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Globalisierung
ОглавлениеVor einigen Tagen: Ich sitze im Bus einer Berliner Stadtlinie. Neben mich setzt sich eine afrikanisch aussehende Frau. Ich schaue sie kurz an. Sie schenkt mir ein Lächeln, spricht mich englisch an, kramt in ihrer Handtasche und überreicht mir einen Flyer, ein deutschsprachiges Traktat mit einer Einladung zum Gottesdienst in eine afrikanische Gemeinde in Berlin: »You realy must come. It’s important for you«, sagt sie charmant.
Es gibt vielleicht hundert solcher Gemeinden in der Hauptstadt. Sie treffen sich in großen Wohnungen oder in Kirchen außerhalb der offiziellen Gottesdienstzeit. Oft teilen sich mehrere Gemeinden eine Versammlungsstätte, so dass es am Wochenende vielleicht fünf verschiedene gottesdienstliche Veranstaltungen an einem Ort gibt. Und sie alle missionieren. Ihr besonderes Ziel: Deutsche, Europäer. Religionen sind heute weltweit vernetzt. Man fühlt sich als Teil einer großartigen globalen Bewegung, mit der man im regen Austausch steht. Zumeist handelt es sich um Gemeinden evangelikal-charismatischer Prägung, der dynamischsten christlichen Bewegung mit schätzungsweise einer halben Milliarde Gläubigen. Diese am schnellsten wachsende christliche Gruppierung stellt einen neuen Typ von Christentum dar, der weniger an Dogmen und Ordnungen ausgerichtet ist, sondern an Erfahrung und Emotion. Durch die Globalisierung verändert sich die religiöse Geographie. Es gibt heute weltweit schätzungsweise 200 Millionen Migranten. In Europa leben nicht nur ca. 15 Millionen Muslime. Viele Migranten kommen aus einem christlichen Hintergrund. Neben den einheimischen Kirchen entstehen unzählige Migrantenkirchen und beginnen mit ihrer intensiven Glaubenspraxis die alten europäischen Christentümer zu beeinflussen. In London gehören 27 % aller Orte, an denen Gottesdienste stattfinden, schwarzen Migrantengemeinden (2012), und 24 % all derer, die am Sonntag einen Gottesdienst besuchen, haben einen schwarzen afrikanischen Migrationshintergrund.25 Menschen, die ihre Heimat verlassen, suchen in der neuen, fremden Umgebung Halt und Identität. Diese finden sie in ihrer Religion. Sie stärkt das Selbstbewusstsein, stiftet Gemeinschaft und verleiht das Gefühl von Heimat in der Fremde. Es ist eine Grunderkenntnis der Religionsforscher: Migration stärkt Religion. Monica Toft schreibt: »Globalisierung treibt die Immigration und Kommunikation voran und fördert die Unabhängigkeit religiöser Gruppierungen und stärkt deren Identität als Agenten transnationaler Gemeinschaften.«26 Im Großraum Paris sind in den letzten Jahren über 200 neue evangelische Gemeinden entstanden, zumeist durch Einwanderer. Es ist damit zu rechnen, dass das europäische Christentum durch Migranten eine Wiederbelebung erfährt.