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Howth

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Frank Ryan lief unruhig am Strand umher. Immer wieder hob er Steine auf und warf sie mit aller Kraft ins Wasser. Die Neumondnacht steckte ihm in den Knochen. Und nicht nur da. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

»Das nicht! Das geht nicht. Ich kann das einfach nicht mehr«, murmelte er unentwegt vor sich hin.

Sein Schuldenberg, der sich immer höher aufgetürmt hatte, war zwar zum ersten Mal geschrumpft, aber er wusste nicht, ob er noch einmal die Kraft aufbringen würde, das zu tun, wozu sie ihn gezwungen hatten.

»Und das nur, weil diese blöde Kuh auf dem Gut ihr Geld nicht mehr in der Börse hatte!«, schimpfte er leise. Er gab Margret die Schuld an seinem Elend. Wäre diese nicht so gewitzt gewesen, ihn eine fast leere Geldbörse stehlen zu lassen, hätte er seine Schulden bezahlt und wäre ein freier Mann.

Aber wer sagte, dass er das nicht ändern könnte? Die Polizei würde mit Sicherheit Interesse an dem haben, was er zu erzählen hatte. Und dann würde diese ganze Bande hinter Schloss und Riegel sitzen und er, Frank Ryan, wäre seine Sorgen los. Er musste nur aufpassen, dass niemand es mitbekam.

Er machte sich an den Aufstieg, wollte auf sein Zimmer, um in Ruhe die weitere Vorgehensweise zu planen. Als er den steilen Pfad die Klippen hinauf erklommen hatte, sah er Sarah O´Leary, die gerade mit ihrer Arzttasche in der Hand den Weg vom Gut hinabschlenderte. Er leckte sich die Lippen. Dieses Weib, so dachte er sich, wäre genau das Richtige, um seine trüben Gedanken endgültig zu vergessen und die Wende seiner Situation einzuläuten. Schon seitdem er sie das erste Mal gesehen hatte, malte er sich aus, was er alles mit ihr anstellen würde. Und er hielt sich für den am besten aussehenden Mann in Howth.

Er kam gar nicht auf die Idee, dass Sarah einen Mann oder Geliebten haben könnte, hielt die Gerüchte für Unsinn. Hier würde sie außer ihm keinen finden. Er wartete, bis sie nahe genug heran war.

»Hallo, Miss O´Leary.«

Sarah blieb stehen und musterte ihn. Etwas an ihm löste Unruhe in ihr aus. Vielleicht sein Blick? Irgendwie wirkte er lauernd, verschlagen. Sie war Frank Ryan ein paarmal begegnet, aber sie hatten bisher kaum mehr als Floskeln ausgetauscht, und von Ellen wusste sie lediglich, dass der Mann ein Saison-Fischer war und nicht aus Howth stammte.

»Mr. Ryan, richtig?«

Er verbeugte sich leicht.

»Stets zu Diensten«, grinste er sie an, trat einen Schritt näher. »Wohin wollen Sie denn?«, fragte er sie scheinheilig. Er war sich sicher, wäre er erst nahe genug, dann würde er sie sich schnappen können. Und nach einigen Küssen wäre sie Wachs in seinen Händen.

Sarah schürzte die Lippen. Dass er näher kam, war ihr unangenehm.

»Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht.«

Mittlerweile war er bis auf einen Schritt an sie herangetreten.

»Oh, Miss O´Leary. Ich denke, wir beide sollten uns etwas unterhalten. Ich dachte, Sie würden gerne mit mir kommen. Ich habe da eine gute Flasche auf meinem Zimmer, die nur auf die richtige Gelegenheit wartet und …«

In diesem Moment näherte sich Hufschlag und eine Kutsche kam den Weg hinauf. Auf dem Kutschbock saß Horatio, der sich Sorgen um Sarah gemacht und sie nicht alleine hatte herumlaufen lassen wollen. Als er anhielt, hatte er mit einem Blick die Situation erfasst. Die Körpersprache sowohl Frank Ryans als auch Sarahs sprachen Bände. Er sah Ryan vom Kutschbock herab lange an, dann blickte er zu Sarah.

»Gibt es Schwierigkeiten, Miss Sarah?«

Er drehte sich wieder zu Frank um. Diesem Burschen würde er nicht den Rücken zuwenden. Die Sorte Mann kannte er noch von früher aus London! Meist hatte sie ein Messer im Hemd. Horatio erkannte Gier in Ryans Augen und ihm war klar, was er im Sinn gehabt hatte.

»Ich denke nicht, Mr. Gordon«, erwiderte Sarah ruhig und förmlich und stieg ohne großes Aufsehen zu ihm auf den Kutschbock. »Aber ich bin froh, dass Sie vorbeikommen. Mir ist gerade eingefallen, dass ich noch einige Besorgungen machen muss. Ihnen einen schönen Tag, Mr. Ryan!«

Frank sah der Kutsche nach.

»Hol mich der Teufel«, brummte er. »Muss dieser verdammte Pferdeknecht hier auftauchen?« Er hob einen Stein auf und pfefferte ihn in Richtung Strand, drehte sich um und wollte zurück auf sein Zimmer. »Dann leere ich die Flasche eben alleine«, murmelte er.

Nebel zog auf, es begann zu nieseln. Franks Laune wurde noch schlechter. Als er am Hafen ankam, stand Charles Smith an der Mole. Er winkte ihm zu. Missmutig schlenderte Frank zu ihm.

»Hey Frank, wohin des Weges?«, rief Charles ihm zu.

»Weiß nicht. Vielleicht wieder ins Bett.«

Der Fischer musterte den kleinen Ganoven und was er sah, gefiel ihm nicht.

»Na komm, lass uns gemeinsam einen heben.«

Frank zögerte einen Moment, aber dann folgte er Charles auf dessen Kutter unter Deck, wo er dankbar ein großes Glas Whiskey in einem Zug leerte. Sofort spürte er die wohlige Wärme, die seinen Körper durchzog, und hielt seinem Komplizen das Glas hin.

»Das tut gut«, grinste er.

Charles goss nach, dabei ließ er Frank keinen Moment aus den Augen.

»Und, alles klar sonst?«, fragte er beiläufig. Ein Achselzucken war die Antwort.

»Was soll schon klar sein? Ich komme einfach nicht von den Schulden runter. Und ich habe keine Lust mehr, ständig diese Dinge zu machen.«

Das Glas war schon wieder leer, aber Charles füllte es bereitwillig auf. Frank entging, dass sein Gegenüber noch nicht einen Schluck getrunken hatte.

»Was ist denn so schlimm? Noch zwei oder drei Aufträge, dann bist du doch deine Schulden wieder los.«

»So? Bin ich das?«

Franks Adamsapfel tanzte, als er den Whiskey hinunterstürzte.

»Ich sag dir was, Charles. Schmuggeln ist eine Sache, aber neulich … das ist ne Nummer zu heftig.«

Charles kniff die Augen zusammen.

»Was willst du damit sagen? Wo ist der Unterschied? Nutten oder …«

»SAG ES NICHT!« Frank brüllte fast. Sein Magen zog sich zusammen. »Wenn die Bullen das rauskriegen, dann hängen wir alle!«

»Und wie bitte sollen sie das erfahren?«

»Muss sich nur einer verplappern. Und der ist vielleicht sogar noch fein raus.«

Charles schloss kurz die Augen. Das hatte er befürchtet. Frank kippte um. Er hatte es von Anfang an geahnt.

»Ach was, Frank. Wir halten doch zusammen.« Charles erhob sich, sah Frank an. Dieser war schon ziemlich betrunken. »Ich glaube, wir brauchen ne neue Flasche«, grinste der Fischer und ging an Frank vorbei, griff sich eine Spillspake, drehte sich um und zog dem Betrunkenen eins über. Der sackte in sich zusammen.

»Tut mir leid, Frank. Aber du bist ein Risiko.«

Sarah saß neben Horatio auf dem Kutschbock. Obwohl sie äußerlich gefasst reagiert hatte, war ihr klar, dass sie gerade eben wieder einmal von Horatio aus einer Situation gerettet worden war, die brenzlig hätte werden können. Sie sagte nichts, aber das musste sie auch nicht. Horatio kannte sie gut genug.

»Sarah … ich will nicht, dass du in Zukunft alleine hier rumläufst. Der Kerl gerade … was der wollte, das ist dir klar, oder?«

Sie nickte.

»Natürlich. Er wollte unter meine Röcke. Ich bin froh, dass du gekommen bist, aber ich will auch nicht ständig bewacht werden! Es kann doch nicht sein, dass ich mich in London freier bewegen konnte als auf dieser gottverlassenen Insel!«

Trotzig, wie sie war, konnte sie Horatio im Augenblick nicht ansehen und starrte an ihm vorbei. Von hier aus konnte sie das Heim sehen. Heute war Besuchstag.

»Dein Trotz wird dir nicht helfen. Ich habe in London auf dich aufgepasst, in Ägypten und werde es auch hier!«

Charles Smith war mittlerweile mit seinem Schiff ungefähr drei Seemeilen vor Howth angekommen. Mit an Bord waren zwei seiner Kumpane. Frank Ryan hatten sie verschnürt einfach unter Deck liegen lassen, bis sie weit genug auf See waren. Jetzt zerrten sie ihn in die kalte Luft hinaus und banden ihn an einem Mast fest.

»Hallo Frank, mein Freund, aufwachen.«

Charles tätschelte dem Mann die Wangen, der nur grunzte.

»Na, dann eben anders«, grinste einer der anderen beiden Männer, nahm sich einen Eimer, warf ihn über Bord und zog ihn voll mit dem eiskalten Meerwasser mittels des an ihm befestigten Seils wieder nach oben. Der Schwall, der sich über Franks Kopf ergoss, riss ihn zurück in die Realität.

»Was zum …«, knurrte er.

»Ah, da bist du ja wieder.«

Die Männer grinsten ihn an. Er spürte eine Hand unter seinem Kinn, die seinen Kopf nach oben hob, und sah in das Gesicht des Mannes, den er am meisten fürchtete.

»John … was …?«, krächzte er heiser.

»Frank, mein Freund Charles hat mir erzählt, dass du dich nicht wohl fühlst. Stimmt das?«

»Wenn du eine Flasche Whiskey intus hast, fühlst du dich auch nicht mehr wohl«, gab Frank zur Antwort. Eine heftige Ohrfeige zeigte ihm, dass diese Antwort wohl die falsche gewesen war.

»Hör auf mit dem Blödsinn. Charles meinte nach dem letzten Auftrag, er hat das Gefühl, dass du umkippst und uns verpfeifst. Stimmt das, Frank?«

»Ich doch nicht …«

John zuckte mit den Schultern.

»Frank, hör zu. Charles kam zu mir. Wir sind daraufhin nach Howth und haben dich beobachtet. Auch vorhin, als du diesem rothaarigen Teufel zu gern zwischen die Schenkel wärest. Du spielst mit dem Feuer. Und dann erzählt uns Charles, dass du etwas faselst von wegen, dass jemand vielleicht fein raus wäre. Das hört sich für mich nach verpfeifen an.« John zuckte wieder mit den Schultern. »Aber das spielt, wenn ich ehrlich bin, keine große Rolle. Du hast Schulden bei mir. Immense Schulden. Und ich habe dir die Möglichkeit gegeben, sie abzuarbeiten. Aber mir scheint es so, dass du das nicht mehr willst. Also, wie willst du deine Schulden bei mir bezahlen? Mit dem miesen Gehalt, das du als Fischer verdienst? Und das du für Schnaps und billige Huren ausgibst, kaum, dass es in deiner Tasche ist?«

Frank begann zu zittern.

»Also werde ich die Geschäftsbeziehung mit dir beenden. Ich sehe keine Möglichkeit, an mein Geld zu kommen. Also …«

Er wich einen Schritt zurück und nickte. Der andere Mann trat vor. Frank wollte noch etwas sagen, aber er sah nur noch ein Blitzen, als eine scharfgeschliffene Klinge durch die Luft pfiff und ihm die Kehle von einem Ohr zum anderen aufschnitt. Er gurgelte noch einmal kurz, dann brachen seine Augen.

Der Fischkutter bewegte sich Richtung Howth. Unterwegs warfen sie Frank, mit einigen Eisenstücken beschwert, in die See, die sich sofort über ihm schloss.

Die O´Leary Saga

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