Читать книгу Die O´Leary Saga - Werner Diefenthal - Страница 29

Оглавление

Howth

Frances Doherty rührte mechanisch im Eintopf. Obwohl man die dünne Brühe darin so wirklich nicht nennen durfte! Wieder einmal war die Speisekammer fast leer gewesen und als Harold am Morgen das Haus verließ, hatte er die Haushaltskasse geplündert. Heute war wieder einmal ein Tag, an dem Frances fast verzweifelte. Sie wusste genau, dass der Ertrag aus dem Verkauf der Rinder nicht schlecht war! Und Andrew O’Leary verlangte noch weniger Pacht, als sein Vorgänger es getan hatte, weil auch ihm der schlechte Zustand des Hofes, für den Frances sich unsagbar schämte, nicht entgangen war.

Trotzdem war kein Geld da. Harold war in den letzten Tagen immer weniger zu Hause gewesen. Nicht, dass Frances ihn vermisst hätte. Im Gegenteil. Sie war heilfroh, wenn er fort war. Dann konnte er sie und die Kinder nicht schlagen wegen Nichtigkeiten oder einfach nur so, weil er schlechte Laune hatte.

Dass er aber irgendwo draußen das ganze Geld zu verjubeln schien, machte Frances Sorgen. Wenigstens Elsie bekam im Haushalt der O’Learys genug zu essen, aber sie und auch Percy wurden immer magerer. Gestern war Frances auf dem Boden des Hühnerstalls zu sich gekommen. Sie musste ohnmächtig geworden sein.

Der saure Geruch von viel zu viel Essig aus dem Topf vor ihr stieg Frances in die Nase und ihr wurde übel. Auf zittrigen Beinen wankte sie vor die Tür und übergab sich auf den Hof. Die Schwäche fuhr ihr in die Glieder, und Frances brach auf Hände und Knie zusammen, würgte hilflos. Als jemand sie an den Schultern griff, zuckte sie heftig zusammen und stieß einen leisen Schrei aus, fuhr hoch. Sie atmete auf, als sie Sarah O’Leary erkannte. Die Rothaarige hob beschwichtigend die Hände.

»Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.«

»Du hast mich nicht erschreckt«, keuchte Frances und kämpfte sich hastig auf die Beine. Ihr wurde schwindelig, und nur Sarahs schnelles Zugreifen verhinderte, dass sie umkippte.

Sarah presste bestürzt die Lippen zusammen. Sie hatte keine Beweise, dass Harold seine Frau misshandelte, aber es war auch mehr als nur eine Ahnung. Sie stützte die Pächterin und erschrak, als sie spürte, wie mager sie war.

»Komm, lass uns nach drinnen gehen«, ermunterte sie Frances Doherty und nahm sie behutsam mit ins Haus, setzte sie auf einen Küchenstuhl. Matt blickte die Frau Sarah an.

»Warum bist du hier? Harold mag es nicht, wenn Besuch kommt.«

»Harold ist nicht da«, erwiderte Sarah fest. »Und abgesehen davon bin ich nicht Besuch, sondern die Tochter eures Gutsherrn, die nach dem Rechten sieht!«

Sie erhob sich, griff nach ihrer Tasche und holte einige gut belegte Brote heraus.

»Hier Frances, iss. Deinen Sohn habe ich schon unterwegs getroffen und versorgt. Glaubt nicht, dass ich nicht sehe, wie ihr immer dünner werdet.«

Zuerst glaubte Frances, dass sie sich wieder würde übergeben müssen, sobald sie etwas aß, aber in dem Moment, in dem sie den Schinken auf dem Brot roch, knurrte ihr Magen begehrlich, und sie begann, mit Genuss zu essen.

Sie ließ Sarah dabei nicht aus den Augen, fragte dann noch einmal.

»Warum bist du hier?«

Sarahs grüne Augen hielten ihren Blick fest.

»Elsie hat mich darum gebeten. Sie sagt, es geht dir nicht gut. Dass du dich häufig übergibst.«

Frances nickte, und ihr kamen die Tränen.

»Das stimmt.«

Schon bevor sie hergekommen war, hatte Sarah einen Verdacht gehabt, der sich auf den ersten Blick durch die schäbigen, viel zu großen Kleider der Frau nicht bestätigen ließ.

»Frances, darf ich einmal nach deinem Bauch sehen?«

Mehr brauchte es nicht, die Pächtersfrau brach in Tränen aus. Mitfühlend nahm Sarah ihre Hände.

»Du kriegst ein Kind, nicht wahr?«

Frances nickte hektisch.

»Ja. Es bewegt sich schon. Harold weiß nichts davon … glaube ich. Er soll es auch nicht erfahren … noch ein Esser mehr im Haus …«

Ihre Stimme ertrank in hilflosem Schluchzen. Sarah biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten.

»Frances, hör mir zu. Ich werde alles tun, was ich kann, um dir zu helfen! Aber ich will dich auf keinen Fall bei deinem Mann in Schwierigkeiten bringen. Ich werde euer Haus im Auge behalten. Ich komme zu dir, wenn er fort ist, und bringe euch zu essen. Ich werde dich untersuchen und dafür sorgen, dass es dir und dem Kind gut geht. Und wenn die Zeit reif ist, helfe ich dir, dein Baby auf die Welt zu bringen. Unser Haus steht dir immer offen. Immer. Du kannst Tag und Nacht zu uns kommen, wenn du Hilfe brauchst. Mit deinen Kindern. Hörst du?«

Langsam beruhigte Frances sich. Sie nickte dankbar und drückte Sarahs Hände.

»Danke. Du bist so gut zu mir. Aber jetzt musst du gehen. Ich weiß nicht, wann Harold zurückkommt. Und gib auf dich Acht. Nicht jeder in Howth ist so freundlich wie du, nicht jeder, der dich anlächelt, meint es auch so.«

Als Sarah sich wieder zu Horatio auf den Kutschbock setzte, musste sie sich selbst die Tränen abwischen.

»Eins weiß ich sicher, Horatio … wenn es einen Gott gibt, hat er diesem Ort schon vor langer Zeit den Rücken zugedreht!«

Gutshof

»Du bist übergeschnappt! Vielleicht solltest DU dich mal untersuchen lassen!«

Margrets Stimme war ungewohnt leise, als sie im Flüsterton durch die Eingangshalle zischte.

»Wenn du so davon überzeugt bist, kannst du ja ins Bett gehen und mich alleine wachen lassen«, brummte Andrew, dem diese Variante deutlich lieber gewesen wäre, als nur mit einer Kerze bewaffnet und Tante Margret an der Seite unter der Treppe zum ersten Stock auszuharren und auf etwas zu warten, das höchstwahrscheinlich nie passieren würde!

»Kommt überhaupt nicht in Frage! Hier muss wenigstens einer von uns einen klaren Kopf behalten, sonst landet Sarah noch im Sanatorium, weil du dem Geschwätz dieses Kerls auf den Leim gehst!«

Margret war so entschlossen und kampfeslustig wie immer. Vielleicht sogar ein bisschen mehr, denn sie versuchte zu verbergen, dass ihr das Herz bis zum Hals hinauf schlug. Sie hatte Andrew nicht erzählt, dass sie Sarah schon einmal beim Schlafwandeln in der Eingangshalle angetroffen hatte, und rang mit sich, ob sie die Berichterstattung nachholen sollte, bevor ihr Schwager es mit eigenen Augen sah. Schließlich gab sie sich einen Ruck.

»Andrew, wir können uns diese Warterei hier sparen! Sarah schlafwandelt tatsächlich, ich habe sie vor ein paar Wochen in der Eingangshalle erwischt. Sie stand vor dem Porträt von Isabella und wusste zuerst gar nicht, wo sie war.«

Andrew starrte seine Schwägerin an.

»Wieso sagst du mir so etwas nicht?«

Trotzig zuckte Margret die Schultern.

»Weil ich es nicht wichtig fand! Dann schlafwandelt sie eben, was ist schon dabei? Das tun schließlich viele Leute, und sie steht dank diesem vermaledeiten Heim unter einer Menge Druck! Es wäre ein Wunder, wenn sie nicht durchs Haus geistern würde! Und du würdest dir auch nichts dabei denken, wenn dieser Verwalter dir nicht den Floh ins Ohr gesetzt hätte, dass sie geisteskrank ist! Unsinn ist das!«

»Woher willst du das wissen?«, begehrte Andrew auf. »Sie schläft schlecht, sie hört Dinge, die nicht da sind, sie hört dieselben Dinge, die Isabella gehört hat, bevor sie sich umgebracht hat! Es gibt Psychosen, bei denen Frauen Babygeschrei hören, Margret, und Geisteskrankheiten sind erblich!«

Dem Arzt stand die blanke Angst ins Gesicht geschrieben. Margret hatte ihn noch nie so gesehen. Sie griff ihn bei den Schultern.

»Andrew! Warum denkst du sofort an eine Geisteskrankheit? Wenn Isabella und Sarah dasselbe hören, wieso denkst du nicht eine Sekunde daran, dass das, was sie hören, tatsächlich da ist?«

Andrew schwieg, und er sah so verzweifelt aus, dass Margret ihn in die Arme nehmen musste. Das war genau der Moment, in dem im ersten Stock eine Tür aufging. Margret und Andrew erstarrten. Obwohl die Scharniere nicht quietschten, schien das Geräusch ohrenbetäubend laut.

Sekunden später knarrte die Treppe, als jemand hinunter ging. Die kurze Hoffnung, dass es sich um Beatrice auf dem Weg zu einem Mitternachtssnack handeln könnte, wurde je zerstört, als Sarahs Stimme wie ein Hauch durch den Raum schwebte.

»Ich komme. Ich höre dich.«

Margret versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber in diesem Moment standen ihr alle Haare zu Berge, und als sie unter der Treppe hervorkam und Sarah mit ihrem weißen Nachthemd und dem leeren Blick in die Halle treten sah, war es ein fast geisterhafter Anblick. Einen Moment lang verschlug es Margret die Sprache, und auch Andrew stand nur mit kreidebleichem Gesicht neben der Treppe und starrte seine Tochter an.

Als sie jedoch die Hand zum Türgriff der Eingangstür ausstreckte, riss ihre Tante sich zusammen und rief ihren Namen. Verwundert drehte Sarah sich um. Es war nicht ersichtlich, in welchem Moment genau sie aufgewacht war, und sie schien es selbst nicht bemerkt zu haben.

»Tante Margret. Papa. Was macht ihr hier?«

»Wo willst du denn hin, Kind?« Margrets Stimme war ungewohnt sanft. »Es ist mitten in der Nacht.«

Sarah wollte etwas antworten, schloss den Mund aber wieder und schien einen Moment lang angestrengt zu lauschen. Dann schüttelte sie brüsk den Kopf.

»Nirgendwo, ich … ich dachte, ich hätte etwas gehört. Ich habe mich geirrt. Gute Nacht.«

Ohne ein weiteres Wort stieg sie die Treppen wieder hinauf und schloss ihre Zimmertür.

Andrew blickte Margret an, und es war ihm anzusehen, dass er erschüttert war bis ins Mark.

»Was können wir nur tun?«

Die O´Leary Saga

Подняться наверх