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6 Donnerstag, 1. November, 19.05 Uhr

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Joachim Walter hatte an diesem Tag keine Lust, wahlweise mit der schwer vorhersehbaren Kochlust seiner Ehefrau oder den Tücken einer zeitaufwändigen eigenen Speisezubereitung in der heimischen Küche zu kämpfen. Vorsichtshalber hatte er sich deshalb auf der Heimfahrt einen Dönerteller gegönnt. Gleich nach der Ankunft in seinem Haus war er auf seinem Lieblingsplatz, dem großen Ohrensessel, versunken und betrachtete sich selbst in den großen Glasscheiben des Wintergartens. Die dahinter liegenden Peenewiesen am Rande von Karlshagen waren in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen. Er fühlte sich am Ende dieses Arbeitstages zerschlagen, spürte eine ungewohnte Leere im Kopf. Das Alter verlangte wohl seinen Tribut, wie ihm auch das Spiegelbild bestätigte.

Im seinem Büro am Marktplatz der Stadt Usedom, die der Insel einst den Namen gab, stand heute das Telefon nicht still. Die Gedanken an den Grund dafür beherrschten ihn immer noch und hatten den Triumph seiner Laufbahn völlig in den Hintergrund gedrängt.

Joachim Walter wurde zwei Tage zuvor als der erste Bürgermeister der neu geschaffenen Gemeinde Insel Usedom in sein Amt eingeführt. Ausgerechnet er, ein Zugereister. Stolz erfüllte ihn. Als Ort der Festlichkeit hatte der frisch gewählte Amtsträger das große Hotel Baltischer Hof in Zinnowitz gewählt.

Die Gedanken an den Weg zu diesem Amt schufen das Gerüst für ein beinahe melancholisches Wohlgefühl, mit dem er den Festakt bestritt. Das Bewusstsein, im letzten und wohl bedeutendsten Abschnitt seines Berufslebens angekommen zu sein, erfüllte jede Faser seines Körpers.

Der Regionalsender ARGUS-TV aus Wolgast zeichnete die gesamte Veranstaltung auf. Zum Abschluss der Zeremonie füllten seine würdevollen Worte den Raum, wurden von den modern gefärbten Wänden in jeden Winkel geworfen, so dass sich keiner der Anwesenden ihnen entziehen konnte. „Ich versichere Ihnen, verehrte Anwesende, dass ich meine ganze Kraft…“, die beiden letzten Worte artikulierte er auch mit einer solchen, „in den Dienst der neuen Gemeinde Insel Usedom stellen werde.“

Mitten hinein in den einer Sinfonie ähnelnden Nachklang ertönte plötzlich eine Dissonanz mit schmerzhafter Frequenz.

Herr Bürgermeister, wie stehen Sie zu den neuen Plänen, den Deich am Peenestrom abzureißen?“ Im Saal breitete sich schlagartig Stille aus. Die knisternde Spannung des Augenblicks entlud sich wie durch einen Funkenschlag zu einem Nichts. Walters Gemütszustand sank wie ein Stein, die Gesichtszüge entgleisten und blieben in dieser Position für Sekundenbruchteile eingefroren. Seine Verhaltensreflexe als Beamter waren schnell wieder aktiv und zauberten ein Lächeln in seinen Blick, das aber um die Augen einen großen Bogen machte. Fieberhaft suchte er nach der passenden Reaktion.

Der Moderator der Feier kam ihm zuvor, erhob sich würdevoll und sandte einen energischen Blick zu dem Zwischenrufer.

Herr… ich kenne Ihren Namen leider nicht, haben Sie bitte Verständnis dafür, dass heute keine Diskussion vorgesehen ist.“

Hier griff Joachim Walter aber schon ein. „Herr Henkelmann, Ich kann Sie beruhigen, bitte kommen Sie im Anschluss zu mir.“

Walter kannte den ehemaligen Offizier als Vorsitzenden des Heimatvereins Peenemünde.

Der Moderator löste die Situation auf, indem er die Anwesenden zum Büffet in den Nebenraum bat. Auf dem Wege dorthin trat ein elegant gekleideter etwa sechzigjähriger Mann zu Walter und sprach ihn direkt an. „Einen Moment bitte, Herr Walter.“ Er überreichte ihm seine Visitenkarte und blickte ihm in die Augen. Walter murmelte leise den Namen vor sich hin. „Erich Bernecker, Referent der Staatskanzlei…“, um dann mit fester Stimme zu fragen: „Was kann ich für Sie tun?“ Bei den letzten Worten blickte er sein Gegenüber neugierig an.

Bernecker ignorierte die Frage. „Sie müssen unter allen Umständen dieses Gerücht über einen Deichabriss aus der Welt schaffen, ich werde darüber gleich nach dieser Veranstaltung noch mit Ihnen reden.“ Damit wandte sich Bernecker wieder ab, gerade rechtzeitig, um den Zwischenrufer Reinhard Henkelmann, der an Walter herantrat, nicht mithören zu lassen.

Dieser sprach den neu gewählten Bürgermeister an: „Bitte entschuldigen Sie meine etwas forsche Art, aber was können Sie mir denn auf meine Frage antworten?“

Walter hatte sich wieder völlig unter Kontrolle, schaute den Fragesteller mit entschlossener Miene an.

Sie können gänzlich unbesorgt sein, ich kenne keine solchen Pläne. Mich würde aber interessieren, woher diese Gerüchte kommen. Gerade in meiner Funktion habe ich ein großes Interesse daran, jegliche Unruhe zu vermeiden. Und ich hege übrigens große Wertschätzung für die Arbeit Ihres Vereins“, fügte er hinzu, ohne zu merken, dass es eine Floskel für solche Gelegenheiten war.

Skeptisch blickte Henkelmann Joachim Walter ins Gesicht, konnte aber keinerlei Unsicherheit darin erkennen.

Er hatte die Information aus ganz sicherer Quelle und wusste nun, dass sein Gegenüber entweder nichts davon wusste oder log. Beides sprach nicht für ihn.

Vielen Dank für diese Antwort, ich werde mich bemühen, Ihnen dazu die nötigen Informationen zu geben. Sie werden in jedem Fall noch von mir hören.“

Mit diesen Worten drehte sich Henkelmann um und ließ den Bürgermeister stehen. Joachim Walter kannte frühere Pläne zum Deichrückbau. Nachdem jedoch 1999 die rasch gebildete Bürgerinitiative unter Vorsitz eben dieses Reinhard Henkelmann einen Sturm der Entrüstung dagegen entfaltete, wurde das Projekt in der Landeshauptstadt Schwerin sofort gestoppt.

Walter sah in den Worten Henkelmanns eine Bestätigung für Gerüchte, von denen er gehört hatte. Er musste unbedingt die Aktionshoheit und die nötige Übersicht über diese Angelegenheit zurückgewinnen.

Missmutig sah er Erich Bernecker auf sich zukommen. Sporadische Kontakte mit dieser Art von Beamten gab es je nach Bedarf, sie hatten bisher seiner Karriere nicht geschadet. Dennoch beugte sich Walter nur widerwillig solcher „indirekten Demokratie“, wie er es in höflicher Abwandlung für sich bezeichnete. Bernecker kam ohne Umschweife auf den Punkt.

Sie kennen die Erfahrungen mit dem ersten Versuch, dieses Projekt umzusetzen.“ Walter schwieg dazu mit eisiger Miene. Bernecker setzte fort. „Wir haben uns jetzt für einen anderen Weg entschieden. Details sind noch nicht festgelegt. Die Absichten haben aber offensichtlich schon den Weg nach außen gefunden, deshalb muss ich zu Ihnen jetzt ganz offen sein.“ Er ließ unausgesprochen, wer mit „wir“ gemeint war, Walter war sich jedoch darüber ziemlich sicher. „Mit dem Projekt sind wichtige Landesinteressen verbunden.“ Walter hörte immer noch schweigend zu, neugierig auf die Begründung. Der herablassende Tonfall in Berneckers Worten widerte ihn an. „Sie wissen, dass die Europäische Natur-Stiftung sich sehr für die Renaturierung von ehemaligen Moorgebieten einsetzt. Eine beträchtliche Summe an Fördermitteln kann im Zusammenhang damit ausgereicht werden.“

Walter lächelte still in sich hinein, denn aus kurzzeitiger Tätigkeit in der Landesvertretung bei der EU in Brüssel kannte er Manuela Wellers, eine Mitarbeiterin dieser Stiftung. Und ihre Kontakte, an deren private Ausweitung er sich besonders gerne erinnerte, waren seitdem nie ganz abgerissen.

Auf diese finanziellen Mittel wollen und können wir nicht verzichten, zum Wohle der Region“, setzte Bernecker fort. „Ihnen sollte auch klar sein, in welchem Maße die gesamte Insel Usedom davon profitieren kann. Das ist übrigens nicht schlecht für Sie als Amtsträger. Voraussetzung ist allerdings, dass nichts davon vorher nach außen dringt. Sie müssen unbedingt alle Gerüchte abweisen und die Öffentlichkeit in Sicherheit wiegen.“

Joachim Walter war entsetzt darüber, wie direkt sein Gegenüber ein Handeln forderte, das ganz offensichtlich weit abseits der Gesetze angesiedelt war.

Herr Walter, ich sehe in Ihrer Mimik einen Ansatz, der mir nicht gefällt.“

Erschrocken unterbrach Walter seine Gedankengänge. Hatte er Bernecker unterschätzt? „Wir haben für Sie in unseren Plänen eine aktive Rolle vorgesehen.“ Bernecker blickte Walter durchdringend an, verzog keine Miene.

Details werden Sie rechtzeitig erfahren, wir wissen aber genau, dass Sie die Aufgabe, die wir für Sie vorgesehen haben, erfüllen können.“

Er glaubte, immer noch Ablehnung in Walters Blick zu erkennen und fügte hinzu: „Und auch erfüllen werden.“

Die unverhüllte Drohung, in entsprechend machtbewusstem Tonfall vorgetragen, ließ jede Sicherheit aus Walters Gedanken weichen, was auch seine Körpersprache nicht verbergen konnte. Den letzten Rest an Selbstsicherheit trieb ihm Bernecker aus, indem er ein Schriftstück hervorholte und es Walter so nahe vor die Nase hielt, dass dieser das Entscheidende erkennen konnte.

Es war ein handgeschriebenes Blatt, mit seiner Unterschrift, datiert vom Juli 1987, überschrieben mit dem Wort „Verpflichtungserklärung“.

Den Rest kannte er.

Sie hatten ihn also in der Hand. Mühsam behielt Walter die Kontrolle über seine Bewegungen und seine Worte.

Ich sehe, Sie haben die Situation erfasst. Also kann ich etwas konkreter werden.“ Bernecker überreichte ihm so unauffällig wie möglich einen Chip, wie er auch für Digitalkameras verwendet wird.

Auf diesem Datenträger befindet sich ein Dokument. Zum Öffnen benötigen Sie ein Passwort, das Sie von uns unmittelbar vorher bekommen. So erfahren Sie genau, wie Sie vorzugehen haben.“

Wortlos nahm Walter den Chip entgegen. „Vergessen Sie nicht die Unterstützung der Landesregierung bei Ihrer Wahl. Wir bauen auf Sie, setzen Sie einfach Ihre bisherige, sagen wir, Aufgeschlossenheit gegenüber den Wünschen der Politik fort. Das wird an oberer Stelle geschätzt und wird weiterhin nicht zu Ihrem Nachteil sein.“

Dieser Hinweis auf seine bisherigen engen Kontakte zur Landespolitik steigerte Walters Wut, die aber sofort in einem Moor von Hilflosigkeit versank. Walter vermied es, Bernecker beim Abschied die Hand zu geben und erwiderte auch dessen Gruß nicht. Er verstaute die Speicherkarte in einem verschließbaren Fach seiner Brieftasche.

Joachim Walter hatte verstanden. Dann aktivierte er den Mechanismus, den er meist in solchen Situationen in Anspruch nahm. Ein Rädchen darin hatte sich als besonders erfolgreich erwiesen. Sobald Bernecker außer Hörweite war, wählte Joachim die Nummer von Viola Kübeck. Sie betrieb ein Kosmetik- und Massagestudio in seinem Wohnort Karlshagen, und Joachim war ein Kunde der besonderen Art, wie er es für sich selbst immer formulierte. Hoffentlich war sie noch nicht zu ihrer kurzen Urlaubsreise aufgebrochen, die sie ihm angekündigt hatte.

Schön, deine angenehme Stimme zu hören“, klang es ihm entgegen, als er seine übliche Frage nach einer Spezialbehandlung anbrachte. Denn Walter hatte keine Lust, nach der Veranstaltung noch einmal sein Büro in der Stadt Usedom am anderen Ende der Insel aufzusuchen.

Für dich doch immer“, hauchte sie jetzt einen Ton weicher, „Gegen 15 Uhr ist okay, ich muss aber … danach … noch mal ins Studio. Du weißt ja, ab morgen bin ich für eine Woche im Urlaub.“

Unverzüglich begab sich Joachim Walter auf den Heimweg, wich geschickt allen Versuchen aus, ihn im Anschluss an diese Veranstaltung in ein Gespräch zu verwickeln. Mit größter Mühe entkam er den Versuchen von ARGUS-TV, ihn zu einem Interview überreden zu wollen.

Die Begegnung mit Erich Bernecker hatte ihn in gehörigem Umfang aus dem Gleichgewicht gebracht. Auf der Rückfahrt im Auto ertappte er sich mehrfach dabei, dass diffuse Gedanken, deren Herkunft er nicht einordnen konnte, ihn an der nötigen Konzentration hinderten. Er fühlte sich in seine Jugend zurückversetzt, als er sich in unangenehmen Situationen immer wünschte, dass diese wie mit einem Federstrich einfach aus seinem Gedächtnis, oder besser noch, aus seinem Leben zu streichen seien.

Fast alle Anrufer des Tages waren besorgt, erkundigten sich nach den Gerüchten zum Deichrückbau. Natürlich stürzten sich die Medien auf ihn. Diesmal stellte er sich den Fragen von ARGUS-TV.

Mühevoll hatte Walter an diesem Tag seine Fassung bewahren können. Die Erregung darüber, auf welche Art er von Bernecker abgekanzelt wurde, war längst nicht abgeklungen. In seinem Inneren stimmte er natürlich mit Reinhard Henkelmann überein. Er würde wohl mit ihm persönlich reden müssen, obwohl das ein gewagter Balancegang wäre.

Einen kleinen Moment lang zog er sogar in Erwägung, es auf einen Machtkampf mit Bernecker und dessen Auftraggebern ankommen zu lassen und sich offen gegen den Deichrückbau auszusprechen.

Schließlich verwarf er diesen Gedanken. Er konnte sich nicht sicher sein, wer genau diese Leute waren und was sie gegen ihn noch alles auffahren würden. Vor allem wenn er an die dunklen Stellen in seiner Vita zurückdachte. Die dunkelsten hatten glücklicherweise bereits einen ausreichenden Sicherheitsabstand zur Gegenwart, wie er selbst einschätzte. Auch wenn die Mauer dorthin auf seiner Rückfahrt scheinbar etwas von ihrer Widerstandskraft eingebüßt hatte.

Die Möblierung des Raums war spärlich: nur zwei Sessel, ein zweisitziges weich gepolstertes Sofa und zwei kleine Tischchen auf Rollen, genau richtig, um darauf Whiskyglas, Obstteller oder ein Buch abzulegen. Die Wände waren mit hellen beigefarbenen Strukturtapeten versehen, deren Relief sich im Schatten der Stehlampe leicht abzeichnete.

In dieser gemütlichen Atmosphäre versuchte Joachim, die Belastungen abzuschütteln, probierte es mit der gewohnten Zeitschriftenlektüre. Aber wie so oft fielen ihm dabei die Augen zu.

Als seine Frau Erika betont laut das Zimmer betrat, schreckte Joachim hoch. Sie war in ein legeres Kostüm aus zwei verschiedenen, zueinander passenden Blautönen gekleidet, wie Joachim nebenbei registrierte. Gewohnheitsmäßig erwartete er in der jetzigen Situation von seiner Frau keine wirkliche Unterstützung.

Das hatte Erika auch gar nicht vor.

„Oh, habe ich dich geweckt?“, fragte sie mit kaum verhohlener Ironie. „Jaja, ältere Herren brauchen ihre Ruhe. Entschuldige bitte, ich vergaß es.“ Joachim lächelte in sich hinein, ehe er erwiderte: „Vor allem, wenn sie mit so vitalen und merklich jüngeren Frauen zusammenleben.“ Erfreut registrierte er seine gewohnte Angriffslust und betrachtete die Kleidung seiner Frau mit gespieltem Interesse.

Erika Walter war gerade zwei Monate jünger als Joachim, etwa einen Kopf kleiner und trotz aller Bemühungen immer noch schwerer. Das Kostüm sollte nach außen hin diese Tatsachen zumindest abschwächen.

Beide hatten sich an die gegenseitigen Nadelstiche gewöhnt, es gehörte mittlerweile zum Ritual ihres Zusammenlebens. Sie wahrten nach außen den Schein der Ironie, meinten es jedoch im Inneren wohl viel ernster, als sie es sich selbst eingestehen wollten.

Erika freute sich auf ihre Rolle als First Lady der Insel. Damit verband sie aber keine erneute innere Annäherung an ihren Ehemann. Im Gegenteil, sie könnte diese Situation ausnutzen, um ihre Freiheiten auszuweiten.

Jovial verabschiedete sie sich: „Bye, großer Chef“, wie sie ihn seit der gewonnenen Wahl nannte, „ich bin dann mal weg, kann spät werden, wie du weißt.“

Joachim gab sich keine Mühe, darüber nachzudenken, ob sie ihm vielleicht schon früher ihr Ziel für diesen Abend mitgeteilt hatte.

Einmal aufgewacht, legte er die Zeitschrift ganz aus der Hand und schaltete den Fernseher ein. Beim Zappen blieb er zufällig bei ARGUS-TV hängen, denn etwas erregte dort seine Aufmerksamkeit. Das Fernsehbild zeigte verschwommen und undeutlich eine Wasserleiche, die, so der Kommentator, am Peenestrom bei Peenemünde entdeckt worden war. Das Foto war erkennbar nachts aufgenommen worden. Sofort erwachte sein Verantwortungsgefühl als neuer Amtsträger.

Die darauf folgende Einstellung zeigte die Umrisse der weiblichen Leiche etwas genauer, das Gesicht wurde aber bewusst ausgespart. Schemenhaft konnte man in der dunklen Umgebung eine Schulter der Leiche erkennen. Ganz langsam und zunächst weit hinten in seinem Gehirn begann sich bei Joachim eine Annäherung zwischen dem Bild und eigenen Erinnerungen aufzubauen. Plötzlich trafen beide aufeinander, was auf ihn wie ein Stromstoß wirkte.

Seine Gedanken gerieten schlagartig ins Chaos. Obwohl sich alles in seinem Innersten dagegen sträubte, fühlte er sich erneut um zwei Tage zurück versetzt.

Die kurze aber heftige Begegnung mit Viola Kübeck hatte ihm gezeigt, wie viel Vitalität in ihm steckte. Er brauchte eben nur die entsprechende Herausforderung. Dann hatte ihn jedoch der Übermut gepackt. Er hielt sich nicht an die Absprache, äußerste Diskretion zu wahren, fuhr ihr ins Studio hinterher. Dort sah er Licht, ging einfach hinein wie ein Zufallskunde. Er wollte sie überraschen, war selbst noch euphorisiert von ihrer Begegnung. Sein plötzliches Auftauchen schien ihr aber nicht gefallen zu haben.

Voller innerer Unruhe dachte er an den Moment ihrer Trennung im Studio, und die möglichen Konsequenzen daraus. Es hinterließ bei ihm ein unsicheres Gefühl. Dabei war er sich der Loyalität von Viola doch immer so sicher. Schon jetzt, nach nur zwei Tagen, sehnte er sich trotzdem, oder gerade deshalb, wieder nach den körperlichen Reizen dieser attraktiven Frau.

Joachim folgte einem Impuls, ging hinauf in sein Arbeitszimmer und schaute sich die Bilder an der Wand an. Sein Blick blieb an einem von ihnen hängen. Es war ein Geschenk von Viola, was Erika natürlich nicht wusste. Er hatte gefunden, was er befürchtete. In diesem Augenblick setzte gleichzeitig einer seiner Vorzüge aus, das rationale Handeln in schwierigen Situationen. Doch das war Joachim Walter nicht bewusst.

Hastig und voller Unruhe zog er sich an und verließ das Haus. Zunächst fuhr er zum Studio von Viola in der Strandstraße, hielt an, stieg aus und sah an der Tür das Schild „Wegen Urlaub vom 31. Oktober bis zum 6. November geschlossen“.

Joachim fuhr weiter, stellte das Auto auf dem um diese Zeit vollkommen leeren Strandparkplatz in der Ostseestraße ab und ging das letzte Stück zu Fuß. Viola wohnte in einem kleinen Haus im neuen Ferienhausgebiet An der Düne. Diese abseitige Lage kam ihnen bei ihren Treffen sehr zugute.

In Violas Haus brannte kein Licht. Ihr grauer Opel Astra war nicht zu sehen. Joachim ging zur Eingangstür, der Bewegungsmelder reagierte nicht, es blieb dunkel. Eine solche Vorsichtsmaßnahme hatte sie bisher vor ungewollten Wahrnehmungen seiner Besuche geschützt.

Sorgfältig um sich blickend, ging er einmal um das Haus herum, trat dabei auf die vielen kleinen Pflasterbruchstücke, um keine Spuren zu hinterlassen. Er sah und hörte nichts, war überzeugt, dass sich niemand im Haus befand. Dennoch drückte er zur Sicherheit dreimal – wie als persönliches Erkennungssignal vereinbart – mit dem Knöchel des rechten Zeigefingers auf die Klingel.

Keine Reaktion.

Joachim holte sein Schlüsselbund aus der Hosentasche, zögerte. Den Schlüssel zu ihrem Haus hatte er sich besorgt, ohne dass Viola es bemerkte. Einen besonderen Grund gab es dafür nicht, er wollte eben nur auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Joachim schloss auf und ging langsam in die dunkle Wohnung. Auf dem Fußboden leuchtete ihm ein unbeschrifteter weißer Briefumschlag entgegen, den er nach kurzem Zögern an sich nahm. Den Schalter für die Außenjalousie des Fensters fand er im einfallenden Licht der Straßenbeleuchtung. Für den Gang durch das Haus konnte er keinerlei Zeugen gebrauchen. Auf der kleinen Kommode im Schlafzimmer lag ein Koffer, zur Hälfte gepackt für die Urlaubsreise, die sie aber ganz offensichtlich nicht angetreten hatte.

Walters Befürchtungen kanalisierten sich in eine bestimmte Richtung, ehe er sich an den Briefumschlag erinnerte und ihn bei vollem Licht aufriss. Er enthielt ein weißes Blatt mit einem aufgedruckten schwarzen Symbol, das er trotz einer kleinen Ergänzung sofort wiedererkannte. Es war das Tattoo von Violas Schulter. Wie auf dem Foto an der Wand seines Zimmers. Ergänzt mit zwei Symbolen an beiden Seiten. Erschrocken blickte er sich im Raum um, horchte. Er sah niemand und hörte nichts.

Joachim bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen.

Viola war tot. Wurde im Wasser gefunden. Wieder dachte er an ihre eigenartige Reaktion bei seinem Erscheinen. Und jetzt dieses Papier. Es konnte nur für denjenigen gedacht sein, der zuerst das Haus betreten würde.

Fragen stürmten auf ihn ein.

War es von Viola?

Diesen ersten Gedanken verwarf Joachim sofort wieder als unmöglich. Die Umstände sprachen dafür, dass seine Geliebte zurück in ihr Haus kommen wollte, jedoch daran gehindert wurde. Den Grund dafür hatte er eben im Fernsehen gesehen.

Blieb also nur, dass jemand von seiner Beziehung zu Viola wusste und ihm das auf diese geheimnisvolle Weise deutlich machen wollte. Zumindest dem, der als erstes das Haus betreten würde. Warum auch immer.

Konnte jemand ahnen, dass ich das bin? Werde ich beobachtet?, schoss es ihm durch den Kopf.

Wie sollte er darauf reagieren? Sollte er zur Polizei gehen und sagen, wer die Tote ist? Falls die es noch nicht wusste? Und dann sogleich zugeben, wann und unter welchen Umständen er sie zuletzt gesehen hatte?

Wer würde ihm glauben, dass er damit nichts zu tun hatte? Ein furchtbarer Verdacht kam auf: Stimmte das überhaupt?

Was war nach seinem Weggang im Studio passiert?

Ein anderer Gedanke elektrisierte ihn. Wer stand hinter all dem? Warum musste Viola sterben? Hatte es vielleicht sogar mit dem Deich zu tun? War es ein Warnsignal von Bernecker?

Doch diese Vermutung hielt kaum einer Prüfung stand.

Joachim Walter setzte sich, nahm den Kopf in beide Hände und versuchte sich zu beruhigen. Allmählich konnte er die aberwitzigsten Thesen zurückdrängen.

Er bemerkte mit Schrecken überdeutlich, dass ihm die Kontrolle über die Situation völlig verloren gegangen war. Dennoch fühlte er sich dazu gedrängt, einen Entschluss zu fassen. Jetzt sofort, in diesem Augenblick.

Mit mechanischen Bewegungen nahm er den Umschlag an sich und verließ das Haus so vorsichtig wie er es betreten hatte. An das Foto in seinem Zimmer dachte er nicht mehr.

Den Mann, der alles beobachtete, konnte er nicht bemerken.

Flut über Peenemünde

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