Читать книгу Als Stichling unter Haien - Ruth Broucq - Страница 13

10.) Amsterdam – Connection

Оглавление

Bei den Stimmungsschwankungen denen Franco immer, solange ich ihn kannte, unterworfen war, hatte man bei ihm mit allem rechnen können. Fast vierzehn Tage hatte es gedauert, bis die Schwellungen in meinem Gesicht zurückgegangen waren, die Blutergüsse sich grünlich-gelb verfärbten und mit viel Schminke überdeckt werden konnten. Dann rief ich in Amsterdam an, um Adalbert mitzuteilen, dass ich nun kommen könne. Schweren Herzens brachte ich mein süßes Baby zu Annette. Da die kleine Rabea mit drei Monaten noch recht zierlich war, konnte sie noch im Kinderwagen schlafen. Später würde ich ein zweites Bettchen kaufen müssen. Ich gab Annette die Telefonnummer des Amsterdamer Casinos mit dem sinnigen Namen „Millionär’, mit dem ausdrücklichen Verbot, diese Nummer weiterzugeben.

Diesmal fuhr ich mit meinem PKW nach Holland. Nach vierstündiger Fahrt erreichte ich Amsterdam und fand mühselig den Weg durch diese fremde Stadt bis zum Casino. Dort lief mir zufällig der jugoslawische Croupier, Milan, über den Weg, welcher mir glücklicherweise einen Platz zeigen konnte, wo ich ungefährdet parken durfte. Dann gingen wir das kleine Stück zu unserem gemeinsamen Ziel.

Weder Bert noch Udo waren anwesend. Ich musste also warten. Mit Milan besprach ich mein Wohnproblem. Dieser bot mir spontan einen freien Raum in dem Appartement an, in dem er mit seiner Freundin wohnte. Dankbar nahm ich sein Angebot als vorübergehende Lösung an. Als wir gerade Auto und Gepäck dort hinbringen wollten, erschien Adalbert. Mein Chef erklärte mir, ich müsse sofort den Kassendienst übernehmen. Meine Sachen könne Milan wegbringen. Von Berts Schwägerin, Jutta, ließ ich mir die Kassenübernahme erklären. Nachdem wir die umfangreiche, etwas komplizierte Angelegenheit zweimal durchgegangen waren, erschien mir mein Einblick in die neue Tätigkeit ausreichend. Mein erster Dienst begann also um achtzehn Uhr. Total gerädert, denn ich war ja schon lange auf den Beinen, war ich um Ein-Uhr-dreißig froh, die erste Schicht bald beenden zu können. Dies erwies sich jedoch als Irrtum. Spöttisch grinsend erklärte mir mein Chef, er könne mir die freudige Mitteilung machen, dass ich gleich am ersten Tag viel Geld durch eine Doppel-Schicht verdienen könne. Meine Ablösung habe sich krank gemeldet. Da ich ja zum Arbeiten gekommen wäre, könne das doch nur in meinem Sinne sein. Ich blieb also bis morgens um zehn. Als Jutta um halb zehn zum Dienst kam, traute sie ihren Augen nicht. Sie fragte, ob mir denn klar wäre, dass ich sie in acht Stunden wieder ablösen müsse? Das fing ja gut an!

Total erledigt und übermüdet, aber glücklich meine ersten selbstverdienten vierhundert Gulden in der Tasche zu haben, lag ich dann hellwach in der fremden Umgebung im Bett und war völlig aufgedreht. In den nächsten sieben Tagen musste ich fünf Doppel-Schichten machen. Ich kam kaum zur Besinnung. Fast täglich hatte ich meine Freundin angerufen, um mich nach der Kleinen zu erkundigen. Die Auskünfte beruhigten mich. Meiner Mutter und Ramona gab ich nur Bescheid, dass es mir gut ginge. Am achten Tag wurde ich ans Telefon gerufen. Annette war in heller Aufregung. Franco wäre bei ihr gewesen, er wolle unbedingt meinen Aufenthaltsort wissen. Nachdem sie sich hartnäckig geweigert hatte, habe er gedroht. Wenn sie ihm diese Auskunft weiterhin verweigern würde, werde er ihr das Kind wegnehmen. Geschockt hielt ich die Luft an. Fieberhaft über legte ich. Mir blieb nur die Möglichkeit mit ihm zu reden. Schweren Herzens gab ich Annette die Erlaubnis, ihm meine Telefonnummer zu geben. Eine Stunde später rief er an. Er bettelte und flehte, ich solle ihm verzeihen. Kühl und abweisend befahl ich ihm, mich in Ruhe zu lassen. Hart erklärte ich ihm, dass ich gegen ihn Anzeige wegen Körperverletzung erstattet hatte und ihn auf Schmerzensgeld verklagen würde. Von ihm wolle ich nur noch eines: dass er aus meinem Leben verschwindet und das für immer. Außerdem drohte ich ihm, die Polizei zu verständigen, dass er eine Kindes-Entführung plane. Nachdem er mit Liebesbeteuerungen, Betteln und Flehen keinen Erfolg hatte, drohte er, das Kind zu entführen und nach Italien zu bringen. Vor der Polizei habe er keine Angst, außerdem würde in Italien niemand mehr das Kind finden.

Da ich wusste, dass die ängstliche Annette gegen Franco keine Chance hatte gab ich scheinbar nach. Er versprach, auf das Leben seiner beiden Kinder schwörend, er wolle nur kommen um mit mir was zu besprechen. Aus Angst, er könne seine Entführungs-Drohung wahr machen, gab ich ihm meine Adresse. Obwohl ich wusste, dass dies ein Fehler war, hoffte ich damit das Kind vor seinem Zugriff zu schützen. Ich war nervlich am Ende. Hörte das denn nie auf?

Zwei Tage hörte ich nichts von ihm. Bei meiner Freundin hatte er sich auch nicht mehr gemeldet. Ich atmete schon auf. Fast hatte ich das Telefonat vergessen, als er am dritten Abend zur Tür reinkam. Von der Kasse aus blickte ich ihm mit ängstlichem Herzklopfen entgegen. Heuchlerisch freundlich gab er mir die Hand, dabei bewunderte er die elegante Ausstattung des Casinos.

Sein Fahrer, der kleine Mario, machte einen geknickten Eindruck. Er wusste, dass er mir keine Gefälligkeit erwiesen hatte, in dem er den Führerscheinlosen Franco gebracht hatte. Schnell verzog sich Mario zu den Spieltischen, Franco blieb bei mir stehen. Auf meine direkte Frage, was denn so dringendes zu bereden sei, erzählte er mir mit Leidensmiene von seinem Pech. Sein Roulette-Laden war, durch einen Polizei-Einsatz, geschlossen worden. (Wieso Pech? Damit war doch bei illegalen Casinos täglich zu rechnen.)

In dem Würfel-Laden war zurzeit durch eine neueröffnete Konkurrenz eine tote Phase. (Auch klar! Schließlich hatten Franco und seine Kumpels die Spieler lange genug abgezockt!) Er wäre die illegalen Geschäfte ja so leid. Deshalb müsse er sich nach etwas anderem umsehen. (Ich ahnte was nun kam. In der Not kam er auf mich zurück.) Ob ich nicht mal mit meinem Chef oder dem Reutlinger sprechen könne, für ihn nach Arbeit oder Beteiligung fragen könne? Mein entsetzter Blick beeindruckte ihn wenig. Munter, als wäre nichts passiert, erklärte er mir, wenn er auch in Amsterdam Arbeit fände, könnten wir doch wieder zusammen sein. Allein durch meine entsetzte Mimik, konnte ich nicht leugnen, dass dies überhaupt nicht in meinem Sinne war. Aalglatt übersah er meine Missstimmung. Nur seinen eigenen Vorteil im Sinn, heuchelte er Gefühle für mich.

Es verschlug mir glatt die Sprache, welche Dreistigkeit er besaß. Als Adalbert und Udo eine Stunde später kamen, konnten die Beiden nicht verbergen, wie wenig ihnen Francos Anwesenheit passte. Beide begrüßten Franco sehr distanziert. Dieser schüttelte meinem Ex heuchlerisch-freundlich die Hand, als wären sie alte Freunde. (Dabei hatte Franco Udo einmal fürchterlich verprügelt.) Der missbilligende Blick, den Bert mir zuwarf, war für mich nicht zu übersehen. Mir blieb nur ein bedauerndes Achselzucken übrig. Udo gab sich Franco gegenüber gelassen, mich grinste er spöttisch an. Gelassen und siegessicher, wich Franco nun nicht mehr von Berts Seite. Die gespannte Atmosphäre wurde perfekt, als der Reutlinger kam. Ich war etwas pikiert, als dieser zu sticheln anfing. Er habe doch gleich gewusst, dass ich ohne meinen ‚Schnulli-Bulli´ nicht leben könne. Nun hätte ich also doch meinen ‚abgebrochenen Riesen’ nachkommen lassen. Er habe das doch vorausgesagt. Darauf hätte er jede Wette angenommen. Aber Bert und Udo hätten ihm ja nicht glauben wollen.

Franco ließ sich durch des Reutlingers Sprüche nicht aus der Ruhe bringen. Unbeeindruckt von der Hetzerei sagte er, dass es für ihn ganz natürlich und selbstverständlich wäre, der Mutter seines Kindes zu folgen. Hilflos hörte ich seiner Argumentation zu. Was hätte ich dazu sagen sollen? Niemand hätte mir geglaubt, oder mich verstanden. Resignierend dachte ich nur: den werde ich wohl nie loswerden.

Das Auftauchen des Jugoslawen rettete die Situation. Freundschaftlich schüttelte Milan Francos Hand. Wahrscheinlich wollte er mir damit eine Gefälligkeit erweisen, in dem er Franco anbot, auch in seinem Appartement zu übernachten. Wie sauer ich über das freundliche Angebot war, ließ ich mir nicht anmerken. Dann lud er sogar den kleinen Mario ein, für eine Nacht die Couch zu benutzen. Meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Als der Reutlinger zu spielen begann, wurde ich die Belagerung an der Kasse endlich los. Franco, das Schlitzohr, schlug sich sofort auf des Reutlingers Seite.

Nach circa drei Stunden hatte Freddi ein nettes Sümmchen gewonnen. Er rüstete zum Aufbruch. Im Vorübergehen rief Franco mir zu: er gehe mit dem Reutlinger zocken. Bei Feierabend wäre er wieder zurück, um mich abzuholen. Wie mit einem alten Freund ging er dann, mit Freddi diskutierend, die Treppe runter. Wieder einmal hatte Franco es geschafft, mit der richtigen Nase zur richtigen Zeit, sich die günstigste Seite auszusuchen. Aus reiner Boshaftigkeit ließ mein Chef mich in dieser Nacht wieder eine Doppel-Schicht machen. Ich war ihm dankbar dafür.

Franco war jedoch nicht kleinzukriegen. Pünktlich morgens um zehn kam er mich abholen. In dem zweiten Schlafräum des Appartements zog er dann seine übliche italienische Schau ab. Er kniete vor meinem Bett und weinte bitterlich. Er könne sich heute nicht mehr erklären, wie es zu dem Vorfall vor drei Wochen gekommen sei. Er wäre doch so krank gewesen. Die Sorgen hätten ihn sehr belastet. Nie wieder, das schwöre er mir auf das Leben seiner Kinder, käme so etwas vor. Seine ganze Liebe gehöre nur mir und unserem Baby. Ohne uns könne er nicht mehr leben. Nur noch einmal müsse ich ihm vergeben. Dabei weinte und schluchzte er wie ein kleines Kind. Obwohl ich wieder mal auf seine Schauspielerei reinfiel, gab ich ihm eine ernstzunehmende Warnung mit auf den Weg. Ich versprach ihm: würde er mir nur einmal in meinem Leben auch nur eine einzige Ohrfeige hauen, wäre meine Rache so fürchterlich, dass er sie niemals vergessen würde. Doch er nahm mich nicht ernst. Als er mich umarmen wollte, schrie ich vor Schmerz auf. Mit dem Hinweis auf meine gequetschten Rippen wies ich ihn zurück. Er gab sich reumütig, fast hilflos.

Vierzehn Tage vergingen, in denen er es schaffte, eine Art Freundschaft, sogar ein Vertrauensverhältnis zu dem Reutlinger zu entwickeln. Er zog mit ihm durch die umliegenden Konkurrenz-Casinos und staubte jedes Mal bei Gewinn sowie bei Verlust ein paar Hundert Gulden ab. Einen Job gab der Reutlinger ihm jedoch nicht.

Milan, der inzwischen bei Bert rausgeflogen war, hatte dann eine Idee. Er überredete Franco, mit ihm in das benachbarte Belgien zu gehen, um dort Arbeit zu suchen. Meine Erleichterung, Franco endlich los zu sein, hielt nicht lange an. Drei Tage später waren die beiden schon zurück. Freudestrahlend erzählte er mir, er habe in dem kleinen belgischen Örtchen einen ganz fantastischen Bungalow gefunden. Komplett möbliert, sogar mit zwei Schlafzimmern, wäre dieser groß genug, dass wir mit Milan und Julia dort Platz fänden. Auf meine erstaunte Frage, was denn mit Arbeit wäre, bekam ich die Antwort, dass eine Wohnung erst mal wichtiger wäre. Die Mietzeit in Milans Appartement liefe in zehn Tagen ab. In Amsterdam wäre keine Wohnung zu finden, deshalb könne ich meinen Job dann auch als beendet sehen. Ich war erschrocken, er in euphorischer Stimmung. Arbeit könne man dort schnell finden, da es dort sechs Casinos gäbe. Vorgespräche hätten sie schon geführt. Außerdem könne er hier in Amsterdam keine Arbeit finden.

In den nächsten Tagen versuchte ich verzweifelt eine Wohnung zu finden, denn ich wollte nicht weg. Auch einige einheimische Kollegen bemühten sich für mich. Es war nichts zu finden. Drei Tage bevor wir das Appartement räumen mussten, fuhren Franco und Milan wieder nach Belgien. Da ich in Amsterdam bleiben und meinen Job behalten wollte, sprach ich mit meinem Chef darüber. Ich erklärte ihm mein Problem. Von oben herab fragte er, ob er vielleicht sein Bett für mich frei machen solle? Dies wäre doch mein Problem eine Wohnung zu finden. Er hätte eine. Als ich ihm von meinen erfolglosen Bemühungen erzählte, erwiderte er spöttisch, Udo habe in seinem Appartement noch ein Bett frei. Wenn ich meinen Italiener nach Hause schicken würde, könne ich ja da einziehen. Deprimiert über seine abweisende Haltung war ich gezwungen, ihm meine Kündigung mitzuteilen. Ärgerlich erklärte er mir, das wäre ihm bei meinem Anhang auch lieber. Als ich dann drei Tage später meine Koffer packte, war ich schwer enttäuscht. Udo hatte mir noch zum Abschied mit auf den Weg gegeben, dass ich den nächsten Fehler machen würde. Bert sei sauer auf mich. Ich ging trotzdem. Die einzige Wahl, die mir geblieben wäre, zu Udo zurückzugehen, wollte ich ganz bestimmt nicht.

Als wir nach zweistündiger Fahrt über holpriger Landstraße in dem Örtchen Baarle-Nassau ankamen, war ich angenehm überrascht. Unsere neue Behausung erwies sich als hübscher komplett eingerichteter Ferien-Bungalow. Die groß angelegte, gepflegte Siedlung mit ihren fünfundzwanzig Ferien-Häusern lag wunderschön im Grünen. Auch jetzt im Winter hatte ich Fantasie genug, mir die sommerliche Idylle vorzustellen. Der große, gemütlich eingerichtete Wohnraum mit Kochecke und Kamin, hatte sogar ein Fernsehgerät. Die beiden Schlafzimmer waren ausreichend für uns vier. Das kleine Bad mit der dahinter liegenden kleinen Waschküche bot alles, was man für die Sauberkeit brauchte. Selbst die kleine Kochecke war mit Porzellan, Töpfen und allem erforderlichen Küchenmaterial ausgestattet. Franco hatte nicht übertrieben, hier ließ es sich wirklich aushalten. Während wir Frauen die Koffer auspackten, gingen die beiden Männer einkaufen. Julia und ich waren lange fertig mit einräumen, als sie nach zwei Stunden schwer beladen mit Lebensmittel-Tüten zurückkamen. Nachdem wir die Vorräte in den Schränken verstaut hatten, war ich zum ersten Mal etwas erfreut. Ich war froh, endlich wieder selbst kochen zu können. Dies war in Amsterdam nicht machbar gewesen. Die Gaststätten-Speisen waren mir lange über. Als wir Frauen uns daran geben wollten, das Essen zu bereiten, protestierten die Männer sofort. Sie wollten mit uns ins Casino „Ozeanic“ essen gehen. Dort gäbe es jeden Abend zwei Gerichte zur Auswahl. Da das Abendessen nur für Gäste kostenlos war, die Männer auch um Arbeit fragen wollten, könne man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sie erklärten uns, kochen könnten wir mittags. Also zogen wir uns andere Kleidung an und fuhren die kurze Strecke. Schon von weitem war das hellerleuchtete Reklame-Schild des Casinos mit einer Hotel-Beschilderung verbunden, zu sehen. In der riesigen ehemaligen Hotelhalle standen die Spieltische. Auf einem erhöhten offenen Podium hatte man die Restaurant-Tische aufgestellt. Der große elegante Laden war sehr gut besucht. Als ich mich neugierig umsah, entdeckte ich einige bekannte Gesichter unter den Croupiers. Wie selbstverständlich steuerte Milan einen freien Tisch im Restaurant an. Der Service war genauso hervorragend wie die Speisen. Dann machte Milan sich auf die Suche nach dem Geschäftsführer. Franco heftete sich geschwind an seine Fersen. Die Beiden bekamen eine Absage.

Nach tagelanger erfolgloser Sucherei waren wir alle deprimiert. Wie auch immer, ausgerechnet er es geschafft hatte, fand Franco nach einer Woche einen Job. Einer von drei Teilhabern des etwas abgelegenen Casinos ‚Royal’ wollte für zehn Tage in die Schweiz fahren. Franco sollte ihn in dieser Zeit vertreten. Julia und Milan wurden täglich unruhiger, da das Geld knapp wurde. Ich war total frustriert. Hatte ich doch einen guten Job aufgegeben, um nun dort untätig rumzusitzen. Während Franco arbeiten ging, fuhren unsere Hausgenossen nun täglich auf ihrer Arbeitssuche immer weiter weg. Ich saß als einzige allein zu Hause. Nach fünf Tagen erklärte ich Franco, dass ich nach Deutschland zurück wolle. Da ich hier ja keine Arbeit finden würde, könne ich genauso zu unserem Kind fahren. Franco brauchte aber für seine Wege zur Arbeit das Auto. Außerdem wollte er nicht alleine bleiben. Also machte er mir einen anderen Vorschlag. Annette könne uns ja die Kleine bringen. So hätte ich mein Baby bei mir und er den Wagen zur Verfügung.

Die treue Annette kam tatsächlich und brachte die kleine Rabea samt Gepäck. Nun konnte Franco durch das Kindergeschrei schlecht schlafen. Seine Laune wurde täglich schlechter. Ich total genervt, denn um mit dem Kind spazieren zu gehen, war das Wetter zu schlecht. Deshalb war ich erleichtert, als die zehn Arbeitstage vorbei waren. Nun ging ihm aber die Kleine noch mehr auf die Nerven. Weil er von mir verlangte, ich solle die Schreierei des Babys unterbinden, gab es Streit. Dieser endete damit, dass wir nach Hause zurückfuhren. Ich wollte jedoch nicht in den alten Trott zurückfallen und ohne eigenen Verdienst bleiben. Also rief ich wieder in Amsterdam an. Im ‚Millionär’ hatte inzwischen ein Besitzer-Wechsel stattgefunden. Der Reutlinger hatte den Laden übernommen. Er war leider momentan nicht erreichbar. Beim dritten Anlauf kam er ans Telefon. Auf meine Frage, ob ich bei ihm als Kassiererin anfangen könne, bekam ich die Antwort: wenn ich alleine käme, gerne. Nur für meinen Schnulli-Bulli habe er in seinen Geschäften keine Verwendung.

Vorsichtshalber sprach ich mit Franco, welcher seine Nächte wieder in der Würfel-Bude verbrachte, über mein Vorhaben. Er erklärte mir gelassen, er werde in Deutschland bleiben, ich könne gerne nach Holland arbeiten gehen. (Die Geschäfte liefen offenbar wieder besser).

Froh gestimmt reiste ich drei Tage später ab. Am Arbeitsplatz angekommen, konnte ich feststellen, dass mein neuer Chef wesentlich umsichtiger war als sein Vorgänger. Er hatte den Auftrag gegeben, eine Wohnung für mich zu suchen. Mit guten Beziehungen hatte einer der einheimischen Portiers eine kleine Einraumwohnung in der Nähe des Casinos gefunden. Keine zwanzig Meter entfernt in einer Seitengasse hatte ich nun eine Wohnung. Nach längeren Säuberungsarbeiten richtete ich mich so gut es ging, häuslich ein. Ein bisschen störend war es nur, dass das Bad, auf dem Flur gelegen, von anderen Hausbewohnern mitbenutzt wurde. Auch die Miete war mit achthundert Gulden für die Bude zu hoch. Dadurch ließ ich mich aber nicht verunsichern. War ich doch froh, endlich wieder einen Verdienst zu haben. Auch das ich endlich wieder alleine war, erschien mir wichtiger als die nebensächlichen Wohnprobleme.

Vierzehn Tage hörte ich nichts von Franco, ich war wie befreit. Meine Freundin hatte mir zwar telefonisch berichtet, dass die Würfel-Bude wieder besser lief, ich registrierte es nur am Rande. Selbst als ich erfuhr, dass er wieder ein gutes Verhältnis zu seiner Frau habe, konnte mich die Nachricht nicht beeindrucken. Mich interessierte lediglich mein Baby und mein Job. Aus der Ruhe brachte mich die Nachricht, dass Francos Geschäft geschlossen sei, da es Schwierigkeiten mit der Konzessionärin gegeben habe. Die Suche nach einer Ersatz-Person sowie die Geschäfts-Umschreibung würden ihm wieder viel Freizeit bringen. Missmutig hoffte ich, er möge zu Hause bleiben. Zwei Tage später stand er breitbeinig, heuchlerisch grinsend am Fuße der Treppe und sah zu mir herauf. Säuerlich sah ich ihm entgegen, als er dann auf mich zukam. Da ich ihn nicht provozieren wollte, sagte ich nicht, dass er mir hier nur hinderlich sein konnte. Lächelnd log er mir ohne Hemmungen vor, er habe ohne mich nicht leben können. Obwohl man ihm ansehen konnte, wie ärgerlich er war, hatte mein Chef Franco freundlich begrüßt. Jedoch Francos direkte Frage nach einem Job hatte er konsequent abgeschlagen.

Ein paar Tage lief mein Anhang dann gelangweilt durch die Gegend während ich meinen Dienst versah. Dann kam ihm der Zufall zu Hilfe. In Form des Österreichers ‚Ringo’ direkt aus Düsseldorf. Da die Beiden sich aus den Düsseldorfer Würfelbuden kannten, erkundigte sich Franco sofort, war er in Amsterdam vorhabe. Weil Ringo die arglistige Art Francos nicht kannte, gab er bereitwillig Auskunft. Er würde mit dem Reutlinger ein Casino eröffnen. Man müsse nur noch ein paar kleinere Renovierungsarbeiten vornehmen, dann könne es losgehen. Listig ergriff Franco sofort die Chance. Er wies Ringo auf die alte Bekanntschaft hin und bat ihn bei der Vergabe der Jobs an Franco zu denken.

Dann schmeichelte er ihm, er, Ringo hätte doch einen sehr großen Einfluss auf den Reutlinger. Natürlich fiel der Österreicher auf Francos italienische Schau herein. Er prahlte, die personelle Besetzung würde sowieso er bestimmen, darauf habe sein Teilhaber keinen Einfluss. Für ihn wäre ganz klar, dass er in Kürze bei ihm arbeiten könne.

Tatsächlich hatte Ringo es geschafft, Franco dem Reutlinger als Portier des neuen Ladens unterzujubeln. Die Renovierungs- und Vorbereitungsarbeiten zogen sich zehn Tage lang hin. Obwohl mir nicht ganz klar war, was Franco mit seinen ungeschickten Händen dabei hätte helfen können, war er diese Zeit ständig unterwegs und im Einsatz. Da für den Job ein schwarzer Anzug erforderlich war, musste Franco sich einen solchen kaufen. Verwundert erlebte ich nun, dass er es tatsächlich fertig brachte, den Reutlinger um das dafür notwendige Geld zu erleichtern. Francos Dreistigkeit beschämte mich sehr, war es denn nicht genug, dass er sich in den neuen Laden gedrängt hatte? In den folgenden Monaten war Franco dann allerbester Laune. Schließlich war er seiner Meinung nach der wichtigste Mann in dem neuen Laden. Auch die anderen Beschäftigten waren bester Laune, bis auf den Finanzier, meinen Chef!

Diesem wurde das neue Geschäft immer mehr zuwider, da es keinen Erfolg brachte. Er kritisierte die Geschäftsführung von Ringo, warf ihm Verschwendung und Unfähigkeit vor. Mehr als das Doppelte, von seiner Kalkulation, hatte dieses Geschäft verschlungen. Deshalb lehnte er Ringos Verlangen nach neuer Lage, nach vier Wochen konsequent ab. Er beendete die Streitigkeiten ums Geld einfach damit, indem er das gesamte Personal hinauswarf und den Laden verschloss. Nun lief Franco wieder arbeitslos durch Amsterdam. Durch sein Herumlungern während meiner Arbeitszeit in unserem Laden ging er nicht nur mir, auch meinem Chef, auf die Nerven. Das Stimmungsbarometer des Reutlingers sank täglich mehr. Es war nicht zu übersehen. Ich schämte mich sehr, war machtlos

Aber Franco konnte das alles nicht berühren, er fühlte sich dazugehörig. Eines Abends, aus heiterem Himmel, erklärte mein Chef, er werde den Laden für vier Wochen schließen. Da es im Moment einige Probleme mit den Behörden gäbe, habe er sich entschlossen, aus Sicherheitsgründen, Betriebsferien zu machen.

Fast vierzig Angestellte des Casinos ‚Millionär’ standen nun plötzlich auf der Straße. Urlaubsgeld oder ähnliches gab es in dieser Branche ja nicht. Jedoch für einen Teil seiner Mitarbeiter hatte der von immer neuen Ideen inspirierte Reutlinger neue Beschäftigungen. Auch für mich. Mit neuem Auftrag und Spesen ausgerüstet, reisten wir am nächsten Morgen nach Deutschland zurück.

Als Stichling unter Haien

Подняться наверх