Читать книгу Die O´Leary Saga - Werner Diefenthal - Страница 17
Magdalenenheim
ОглавлениеAm nächsten Morgen ging Sarah mit einem flauen Gefühl im Bauch zum Heim hinauf. Sie ließ sich Zeit, obwohl das Wetter sich wieder einmal alle Mühe zu geben schien, ihr die Laune zu verderben. Es war so neblig, dass sie keine zehn Meter weit sehen konnte, und die eiskalten Wassertröpfchen stachen ihr wie Nadeln ins Gesicht.
Trotz Sarahs schlechtem Traum war der vergangene Abend äußerst angenehm gewesen. Josephine war zum Abendessen gekommen und sie und Sarah hatten fast ausschließlich miteinander geredet, Andrew hatte sich zurückgehalten.
Es waren nur ein paar Stunden gewesen, aber Sarah hatte bereits jetzt das Gefühl, dass Josephine ihr an der Seite ihres Vaters das Gefühl einer richtigen, kompletten Familie geben konnte. Ein Gefühl, von dem Sarah gar nicht gewusst hatte, dass sie es vermisste, weil sie es eben nicht kannte.
Samuels Schwester hatte eine ruhige, mitfühlende Art an sich, die in der Arzttochter den Wunsch weckte, ihr alles anzuvertrauen. Nur mit Mühe hatte sie ihre schlechten Eindrücke vom Magdalenenheim und die Offenbarung um ihre Liebe zu Horatio für sich behalten können, hatte dies auch nur getan, weil Andrew ihr warnende Blicke zugeworfen hatte, als er merkte, das Gespräch ging in eine entsprechende Richtung. Als die düsteren Konturen des Heims vor ihr auftauchten, erloschen die angenehmen Gedanken in Sarahs Kopf, und die Erinnerung an den Traum rückten in den Vordergrund. Außerdem bereitete sie sich schon jetzt auf eine Konfrontation mit Olive vor. Die Heimleiterin würde sie sicherlich spüren lassen, dass sie ihr den Schlag mit dem Ellbogen mehr als nur übel nahm. Aber Sarah tat es noch immer nicht leid! Die Hexe hatte es verdient!
Abgesehen davon war Olive überhaupt nicht wichtig. Sie war hier, um nach Mary und ihrem Baby zu sehen. Mit hocherhobenem Kopf betrat Sarah das Heim und ging direkt zum Gebärzimmer. Wie erwartet saß Mary nach wie vor dort in ihrem Bett. Doch Sarah wurde es eiskalt beim Anblick ihres tränenüberströmten Gesichts.
»Was ist passiert?«, fragte sie, war sofort alarmiert.
»Er ist gestorben«, stammelte Mary, bevor sie erneut in Tränen ausbrach.
Sarah stand in der Tür wie eine Salzsäule.
»Gestorben?«, flüsterte sie fassungslos.
Hatte sie irgendetwas übersehen? Im ersten Schock suchte sie die Schuld bei sich selbst. Doch auch ihr Vater hatte den Säugling am Abend noch untersucht und für kerngesund befunden, rief sie sich in Erinnerung. Es tat ihr leid, Mary Fragen stellen zu müssen, aber Sarah musste wissen, was geschehen war. Sie setzte sich zu der schluchzenden Blonden aufs Bett und nahm sie in die Arme.
»Oh Mary, das tut mir so leid! Was ist geschehen?«
»Ich weiß es nicht«, wimmerte Mary, »heute Morgen um vier habe ich ihn noch gestillt, und als ich um sieben geweckt wurde, war er fort. Olive hat gesagt, sie hätten ihn bei einem Rundgang gegen halb sechs tot gefunden und mitgenommen, damit ich ihn nicht so sehen muss.«
Sarah hatte das Gefühl, dass sich ihr Magen mit heißem Öl füllte. Sie glaubte die Geschichte nicht! Aber das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass jemand das Kind getötet haben musste, und das konnte Sarah sich beim besten Willen nicht vorstellen.
Der Gedanke, dass jemand ein wehrloses Kind umbringen konnte, ließ sie würgen. Nein, das war unvorstellbar und sie verwarf diese Vorstellung sofort wieder. Sarahs Herz schlug so heftig, dass sie es in der Kehle spüren konnte. Sie schluckte das grauenvolle Gefühl hinunter und drückte Mary behutsam in die Kissen.
»Das ist wirklich schrecklich, Mary! Es tut mir so leid! Aber du musst jetzt auch an dich denken, hörst du? Ich werde dich noch einmal untersuchen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.«
Apathisch lag ihre Patientin da und ließ die Untersuchung über sich ergehen. Sarah war erleichtert, dass zumindest mit ihr alles in Ordnung schien. Es gab keine Blutung, und die Verletzungen der Geburt begannen schon zu heilen.
Sie strich Mary mitfühlend über die Wange.
»Es wird alles wieder gut. Das mit deinem Kind ist schrecklich, aber solche Dinge passieren leider. Es wird dir bald wieder besser gehen, und dann wirst du weitere Kinder bekommen. Mit Thomas. Ich helfe dir, versprochen!«
Das weckte Marys Aufmerksamkeit. Sie sah Sarah an, die Tränen versiegten langsam.
»Wirklich? Du meinst, Thomas und ich …?«
Die Arzttochter nahm die Hand der Blonden.
»Ich weiß noch nicht, wie, aber ich werde mir etwas einfallen lassen! Ruh dich jetzt aus. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«
Leere Worte. Im Augenblick waren leere Worte alles, was Sarah der Frau im Kindbett zu bieten hatte! Aber sie wollte auf gar keinen Fall, dass sie etwas von dem wusste, was sie befürchtete, und sie wollte ihr irgendeine Art von Hoffnung mit auf den Weg geben. Hoffnung war manchmal alles, was geschwächte Wöchnerinnen am Leben hielt, wenn ihr Kind nicht mehr da war.
Auf dem Weg zu Olives Büro hallten Sarahs Schritte wie Gewehrfeuer von den Wänden wider. Sie traf unterwegs ein paar Frauen, die sie kannte, aber selbst diese wagten es nicht, sie bei dem Anblick des Gewittersturms, der sich auf ihrer Miene zusammenbraute, anzusprechen. Ihre Gedanken wirbelten wild umher, immer wieder sah sie die Bilder aus ihrem Traum vor sich.
»Er ist weg«, hatte Mary in ihrem Traum gesagt, und jetzt war er das wirklich! Sarah zerbrach sich den Kopf darüber, ob sie irgendetwas gesehen oder gehört hatte, ohne es bewusst zu bemerken, was ihr eine derartige Vorahnung hätte geben und den Traum verursachen können, aber ihr wollte einfach nichts einfallen!
Ohne anzuklopfen, stürmte Sarah in Olives Büro und fuhr die Heimleiterin direkt an, bevor diese zum Protest ansetzen konnte.
»Was ist mit Marys Kind passiert?«
Olives Gesicht war kühl und ausdruckslos, wie Sarah es kannte. Einzig ein dunkelviolettes Veilchen, das Sarah mit einer gewissen Befriedigung füllte, war eine Abweichung von ihrer sonstigen Gefühllosigkeit.
»Es ist gestorben«, kam die eisige Antwort. »Als wir es fanden, war es schon steif. Wir haben es in den frühen Morgenstunden bei der Messe auf dem Friedhof beigesetzt.«
»Ohne nach einer Ursache für seinen Tod zu forschen?«
Sarah musste sich bemühen, nicht zu explodieren. Sie wusste, es wäre ein großer Fehler, Olive zu beschuldigen, dem Kind etwas getan zu haben. Damit machte sie sich selbst angreifbar. Sie hatte absolut keine Beweise. Nur ihre Abneigung gegen die Nonne! Die sprach auch gleich das aus, was Sarah selbst wusste.
»Neugeborene sterben nun einmal, obwohl sie gesund scheinen. Sie wissen selbst, dass das kein seltenes Phänomen ist! Wem hätte es geholfen, den kleinen Körper zu verstümmeln? Einen Grund hätten wir vermutlich ohnehin nicht gefunden.«
Sarah zitterte innerlich vor Wut. Olive hatte Recht, das wusste sie so gut wie die Arzttochter selbst. Es gab nichts, was sie tun konnte.
»Beim nächsten Mal, wenn so etwas passiert, will ich die Leiche sehen«, zischte Sarah, wirbelte herum und floh beinahe aus dem Büro der Heimleiterin.
Mit zusammengebissenen Zähnen blickte Olive ihr nach. Sarah wurde immer unbequemer. Es wurde Zeit, zuverlässige Augen und Ohren in ihrer Nähe unterzubringen.