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2. RELIGIÖSES ERWACHEN? 2.1 EINE IMMER RELIGIÖSERE WELT
ОглавлениеSchaut man von Europa weg, so bekommt man das Bild einer zunehmend religiösen Welt. Global boomt Religion in einem für europäische Geister unvorstellbaren Maße. Die Prognose, dass in einer modernen Gesellschaft Religion sowohl kulturell als auch politisch an Bedeutung verliert und sich selbst säkularisiert, hat sich als falsch erwiesen oder bedarf zumindest einer radikalen Modifikation. Betrachtet man die religiösen Entwicklungen seit 1990 in den meisten Ländern der Erde, so liegt der Schluss nahe, dass der von vielen prophezeite Siegeszug des Säkularismus eine Fehlprognose war und die alte Säkularisierungsthese global gesehen widerlegt ist. In fast allen Teilen der Welt boomt Religion wie nie zuvor, besonders auch das Christentum. Nur in Europa wirkt es eigenartig müde und überaltert.
Gerade Gesellschaften, die stark im Aufschwung sind und einen intensiven Modernisierungsprozess durchlaufen, öffnen sich dem christlichen Glauben. Ausgerechnet in China, einem immer noch irgendwie kommunistischen Land, ist das Christentum eine Bewegung geworden, die Millionen erfasst. China hat heute mit einem Anteil von schätzungsweise 10 % Christen die wahrscheinlich kraftvollste und bald größte christliche Kirche der Welt. Während es noch zur Zeit der sogenannten Kulturrevolution (1966–1976), in der die Christen grausam verfolgt wurden, gerade knapp 2 Millionen Christen gab, wuchs die Zahl auf heute schätzungsweise 100 Millionen. Besonders in den Städten und unter der akademischen Elite ist der Glaube attraktiv geworden. Das Mercator Institute for China Studies prognostiziert für das Jahr 2030 ein Wachstum der Kirche auf 200 Millionen Christen.9 Diese Zahl ist auch insofern bedeutsam, als dass Kirchenmitgliedschaft (sowohl in einer offiziellen Kirche als auch in einer Untergrundkirche, Hauskirchen genannt) tatsächlich etwas über Glaube und Glaubenspraxis aussagt. Das Phänomen europäischen Christentums, dass viele Kirchenmitglieder in innerlicher und äußerlicher Distanz zu Glaube und Kirche leben, ist in China so gut wie unbekannt. Das gilt auch für andere asiatische Kirchen (wie z. B. Südkorea) und für die meisten afrikanischen Kirchen.
Das explosive Wachstum der protestantischen Kirchen in Südkorea zeichnet ein ähnliches Bild. In den fünfziger Jahren war Südkorea ein rückständiges Agrarland. Der Anteil von Protestanten an der Bevölkerung betrug gerade ca. 3 %, Katholiken ca. 2,5 %. Im Jahre 2010 wurde das Christentum mit einem Anteil von 29 % der Gesamtbevölkerung zur größten Religionsgemeinschaft des Landes, davon 18,3 % Protestanten. Damit ist die Zahl der Christen um mehr als das Zweihundertfache gestiegen. Dieses unglaubliche Wachstum ging Hand in Hand mit einer umfassenden Modernisierung, Industrialisierung und Urbanisierung, also genau mit jenen Faktoren, die eigentlich eine Säkularisierung forcieren. Heute gehört Südkorea zu den modernsten und religiösesten Nationen der Welt.10
In Lateinamerika gewinnt man den starken Eindruck, dass sich das religiöse Klima dort nicht abkühlt, wie man es durch die Modernisierung des Kontinents erwarten müsste. Im Gegenteil! Das unglaubliche Wachstum evangelikaler Kirchen, vor allem pfingstlich-charismatischer Prägung, verdeutlicht, dass man eher von Desäkularisierungstendenzen sprechen müsste. In einem Kontinent, in dem die katholische Kirche das Monopol auf Religion hatte, gewinnt eine enthusiastische Form des Protestantismus immer mehr Anhänger. Heute sind rund 20 %, also rund 120 Millionen der über 600 Millionen Lateinamerikaner evangelische Christen, die meisten davon Anhänger einer der zahlreichen Pfingstkirchen. In Brasilien zählt man bereits ein Viertel dazu. Der begeisterte Glaube von Brasiliens neuen Frommen flimmert selbst in deutsche Wohnzimmer, wenn die Fußballstars Roberto, Neymar oder Calau vor laufender Kamera die Botschaft »Jesus liebt dich« auf oder unter ihrem Trikot präsentieren oder ein solches Transparent durchs Station tragen. Es gehört zu den allgemeinen Erkenntnissen der religionssoziologischen Untersuchungen, dass sich in Lateinamerika eine Säkularisierung kaum feststellen lässt.
Auch der afrikanische Kontinent ist für säkulare Ideen wenig zugänglich. Das gilt sowohl für den muslimischen Norden als auch für die christliche Mitte und den Süden. Nach dem Ende der Kolonialzeit in den 60ern des 20. Jahrhunderts, also in den Blütejahren der Säkularisierung, kam es zu einer regelrechten Christianisierung von großen Teilen Afrikas. Um 1900 gehörten gerade mal 9 % der Bevölkerung einer christlichen Kirche an. 2010 waren es 57 %. Der Islam wuchs im gleichen Zeitraum von 14 auf 29 %.11 Der Historiker, Afrika-Kenner und Priester Adrian Hastings bezeichnet die Jahre zwischen 1960 und 1999 als die Zeit, in der »das Christentum möglicherweise seine größte quantitative Ausbreitung erfahren hat«.12 Auch hier sind es vor allem die pfingstlich-charismatischen Kirchen, die eine entscheidende Rolle für das dynamische Wachstum des Christentums spielen. Interessant ist, dass in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Afrikas Intellektuelle eine gewisse Affinität für marxistisches Gedankengut und dessen Religionskritik hegten. Doch zum Ausgang des Jahrhunderts wandelte sich das Bild vollständig. An den Universitäten boomen die christlichen Studentengemeinden.13 Als ich 2012 eine große Gemeinde in Nairobi /Kenia besuchte, die auf dem Universitätscampus entstanden war, bekam ich einen lebendigen Eindruck von der Vitalität von Religion unter den Studenten. In den Städten Kenias fielen mir außerdem die vielen Kirchen und Gemeindezentren ins Auge, die fast an jeder Ecke und jedem Straßenzug zu finden sind.
Die USA gehören zu den wirtschaftlich-technologisch entwickeltsten Nationen der Erde. Trotzdem belegt das nordamerikanische Land in Sachen Religiosität Spitzenplätze. Trotz eines leichten Rückgangs der Kirchenmitgliedschaft und des Gottesdienstbesuches in den letzten Jahren erklären 2010 immer noch 59 %, dass ihnen Glaube sehr wichtig ist, und 62 % der Befragten, dass es einen Gott gibt. Über ein Drittel der Amerikaner besucht wöchentlich einen Gottesdienst.14 Der Religionswissenschaftler Michael Bergunder fasst es so zusammen: »Die hohen Werte bei der Erfragung von religiösen Überzeugungen und kirchlich-rituellen Praktiken zeigen, dass sich eine innere Säkularisierung empirisch nicht nachweisen lässt. Wenn sich Religion und Moderne nicht vertragen, müssten in den USA, der führenden Industrienation, besonders deutliche Säkularisierungstendenzen sichtbar werden. Dies ist aber nicht der Fall.«15 Allerdings deuten sich inzwischen auch in den USA Säkularisierungstendenzen an. Das ist für Religionssoziologen wie Detlef Pollack ein Indiz dafür, grundsätzlich an der Säkularisierungsthese, wenn auch in veränderter Form, festzuhalten. Wir gehen im nächsten Kapitel noch einmal auf die USA ein.
In diesem Kapitel haben wir uns mit der Fragestellung befasst, ob Säkularisierung ein globales Phänomen ist. Dabei haben wir den Fokus vor allem auf das Christentum gelegt. Das weltweite religiöse Erwachen aber kann man auch im Islam, Buddhismus, Hinduismus, in den Stammesreligionen, esoterischen und New-Age-Kulten etc. beobachten. Auch hier verhalten sich Modernisierung der Gesellschaft und Säkularisierung eher umgekehrt proportional. Das sind auch die Forschungsergebnisse der in Havard und Oxford lehrenden Politologin Monica Toft. In ihrem 2012 erschienenen Buch »God’s Century« kündigt die amerikanische Wissenschaftlerin die machtvolle Rückkehr von Religion in die Weltpolitik an. Gottes Jahrhundert ist angebrochen. Auch der Westen wird von diesem Trend erfasst werden. Sie benennt drei Faktoren, die für den Aufstieg von Religion verantwortlich sind: Modernisierung, Demokratisierung und Globalisierung. Das sind die gesellschaftsformierenden Kräfte, die gemäß der Säkularisierungsthese den umgekehrten Effekt haben müssten.16