Читать книгу Gesetzlose Städte, raue Männer: Alfred Bekker präsentiert 9 Western - R. S. Stone - Страница 21
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ОглавлениеDeputy Sheriff Emmett Hawkins sah schlecht aus. Sein Gesicht hatte eine fast gelbliche Farbe angenommen, es war eingefallen und die Backenknochen sprangen spitz hervor. Die Augen lagen in tiefen, dunklen Höhlen und musterten mich mit leerem Blick. Der Doc hatte mir, ehe wir das Krankenzimmer betreten hatten, noch einmal bestätigt, dass Hawkins Beine wohl für immer gelähmt sein würden. Es war ein Fall, der an Tragik kaum zu überbieten war. Hawkins war um die dreißig Jahre alt …
Ich zog mir einen Stuhl ans Bett, setzte mich und sagte: „Sie machen ja Sachen, Deputy. Aber Sie leben, und alles andere wird werden.“
Irgendwie spürte ich selbst, wie nichtssagend, phrasenhaft und banal meine Worte waren.
Der Deputy lächelte verkrampft. „Nichts wird werden, Marshal. Der Doc hat mich aufgeklärt. Ich muss es akzeptieren.“
Sein Lächeln war erloschen, er schaute mich mit dem Ausdruck eines Mannes an, der abgeschlossen hatte.
„Das Leben geht weiter“, murmelte ich. „Lediglich die Bedingungen ändern sich. – Haben Sie eine Ahnung, wer auf Sie geschossen haben könnte?“
Hawkins fuhr sich mit der Zungenspitze über die spröden Lippen, dann antwortete er: „Channing ist manchmal eine wilde Stadt. Menschen kommen in die Stadt, die einen bleiben, die anderen verschwinden wieder. Es waren viele Radaubrüder, Schläger, Revolverhelden und Falschspieler in der Stadt, und einer ganzen Reihe von ihnen habe ich die Flötentöne beigebracht. So mancher hat geschworen, es mir heimzuzahlen.“
„Kann es sein, dass Sie jemand im Weg waren?“, griff ich den Gedanken auf, den der Stallmann geäußert hatte.
„Tja, diese Frage habe ich mir auch schon tausendmal gestellt“, murmelte Hawkins mit lahmer, geradezu brüchiger Stimme. „Fakt ist, dass draußen am Mustang Creek die Stimmung ziemlich explosiv ist. Die Diamant-J Ranch ist gegen die Besiedlung des Landes zu beiden Seiten des Creeks. Die Siedler und Heimstätter haben Zäune gezogen und das Vieh der Diamant-J muss weite Umwege in Kauf nehmen, um zur Tränke zu gelangen. Es ist vorgekommen, dass die Longhorns die Zäune einfach niedergetrampelt haben und über das Siedlungsland zum Fluss gezogen sind.“
„Der Stallmann hat mir erzählt, dass es noch nicht zu Gewalttätigkeiten gekommen ist.“
„Das entspricht den Tatsachen – zumindest nicht zu Gewalttätigkeiten gegen die Siedler und Heimstätter. Doch hege ich den Verdacht, dass die Rinder die Zäune nicht von sich aus niedergetrampelt haben, sondern dass man die Zäune niedergerissen und die Rinder auf das Siedlungsland getrieben hat. Man will die Siedler zermürben.“
„Haben Sie etwa in dieser Hinsicht ermittelt?“, erkundigte ich mich.
Der verletzte Deputy nickte. „Ja.“
„Wer ist ‚man’?“, schoss ich sogleich die nächste Frage ab und ahnte die Antwort bereits.
„Glenn Jensen. Allerdings habe ich nichts gefunden, was ihn belasten könnte. Aber ich bin überzeugt, dass er versucht, die Siedler von ihrem Grund und Boden zu vertreiben. Und ich denke auch, dass ich Jensen die Kugel in den Rücken zu verdanken habe.“
„Ein schwerwiegender Verdacht“, konstatierte ich. „Aber sicher nicht von der Hand zu weisen. Wo lauerte Ihnen der Heckenschütze auf, Deputy?“
„Hier in der Stadt. Es war kurz vor Mitternacht und ich machte meinen letzten Rundgang. Der Halunke stand in der totalen Finsternis zwischen zwei Gebäuden, ich hingegen bewegte mich am Rand der Fahrbahn im Mond- und Sternenlicht. Die Kugel sollte mich töten. Nun, ich fühle mich wie tot – auch wenn noch Leben in mir ist. Der Schütze hat also seine Mission erfüllt.“
Die letzten Worte fielen verbittert und ich glaubte, mit Emmett Hawkins fühlen zu können. Mit dem Wissen leben zu müssen, nie wieder laufen zu können, musste niederschmetternd sein.
„Erzählen Sie mir mehr über Glenn Jensen“, bat ich.
Hawkins nagte kurz an der Unterlippe, dann antwortete er: „Jensen ist Ende vierzig, über sechs Fuß groß und wiegt wohl zweihundert Pfund. Soviel zu seiner Erscheinung. Zu seinem Charakter kann ich Ihnen mehr sagen, Marshal. Unduldsam, hart wie Stahl, kompromisslos, ohne Skrupel, unerbittlich … Es gäbe sicher noch einige negative Merkmale, die auf ihn zutreffen. Das ist Jensen. Er kam vor zwei Jahren nach Channing und innerhalb dieser kurzen Zeit hat er nahezu die ganze Stadt übernommen.“
Diese Sorte Mensch war mir zur Genüge bekannt. Sie schrieb ihre eigenen Gesetze und praktizierte sie. Wer nicht für sie war, war ihr Feind, und ihre Feinde wurden gnadenlos eliminiert – auf diese oder jene Weise. „Der Stallmann hat mir berichtet, dass Jensen in der vergangenen Woche Zulauf bekommen hat“, sagte ich. „Er sprach von vier Kerlen, und er verglich sie mit zweibeinigen Wölfen.“
„Ich habe davon gehört“, murmelte der Deputy. Das Gespräch mit mir strengte ihn sichtlich an. Seine Mundwinkel zuckten, über seine Augen schien sich ein trüber Schleier gelegt zu haben. „Das Quartett soll einige Male mit Cole Ferguson, dem Vormann der Diamant-J gesehen worden sein.“
„Cole Ferguson?“
„Er kam mit Jensen ins Land und ist gewissermaßen seine rechte Hand, sein williger Handlanger. Er räumt für Jensen die Hindernisse aus dem Weg. Ich möchte fast sagen, er ist aus demselben Holz geschnitzt wie sein Boss. Man munkelt, dass bei ihm in früheren Zeiten der Colt ziemlich locker gesessen haben soll. Ferguson ist sicherlich mit Vorsicht zu genießen.“
Ich erhob mich. „In Ordnung. Ich werde mich hier darum kümmern, dass die Verhältnisse geordnet bleiben und das Gesetz respektiert wird. Und ich werde nach dem feigen Schützen suchen, der ihnen das Stück Blei in den Rücken geschossen hat.“
„Es ist ein Spiel mit dem Feuer“, gab Hawkins zu verstehen. „Wenn man versucht hat, mich aus dem Weg zu räumen – wovon ich persönlich hundertprozentig überzeugt bin -, wird man es auch bei Ihnen versuchen, Marshal.“
„Haben Sie mit jemand über Ihren Verdacht gesprochen?“, wollte ich wissen.
„Nein. Man darf in Channing niemand mehr vertrauen. Ich habe die traurige Erfahrung machen müssen, dass die meisten der Bürger, vor allem diejenigen, die selbst von sich behaupten, gerecht, ehrenhaft, integer und gottesfürchtig zu sein, Jensen hinten hineinkriechen. Er ist der Starke hier, und sie hängen ihre Fahne in seinen Wind.“
Ich glaubte genug zu wissen. „Ich kann auf mich Obacht geben, Hawkins“, knurrte ich. „Ihnen wünsche ich, dass Sie bald wieder genesen und – Ihr Schicksal annehmen. Sie können es nicht mehr ändern, aber Sie können das Beste daraus machen.“
„Danke, Marshal. Seien Sie auf der Hut. Gegen eine Kugel aus dem Hinterhalt sind auch Sie nicht gefeit.“
Ein düsteres, unheilvolles Omen. Aber ich hatte es gelernt, mit der Gefahr zu leben. Der Tod war seit vielen Jahren mein ständiger Begleiter. Wir waren längst auf Du und Du. Ich verabschiedete mich, zog draußen meine Stiefel an, nahm meine Satteltaschen und die Winchester und stapfte durch den Schlamm hinüber zum Hotel.
Am Rande der Main Street registrierte ich zwei leichte Fuhrwerke, sogenannte Schlutter-Wagen, die vor dem General Store standen. Solche Gefährte verwendete die Armee, sie wurden aber auch auf Ranches und Farmen eingesetzt. Ihre Transportkapazität betrug eine Tonne und sie waren verhältnismäßig leicht zu manövrieren.
Die beiden Fahrzeuge hatten, als ich in die Stadt gekommen war, noch nicht dagestanden.
Meine Gedanken arbeiteten. Wenn Jensen dahintersteckt, dachte ich, dann hat er sich mit dem Mord an dem Gesetzeshüter freie Bahn schaffen wollen. Emmett Hawkins’ Ruf ist einwandfrei. Er ist unbestechlich und aufrecht, er war die zähmende Hand in Channing. Wenn Jensen irgendwelche Schweinereien im Schilde führte, musste er befürchten, dass ihm Hawkins in die Suppe spuckt. Und darum sollte der Deputy sterben.
Leider war das alles im Moment reine Spekulation.
Nun, ich würde nicht ruhen, bis ich Licht ins Dunkel gebracht hatte. Das schwor ich mir auf dem Weg zum Hotel.