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Gutshof

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Horatio erwachte, schreckte aus dem Schlaf hoch. Er tastete neben sich, aber Sarah war diese Nacht nicht bei ihm gewesen.

Er brummte etwas, drehte sich um und vergrub sich wieder unter seiner Decke. Aber etwas in ihm war unruhig. Er richtete sich auf. War etwas mit den Pferden? Spürte er vielleicht, dass im Stall etwas vor sich ging? Kurzentschlossen zog er sich an und eilte zum Stall. Doch dort war alles ruhig. Nur die normalen Geräusche, die man in der Nacht in einem Pferdestall hörte. Seine Unruhe blieb. Was war es, das ihn so nervös machte? Er ging langsam in Richtung Friedhof. Instinktiv hatte er das Gefühl, es wäre der richtige Weg. Da hörte er ein Schluchzen. Er blieb stehen, lauschte. Da war es wieder. Langsam ging er in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Es wurde lauter, dann hörte er eine leise Stimme.

»Sarah!«, murmelte er, dann lief er los.

Einmal stolperte er über eine Wurzel und schlug hin, aber er nahm darauf keine Rücksicht. Schnell war er wieder auf den Beinen, lauschte, lief weiter, bis er Sarah auf dem Boden liegen sah, die Hände ins Erdreich gekrallt. Ihre Schultern bebten. Sie stammelte vor sich hin, aber Horatio konnte nicht verstehen, was sie sagte. Er kniete sich neben sie, fasste sie an den Schultern, drehte sie langsam um.

»Sarah! Was machst du hier?«

Sie starrte ihn völlig verstört an, fuhr sich mit einer Hand über die Wange um die Tränen abzuwischen und hinterließ einen breiten Streifen Friedhofserde auf der zarten Haut.

»Horatio …«, wimmerte Sarah. »Das Baby hat geweint!«

Nur ganz im hintersten Winkel ihres Bewusstseins begriff sie, wie das klingen musste, hier, auf den Knien vor dem Kindergrab.

»Komm. Ich bringe dich nach Hause.«

Er hob die weinende Frau hoch und eilte zurück zum Gut. In der Halle war er unschlüssig, was er tun sollte, doch dann fasste er einen Entschluss. Er legte sie in ihr Bett und lief zu Andrews Zimmer, klopfte an die Tür.

»Andrew!«, rief er dabei.

Er hörte ein Rumoren, dann tappende Schritte. Die Tür öffnete sich und ein schlaftrunkener Andrew O´Leary stand vor ihm, sah ihn verwirrt an.

»Horatio? Was um alles in der Welt machst du für einen Radau?«

»Bitte … du musst zu Sarah«, redete er auf den Arzt ein, der sofort hellwach war.

»Was ist mit ihr?«

Er warf sich einen Morgenmantel über und griff nach seiner Arzttasche.

»Andrew? Was ist denn?«, hörte Horatio die Stimme von Josephine.

»Sarah geht es nicht gut«, sagte der Arzt schnell und folgte Horatio, der ihm in Kurzform erzählte, was er gesehen hatte.

Andrews Miene verdunkelte sich; in Rekordzeit hatte er Sarahs Zimmer erreicht, doch die junge Frau lag nicht mehr im Bett, stand vor ihrem Schrank und wühlte darin.

Perplex blieb ihr Vater in der Tür stehen.

»Was machst du denn da?«

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu.

»Ich ziehe mich an! Es ist kalt draußen, und ohne Schuhe war ich einfach viel zu langsam! Horatio, komm bitte mit mir, mach uns zwei Pferde zurecht, und wir brauchen Laternen! Wir müssen das Kind finden!«

»Welches Kind?«, kam es von den beiden Männern wie aus einem Mund.

Andrew fasste seine Tochter am Arm.

»Ich weiß nicht, was du gesehen oder gehört haben willst, aber du gehst nirgendwo hin. Du legst dich ins Bett! SOFORT!«

Verärgert befreite Sarah sich aus dem Griff ihres Vaters.

»Was soll das? Ich bin nicht krank! Ich habe draußen wieder ein Baby weinen hören! Da stimmt doch irgendetwas nicht! Ich muss es finden!«

Andrew starrte sie an. Er hatte in all den Jahren, in denen er jetzt bereits praktizierte, des Öfteren solche und ähnliche Fälle gehabt. Das machte ihm Sorgen. Wie aus heiterem Himmel bildeten sich die Betroffenen ein, Stimmen zu hören. Oft waren es weinende Babys, manchmal auch ihre verstorbenen Eltern. Er sah besorgt zu Horatio.

»Würdest du bitte mit einigen Leuten auf die Suche gehen?« Er wartete nicht ab, bis Horatio etwas erwiderte, sondern wandte sich an Sarah. »Horatio wird es suchen. Du legst dich hin.« Er fasste ihr an die Stirn, sie schien zu glühen.

Widerwillig gehorchte Sarah. Einige Augenblicke später hatte Andrew ihr ein Beruhigungsmittel injiziert, das schnell wirkte. Sarah entspannte sich und schloss die Augen.

Margret schoss in das Zimmer, sah die leichenblasse Sarah und schlug die Hände vors Gesicht.

»Mein Gott, Andrew, was ist mit meinem kleinen Mädchen?«

»Beruhige dich.«

Er erzählte ihr, was vorgefallen war. Margret richtete sich kerzengerade auf.

»Eines sage ich dir, Andrew O´Leary: Wenn meine Sarah sagt, dass da ein Kind weint, dann weint da ein Kind!«

Sie drehte sich um und stampfte aus dem Zimmer.

»Wo willst du denn jetzt hin?«, schimpfte Andrew hinter ihr her.

»ICH gehe jetzt dieses Kind suchen! Und Gnade Gott demjenigen, der meine Sarah so erschreckt hat!«

Am nächsten Morgen saßen Horatio, Andrew und Margret am Frühstückstisch. Sie waren alle übernächtigt und müde. Während Andrew nicht vom Bett seiner Tochter gewichen war, hatte sich Margret, resolut, wie sie war, dem kleinen Suchtrupp angeschlossen.

Auch Samuel war zu ihnen gestoßen, nachdem ihn seine Schwester aus dem Schlaf gerissen hatte. Josephine hatte Andrew abgelöst und achtete auf Sarah, während Samuel bereits wieder auf der Schafweide war. Margret hatte ihn drängen wollen, sich etwas hinzulegen, aber er hatte nur gelächelt.

»Liebste, ich bin es gewöhnt, die Nächte durchzuwachen. Sally wird auf die Schafe achten, und ich werde meine Augen ein wenig pflegen.«

Trotz stundenlanger Suche hatten sie weder ein Baby noch irgendwelche Hinweise gefunden, die darauf schließen ließen, dass in der vergangenen Nacht ein Kind draußen gewesen sein konnte. Nur das frische Grab war ihnen aufgefallen. Als sie Andrew davon berichteten, nickte er und sah gedankenverloren nach oben.

»Das muss das Kind von Mary sein. Zu schade, dass ich es nicht untersuchen konnte. Ich hätte zu gerne gewusst, woran es gestorben ist.«

Margret schoss ihm einen giftigen Blick zu.

»Du denkst doch wohl nicht daran, es auszugraben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein.«

»Dann ist ja gut.«

Horatio räusperte sich.

»Aber was hat Sarah denn nun wirklich gehört?«

Andrew sah ihn ernst an.

»Ich weiß es nicht. Aber ich habe nachgedacht und in meinen Büchern nachgesehen. Es gibt ähnliche Fälle. Es könnte eine Persönlichkeitsstörung sein. Eine Hysterie oder Psychose. Meist wird das durch ein Erlebnis ausgelöst, mit dem der Patient nicht fertig wird. Das war bei Sarah ja der Fall, als sie erfuhr, dass Marys Kind plötzlich gestorben ist. Sie gibt sich die Schuld daran. Und … wir dürfen nicht vergessen, was sie in London und in Ägypten alles durchgemacht hat. Irgendwann wird es einfach dann zu viel und der Geist wehrt sich.«

»Und … was kann man da tun?«

Horatio machte sich ernsthafte Sorgen.

»Sie braucht viel Ruhe. Und wir müssen versuchen, mit ihr darüber zu reden.«

Margret schlug auf den Tisch.

»Das Kind ist NICHT verrückt! Ich habe sie großgezogen und kenne sie besser als jeder andere. Ich habe sie gepflegt, wenn sie krank war, habe sie in den Schlaf gewiegt. Ich war für sie wie eine Mutter! Und ihr beiden redet mir nicht ein, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat! Außerdem war das nicht das erste von ihr entbundene Baby, das gestorben ist! Das hätte sie niemals so aus der Bahn geworfen! Sie hat dort draußen«, Margret zeigte durch das Fenster, »etwas gehört oder gesehen! Und wenn du«, sie stach mit ihrem Zeigefinger der rechten Hand in Richtung Andrew, »alter Quacksalber ihr nicht glaubst, ich tue es!«

Sie sah Horatio an.

»Und Sie … wenn Sie meine Sarah wirklich lieben, dann glauben Sie besser nicht, was dieser alte Quatschkopf da von sich gibt. Helfen Sie mir? Oder hauen Sie jetzt wieder ab?«

Horatio zuckte zusammen. Aber es gab für ihn keine Entscheidung zu treffen.

»Miss Margret, ich werde alles tun, um Sarah zu helfen. Aber ich werde sowohl Sie als auch Andrew unterstützen. Wir dürfen keine Möglichkeit auslassen.«

Margret sah ihm in die Augen.

»Nun gut, Mr. Gordon. Ich möchte, dass Sie nach dem Frühstück zu Sarah gehen. Ich denke, Ihnen vertraut sie von allen am meisten. Reden Sie mit ihr. Und dann werden wir dieses verdammte Nest hier auf den Kopf stellen.«

Sie stand auf. Andrew schüttelte den Kopf.

»Margret, was hast du vor?«

»Ich hole meinen Samuel. Der kennt hier jeden Grashalm. Und ich vermute, er wird mit Sicherheit einige Freunde haben, die uns helfen werden. Und du solltest Josephine nicht zu lange alleine mit Sarah lassen.«

Sie rauschte davon. Andrew nahm einen Schluck Tee, dann sah er Horatio an.

»Die Apokalypse ist über Howth hereingebrochen.«

»Danke Josephine, Sie haben uns sehr geholfen, Andrew wartet unten auf Sie.«

Horatios Worte drangen wie durch dicke Watte in Sarahs Bewusstsein. Ihre Augenlider waren bleischwer, sie konnte sich kaum rühren. Benommen fuhr sie sich mit der Hand über die Augen und stöhnte leise.

Horatio setzte sich zu ihr auf das Bett, nahm ihre Hand.

»Wir sind die ganze Nacht draußen herumgelaufen. Samuel, Hector und Josephine waren dabei, auch Tante Margret. Aber außer dem Grab von Marys Kind haben wir nichts gefunden oder gehört.«

Er sah ihr in die Augen, die stumpf und traurig waren.

»Sarah, erzähl mir bitte genau, was geschehen ist.«

Es fiel der jungen Frau schwer, sich überhaupt an die Ereignisse der letzten Nacht zu erinnern. Angestrengt kniff sie die Augen zusammen. Ihre Stimme klang matt und kraftlos.

»Ich habe geträumt. Ich bin durchs Heim gelaufen, und irgendwo schrie ein Baby. Dann bin ich aufgewacht, aber das Schreien war immer noch da, es kam von draußen! Ich wollte das Kind unbedingt finden, also bin ich hinausgelaufen, aber sie waren zu schnell. Ich konnte sie nicht einholen! Sie sind mir entkommen und haben das Kind weggebracht.« Tränen stiegen Sarah in die Augen. »Vielleicht haben sie es ins Meer geworfen. Marys Baby war vielleicht noch gar nicht tot, und sie wollten es loswerden. Weil es nur ein weiterer Esser ist, der kein Geld einbringt.«

»Sarah, beruhige dich!«, tröstete Horatio sie. »Wir haben das Grab gefunden. Das Kind ist tot. Ich weiß nicht, was du gesehen oder gehört hast, aber es kann nicht Marys Baby gewesen sein.«

Seine Sorge wuchs. Hatte Andrew am Ende doch recht mit dem, was er vermutete? Hatte Sarah, bedingt durch dieses Erlebnis, eine Störung erlitten?

»Aber wir werden weiter suchen. Deine Tante ist gerade unterwegs, um mit Samuel und Josephine jeden Stein umzudrehen. Mir tun die Menschen in Howth jetzt schon leid.«

Das brachte Sarah zum Lächeln. Er hielt immer noch ihre Hand.

»Und ich glaube dir. Wir haben in Ägypten manches erlebt, was vielleicht nicht wissenschaftlich erklärbar ist. Aber wenn es ein Baby gibt, das man in der Nacht durch die Gegend trägt, dann finden wir es!«

Er konnte ihr nicht sagen, dass Andrew sie für psychisch angeschlagen hielt. Das würde sie wieder zurückwerfen in den Zustand, aus dem er sie herausholen musste.

»Aber zunächst ist wichtig, dass du dich ausruhst. Ich werde dafür sorgen, dass du nicht alleine bleibst. Sticken oder Stopfen kann man auch hier.« Er erhob sich, beugte sich über sie und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch …«

Einen Moment lang ließ Sarah Horatios Hand nicht los. Wie sehr wünschte sie sich, dass er ihr Gesellschaft leisten könnte. Aber sie wusste, noch eine Situation wie mit Ruth Byrne konnten sie sich nicht erlauben. Sarah hätte es nie zugegeben, aber insgeheim fragte sie sich, ob ihre Nerven so überreizt waren, dass sie sich das Babygeschrei vielleicht wirklich nur eingebildet hatte. Dass sie den Traum ein wenig ins Wachbewusstsein mitgenommen hatte. Aber was, wenn das Baby der Realität entsprach? Sie durfte die Angelegenheit nicht so einfach abtun!

Gedankenverloren starrte sie aus dem Fenster. Draußen zogen Nebelschwaden vorbei. Es war mittlerweile wirklich Winter geworden. Bis Weihnachten war es nicht mehr lange, und sie hatte noch nicht einmal Geschenke! In den nächsten Tagen würde sie einmal nach Dublin fahren müssen.

»Guten Morgen, Sarah!«

Mabel und Alice betraten den Raum, was die Rothaarige für einen Moment völlig verwirrte. Sie wusste zwar, dass sie zwei Mädchen aus dem Heim als Haushaltshilfen bekommen sollten, aber dass sie schon auf dem Gut waren, hatte sie noch nicht mitbekommen. Alice trug einen großen Korb mit Wäsche, Mabel ein Frühstückstablett, das sie fürsorglich über Sarahs Knien aufbaute.

»Ich hoffe, du bist hungrig, Ellen hat sich heute besonders ins Zeug gelegt.«

In Sarahs Gesicht zuckte es leicht. Sie hatte ihre Überraschung schnell wieder unter Kontrolle, aber dass Olive ihr ausgerechnet Mabel ins Haus geschickt hatte, die sich bereits so offensichtlich an Horatio herangemacht hatte, war ihr nicht recht. Sie wusste jedoch sehr gut, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als darauf zu vertrauen, dass ihr Geliebter standhaft blieb.

Was der Rothaarigen fast noch mehr aufstieß, war Mabels überfreundliches Gebaren. Im Heim hatte sie immer eine Aura der Herablassung und des Spotts umgeben. Jetzt war sie die Herzlichkeit in Person. Es war so falsch wie die Schlange im Paradies!

»Ja, danke, das duftet sehr gut«, kommentierte Sarah den Tee und die Rühreier mit Speck. Wider Erwarten knurrte ihr tatsächlich der Magen. Alice hatte bereits auf dem Sofa Platz genommen und damit begonnen, schadhafte Kleidung auszubessern. Außer einem knappen Morgengruß hatte sie nichts gesagt. Aber das war normal. Sie sprach auch im Heim kaum je ein Wort. Sie war auch noch nie bei Sarah zur Untersuchung gewesen, Sarah war ihr nur gelegentlich auf den Gängen oder im Dorf begegnet. Alice wirkte stets ängstlich und gehetzt wie ein Reh im Wald.

»Du warst heute Nacht spät unterwegs«, erwähnte Mabel beiläufig. Sie hatte sich neben Alice gesetzt und damit begonnen, einen abgerissenen Saum auszubessern. Ihr Kommentar erregte Sarahs Aufmerksamkeit. Wenn Mabel bemerkt hatte, dass sie das Haus verlassen hatte, war sie in der Nacht schon im Haus und wach gewesen - und konnte noch mehr mitbekommen haben.

Sarah tat, als sei sie ganz mit dem Rührei beschäftigt.

»Ja. Ich hatte draußen etwas gehört. Ihr denn nicht?«

»Etwas gehört? Nein. Hast du etwas gehört, Alice?«

Die Brünette schüttelte ihre langen Locken und Mabel lächelte freundlich.

»Was gab es denn zu hören?«

Sarah war sich nicht sicher, ob sie es den Mädchen tatsächlich sagen sollte, holte tief Luft.

»Babygeschrei.«

Es war nicht zu übersehen, dass Mabel und Alice einen Blick tauschten. Dann schüttelte Mabel heftig den Kopf.

»Babygeschrei? Nein. Bestimmt nicht. Das hätten wir mitbekommen. Warum sollte auch jemand mit einem Baby durch die Nacht gehen? Doch höchstens, um es zu einem Arzt zu bringen, und der ist ja hier im Haus!«

Sie lächelte lieblich, und Sarah hätte sie gern ins Gesicht geschlagen. Sie konnte den Blick zwischen den beiden Frauen nicht deuten! Entweder hielten sie Sarah für durchgedreht, oder sie wussten mehr, als sie zugeben wollten!

Die O´Leary Saga

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