Читать книгу Die O´Leary Saga - Werner Diefenthal - Страница 13
Magdalenenheim
ОглавлениеMarys Schreie waren schon im Eingang des Magdalenenheims zu hören und ließen Sarah das Blut in den Adern gefrieren. Ihre eigenen Sorgen waren wie weggewischt und sie stieß Mabel unsanft in den Rücken, sodass sie ein paar Schritte nach vorn stolperte.
»Geh schon vor, wo ist sie?«
Mabel hatte sich voller Empörung über den Schubser umgedreht und öffnete den Mund, um sich zu beschweren, schloss ihn aber, als sie Sarahs Blick sah.
»Im Gebärzimmer, ich führe dich hin.«
Als sie erst im richtigen Gang waren, war es nicht mehr schwer, das Zimmer zu finden, denn die anderen Heimbewohnerinnen hatten eine Traube davor gebildet. Sie waren bleich, manche von ihnen beteten.
Sarah bahnte sich einen Weg zur Tür und stürzte in den Raum. Zuerst sah sie nur die Nonnen, die in ihrer schwarzweißen Tracht um Halbkreis um das Bett herumstanden und Rosenkränze beteten. Es wirkte fast wie ein Exorzismus! Wie sollte die arme Mary, derartig von einer katholischen Armee eingeschüchtert, hier anständig gebären!? Ihr hübsches Gesicht war von Schmerz und Angst verzerrt und sie richtete sich auf dem Bett, dessen Laken schon blutbesudelt waren, halb auf. Ihre schweißnasse Miene erhellte sich deutlich, als sie Sarah hereinkommen sah. Die Schwestern brachen ihren Sermon nicht ab und Sarah explodierte.
»RAUS! ALLE RAUS! JEDER, DER NICHT UNMITTELBAR MIT DIESER GEBURT ZU TUN HAT, VERSCHWINDET AUF DER STELLE! Betet in der Kapelle oder auf dem Abtritt, hier seid ihr im Weg!«
Mit Befriedigung sah sie, wie die frommen Frauen erschreckt vor ihr zurückwichen und dann wie eine Schar aufgescheuchter Hühner schimpfend nach draußen hasteten. Auch Georgette, die neben Mary gesessen und ihre Hand gehalten hatte, erhob sich, aber Sarah hielt sie zurück.
»Du nicht. Ich brauche vielleicht Hilfe.«
Außerdem hatte sie die Vermutung, dass die ältere Frau vermutlich schon die eine oder andere Geburt miterlebt und entsprechend Erfahrung damit hatte.
»Mabel, bitte hol frisches Wasser, heiß und kalt.« Sie warf einen Blick durch den Raum. »Und Tücher, jede Menge Tücher.«
Sarah unterdrückte einen Fluch; diese Bande stellte sich an, als ob Kinder bisher nur durchs »Vater Unser« auf die Welt gekommen waren! Sie beugte sich über Mary und lächelte sie an.
»Keine Angst … es wird alles gut. Bald hast du es geschafft!«
Die Blonde lächelte zurück und nickte.
»Jetzt wird alles gut, jetzt bist ja du da!«
Ihr Gesicht verzerrte sich, als eine neue Wehe ihren Körper schüttelte und Sarah hielt zusammen mit Georgette ihre Hände und zählte laut mit, bis Mary sich wieder entspannte. Dann öffnete sie die Augen und zog Sarah näher zu sich, wisperte, so leise sie konnte: »Was ist mit Thomas?«
Sarah war sich nicht sicher gewesen, ob Mary von seinem heimlichen Besuch gewusst hatte, und musste nun unwillkürlich schmunzeln.
»Er wird wieder gesund. In ein paar Tagen kann er bestimmt wieder nach Hause. Aber du solltest dich jetzt besser auf dich und dein Kind konzentrieren!«
Mary nickte und lehnte sich einen Augenblick zurück, atmete auf. Sie würde es nun leichter haben, nachdem ihr die zusätzlichen Sorgen genommen waren.
Sarah positionierte sich zwischen ihren Beinen. Die Menge von Blut, die dort auf dem Laken zu sehen war, gefiel ihr ganz und gar nicht.
Als sie Marys Nachthemd hob, erschrak sie. Der Kopf des Kindes war schon zu sehen!
»Es kommt ja schon«, rief sie überrascht aus.
»So sieht es schon seit einer Stunde aus.« Olives Stimme aus einer Ecke des Raumes klang kühl und beherrscht. »Deshalb haben wir dich rufen lassen.«
Sarah hatte Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren. Sie hatten wirklich Glück, wenn das Kind noch lebte! Die Haut sah jedenfalls noch nicht blau aus. Sie warf Olive einen wütenden Blick zu und deutete auf die Arzttasche, die sie vor dem Bett hatte stehen lassen.
»Wenn Sie hierbleiben wollen, machen Sie sich nützlich! Geben Sie mir meine Tasche! Ich hole es mit der Zange!«
Sarahs Herz klopfte bis zum Hals, als sie das Gerät in die Hand nahm. Sie hatte die Geburtszange schon seit einiger Zeit in ihrem Besitz, jedoch noch nie eingesetzt, nur bei anderen Zangengeburten zugesehen. Sie hatte ein wenig Angst davor. Wie viel Druck durfte eingesetzt werden, ohne dass dem empfindlichen Köpfchen Schaden zugefügt wurde? Jetzt aber sah Sarah keine Alternative; die Hände würde sie nicht auch noch in den Geburtskanal bringen, dazu war das Kind schon zu weit gerutscht. Konzentriert setzte sie die Zange am Kopf an. Die Schreie Marys, Georgettes tröstendes Gemurmel, all das hörte sie nicht mehr. Es gab nur noch einen Körper, ein Baby und sie selbst. Zweimal rutschte sie ab, musste sich selbst zur Ruhe ermahnen, damit sie nicht aufgab, damit sie das Zittern der Hände wieder unter Kontrolle bekam. Sie musste die Zange weiter hineinschieben.
»Mary, versuch, dich zu entspannen. Nicht pressen. Ich weiß, es ist schwierig!«
Die werdende Mutter war tapfer, und Sarah sah zufrieden, wie die Zange in Marys Leib glitt. Schon als sie das Instrument schloss, spürte die Rothaarige, dass es diesmal klappen würde.
»Wenn du jetzt presst, ziehe ich es heraus. Wir machen es zusammen, in Ordnung?«
Mary nickte und Sarah musste die Entschlossenheit in ihrem Blick, obwohl sie schon seit Stunden in den Wehen lag, einfach bewundern.
Die nächste Wehe kam. Marys Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und Anstrengung, aber sie biss die Zähne zusammen, schrie nicht, legte ihre ganze Kraft ins Pressen wie Sarah die ihre ins Ziehen. Es gab einen kurzen Widerstand, dann glitt das Baby gefolgt von der Plazenta heraus – und schrie wie am Spieß, scheinbar empört über die unsanfte Behandlung! Sarah lachte laut auf vor Erleichterung – es lebte, und es schien fertig entwickelt, kräftig und gesund, obwohl es angeblich zu früh gewesen war.
»Es ist ein Junge, Mary, es geht ihm gut«, rief die Arzttochter, doch als sie hochblickte, sah sie, dass Mary das Bewusstsein verloren hatte. Und es kam immer noch Blut – viel zu viel!
»Verdammt!« Sarah fluchte herzhaft und drückte Georgette das Baby in die Arme. »Hier, wasch ihn, halt ihn warm!« Sie wollte noch weitere Anweisungen geben, als Olives Stimme scharf dazwischen fuhr. »Sarah, kümmern Sie sich um das Baby! Das Baby muss leben!«
Sarah drehte sich nicht einmal nach Olive um, tastete in Marys Unterleib, um festzustellen, wo das ganze Blut herkam, und fand nichts. Es schien überall gleichzeitig zu fließen.
»Habe ich etwa die Nachgeburt herausgerissen und sie dabei verletzt?«, schoss es Sarah voller Entsetzen durch den Kopf.
Es war nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldgefühle. Jetzt galt es nur, die Blutung zu stoppen. Umso irritierte war Sarah, als sie plötzlich Olives Hand an der Schulter spürte, die unsanft an ihr zerrte.
»Sarah! Ich habe gesagt, Sie sollen sich um das Baby kümmern! Mary ist eine Sünderin. Wenn sie für ihr Kind stirbt, hat sie Buße getan!«
Ihre Stimme überschlug sich dabei. Sarah holte aus und stieß mit dem Ellbogen hinter sich, immer noch ohne sich umzudrehen. Sie traf, wenn sie auch nicht wusste, wohin, hörte Olive und noch ein paar andere Stimmen, von denen sie nicht sicher war, woher sie kamen, aufschreien und dann ein Poltern hinter sich.
»DEM BABY GEHT ES GUT!«, brüllte Sarah. »Es braucht mich nicht. Aber seine Mutter braucht es, und die lasse ich nicht sterben!«
Mit beiden Armen stützte Sarah sich auf Marys Bauch, machte sich schwer, drückte zu, so fest sie konnte. Im Augenblick war das alles, was sie tun konnte – die Wunde, von der sie nicht wusste, wo genau sie war, abdrücken.
Die Frauen, die ins Zimmer kamen und offenbar Schwester Olive halfen, ignorierte sie. Sie wandte sich auch nicht zu ihnen, als sie im Augenwinkel sah, dass die Heimleiterin aus dem Zimmer wankte. Immerhin ging sie selbständig, also konnte sie sie so schwer nicht verletzt haben.
Schade, dachte Sarah grimmig.
Besonders sympathisch hatte die Arzttochter Olive nie gefunden, aber nach dem, was sie gerade von sich gegeben hatte, hatte Sarah noch den letzten Rest von Respekt für die Heimleiterin verloren. ie Zeit schien unendlich langsam zu verstreichen, und Sarah wusste nicht, wie lange sie zudrücken musste.
Sie wagte es nicht, schon nachzusehen, überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Es gab nichts. Sie hatte von einigen Fällen gehört, in denen die Mutter überlebt hatte, weil man ihr die Gebärmutter entfernt und die dazugehörigen Blutgefäße abgebunden hatte, aber für so einen Eingriff brauchte sie ihren Vater, und bis er kam, konnte es längst zu spät sein.
Sie wusste auch gar nicht, ob Andrew überhaupt in der Lage war, eine solche OP durchzuführen. Im Moment konnte sie nur warten.
»Kann ich etwas tun?«
Die unerwartet schüchterne Stimme gehörte zu Mabel, die mit Louisa in der Tür stand. Beide hielten eine Schüssel mit Wasser. Sarah nickte.
»In meiner Tasche ist ein roter Tiegel, darin ist ein Pulver aus Ackerwinde. Die wirkt blutstillend. Löst ein bisschen auf und tränkt Tücher darin, den Rest haltet zurück. Wenn sie wieder aufwacht, kann man ihr einen Tee daraus geben.«
Falls sie wieder aufwacht, fügte Sarah im Stillen hinzu, schüttelte den negativen Gedanken schnell wieder ab. Wenn sie nicht daran glaubte, dass Mary es schaffen konnte, dann war alles verloren!
Die Minuten zogen sich dahin. Es gab im Raum keine Uhr, keinen Anhaltspunkt, wie lange Sarah schon Marys Bauch zusammenpresste. Ihre Arme begannen zu schmerzen, fingen schließlich an, taub zu werden. Sarah wusste, dass es Zeit wurde, zumindest nachzusehen. Ihre Patientin lebte noch, sie spürte sie atmen, fühlte ihren Herzschlag.
Sarahs eigener schoss in ungeahnte Höhen, als sie sich vorsichtig zurückzog und mit angehaltenem Atem auf einen stetigen Blutfluss wartete. Es kam keiner. Es hatte funktioniert.
Sarah stieß hörbar die Luft aus und musste sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Am ganzen Körper zitternd drehte sie sich zu Mabel und Louisa um.
»Gut. Es hat aufgehört. Gebt mir die Tücher, ich mache ihr jetzt eine Tamponade. Mit etwas Glück schafft sie es!«