Читать книгу Die O´Leary Saga - Werner Diefenthal - Страница 21
Leuchtturm
ОглавлениеEric konnte vor Müdigkeit kaum die Augen offen halten, aber er wagte es nicht, einzuschlafen. Normalerweise betraute Gilbert Ferguson seinen Sohn nie mit der Aufsicht über die Leuchtturmlampe, nur dieses eine Mal im Monat. Immer bei Neumond. Ausgerechnet, wenn die Nacht am dunkelsten war und die Lampe auf keinen Fall ausgehen durfte. Zwar waren die hiesigen Fischer in der Nacht nur in seltenen Ausnahmefällen auf dem Wasser, aber auch die großen Schiffe, die in den Dubliner Hafen einliefern, benutzten den Leuchtturm von Howth als Orientierungspunkt.
Und auch wenn Gilbert ein furchtbarer Vater war - er war ein ausgezeichneter Leuchtturmwächter! Er hätte sich damit rühmen können, dass sein Leuchtturm noch niemals erloschen war - wenn Eric nicht in einer Neumondnacht eingeschlafen wäre!
Wie ein Dämon aus der Hölle war sein Vater damals über ihn gekommen und hatte ihn so schlimm verprügelt, dass er ein paar Tage das Bett nicht verlassen konnte und Gilbert schließlich gezwungen gewesen war, den Arzt zu holen.
Damals hatte Eric geglaubt, dass sein Vater ihm den Leuchtturm nie wieder anvertrauen würde, aber er hatte sich geirrt. Nach wie vor war es in jeder Neumondnacht ihm überlassen, das Licht am Leuchten zu halten, obwohl er am nächsten Tag auf dem Hof der O’Learys zum Arbeiten antreten musste.
Was immer Gilbert in den Neumondnächten trieb, es war ihm wichtig genug, dafür seinen geliebten Leuchtturm aus der Hand zu geben. Eric hatte ihn nie gefragt, was er tat und warum ausgerechnet immer bei Neumond. Er vermutete, dass er nach Dublin ging, Huren besuchte und trank, denn wenn er zurückkam, war er meist ausgesprochen gut gelaunt und roch nach Alkohol.
So auch heute. Fast wäre Eric wieder eingenickt, als ihn das Gepolter Gilberts, der über die Türschwelle im Eingang stolperte, aufschreckte. Draußen graute der Morgen. Es war schon eine ganze Weile her, dass Gilbert so lange fortgeblieben war, aber wie sonst auch sang er fröhlich, und als er den Kontrollraum des Leuchtturms betrat, tanzte er ein paarmal um die Lampe herum, bevor er Eric fast freundschaftlich auf die Schulter schlug.
»Na, mein Sohn, hattest du eine ruhige Nacht? Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«
Eric schüttelte den Kopf und erhob sich von dem unbequemen Hocker, auf dem er immer saß - sobald er einschlief, würde er unweigerlich damit umfallen.
»Nein, Vater. Alles war wie immer.«
»Schön, schön!«
Gilbert Ferguson zog ein paar Geldscheine aus der Tasche und drückte sie dem verdutzten Eric in die Hand.
»Hier, du hast deine Arbeit gut gemacht. Das sollte deinen Lohn für heute bei den O’Learys sogar übersteigen … dann kannst du dich ausschlafen und musst nicht arbeiten gehen.«
Eric wagte nicht, seinem Vater das Geld zurückzugeben, und steckte es ein.
»Danke, Vater. Aber ich werde trotzdem arbeiten gehen. Ich kann es mir nicht leisten, bei den Herrschaften in Ungnade zu fallen.«
Schnell, damit sein Vater nicht dazu kommen konnte, noch mehr merkwürdige Dinge zu tun, verließ Eric das Haus und stapfte durch den Morgennebel davon. Im Laufen zog er die Geldscheine hervor und zählte sie, schnappte nach Luft. Zwanzig Pfund! Ein Vermögen! Gilbert musste wirklich in Dublin gewesen sein und dort gespielt haben! Wie viel hatte er gewonnen, wenn er ihm so viel abgeben konnte? Rasch ließ Eric das Geld in seiner Jackentasche verschwinden. Er wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass die Aktivitäten seines Vaters nicht mit rechten Dingen zugingen.