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Vipassana – die härteste Meditation der Welt
Оглавление»Seht klar. Und hört auf zu jammern.«
S. N. Goenka, Vipassana-Lehrer
Springen wir in den Vulkan. Besser gesagt: in unser Selbst. Vipassana bedeutet zehn Tage schweigen und meditieren, und zwar von morgens um vier bis abends um neun – also 15 Stunden lang. Kein Handy, kein Computer, kein Fernsehen. Kein Buch. Kein Stift. Gar nichts. Eine Mahlzeit pro Tag. Alle Teilnehmer schweigen während der zehn Tage. Noch nicht einmal Augenkontakt mit anderen ist erlaubt. Bei Vipassana gibt es nur uns und unser verrücktes mentales Innenleben. In spirituellen Kreisen wird dieses Gedankenwirrwarr Monkey Mind genannt, weil unser Verstand von Ast zu Ast hüpft und keine Ruhe gibt.
Wenn wir bei unserer Gitarrenmetapher bleiben, ist Vipassana ungefähr so, als würde man Sie mit einer Gitarre in einen kargen Raum sperren, Ihnen einmal am Tag etwas zu essen geben und sonst gar nichts. Da Sie nur die Gitarre zum Zeitvertreib hätten, würden Sie früher oder später anfangen zu spielen. Zehn Tage lang nur Sie und Ihre Gitarre. Viel Spaß.
Immerhin erhielten Sie jeden Morgen eine fünfminütige Anleitung, mit der Sie sich für den Rest des Tages beschäftigen können. Das ist nicht viel, aber nach zehn Tagen hätten Sie die wichtigsten zehn Noten drauf. Das reicht für 99 Prozent aller Musikstücke.
Vipassana ist die größte Qual, die sich ein Mensch (zumindest aus unseren Breiten) antun kann. Und trotzdem liebe ich diese Methode. Denn nach den zehn Tagen hat man einen Geschmack davon, was es bedeutet, klar und befreit zu sein.
Während der zehn Tage gewinnen Sie eine Vorstellung davon, warum sich die Mär von der Hölle über so viele Jahrhunderte gehalten hat. Denn Vipassana ist die Hölle.
Das Wort »Vipassana« ist Sanskrit (der sprachliche Vorgänger von Hindi) und bedeutet »die Dinge sehen, wie sie sind«. Und die Dinge sind ganz häufig ganz und gar nicht so, wie wir sie gern hätten. Diesen Missstand gleichmütig zu ertragen, ist das Ziel von Vipassana.
Ich stieß vor 15 Jahren durch Zufall auf diese Methode. Spirituell Beflissene würden sagen, es war Fügung. Ein Bekannter erzählte mir davon. Er sagte: »Das ist genau das Richtige für solche Hibbelköppe wie dich.« Er war stoischer Norddeutscher und schätzte mich ziemlich treffend ein.
Meine erste Vipassana-Sitzung machte ich in Indien; in einem Ort namens Igatpuri, drei Zugstunden von Mumbai entfernt. Dort befindet sich das weltweite Zentrum für Vipassana. Es hat ein eigenes Forschungsinstitut und Platz für fast tausend Menschen. Das Gelände ist so groß wie zehn Fußballfelder und mit weißen, schmalen Gebäuden übersät. In der Mitte steht eine gewaltige Pagode mit goldener Kuppel. Etwa hundert Meter von der Pagode entfernt durchtrennt eine Wand aus Stoffbahnen das Gelände. Sie soll die (nun erst recht) gierigen Blicke zwischen der Männer- und Frauenseite abfangen. Indien ist nun mal ein, nun ja, traditionelles Land. Da nützt auch Vipassana nichts.
An indische Gepflogenheiten muss man sich erst gewöhnen. Dazu gehört der bürokratische Aufwand, den jeder Meditierende vor seiner ersten Vipassana erledigen muss. Wer sich bereit erklärt, zehn Tage lang alle Regeln zu befolgen, seinen Reisepass abzugeben und in dieser Zeit keine anderen Meditationsformen anzuwenden, bekommt eine Kemenate zugewiesen. Ein fünf Quadratmeter großes Zimmer mit Bett, Dusche und eigenem Klo.
Es beginnt um 17 Uhr an Tag null in der großen Meditationshalle. Also am Abend vor den zehn Tagen. Vipassana ist damit eigentlich elf Tage lang. Alle Bewohner des Areals treffen sich, um für eine Stunde still zu sitzen und zu meditieren. In den zwei kargen Hallen hocken fast fünfhundert Männer und Frauen getrennt im sogenannten Group Sitting auf kleinen Kissen und warten darauf, eine Stecknadel fallen zu hören.
Die Halle ist an Kargheit nicht zu überbieten. Keine Räucherstäbchen, keine Buddhastatuen, kein Altar. Nur weißer Kalk, Stockflecken und Geckos.
Als ich zum ersten Mal Vipassana machte, ahnte ich nicht, was auf mich zukommen würde. Ich hatte alle Formalien erledigt, meine Kemenate bezogen und saß in dieser schrecklichen Dhamma-Halle. Als ich einen hohlen Gong hörte, schloss ich meine Augen und versuchte, mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Doch schon wenige Sekunden später dröhnten jämmerliche gutturale Laute durch die heiligen Hallen. Irgendwie musste sich ein besoffener Inder hierherverirrt haben. Ich drehte mich entsetzt um, konnte aber niemanden entdecken. Dann bemerkte ich, dass das Gelalle den Lautsprechern über mir entstieg. Fünf Minuten dauerte das Gegröle, bis ich mich endlich auf meine Meditation konzentrieren konnte.
Nach einer knappen Stunde jaulte der Besoffene wieder auf. Nachdem sein Kneipengegröle verebbt war, riefen alle um mich herum dreimal »Saddhu«, verbeugten sich und verschwanden aus der Halle. Keine Anweisungen, keine Einführung, keine Erklärung. Ich ging auf meine Kemenate und wunderte mich.
Später am Abend ging jemand mit einer Glocke herum. Ich sollte mich zurück in die Dhamma-Halle begeben und ein Gelübde ablegen. Geleitet von einem kleinen, hutzeligen Lehrer schwor die Gemeinschaft, während der Zeit im Dhamma-Zentrum nicht zu töten, zu stehlen, kein sexuelles Fehlverhalten an den Tag zu legen (was auch immer das heißen mochte), nicht zu lügen und keine betäubenden Substanzen zu sich zu nehmen. Wer sich für die zehn Tage anmeldete, müsse seinen Lebensrhythmus verändern, erklärte uns der Lehrer.
Was das genau bedeutete, lernte ich am nächsten Morgen. Um vier Uhr früh holte mich eine helle Glocke aus tiefem Schlaf. Es war mir unmöglich, aufzustehen. Innerhalb weniger Sekunden war ich wieder eingeschlafen.
Jemand klopfte an meine Tür und sagte etwas auf Hindi. Ich knipste das Licht an, versuchte Leben in meinen Körper zu bekommen und stand schließlich tatsächlich irgendwie auf. Ich folgte wie in Trance dem allgemeinen Strom der Meditierenden. Ein unglaublicher Sternenhimmel besprenkelte die Welt. Ich fühlte mich in den Film Time Machine versetzt, in dem Menschen durch tonale Schwingungen willenlos in einer Höhle verschwinden und nie wieder rauskommen.
Vor dieser Vipassana war ich in Goa gewesen, hatte täglich zwanzig bis dreißig Joints geraucht, Dutzende von Travellern kennengelernt und war von einem Ort zum nächsten gezogen, um meine eigene Unruhe nicht zu konfrontieren. Und nun saß ich plötzlich in dieser schrecklichen Meditationshalle und durfte nichts tun als stillsitzen.
Die Unruhe in meinem Körper war unerträglich. Gegen sechs Uhr ging das Gegröle wieder los. Dieses Mal sang der Besoffene für eine geschlagene halbe Stunde.
Zum Frühstück gab es eine Handvoll Porridge und zwei Bananen. Ich schaute mich um. Das letzte Mal hatte ich so einen Speisesaal bei der Bundeswehr gesehen. Wir saßen auf Plastikstühlen. Der Boden war gefliest, die Fenster vergittert. Ich aß mein Porridge und hatte einen Kloß im Hals.
Um halb neun das gleiche Ritual: Gegröle, Stille, Gegröle, keine Erklärungen. Hatten die mich aus Versehen in einen Kurs für Fortgeschrittene oder für Verrückte gesteckt? Doch um zehn erschien wieder der kleine, hutzelige Lehrer auf der Bühne.
Er erklärte uns, dass das Gegröle der Meditationsgesang des großen Lehrers S. N. Goenka war und vom Tonband lief. Es sollte unserer edlen Gesinnung zuträglich sein. Wir erfuhren, dass Vipassana keine Erholung, kein Fluchtweg und kein spaßiger Ort sei, um Menschen kennenzulernen.
Das gefiel mir. Es war nur für Erwachsene, wir sollten keine Heiligen anbeten und Erleuchtung versprach auch niemand.
Den gesamten Tag verbrachten wir schweigend und meditierend in der Halle. Ziel der Übung war es, uns auf ein Objekt zu konzentrieren – den Atem. Sonst nichts. Die Sekunden krochen in Zeitlupe dahin. Zum ersten Mal fragte ich mich, warum Menschen eigentlich ewig leben wollen.
Die ersten drei Tage waren schier unerträglich. Täglich mussten wir an drei einstündigen Group Sittings teilnehmen, ohne uns auch nur im Entferntesten zu bewegen. Wir sollten beobachten, wie die Luft durch die Nasenlöcher ein- und wieder ausströmte. Ich wünschte mir sehnlichst eine anspruchsvollere Aufgabe.
Am dritten Tag rief der Lehrer alle Teilnehmer einzeln nach vorn und fragte, ob wir es schafften, eine Minute lang mit der Konzentration nur beim Atem zu bleiben. Ich log und sagte ja. In Wirklichkeit war ich während der Meditation überall, nur nicht bei meinem Atem. Ich stritt mit meinen Kollegen, lag mit allen Exfreundinnen im Bett, aß die köstlichsten Mahlzeiten, wanderte durch Ägypten, spielte am Strand Frisbee, paddelte den Ganges herunter oder segelte um die Welt. Ich mied die Leere wie der Teufel das Weihwasser.
Vor mir saß ein skandinavisch aussehender Typ. Er sah aus, als wäre er aus Wachs gegossen, bewegte sich nicht ein Stück, zog nicht die Nase hoch, kratzte sich nicht am Kopf. Wie machte er das? Von den vierhundert Männern waren höchstens zehn aus dem Westen. Alle anderen waren Inder. Hatten die anderen genauso viel Kopf-Sex wie ich?
Links neben mir saß ein Mann, der die ganze Zeit rülpste. Welche Krankheit er wohl haben mochte? So viel Kohlensäure konnte kein Mensch zu sich nehmen. Hinter ihm furzte es regelmäßig laut. Weiter vorn zog jemand literweise Rotze aus seiner Nase und würgte sie hoch. »Chchchchjjuitt«, machte es. Manchmal drang auch ein lautes Schnarchen durch die Halle. Wie konnte man denn im Schneidersitz einschlafen? Hier war alles möglich. Welcome to India.
In der kargen Dhamma-Halle konzentrierten sich 399 Meditations-Schlüler auf ihren Atem und ein Verwirrter sehnte sich nur nach Meerbusen und Orgasmen. Es gab keine Ablenkung. Kein Meer, keinen Sonnenuntergang, keine Räucherstäbchen. Nichts. Noch nie in meinem Leben war ich mir selbst so ausgeliefert gewesen. Es war unerträglich.
Nach dem einstündigen Group Sitting kam die Erlösung durch Goenkas entsetzlichen Gesang. Anschließend setzte der schlimmste Schmerz meines Lebens ein, wenn ich meine Knochen aus der Starre befreite. Ich humpelte wie ein rachitischer Mann zum Ausgang und hätte heulen können vor Elend, Qual und meiner verfluchten Sehnsucht nach Klarheit oder Erleuchtung oder sonst irgendeinem Zustand jenseits dieses durchschnittlich-westlichen unerträglich-unberechenbaren Lebens.
Die meiste Zeit zwischen den Group Sittings durften wir in unseren Zellen verbringen. Doch ich kehrte stets nach einer halben Stunde zurück, da ich dort noch weniger mit mir anfangen konnte als in der öden Meditationshalle. Ich hatte brav mein Handy, Laptop und Bücher am Empfang abgegeben. Ein Leben ohne Ablenkung ist grauenhaft.
Die einzige Abwechslung fanden wir Vipassana-Schüler in den abendlichen Videovorträgen. Hier sprach Goenka in miserabler VHS-Qualität zu seinen Gequälten. Er benutzte dabei Begriffe wie Sila, Samadhi, Pana oder Sankarra. Ich fragte mich, wieso man es uns so kompliziert machen musste. Was bringt es mir, Pali-Vokabeln zu lernen? Ich hatte mich ja schon gegen Latein aufgelehnt. Aber vielleicht gehörte dies zum Kanon des spirituell aufstrebenden Menschen. Erst im Laufe vieler Vipassana-Sitzungen lernte ich, dass jede Organisation ihr eigenes Vokabular benötigt, um sich klar und unmissverständlich abgrenzen zu können.
»Jeder Mensch atmet«, erzählte Goenka in schwer verständlichem Englisch. »Jeder Atemzug ist lebensnotwendig und einzigartig. Wenn wir Menschen eines gemeinsam haben, dann ist es der Atem. Wer seinen Atem beobachtet, erkennt nicht nur seinen eigenen Gemütszustand, sondern auch den der Menschen um sich herum und damit den Zustand der ganzen Welt. Der Atem ist jenseits aller Religion. Jeder Mensch, ob Hindu, Christ, Jude oder Moslem, kann seinen Atem beobachten.«
In diesen abendlichen Videos saß Goenka neben seiner versteinert aussehenden Frau und versprühte Witz, Güte, Bescheidenheit und Weisheit. Er war seit fünfzig Jahren sein eigener bester Schüler und bewegte sich während der Vorträge keinen Millimeter. So wird man, wenn man täglich drei Stunden Vipassana meditiert. Seit einem halben Jahrhundert war nicht ein Tag verstrichen, an dem Goenka nicht dreimal meditiert hätte.
Goenkas Videovorträge über die Vorzüge des Meditierens an jedem Abend wirkten während der zehntägigen Vipassana wie ein motivierender Gute-Nacht-Trunk. Am nächsten Morgen waren die gemarterten Schüler wieder bereit, sich den Schmerzen und der Stille und dem Tosen zwischen den eigenen Ohren auszusetzen.
Vipassana funktioniert vor allem deswegen, weil keiner der erste von vierhundert Meditierenden sein will, der aufgibt. Zu Hause hätte ich das keine zehn Minuten durchgehalten. Doch in dem Zentrum herrschte eine Was-die-können-kann-ich-auch-Stimmung. Vor den anderen war ich zu eingebildet, um vor Schmerz zu stöhnen; zu stolz, um mich zu kratzen; zu verbissen, um mich zu bewegen. Und ich schätze, dass es allen anderen auch so ging. Und deshalb sind alle Vipassana-Meditierende Buddhas – von außen. Sie sind nur Buddha, weil ihr Nachbar auch Buddha ist. Buddhaheit steckt also an.
Vipassana ist die reinste und (er-)nüchternste Form der Meditation. Es erscheinen einem keine Heiligen. Auch keine mystischen Blitze oder Geister. Es begegnet einem nur das eigene Ich mit seinen Schmerzen, Gedanken, seinem Weh und Ach.
Am dritten Abend lag ich in meiner Kemenate und heulte wie ein Kind. Ich fragte mich, warum ich diesen Mist durchmachen musste. Niemand zwang mich dazu. Ich konnte niemandem die Schuld für diese Quälerei geben; ich hatte mich freiwillig dazu entschieden. Ich wollte unbedingt anders sein, weiterkommen, Erlösung finden. Ausgerechnet ich, der zu spät geborene Hippie, der Ungebundene, der olle Hibbelkopp. Ausgerechnet ich hielt mich jetzt sekundengenau an einen vorgegebenen Terminplan, stellte mich in Schlangen an und lernte komplizierte fremde Vokabeln. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es immer noch besser war, als einer verhassten Arbeit nachzugehen, familiärem Druck ausgesetzt zu sein oder in einem gesellschaftlichen Klima zu leben, das die Leute krank machte.
Zum Glück hielt ich durch. Denn die wahre Vipassana-Meditation begann erst am vierten Tag. Nach dem morgendlichen Group Sitting sollten alle Schüler ihren Körper von Kopf bis Fuß gedanklich abscannen. »From the top of the head to the tip of the toe«, wie Goenka diese Methode beschrieb. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter sollten die Meditierenden ihre Haut entlanggleiten und jede Partie erspüren, ohne sich dabei ein Stück zu bewegen.
Für den Hibbelkopp in mir war dieser Tag eine gewaltige Erlösung. Denn endlich gab es eine Aufgabe – von da an ging alles leichter. Auch die rülpsenden, furzenden und rotzenden Nachbarn waren besser zu ertragen.
Wie die Hornhaut, die nach vielen Gitarrenstunden irgendwann die schmerzenden Fingerkuppen bedeckt, wird bei Vipassana der Geist abgehärtet. Plötzlich merkt man, dass man sich eine ganze Stunde auf den Körper konzentrieren kann und dabei auch noch still sitzt und sich nicht mehr in Gedanken verliert. In den Muskeln und Knochen lösen sich Knoten, der ganze Körper fühlt sich entspannt an.
Nach der Meditation ging ich über das Gelände und wurde mir zum ersten Mal der Schönheit des Gartens bewusst. Mit unendlicher Liebe hatten viele fleißige Service-Kräfte kleine Beete angelegt, blühende Hecken getrimmt und verschlungene Wege in die Natur gearbeitet. Zuvor war mir alles hier karg und spartanisch vorgekommen.
Beim nächsten Group Sitting blieben ein paar Kissen leer. Trotz Hornhaut hatten die ersten die Tortur offensichtlich abgebrochen. Goenka redete von der Befreiung des Geistes, von totaler Erleuchtung. Ich glaubte nicht wirklich dran. Höchstens noch heimlich. Rein, frei und erleuchtet zu sein, war Simsalabim.
Meine Gedanken schweiften wieder unkontrolliert ab. Die Zeit zwischen den Group Sittings war am schwierigsten. Während der Meditationsstunden hatte ich wenigstens eine Aufgabe, auf die ich mich trotz der körperlichen Schmerzen, die das Stillsitzen mit sich brachte, konzentrieren und fokussieren konnte. Ich versuchte es sogar mit Schmerztabletten. Sie wirkten kein Stück, weil die Schmerzen beim Stillsitzen rein mental sind. Sie treten wahllos auf und verschwinden wieder.
Ab dem sechsten Tag begann ich, auch zwischen den Group Sittings still zu sitzen und mich auf Atem und Körper zu konzentrieren. Fast automatisch fing ich ab dem siebten Tag meine schweifenden Gedanken ab und holte meinen Geist zurück auf das blaue Sitzkissen im Hier und Jetzt.
Ich hatte hier zum ersten Mal das Gefühl, ein gelehriger Schüler zu sein. Alles falsch zu machen, ist auf Dauer langweilig.
Goenka erklärte uns an diesem Tag das Konzept des Free Flow, des freien Flusses von Energie durch unseren Körper. Zunächst verstand ich nicht, was er damit meinte. Doch dann floss es. Und zwar gewaltig. Es fing in meinen Füßen an und strömte nach oben. Als der Free Flow meinen Kopf erreichte, war ich mir sicher, dass meine Haare zu Berge stünden. Ich atmete nur noch ganz leicht und plötzlich schwebte ich. Ich erschrak fürchterlich und öffnete die Augen. Ich war mir sicher, drei oder vier Meter über meinem Kissen zu hängen. Doch zu meiner Ernüchterung stellte ich fest, dass ich mich nach wie vor auf dem Boden befand – genau wie die Männer um mich herum. In den nächsten Tagen versuchte ich, meine Schwebe-Erfahrung zu wiederholen, doch es misslang mir. Bis heute habe ich es nie wieder geschafft, diesen Zustand zu erreichen.
Die Reihen lichteten sich immer weiter. Nun blieb jeder vierte Platz leer. Das hatte einen gewaltigen Vorteil: Wer es bis hierher geschafft hatte, furzte, rülpste und rotzte nicht mehr. Jeder saß erhaben und elegant auf seinem Kissen und hätte Buddha sein können. Ich auch. Vielleicht. Wer weiß, wie viele von den Männern mental gerade schwebten. Ich hätte es jedem einzelnen ohne Zögern zugetraut. Ich kannte keinen einzigen meiner Mitmeditierenden. Doch sie alle waren mir ans Herz gewachsen. Jeder hatte sich getraut, aus dem Alltag auszubrechen und eine Alternative zu suchen, sei es aus Neugierde, Flucht, Verwirrung oder Zwang. Jeder drückte in seiner Meditation etwas Edles aus. Spirituelles oder religiöses Getue fand hier keinen Raum. Hier herrschte die rohe Wahrheit der Meditation. Ungeschönt, ungekünstelt, schmucklos und echt.
Für die letzten beiden Tage dieser Vipassana nahm ich mir vor, alle Erfahrungen zuzulassen. Alle. Es sollte die beste Zeit meines Lebens werden. Ich wartete auf das Leid – es kam nicht. Ich wartete auf das Unglück – es kam nicht. Ich wartete auf den Unfrieden – er kam. In vollem Ausmaß. Und er verging, ohne eine Spur zu hinterlassen. Das gleiche galt für Schmerz, Hunger und Unruhe. Sie kamen, sie gingen, sie hinterließen nichts. Wir haben ebenso wenig Einfluss auf unser Gesamtpaket an Gefühlen, Gedanken und Empfindungen wie auf den Flug eines Vogels am Himmel. Aber wir können entscheiden, wie wir mit diesen Erscheinungen umgehen.
Ich wusste, dass diese Einsicht den entscheidenden Unterschied in meinem Leben machen konnte und gleichzeitig nichts änderte. Sie würde irgendwann wieder vergessen sein. Also genoss ich diesen Augenblick wie eine Liebe, die auf dem Sprung zurück in ihr eigenes Leben ist.
Am letzten Tag gab uns Goenka mit auf den Weg, Liebe zu verbreiten, und zwar auf der ganzen Welt. Ich fand das kitschig und überzogen, war aber nach den zehn Tagen so weichgekocht, dass ich das Konzept gern anwendete. Von nun an sollten wir ein Leben führen, dessen Grundlagen moralisches Verhalten, Herrschaft über den eigenen Geist und Reinheit des eigenen Lebens sein sollten. Wir hätten ein kleines Pflänzchen gesät und müssten jetzt achtgeben, diese Pflanze nicht vertrocknen zu lassen. Mit dem Wachsen der Pflanze würde eine Erneuerung unseres Lebens stattfinden. Es gäbe niemand, dessen Leben nach Vipassana nicht besser geworden wäre. Dies versprach uns Goenka via VHS, verstummte und entließ uns in die verrückteste aller Welten jenseits der trist-grauen Hallen der Vipassana.