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Feuer in Zofingen
ОглавлениеDas Städtchen Zofingen, geographisch fast genau im Herzen der Schweiz gelegen, gehört mit seinem gut erhaltenen, gepflegten mittelalterlichen Stadtkern zu den verkannten touristischen Kleinoden, an denen der Nord-Südverkehr auf Autobahn und Schiene zu Unrecht achtlos vorbeirast.
Jetzt, Mitte Dezember, freilich verblichen auch stattliche Baudenkmäler wie der aus Teilen der alten Stadtmauer hervorragende Thut-Turm unter einer dichten Hochnebeldecke, die dem schweizerischen Mittelland seit Wochen die Sonne und den Anblick eines bereits tief winterlichen Alpenpanoramas vorenthielt.
An diesem letzten Samstag vor Weihnachten war alles noch viel schlimmer, denn sinkende Temperaturen verunmöglichten es den grauen Schichtwolken, länger die ganze Feuchtigkeit zurückzuhalten, die sie seit November angesammelt hatten, und verursachten einen feinen Nieselregen, der jedermann frösteln ließ, wenn er auch nur ins Freie blickte. Zudem machte er Straßen und Gehsteige rutschig, was vielen Unentschlossenen einen idealen Vorwand lieferte, eher zu Hause zu bleiben als die letzten Geschenke für die Bescherung am Heiligen Abend einzukaufen.
Trotz dieser misslichen Bedingungen war die Innenstadt von Zofingen mit ihren vielen kleinen Fachgeschäften nicht ausgestorben. Liebevoll dekorierte Schaufenster verführten zusammen mit der auch am Tag eingeschalteten, festlichen Straßenbeleuchtung und dem weihnachtlichen Schmuck zahlreicher Häuser auch nüchterne Menschen dazu, Dinge zu kaufen, denen sie zu einer anderen Jahreszeit kaum Beachtung geschenkt hätten. Am Ende der Vorderen Hauptgasse, kurz vor dem Luzerner Tor, das die Altstadt gegen Süden abschließt, kam es sogar zu einem kleinen Fußgänger Stau.
Schuld daran war die Feuerwehr, die eine große Drehleiter zum Einsatz gebracht hatte um einen Kaminbrand zu löschen. Nichts Dramatisches, doch das über mehrere Jahrhunderte hinweg getrocknete Holz aus dem die meisten Dachstühle im historischen Stadtkern bestanden, drohte schnell lichterloh in Flammen aufzugehen, selbst wenn nur ein simpler Zimmerofen ein bisschen überheizt wurde. Um dem vorzubeugen scheute die Feuerwehr keinen Aufwand und stieß damit bei der Bevölkerung auf breites Verständnis.
Da die Vordere Hauptgasse für den Autoverkehr ohnehin gesperrt war, genügte der Einsatz von Hilfspolizist Sepp Hauri um jene Eidgenossen, die so dicht vermummt waren, dass ihre Mützen und Kapuzen das Sichtfeld einengten, an dem Hindernis vorbei zu lotsen. Zofingen war klein genug, dass man sich noch gegenseitig kannte. Kein Wunder also, dass Hauri bald heiser war von all den „Grüezi, wie geht’s“ für die entfernteren Bekannten und den Wünschen für „eine fröhliche Weihnacht – auch für die ganze Familie“ für diejenigen, die ihn beim Namen grüßten.
Der Kaminbrand war im vorletzten Haus der Marktgasse ausgebrochen, in dessen Erdgeschoss sich ein Haushaltsgeschäft befand. Während die Feuerwehr am Werk war, blieb dieser Laden geschlossen. Das rechts daneben liegende Uhren- und Juweliergeschäft war von dem Brand jedoch ebenso wenig betroffen war wie eine kleine Boutique zur Linken, ganz am Ende der Straße, in der Kunstgegenstände aus der Dritten Welt angeboten wurden. Hauri pendelte um die Drehleiter herum zwischen diesen beiden Geschäften hin und her um sich durch etwas Bewegung warm zu halten.
Er sah verschiedene Kunden, die er zum Teil persönlich kannte, das Uhrengeschäft betreten. Die Ethno-Boutique dagegen stieß auf wenig Interesse. Seit Fränzi Müller, die Besitzern, gegen 9 Uhr gekommen war, die Türe aufgesperrt und die Beleuchtung im Laden eingeschaltet hatte, warnoch kein einziger Interessent vor ihrem kleinen Schaufenster stehen geblieben.
Hauri kannte Fränzi, da die junge Frau in Zofingen geboren war und dort auch das Gymnasium bis zur Matura besucht hatte. Dann hatte er sie während Jahren aus den Augen verloren, aber, da ihre Eltern am Ort wohnten, natürlich erfahren, dass die junge Frau an der Universität Basel studierte und dass sie große Reisen unternahm. Dies wusste auch der Postbote zu bestätigen, der regelmäßig Ansichtskarten aus aller Herren Länder zustellte, vor allen aus solchen, wie er zu bewerten pflegte, „am Arsch der Welt“. Vor gut einem Jahr war Fränzi dann plötzlich wieder in Zofingen aufgetaucht und hatte den kleinen Laden im Eckhaus an der Vorderen Hauptgasse gemietet.
Die unscheinbare Schülerin hatte sich zu einer weltgewandten, attraktiven jungen Geschäftsfrau gemausert, die viele ihrer ehemaligen männlichen Schulkollegen als hochnäsig empfanden, da sie ihren Freundeskreis außerhalb der Zofinger Stadtmauern, ja, dem Hörensagen nach sogar außerhalb der Schweiz aufgebaut hatte. Man munkelte von Negern und von Chinesen, mit denen sie liiert sein sollte, und es kam in der Tat vor, dass Besucher verschiedenster Hautfarbe – meistens Männer, wie die Nachbarinnen feststellten – die kleine Boutique betraten. Dann aber blieb der Laden oft wieder Wochen lang geschlossen, angeblich, weil Fränzi auf Reisen war. Dies erschien insofern glaubhaft, als ihr Schaufenster nach ihrer Rückkehr jeweils vor kuriosen Neuerwerbungen aus Afrika oder Asien barst; dies allerdings nur für kurze Zeit, denn schon bald beschränkte sich ihr Angebot wieder auf einzelne Masken, Statuetten oder Perlenkettchen, die in dem mittelständischen Schweizer Städtchen am ehesten noch Anklang und Käufer fanden. Ihre Hauptkundschaft aber lebte im Ausland. Dies trug dazu bei, dass sich um Fränzi Müller eine Aura des Geheimnisvollen bildete, die einen idealen Nährboden für Neugier und Gerüchte ergab. Echt Negatives gab es dennoch nicht zu berichten - wohl aus dem simplen Grund, dass sie während ihrer Aufenthalte in der Heimatstadt ausgesprochen zurückgezogen lebte und kaum Besucher empfing.
Es ging auf 10.30 Uhr zu, als der Feuerwehrkommandant Hauri wissen ließ, dass die Lage nun unter Kontrolle sei und der Einsatz in wenigen Minuten beendet würde. Der Hilfspolizist rieb sich bei dieser guten Nachricht vor Freude die inzwischen steif gefrorenen Hände und scheuchte die Passanten ein paar Schritte weiter zurück, damit sie das Einziehen der hydraulischen Drehleiter nicht behinderten. Später konnte er sich nicht daran erinnern, bemerkt zu haben, dass jemand Fränzis Boutique betrat.
Dies war insofern ein Wunder, als nur Augenblicke danach die Türe des Ladens aufgerissen wurde und eine sichtlich geschockte Frau herausrannte, die die Hände über dem Kopf verwarf und verzweifelt rief:
„Hilfe, Sanität, Polizei, da drinnen verblutet eine Frau!“
Einige Passanten blieben verdutzt stehen, steckten dann aber ihre Köpfe schnell zwischen die Schultern und beschleunigten ihre Schritte um nur ja in nichts Unangenehmes verwickelt zu werden. Einzig eine ältere Dame eilte kurz entschlossen auf die hilflos vor der Tür Verharrende zu und legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern. Erst in diesem Augenblick realisierte Hauri, dass eigentlich in erster Linie sein Eingreifen gefordert war. So blieb ihm nichts anderes übrig, als den Kollegen von der Feuerwehr eher widerwillig zuzurufen, sie sollten einen Moment lang warten, oder mindestens beim Einfahren der Leiter doppelt aufpassen, er müsse sich schnell um eine andere Angelegenheit kümmern. Dann stapfte er auf die Boutique zu, schob die beiden Frauen, die den Eingang versperrten, dezidiert zur Seite und trat durch die weit offen stehende Tür.
Zuerst blendete ihn das grelle Neonlicht, dann verschlug ihm, dem halb Erfrorenen, die Hitze im Innern des Ladens fast den Atem. So kam es, dass er fast über den Körper von Fränzi Müller gestolpert wäre, die mitten im kleinen Laden auf dem Rücken auf dem Fußboden lag. Ihre helle Bluse war
Blut getränkt; ein feines Rinnsal von Blut sickerte ebenfalls unter ihrem Körper hervor. Die junge Frau hatte die Augen weit geöffnet, doch ihr Blick war gebrochen. Kein Zweifel: Fränzi Müller war tot.
Hauri bekundete einige Mühe, einen kühlen Kopf zu bewahren. Als Hilfspolizist war er ausgebildet worden, den ruhenden Verkehr zu überwachen und kleine Aufgaben im Bereich des Ordnungsdienstes wahrzunehmen, nicht aber dazu, bei Unfällen oder gar Verbrechen einzugreifen. Nachdem er einige Minuten lang Fränzi hilflos angestarrt und erfolgreich seinen Mageninhalt mehrmals wieder hinunter-geschluckt hatte, rang er sich dazu durch, die beiden Frauen vor der Türe aufzufordern, sich noch einen Augenblick zu gedulden aber ums Himmels Willen nicht wegzulaufen. Dann kehrte er zurück in den Laden, ergriff mit seinem Taschentuch, wie er es in Kriminalfilmen gesehen hatte, den Hörer des Telefons um keine Spuren zu verwischen und wählte die Nummer der Kantonspolizei. Sollten sich doch die gut bezahlten Herren in ihren saloppen Zivilkleidern an der Leiche, um die sich eine immer größere Blutlache bildete, die Finger schmutzig machen.