Du es verboten hast, weil er sein Examen nicht bestand. Wir gehen nach Westen. Hiram sagt, das Land wäre so groß, dass Du uns niemals finden wirst. Vielleicht hat er recht. Es tut mir leid, dass nun alles so gekommen ist. Aber schon damals sagte ich Dir, Du solltest Dich vom Hass nicht zu weit forttreiben lassen. Jules hat das Duell gesucht. Er ist selbst schuld.

Suche nicht nach uns. Hiram und ich lassen alles hinter uns zurück. In ein paar Jahren werde ich Dir wieder schreiben. Vielleicht denkst Du dann anders über alles.

Hannibal, den 10. 4. 59

Deine Tochter Alice.“

Bill faltet den Brief zusammen und schiebt ihn in die Tasche zurück. Das ist also Alice Carpenter. Ein leichtsinniges Mädchen mit einem reichen Vater und einem wilden Bruder. Und dann war sie mit einem verkrachten Studenten zusammen in ein fremdes, wildes Land gegangen, das beide nicht kannten.

Er blickt den zweiten Brief an und faltet ihn auseinander. Das Papier zittert zwischen seinen Fingern, als er erkennt, dass der Brief von May Bridger geschrieben ist.

Richter Yancey Carpenter, Ft. Gibson.

Sie kennen mich nicht, Mr. Carpenter. Aber Sie haben mich schon gesehen. Ich saß einmal auf einem Wagen und fuhr mit Bill Jackson nach Fort Union. Sie begegneten uns, erkannten aber Bill nicht.

Er ist tot. In der Nähe von Fort Union können Sie sein Grab finden. Alle Leute im Fort wissen, wo es ist. Mir hat man gesagt, die Toten wären nicht mehr zu erkennen gewesen. Sogar die Kleider sollen die Indianer ihnen weggenommen haben. Aber Jackson ist unter ihnen. Zwei Männer bestätigten es.

Ich habe gestern gehört, dass Sie hier in der Stadt sind. Die Leute sollen nicht sehr freundlich zu Ihnen sein. Vielleicht hörten Sie schon davon, dass man es hier draußen nicht schätzt, wenn ein Mann jahrelang hinter einem anderen herreitet, der nur sein Leben verteidigt hat. Sehen Sie sich das Grab an, und dann freuen Sie sich, dass Sie einen Sieg errungen haben.

Wenn Sie diesen Brief bekommen, bin ich schon fort. Ich habe Bill Jackson geliebt. Wir hätten geheiratet, wenn Sie nicht gewesen wären. Aber vielleicht hätten wir uns dann auch nie getroffen. Ich möchte Sie hassen, aber ich kann es nicht. Ich werde zum Tennessee River gehen, wo ich noch Verwandte habe. Sie kennen mich kaum. Aber vielleicht erinnern Sie sich doch an mich.

May Bridger.“

Bill faltet den Brief zusammen und steckt ihn ebenfalls in die spröde Ledertasche zurück. Auch das Geld schiebt er wieder hinein.

Er wird nach Südosten gehen. Er wird May suchen. Und irgendwo wird er die Tasche verpacken und der Post übergeben, die sie nach Hannibal bringen soll. Vielleicht gibt es dort noch einen Menschen, der sich dafür interessiert.

Entschlossen geht er hinaus und fängt die Pferde ein, die schon vor Tagen zurückgekommen sind. Sein Pferd sattelt er, das andere zieht er an den Zügeln hinter sich her.

*

Während Bill Jackson nach Südosten reitet, um May Bridger zu suchen, geschehen Dinge, die ihn gegen seinen Willen in ihren Strudel reißen.

Im November desselben Jahres, als er am Tennessee River nach May sucht, wird Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Bereits einen Moment später, als er sie immer noch nicht gefunden hat, erklärt Südcarolina seinen Austritt aus dem bestehenden Bund der Staaten. Die Staaten der Baumwollplantagen am Golf von Mexiko folgen diesem Beispiel und schließen sich am 8. Februar 1861 zu den „Konföderierten Staaten von Amerika“ zusammen.

Im März wendet sich Abraham Lincoln in einer flammenden, leidenschaftlichen Rede gegen die ungesetzliche Sezession des Bundes, die er für ungültig erklärt.

Aber es ist schon zu spät.

Am 12. April eröffnen die Kanonen der Südstaaten das Feuer gegen die unionstreue Besatzung von Fort Sumter im Hafen von Charleston.

Und Bill Jackson hat May Bridger immer noch nicht gefunden, obwohl er entlang des Flusses von Plantage zu Plantage und von Stadt zu Stadt reitet. Als er einsieht, dass er sie hier niemals finden wird und umkehren will, ist es auch für ihn zu spät.

Präsident Jefferson Davis, das Haupt der Konföderierten, ruft alle waffenfähigen Männer zu den Fahnen. Sie sind dem Norden gegenüber zu schwach, als dass sie auch nur einen Mann fortreiten lassen könnten.

So kommt es, dass Bill Jackson von den Ereignissen überrollt wird, als er auf dem Weg nach Westen in Memphis am Mississippi ankommt.

Tobende Menschen, die Fahnen schwenken, stehen überall in den Straßen und blockieren jeden Weg. Hurrarufe werden laut. Kirchenglocken läuten.

Er versteht das alles nicht und will weiter. Seit Jahren hat er nicht mehr so viele Menschen auf einem Fleck gesehen. Aber er steht eingekeilt zwischen ihnen und weiß nicht, wo seine beiden Pferde geblieben sind. Ein Sog zieht ihn mit sich, spült ihn in eine Kaserne hinein und in einer erdbraunen Uniform nach Tagen wieder aus dieser hinaus.

Er, ein Mann des Sattels, marschiert in einer dichten Kolonne im wallenden Staub und spürt seine Füße bald nicht mehr. Er hört die anderen ein Lied singen, das er nicht kennt.

Der Mann neben ihm erzählt ihm etwas von den „Yankees“, die er offenbar grenzenlos verachtet. Bill Jackson versteht auch das nicht. Er fragt sich, wofür sie eigentlich kämpfen, als er das erste Gefecht hinter sich hat.

Niemand kann es ihm so erklären, dass er es versteht. Er gibt es auf, danach zu fragen. Er muss weiter mit, baut Schützengräben und stürmt Festungen, hinter denen ein Feind liegt, den er nicht kennt. Und als er über alles genau nachdenkt, fällt ihm ein, dass er seiner Abstammung nach ein Mann aus Kentucky ist, der auf der falschen Seite steht.

Aber auch das nützt ihm nichts mehr. Zugleich weiß er, dass er sich auf der anderen Seite dieser Front ebenfalls nicht wohl fühlen würde.

Er gehört in den Westen. In die Wüste! Er hat weder hier noch auf der anderen Seite etwas verloren. Er sinnt darüber nach, wie er sich aus diesem tödlichen Strudel befreien könnte. Doch er hat im Moment nicht einmal ein Pferd, um fliehen zu können.

Am 2. Juli 1861 entbrennt längs des Bull Run, knapp dreißig Meilen von der Bundeshauptstadt Washington entfernt, die Schlacht. Aber der erste, wilde Frontalangriff der Südstaatler droht im konzentrierten, donnernden Kanonenfeuer der Massachusetts-Regimenter zusammenzubrechen.

Die Texaner unter Jackson sind es, die wie ein Steinwall im Feuer stehen und keinen Boden mehr preisgeben. Sie stürmen vorwärts, und bald danach liegen die Fahnen mit den Sternen und Streifen zerfetzt und zertreten auf dem Boden.

Bill Jackson spürt einen heißen Schlag an der Hüfte. Feuerreigen tanzen vor seinen Augen. Er schlägt auf den Boden und fühlt, wie sein Blut aus dem Körper tropft.

Sinnlos niedergeschossen.

„Stonewall Jackson!“ hört er eine Stimme irgendwo rufen.

Plötzlich wird er hochgehoben. Noch immer fallen Schüsse, Schreie erschallen und Pferde wiehern in Todesangst.

Bill Jackson erkennt ein Gesicht unter einer Mütze über sich. Er wird auf einen Wagen geladen. Das Gesicht lächelt ihm zu.

„Sei froh, Kamerad", sagt der Mann. „Du hast Schwein gehabt. Viele halten das nicht. Du kannst das Ende des Krieges nun in einem Spital abwarten.“

Rumpelnd setzt sich der Wagen in Bewegung. Die Wunde an der Hüfte brennt höllisch. Das Kampfgetümmel bleibt zurück und schallt schließlich weit entfernt und unwirklich in seinen Ohren.

ENDE

Gesetzlose Städte, raue Männer: Alfred Bekker präsentiert 9 Western

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